Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bußmer
Die mächtigen Verbrecher
Die neuen Werke von Horst Eckert und Wolfgang Kemmer
Was haben ein Mittelalter-Krimi und ein Polizeikrimi gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts, außer einem deutschen Autor. Beim Lesen fallen weitere Gemeinsamkeiten auf: in beiden Büchern muss der Held sich gegen die Machthaber, damals die Kirche, heute die Politik, stellen und die Verachtung der Mächtigen für Recht und Gesetz ertragen.
Die Gegenwart
Auch in seinem achten Kriminalroman bewegt sich Horst Eckert in vertrautem Gebiet: Düsseldorf, die dortige Mordkommission KK 11 mit ihrer Leiterin Ela Bach, die internen Kämpfe der Polizisten und ihr gemeinsamer Kampf gegen das Verbrechen. Neu ist das Verknüpfen von drei verschiedenen Zeitebenen und mehreren Familiengeschichten, die ein großes, zeitübergreifendes Bild von Korruption, Amtsmissbrauch, der Verflechtung von Polizei und Politik, öffentlichen und privaten Interessen und der Weitergabe von Schuld zeichnen.

Alles beginnt mit einer Rückkehr: Nachdem die 28-jährige Kriminalpolizistin Anna Winkler in einem Mordprozess in gutem Glauben Beweise gegen Clemens Odenthal manipulierte, ließ sie sich nach Bosnien versetzen. Jetzt, nach einem knappen Jahr, ist sie wieder zurück im KK 11 und will den Mordfall Daniel Lohse wieder neu aufrollen. Denn sie könnte den falschen Mann ins Gefängnis gebracht haben.
Bevor sie mit den Ermittlungen beginnt, muss sie sich um einen neuen Fall kümmern. In der Innenstadt explodierte ein Wohnhaus. Aus der Ruine werden mehrere Leichen geborgen. Ein Unfall? Oder ein kaltblütig getarnter Mord?
Bei ihren Ermittlungen gerät Annas Welt vollständig aus den Fugen. Denn anscheinend hängen das explodierte Wohnhaus, der Mordfall Daniel Lohse, eine Serie von ungeklärten Morden und mehrere falsche Anschuldigungen gegen Künstler miteinander zusammen. Die älteste Spur führt in das Jahr 1976. Damals schob ihr Vater Bernd Winkler, im Auftrag

des heutigen Ministerpräsidenten Uwe Strom, dem Popstars Gregor Schwab ein Pfund Heroin unter und beendeten dessen Karriere.
Wird Anna die verschiedenen Fälle lösen? Oder wird sie ihre Familie schützen und ihrem Onkel, dem Ministerpräsidenten Strom, zur Wiederwahl verhelfen?
"617 Grad Celsius", der neue, spannende Roman des Glauser- und Marlowe-Preisträgers, ist wieder ein nahe an der bundesdeutschen Wirklichkeit und den aktuellen Nachrichten entlang geschriebener, komplexer Polizei-Thriller. Bereits in seinem vorherigen Roman "Purpurland" schrieb Eckert über den Einsatz des Kommandos Spezialkräfte in Afghanistan und den psychischen Folgen für die Soldaten. In "617 Grad Celsius" wird es noch politischer.
Denn bisher kam die große Politik in Eckerts Vermessungen von Neid, Missgunst und Karrieresucht in der Polizei, in ihrem Verhältnis zum Boulevardjournalismus und den, meistens ziemlich zerrütteten Familien der Hauptfiguren nicht vor. Erstmals knüpft Horst Eckert das Band von Schuld und Sühne über mehrere Personen, Generationen und Jahrzehnte. Souverän verknüpft er dabei die einzelnen Geschichten zu einem einzigen großen Sittenbild Deutschlands in den vergangenen dreißig Jahren.
Nur das Ende enttäuscht etwas. In "617 Grad Celsius" führt Eckert alle Fälle zusammen und lüftet gleichzeitig einige weitere Geheimnise der Familie Winkler und ihrer Verwandtschaft. Etwas weniger hätte nicht geschadet.
Der von einigen ausgemachte politische Skandal - Eckerts Buch spielt in den Wochen vor der diesjährigen NRW-Landtagswahl - hat nichts mit dem Kriminalroman zu tun. Denn Horst Eckert porträtiert mit keiner Zeile die derzeit in NRW Regierenden in NRW. Die Verflechtungen, Verfilzungen, Abhängigkeit und Immobilitäten finden sich überall, wo eine Partei seit langem an der Macht ist. Egal, in welchem Bundesland oder in welcher Stadt. Und Eckert wäre scheinheilig, wenn er seinen Roman zwar in Nordrhein-Westfalen spielen ließe, aber immer nur von "der Regierung" spräche oder, noch schlimmer, eine Regierungspartei erfunden hätte. Er hat einen Ministerpräsidenten erfunden, der dem echten überlegen ist. Jedenfalls, bis jetzt, an Wahlerfolgen und erwiesener krimineller Energie.
"617 Grad Celsius" ist ein typischer Eckert: ein düsterer Polizeithriller mit komplexen Charakteren und einer ausgefeilten Konstruktion.
Die Vergangenheit
Weniger düster ist "Feuersbrunst"; Wolfgang Kemmers erster historischer Kriminalroman.

Davor schrieb er die inzwischen nicht mehr erhältlichen, in der Gegenwart, im Hunsrück und Köln spielenden Krimis "Schwarze Witwen" und "Ach wie gut, dass niemand weiß".
Augsburg, Oktober 1518: Das Leben des Druckergesellen Florian Brandner verläuft eigentlich in ruhigen Bahnen. Etwas Arbeit in der Druckerei von Sigmund Grimm, etwas sexuelles Vergnügen mit jungen Frauen. Auch die Strafe für seine Affäre mit der verheirateten Fischer-Barb wird daran nichts ändern. Florian umrundet, sich selbst verfluchend, mit einem Lasterstein um den Hals mehrmals das Annakloster und bricht danach erschöpft zusammen.
Erst danach nimmt sein Leben die entscheidende Wende. Stadtschreiber Conrad Peutinger bittet ihn zu sich. Florian Brandner soll sich ohne großes Aufsehen nach einem Fälscher von Ablassbriefen erkundigen und einen Frauenmörder fassen. Florian weiß, dass er den Bösewicht finden muss. Sonst wird er für die Morde und die gefälschten Ablassbriefe gehängt.
Also hört Florian sich um. Bei seinen Ermittlungen stellt er fest, dass es anscheinend einen Zusammenhang zwischen ihm, seiner Herkunft als Findelkind, den Frauenmorden, den bei ihnen gefundenen, gefälschten Ablassbriefen, den Bränden und dem zeitgleich stattfindenden Reichstag gibt.

Wolfgang Kemmer führt mit einer wundervoll altmodisch blumigen Sprache mitten hinein in das lüsterne und gottesgläubige Mittelalter. Zu Menschen, die immer wieder der Fleischeslust erliegen, den Teufel sehen und in die Kirche zur Beichte gehen. Und zu den weltlichen und kirchlichen Machthabern, die mit einem Federstrich ein Leben vernichten können. Auch Florian Brandner weiß das. Er weiß nur nicht, wie sehr ihn sein Auftraggeber, der Stadtschreiber, für seine Interessen benutzt.
Als stringenter Rätselkrimi funktioniert "Feuersbrunst" leidlich. Denn Wolfgang Kemmer nimmt sich Zeit für Abschweifungen und er enthält dem Leser verschiedene wichtige Informationen ganz einfach vor. Entsprechend plötzlich und überraschend wird am Ende der Frauenmörder enttarnt: Florian und seine Geliebte Justina stellen ihm eine Falle.
Aber als unterhaltsamer Mittelalterkrimi funktioniert "Feuersbrunst" ausgezeichnet. Denn die Personen sind farbig gezeichnet, die Handlung bewegt sich ordentlich voran, die Informationen über das Mittelalter sind gut in die Geschichte eingestreut, und die Sprache sorgt mindestens einmal für ein zustimmendes Schmunzeln.
Wolfgang Kemmer plant bereits ein weiteres Buch mit Florian Brandner. Denn am Ende von "Feuersbrunst" liegt seine Herkunft immer noch im Dunkeln. Eine Spur führt nach Bingen. Und Bingen ist nur einen Steinwurf vom Hunsrück entfernt.
Wir sind gespannt.

Horst Eckert: 617 Grad Celsius
grafit 2005, 320 Seiten, 9,50 Euro
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Wolfgang Kemmer: Feuersbrunst - Ein Krimi aus dem Mittelalter,
Emons 2005, 240 Seiten, 11 Euro:
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Weitere Informationen:
Zu Horst Eckert:
Bibliografie (alle grafit Verlag)
- Annas Erbe, 1995
- Bittere Delikatessen, 1996
- Aufgeputscht, 1997
- Finstere Seelen, 1999
- Die Zwillingsfalle, 2000
- Ausgezählt, 2002
- Purpurland, 2003
Links:
www.horsteckert.de
Horst Eckert
in der Befragung von Gisela Lehmer-Kerkloh und Thomas Przybilka
Zu Wolfgang Kemmer:
Bibliografie (alle Klein & Blechinger Verlag, KBV)
- Schwarze Witwen, 1996
- Ach wie gut, daß niemand weiß, 1997
Links:
people.freenet.de/wkemmer/
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