Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bussmer
Einmal Tokio, einmal Nordengland, einmal Saarland
Ein ausgezeichnetes Debüt, ein dritter und ein zweiter Band einer Serie
Zwischen den Kulturen
Don Lee erhielt für "Wenn es Nacht wird in Tokio" den diesjährigen Debüt-Edgar. Eine bessere Leseempfehlung gibt es eigentlich nicht. Denn seit 1946 Jahren zeichnet die

Autorenvereinigung Mystery Writers of America jedes Jahr die besten Krimis aus und schuf damit ein weltweit anerkanntes Gütesiegel.
Am 10. Juli 1980 erhält die us-amerikanische Botschaft in Tokio um 2.35 Uhr einen Anruf von Susan Countryman. Sie sucht ihre in Japan verschwundene Schwester Lisa. Seit über einem Monat hat sie nichts mehr von ihr gehört. Der rangniedere Beamte Tom Hurley in der Abteilung American Citizens Service soll die verschwundene Frau suchen. Ihm hilft der in seiner Einheit unbeliebte, aber des amerikanischen mächtige, Kriminalassistent Kenzo Ota. Auf ihrer Suche tauchen Hurley und Ota in das Nachtleben von Tokio ein. Je mehr sie über Lisa Countryman erfahren, desto mehr verstärkt sich bei Hurley der Verdacht einer politischen Intrige auf der Spur zu sein.
Das klingt nach einem spannenden, in einem fremden Land spielenden Kriminalroman. Aber Don Lee treibt den Krimi-Plot nicht sonderlich engagiert voran. Er benutzt das rätselhafte Verschwinden von Lisa Countryman nur, um über die Suche verschiedener Personen nach ihrer eigenen Identität zu schreiben. Ein Thema, das für Don Lee schon aus seiner eigenen Biografie heraus, offensichtlich ist. Seine Großeltern kamen aus Korea. Sein Vater arbeitete im Außenministerium. Don Lee verbrachte deshalb den größten Teil seiner jungen Jahre in Tokio und Seoul. Heute lebt er in Cambridge, Massachusetts.
Diese Suche nach der eigenen Persönlichkeit, – die für Menschen, die zwischen verschiedenen Kulturen leben besonders schwierig ist –, bestimmt die drei in "Wenn es Nacht wird in Tokio" ausgeführten Handlungsstränge. Don Lee erzählt bis zum Ende des Buches parallel von dem Korea-Amerikaner Tom Hurley, dem neurotischen, in den USA aufgewachsenen Polizisten Kenzo Ota und den letzten Tagen der verschwundenen Lisa Countryman. Die Waise, halb Afroamerikanerin, halb Asiatin, suchte in Tokio ihre Mutter.
"Wenn es Nacht wird in Tokio" ist durchaus interessant komponiert, aber nie wirklich spannend – was die Frage nach dem Edgar stellt – und es behandelt eher ein US-amerikanisches Problem – was eben diese Frage beantwortet.
Zu lang
Der Jahresanfang im nordenglischen Edendale, Peak District, ist bitterkalt und die meisten Polizisten liegen, mehr oder weniger krank, in ihren Betten. Nicht so Detective Constable Ben Cooper. Auf dem Weg zur Polizeistation verhaftet er Edward Kemp. Er

schlug mit drei Freunden zwei Drogendealer zusammen. Etwa zur gleichen Zeit wird auf einer schneeverwehten Straße die Leiche eines unbekannten Mannes gefunden.
Eigentlich hätten Ben Cooper und seine Vorgesetzte, Detective Sergeant Dianne Fry jetzt schon genug Arbeit. Sie müssen Kemps schlagkräftige Freunde finden, die Identität des Toten klären, seinen Mörder finden und gleichzeitig die normale Routine erledigen.
Trotzdem interessiert sich Cooper immer mehr für einen fast sechzig Jahre alten Fall. Damals verschwand Pilot Daniel McTeague, nachdem sein Flugzeug abgeschossen wurde und fast alle Besatzungsmitglieder starben, spurlos. Jetzt will seine Enkelin Alison Morrissey den Namen ihres Großvaters reinwaschen. Denn sie ist überzeugt, dass er damals nicht desertierte.
Als einige Tage später die erfrorene Leiche Marie Tenants und, in dem 1945 abgeschossenen Flugzeug, eine Babyleiche gefunden werden, ist in dem Peak District die Mordrate für das gesamte Jahr bereits in den ersten Tagen übererfüllt.
Bei ihren Ermittlungen entdecken Cooper und Fry, dass die verschiedenen Fälle miteinander zusammenhängen und illegale Antiquitätenhändler ihre Finger im Spiel haben.
"Kaltes Grab" ist Stephen Booth dritter Roman mit dem Ermittlergespann Cooper-Fry und er ist, wie viele zeitgenössische Autoren, ein wahrer Freund der holzverarbeitenden Industrie. Sein Erstling hat 448 Seiten; was schon ziemlich dick ist. In "Kaltes Grab" bringt er es auf 544 Seiten. Ziemlich viel Holz für einige kleine Fälle, die früher auf wesentlich weniger Seiten abgehandelt worden wären. In "Kaltes Grab" kommt dabei die Story teilweise zum Stillstand. Figuren werden mit eigenen, eher belanglosen Szenen eingeführt, ehe sie für die Story wichtig werden. Und, weil nicht jeder diesen Türstopper in wenigen Tagen lesen kann, muss Stephen Booth immer wieder wichtige Fakten wiederholen, bis er am Ende – gemessen an der Länge des Buches – die verschiedenen Plots hastig zusammenschnürt.
Besser wäre es gewesen, wenn Booth aus dem Buch einfach 150 bis 200 Seiten herausgestrichen hätte. Dann wäre "Kaltes Grab" nicht nur ein unterhaltsames, sondern ein wirklich gutes und spannendes Buch geworden.
Unterirdisch
Bei Martin Conraths zweitem Werk "Das schwarze Grab" ist nicht die Zahl der bedruckten Seiten das Problem, sondern der Inhalt. Denn es ist erschreckend, wie wenig Conrath aus einer guten Idee macht.
Für die Schließung einer Zeche wird in dieser, 800 Meter unter der Erde, eine

Abschiedsfeier gegeben. Eingeladen sind die oberen Zehntausend des Saarlandes. Unbekannte sprengen die Ausgänge und beginnen die knapp neunzig Geisel umzubringen. Für die Retter beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Sie müssen die Geisel befreien, bevor der Sauerstoff zu Ende geht und bevor der Mörder (oder die Mörder?) alle Geisel umgebracht haben.
Klingt spannend. Einige eingeschlossene Menschen im Kampf gegen einen unbekannten Mörder und die Natur. Aus dieser Ausgangssituation werden ständig spannende Thriller gebaut. Mal aus Sicht der Retter, die um jede Minute kämpfen müssen. Mal aus Sicht eines Gefangenen, der gegen die Geiselnehmer kämpft. Zum Beispiel "Stirb langsam" (Roderick Thorp), "Die Schule des Schweigens" (Jeffery Deaver) oder auch jede Zehn-Kleine-Negerlein-Variante, bei der der Ermittler auch das nächste Opfer sein kann.
In "Das schwarze Grab" erzählt Conrath diese Geschichte im Wesentlichen aus einer anderen Perspektive. Denn sein bereits aus "Stahlglatt" bekannter Held, Kommissar Martin Bremer, gehört weder zu den Geiseln noch zu den Rettern. Er tut, was er am besten kann. Er sucht den Mörder. Dafür verhört er telefonisch die im Bergwerk eingeschlossenen und ermittelt verschiedene Tatverdächtige. Denn, im Gegensatz zu einem normalen Geiselnehmer-Thriller, geben die Verbrecher sich hier nicht zu erkennen und stellen zunächst auch keine Forderungen. Selten waren die Motive und die Zahl der Bösen unklarer.
Nun könnte man diesen neuen Zugang für einen genialen erzählerischen Schachzug halten, indem Conrath einerseits einen typischen Thriller-Stoff mit einer typischen Rätsel-Geschichte verbindet, gleichzeitig eine Studie über Menschen in einer Extremsituation abliefert (ja, er erzählt auch von den Konflikten der Eingeschlossenen), und andererseits einen Akteur in den Mittelpunkt rückt, der niemals in Gefahr ist.
Ist es aber nicht. Es ist sogar eine reichlich blöde Idee. Denn Conrath negiert das Thriller-Moment, baut kein wirkliches Rätselmoment auf und ein Held, der keine physische oder psychische Prüfung überstehen muss, ist einfach langweilig.
Wie das Buch.
Don Lee:
Wenn es Nacht wird in Tokio
OA: Country of Origin, 2004
Goldmann Verlag
2005, 384 Seiten, 8,95 Euro
Homepage des Autors: www.don-lee.com
Bestellen bei amazon
Stephen Booth:
Kaltes Grab
OA: Blood on the Tongue, 2002
Goldmann Verlag
2005, 544 Seiten, 9,95 Euro
Homepage des Autors: www.stephen-booth.com/
Bestellen bei amazon
Martin Conrath:
Das schwarze Grab
Emons Verlag
2005, 288 Seiten, 9,00 Euro
Bestellen bei amazon