Die Alligatorpapiere



Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bußmer



Anständige Polizisten?

Fast ein Nachruf auf "The Shield – Gesetz der Gewalt"

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Wirklich überraschend ist das schnelle und vorzeitige Ende von "The Shield" nicht. Pro 7 hatte im Sommer, zum Start der preisgekrönten US-Polizeiserie "The Shield – Gesetz der Gewalt", alle 41 Folgen angekündigt. Am 27. Oktober war nach der ersten, aus 13 Folgen bestehenden, Staffel Schluß. Der Sender zeigte "The Shield" mittwochs nach 23.00 Uhr; die letzte Folge sogar erst nach 1.00 Uhr. Das war das schnöde Ende einer ungeliebten Serie. Pro 7 begründete die Entscheidung mit der schlechten Quote. Das kann an der nicht vorhandenen Werbung des Senders für "The Shield" gelegen haben. Wahrscheinlich ist aber, dass die niedrigen Quoten am Inhalt der Serie lagen: "The Shield" zeichnet ein extrem düsteres Bild der Ordnungshüter. Die us-amerikanische Cop-Serie ist meilenweit von dem bundesdeutschen Krimi-Einerlei mit Quotenbringer à la "Donna Leon", "Tatort", "Soko 5113" (Erinnert sich noch jemand an die ersten Folgen?) und, seit kurzem, "Soko Wismar" entfernt.

Während in bundesdeutschen Krimi-Serien vielleicht ab und zu einmal ein korrupter oder verbrecherischer Polizist auftaucht und spätestens am Ende der Sendung verhaftet wird, falls er nicht gleich Selbstmord begeht, sind in "The Shield" alle Cops mehr oder weniger korrupt und verbrecherisch   und tauchen in der nächsten Folge wieder auf. Aber im Gegensatz zu verschiedenen us-amerikanischen Serien, die Selbstjustiz ohne ein Fünkchen Kritik glorifizieren und bei uns relativ regelmäßig floppen, werden in "The Shield" immer auch die Folgen ihrer Handlungen für die Täter gezeigt.

Bereits die Einstandsfolge von "The Shield" ist ein Hammer: in schnell zusammengeschnittenen Bildern blubbert irgendein Frackträger etwas von Kriminalitätsbekämpfung und wir sehen, wie seine Männer die vic-mackey.jpgKriminalität in Farmington/Los Angeles bekämpfen. Das sieht im Wesentlichen aus wie eine brutale Wirtshausschlägerei mit ungleichen Waffen unter freiem Himmel. Dann erfahren wir, dass eine der Hauptpersonen, Vic Mackey, Leiter des Strike Teams, wahrscheinlich korrupt ist. In jedem Fall geht er, entsprechend seinem Auftrag, mit kompromissloser Härte gegen Verbrecher vor. Captain David Aceveda will ihn von der Straße haben und sich so seinen Weg in den Stadtrat ebnen. Er scheint fast am Ziel zu sein. Ein Undercover-Agent wurde in Mackeys Team eingeschleust und er sammelt eifrig Beweise. Nur: Mackey erfährt davon und er schützt sich und sein Team – mit allen notwendigen Mitteln. Am Ende der Folge knallt Mackey den Verräter kaltblütig ab.

In den nächsten 12 Folgen der ersten Staffel führt uns "The Shield"-Erfinder Shawn Ryan the-shield-team-matt (u. a. Nash Bridges) immer tiefer in das schillernde Geflecht der Beziehungen zwischen den zahlreichen Hauptpersonen und ihren teilweise rasch wechselnden Koalitionen. Zentrum der hochenergetisch erzählten Cop-Serie ist Vic Mackey (Michael Chiklis, Emmy und Golden Globe als bester Hauptdarsteller): eine kleine, kahlgeschorene Bulldogge, die seinem persönlichen Kodex folgt. Er schützt sich, sein Team und seine Familie. Er sorgt für Ruhe in seinem Revier. michaelchiklis_shield.jpgDabei fällt für ihn und seine Männer immer wieder etwas ab. Gleichzeitig hilft er seine Kollegen und einer Crack-Hure immer wieder aus der Patsche. Am Ende der ersten Staffel kann er sein Team und seine Position schützen. Seine Frau taucht mit den beiden Kindern unter.

Mackeys direkter Gegenspieler ist der Chef des Reviers: Captain David Aceveda (Benito Martinez). Er sieht diesen Posten nur als Sprungbrett in die Politik an. Dafür braucht er eine niedrige Kriminalitätsrate. Wenn er außerdem innerhalb der Polizei einen korrupten Polizisten überführt, werden ihn die Wähler als harten Mann lieben.

Neben diesen beiden Hauptfiguren sind die Detectives Claudette Wyms (CCH Pounder) und Holland ’Dutch’ Wagenbach (Jay Karnes), die beiden Streifenpolizisten Danielle ’Danny’ Sofer (Catherine Dent) und Julien Low (Michael Jace) und die beiden Strike-Team-Mitglieder Shane Vendrell (Walton Goggins) und Curtis ’Lemonhead’ Lemansky (Kenneth Johnson) wiederkehrende Charaktere mit   besonders innerhalb des Strike-Teams   einer, nun, problematischen Einstellung zum Dienst- und Strafrecht. Eine spontane, ziemlich unvollständige Sammlung der Dienstvergehen ergibt neben regelmäßiger Gewaltanwendung gegen Verdächtige und Gefangene (vulgo: Folter) auch Sex mit einer Täterin im Verhörraum, Zusammenschlagen eines Gefangenen unter einer Decke, Raub einer Tatwaffe aus einem Polizeitransporter, Annahme von Geld, Unterschieben von Drogen bei Verdächtigen, Verschwindenlassen von Drogen, Beeinflussung von Zeugen, Falschaussagen. Halt alles, was einem gesetzestreuen Bürger den Angstschweiß auf die Stirn treibt und einen Anwalt mit Fällen bis weit nach seinem Lebensende versorgt.

the-shieldd-david-aceveda.jpgTeilweise wird das Verbrechen sogar explizit für die eigenen Interessen genutzt. In den letzten beiden Folgen der ersten Staffel, "Zwei Tage des Blutes" und "Korruption", ändern sich die Koalitionen und Bündnisse grundlegend. Mackey erfährt, was für ein kaltschnäuziger Mann sein Beschützer Gilroy (John Diehl; großartig!) ist. Er spekulierte mit Immobilien, die er von einer Strohfrau billig kaufen liess. Damit die Preise entsprechend billig waren, ließ er die entsprechenden Gebiete von der Polizei nur mangelhaft schützen. Jetzt will er Aceveda die Verantwortung dafür aufbürden und ihn so von seinem Posten entfernen. Außerdem will Gilroy Mackey als unbequemen Zeugen aus dem Weg schaffen. Die Intimfeinde Mackey und Aceveda verbünden sich gegen Gilroy.

Denn im Gegensatz zu Mackey handelt Gilroy rein egoistisch. Das unterscheidet Mackey und die anderen Polizisten der Polizeistation in Farmington von ’normalen’ Verbrechern. Sie übertreten während ihrer Arbeit zwar zahlreiche Gesetze, aber dies ist immer eine Reaktion auf ein vorheriges Verbrechen oder um ein bestimmtes Ziel zu the-shield.giferreichen. Normalerweise nicht für sich, sondern für andere: die Familie, die Kollegen, die Gemeinschaft. Beispielsweise schlägt Streifenpolizist Low einen Gefangenen zusammen, nachdem dieser seine Partnerin Danny Sofer gebissen und möglicherweise mit AIDS infiziert hat. Oder Mackey lässt seine Männer ein gestohlenes Schmuckstück suchen, nachdem die Schulleiterin seinen autistischen Sohn in der Schule nicht aufnehmen wollte. Sie zog ein Kind reicher Eltern vor, obwohl der Anmeldeschluss bereits vorüber war. Oder, wieder Mackey: er sucht mehrere Polizistenmörder. Dafür foltert er einen von ihnen. Seine Kollegin, Detective Wyms, übersieht die Folgen der Folter.

Starker, wirklichkeitsfremder Tobak ist da der erste Gedanke. Aber ein kurzer Blick auf die großstädtische us-amerikanische Wirklichkeit mit einem besonderen Focus auf LA zeigt, wie erschreckend nahe an der Realität "The Shield" ist. Los Angeles hat eine lange – auch in Deutschland bekannte – Geschichte von Kriminalität und Polizeiskandalen. Täglich werden etwa zwei Menschen in LA ermordet (zum Vergleich: in Berlin werden pro Jahr etwa 60 Menschen ermordet). Damit hat LA die höchste Mordrate in den USA. Ende Juli 2000 wurden Untersuchungen gegen 70 LA-Polizeioffiziere wegen verübter Verbrechen oder Duldung und Nichtanzeige von Verbrechen im Zusammenhang mit dem Drogenhandel eingeleitet. In der Gang-Crime-Polizeidatei sind etwa 100.000 Personen erfasst und auf den Straßen herrscht ein Zero-Tolerance-Kampf gegen Gangs. Außerdem hat Kalifornien das schärfste Strafrecht der Welt und der Fall Rodney King ist immer noch in unserem Gedächtnis.

Das ist die Wirklichkeit, die in "The Shield" verarbeitet und von zahlreichen the-shield.gif Zuschauern in den USA auch erkannt wird. Außerdem erkennen sie bei den einzelnen Personen in "The Shield" auch ihren eigenen täglichen Kampf während der Arbeit und in der Familie um Integrität und Würde. Denn selbstverständlich werden in "The Shield" allgemeingültige Fragen verhandelt. Jeder muss Kompromisse machen. Aber welche? Was sind wir bereit aufzugeben für etwas anderes? Was geben wir für die Gemeinschaft? Wie sehr können wir uns von unseren früheren Idealen entfernen, ohne uns selbst aufzugeben? Mackey gibt darauf eine Antwort. Aceveda eine andere. Wyms eine andere. Low eine andere. Undsoweiter. Und wir können uns beim sehen fragen: Was würde ich tun?

"The Shield" richtet sich an ein erwachsenes Publikum und führt die Idee von realistischen Cop-Serien wie "Homicide" und "NYPD Blue" (derzeit dienstags auf Kabel 1) fort. Nur noch desillusionierter. In "The Shield" glaubt niemand an einen Sieg über das Verbrechen. Wie denn, wenn die größten Verbrecher im Polizeiapparat sitzen? Die Polizisten wollen nur noch halbwegs anständig durch den Tag kommen ohne allzu viele Leichen und ohne auf der Couch des Psychiaters zu landen.

Was bleibt?

Die Hoffnung auf Kabel 1. Nachdem der kleine Sender bereits mit den beiden vorzüglichen Krimi-Serien "Cold Case – Kein Opfer ist je vergessen" und "Spurlos verschwunden – Without a trace" satte Quoten einfährt, entschließen sie sich hoffentlich, direkt im Anschluss "The Shield" zu bringen. Die in den USA bereits gezeigten drei Staffeln (u. a. mit Hochkarätern wie John Badham und David Mament als Regisseure) und dann die vierte. An der arbeiten Shawn Ryan und sein Team gerade.

THE SHIELD (USA 2002, 1. Staffel)

1) Der Verräter (Pilot, Drehbuch: Shawn Ryan, Regie: Clark Johnson)
2) Der letzte Schuss (Our Gang, D.: Shawn Ryan, R.: Gary Fleder)
3) Der Tag der Haftbefehle (The Spread, B.: Glen Mazzara, R.: Clark Johnson)
4) Rapper-Krieg (Dawg Days, B.: Kevin Arkadie, R.: Stephen Gyllenhaal)
5) Ein aufrechter Cop (Blowback, B.: Kurt Sutter, R.: Clark Johnson)
6) Kinderporno (Cherrypoppers, B.: Scott Rosenbaum, R.: D. J. Caruso)
7) Tödlicher Hass (Pay in pain, B.: Shawn Ryan, R.: D. J. Caruso)
8) Amor und Speed (Cupid and Psycho, B.: Glen Mazzara, R.: Guy Ferland)
9) Die Falle (Throwaway, B.: Kevin Arkadie, R.: Leslie Libman)
10) Der Held des Tages (Dragonchasers, B.: Scott Rosenbaum, Kurt Sutter, R.: Nick Gomez)
11) Rondells Ende (Carnivores, B.: Kevin Arkadie, Glen Mazzara, James Mason, R.: Scott Brazil)
12) Zwei Tage des Blutes (Two Days of Blood, B.: Kurt Sutter, Scott Rosenbaum, R.: Guy Ferland)
13) Korruption (Circles, B.: Shawn Ryan, R.: Scott Brazil)


Links:
Episodenführer von Bjoern Luerßen
Pro 7 Darsteller
Serienjunkies Special
Filmfuchs.de
Wikipedia
fx-networks

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Axel Bußmer
Axel Bußmer, Studium der Politologie, Philosophie und Soziologie in Konstanz, lebt derzeit in Berlin und arbeitet an verschiedenen Drehbuchprojekten (u. a. ein Gangsterthriller). Neben Noir-Krimis liebt er Jazz, über den er auch Artikel schreibt. Bei den Alligatorpapieren erscheinen regelmäßig seine TV-Krimi-Buch-Tipps.

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