Die Alligatorpapiere



Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bussmer



Charakter, Plot, Konflikt, Aussage

Tipps und Ratschläge, meistens, von Autoren für Autoren

Mein Blick wandert vom Bildschirm über die im Regal stehenden Bücher. Ich greife nach der gestrigen Tageszeitung, während im Fernsehen der Kommissar gerade einen Mörder verhört. Alles das sind untrügliche Zeichen dafür, dass der Krimi langweilt.
Dabei haben Autoren von Krimis – wir müssen hier nicht zwischen Film, Buch, Hörspiel und Theaterstück unterscheiden, weil es letztendlich immer darum geht, ein möglichst großes Publikum über eine längere Zeit zu unterhalten – einige große Vorteile:

Der Grundplot ist vorhanden.

In einer traditionellen Detektivgeschichte geschieht am Anfang ein Mord. Der Detektiv muss ihn auf den folgenden Seiten aufklären. Damit sind der Protagonist (der Detektiv), sein Antagonist (der Mörder), die Nebenfiguren (die vielen Tatverdächtigen), die Struktur (eine Ermittlung) und das Ende (die Enttarnung des Mörders) vorgegeben. Wenn der Grundplot erfüllt wird, ist der Genrefan bereits meistens zufrieden.

Das Genre bietet unzählige Varianten.

Von einer traditionellen Detektivgeschichte über Gangsterromane, in denen Verbrecher sich gegenseitig das Leben schwer machen, über psychologische Thriller, Spionagegeschichten bis hin zu den immer noch sehr beliebten Justizthrillern ist alles vorhanden. Das ganze wird mal nur aus der Sicht des Ermittlers (Nicht immer unbedingt ein Mensch. Katzen sind sehr beliebt.), mal aus der Sicht des Täters, mal aus wechselnden Perspektiven erzählt. Mal ernst. Mal witzig. Mal in der Gegenwart. Mal in der nahen oder auch fernen Vergangenheit. Mal in der Zukunft. An jedem Ort.

Der Markt ist grenzenlos.

Das Publikum kann anscheinend nicht genug Kriminalgeschichten genießen. Sehen Sie sich eine aktuelle Bestsellerliste an. Gehen Sie in eine Buchhandlung. Kreuzen Sie in ihrem Fernsehprogramm die Krimiserien an.
Nicht alles ist gut. Vieles wird, wie die gestrige Tageszeitung, ohne Spuren zu hinterlassen in Archiven verschwinden. Aber die guten Texte werden Jahrzehnte, manche sogar Jahrhunderte, überdauern, weil sie etwas in den Menschen ansprechen. Dieses Schüren von Emotionen ist zwar keine exakte Wissenschaft, aber neben den Genreregeln helfen die bereits von Aristoteles formulierten Prinzipien des dramatischen Erzählens.
Im Folgenden stelle ich einige Bücher vor, die Autoren wertvolle Hinweise für bessere Geschichten geben und die beim Publikum die Sinne für gute Geschichten schärfen. Keiner der Autoren sagt, so muss es getan werden. Sie sagen nur, so ist es wirkungsvoller als so. Einige Texte wurden von profilierten Autoren geschrieben. Sie sagen, so arbeite ich. Und ein Autor, der seit Jahren erfolgreich Romane publiziert, von Kollegen gelobt wird, Preise erhält und sich verkauft, dürfte irgendetwas richtig machen.

Hilfreich für Jeden: die allgemeinen Einführungen

aristoteles-poetik.JPGDie knappste und älteste Einführung in das dramatische Erzählen ist die nicht gerade verständlich geschriebene "Poetik" von Aristoteles. In diesem kurzen Text führt er bereits alles aus, was in den vergangenen Jahrzehnten in mehr oder weniger umfangreichen Büchern über das Konstruieren und Schreiben von Geschichten gesagt wurde.
Obwohl die Grundsätze immer noch aktuell sind, sind einige Teile dieses Klassikers aus heutiger Sicht nicht mehr interessant (beispielsweise seine Ausführungen zur griechischen Grammatik) oder, wenn er sich auf Stücke bezieht, zu kryptisch geraten. Denn die "Poetik" ist kein ausgearbeiteter Text, sondern war wahrscheinlich nur eine von Aristoteles für seinen Unterricht verwandte Gedächtnisstütze.

Deshalb ist ein Griff zu den Werken von Lajos Egri, der sich vor allem an Autoren von Theaterstücken wendet, empfehlenswert. Egri formulierte seine Gedanken zum dramatischen Erzählen erstmals vor über sechzig Jahren. Damals war das Theater die Kunstform, die die egri-dramatisches-schreiben.gifganze Gesellschaft ansprach und gleichzeitig der Unterhaltung und dem Diskurs über moralische Fragen diente. In den vergangenen Jahrzehnten lösten Kino und Fernsehen das Theater als Leitmedium ab. Die von Lajos Egri formulierten Prinzipien sind natürlich auch auf diese neuen Medien übertragbar. Nur einige offensichtliche Begrenzungen der Bühne fallen weg.

Egris wichtigste Werke sind "Dramatisches Schreiben" (The art of dramatic writing, 1946/1960; eine aktualisierte Fassung von "How to write a play", 1942) und "Literarisches Schreiben" (The art of creative writing, 1965). In beiden Bücher schreibt Egri darüber, wie Geschichten gut erzählt werden können. Gut bedeutet dabei, dass die Zuschauer gefesselt sind.
"Dramatisches Schreiben" ist Egris umfassende, primär für das Theater geschriebene, Einführung in seine Theorie. Deshalb illustriert er seine Ausführungen mit bekannten Stücken von Molière, Henrik Ibsen und Eugene O'Neill. In dem Buch erklärt Egri was eine Prämisse ist, wie lebendige Charaktere entwickelt werden, welche Arten von Konflikt es gibt und welcher Konflikt für ein spannendes Stück sorgt.
egri-literarisches-schreiben.jpgFür Lajos Egri steht dabei am Anfang der schriftstellerischen Arbeit die Prämisse: "Jedes gute Stück muss eine sorgsam formulierte Prämisse haben" (Egri: Dramatisches Schreiben). Andere Autoren sagen dazu auch These, Idee oder Aussage der Geschichte. In jedem Fall fasst die Prämisse, wie zum Beispiel "Extreme Sparsamkeit führt zu Verlust." die Geschichte zusammen. "Der erste Teil der Prämisse spielt auf den Charakter an – einen sparsamen Charakter. Der zweite Teil – 'führt zu' – verweist auf einen Konflikt, und der dritte, ‚Verlust', auf das Ende des Stücks." (Egri: Dramatisches Schreiben).
Denn für jede Geschichte brauchen wir Charaktere, die etwas gegen Widerstände erreichen wollen (Konflikt) und ein klar definiertes Ende. Bei dem obigen Beispiel würde der Geizkragen sein Geld und Haus verlieren. Der wichtigste Bestandteil einer guten Geschichte sind Konflikte: in ihnen zeigt sich der spezifische Charakter jeder Person. Denn für den sparsamen Charakter wird es wichtiger sein, sein Geld zu behalten, als gesellschaftliches Ansehen zu erlangen. Er wird einem Obdachlosen kein Geld geben. Er wird der Kirche kein Geld spenden. Er wird keine Steuern zahlen. Aber er muss sein Handeln rechtfertigen. Und er wird sich immer wieder fragen, ob er das Richtige tut. Der Autor muss nur möglichst viele Konflikte finden, in denen sich die Einstellung seines Charakters zu einer bestimmten Frage zeigt, und diese in der richtigen Reihenfolge anordnen.
Lajos Egri unterscheidet drohende, schwelende, sprunghafte und sich langsam steigernde Konflikte. Ein drohender Konflikt ist das Versprechen an das Publikum, dass es früher oder später zu einem Konflikt kommen wird (Erinnern Sie sich an die unheilvolle Musik und das Gewitter, wenn sich der Held in der Nacht dem Schloss nähert? Oder den beliebten Noir-Anfang, in dem der Held sagt, er habe sich in die falsche Frau verliebt?) und den wollen wir sehen.
In einem schwellenden oder statischen Konflikt geschieht nichts. Obwohl die Zeit vergeht, entwickelt sich die Geschichte nicht weiter. Je länger ein solcher Konflikt andauert, umso desinteressierter wird der Zuschauer am Ausgang. In einem sprunghaften oder erratischen Konflikt wechseln die Charaktere plötzlich ihre Stimmung und auch ihre Handlungsmotive. Weil der Zuschauer diesen Konflikt nicht nachvollziehen kann, ist ihm auch das Ende egal. Schwellende und sprunghafte Konflikte finden Sie oft in deutschen Spielfilmen. Dann ist das Ende keine zwingende Folge des vorher gezeigten und es können ganze Teile der Geschichte verschoben werden, ohne dass sich im Verständnis des Zuschauers etwas ändert. Ebenso handelt ein Charakter mal überlegt, mal intuitiv, ohne dass wir wissen, warum der Charakter jetzt so und später so handelt.
Einem guten Stück liegt nicht nur nach Egris Meinung ein sich langsam steigernder Konflikt zugrunde, der sich aus der scharf umrissenen Prämisse und den dreidimensionalen Charakteren entwickelt. Denn: "Zwei entschlossene, kompromisslose Kräfte im Zweikampf erzeugen einen kraftvollen ansteigenden Konflikt." (Egri: Dramatisches Schreiben). Als weltweit populäres Beispiel dafür können Sie sich den neuesten James Bond-Film oder einen anderen Thriller ansehen. In diesen Filmen ist das Muster am offensichtlichsten herausgearbeitet.
"Die erste Krise ist noch relativ harmlos, die zweite schon etwas heftiger, und so steigern sie sich bis zur letzten, der schlimmsten Krise. (...)
Fällt der Konflikt zwischendurch immer wieder unter ein bereits erreichtes Niveau, tritt das Stück auf der Stelle, was tödlich für jede Art von Literatur ist." (Egri: Literarisches Schreiben)
Im Zentrum von "Literarisches Schreiben" stehen die verschiedenen Charaktertypen, die sich daraus ergebenden Konflikte und welche Antriebe sie für ihr Handeln haben. Für den eiligen Leser gibt es das Kapitel "Prinzipien des Schreibens". In ihm fasst Lajos Egri die für ihn wichtigsten Punkte für eine gute Geschichte kurz zusammen.

In der Schreibstube des Dichters: Krimiautoren unter sich

Krimiautoren sind anscheinend neben ihrem blutigen Handwerk nette Zeitgenossen. Sie organisieren sich in Verbänden, verleihen Preise an Kollegen und schreiben Ratgeber über das Schreiben. Letzteres tun sie allerdings nicht, weil sie nett sind. Nein, diese Autoren sind Süchtige, die gierig einen Krimi nach dem nächsten verschlingen. Mit ihren Ratgebern wollen sie sich den nötigen Stoff besorgen.

beinhart-crimeAls umfassender Überblick ist "Crime – Kriminalromane und Thriller schreiben" (How to write a mystery, 1996) von Larry Beinhart empfehlenswert. Für seinen ersten Roman "Kein Trip für Cassella" (No one rides for free, 1986) erhielt er den Edgar. Sein bekanntestes Buch ist der Polit-Thriller "American Hero" (1993) und die darauf basierende Verfilmung "Wag the dog" (USA 1997, Regie: Barry Levinson, Drehbuch: Hilary Henkin, David Mamet). Nach der Lektüre von "Crime – Kriminalromane und Thriller schreiben" kann man nur bedauern, dass Beinhart so wenige Romane schreibt.
In seinem Ratgeber gibt er einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Bestandteile für einen spannenden Thriller und illustriert sie mit zahlreichen gut gewählten Beispielen. Er schreibt über die ersten Sätze einer Geschichte, die Frage der erzählerischen Dynamik (ganz wichtig, wenn die Leser das Buch in einer Nacht zu Ende lesen sollen), den Aufbau von Szenen (auch ein Roman ist wie ein Film in Szenen unterteilt), dem Plotting, dem lebendigen Dialog als Teil von Handlung, dem Charakter der einzelnen Personen, der Recherche (Beinhart liebt die Recherche) und wie man bessere Romane schreibt.
Beinharts zentraler Ratschlag dafür ist: "Entwerfen Sie jede Szene so, dass sie auch für sich alleine lesenswert ist." (Beinhart: Crime) Dafür gibt es natürlich einige Voraussetzungen. Bei einer Szene, die Teil einer Geschichte ist, will jemand etwas erreichen. Dieses Ziel ist dem Leser von Anfang an bekannt. Die Person hat Probleme, das Ziel zu erreichen. Es gibt die Ursuppe für gute Geschichten: einen Konflikt. Sie erreicht dieses Ziel. Daraus entwickelt sich das nächste Ziel. In einem Whodunit will der Detektiv den Mörder fangen. Er stellt eine Vermutung auf, wer der Täter ist. Er befragt seinen Hauptverdächtigen und erhält von ihm einen Hinweis auf einen anderen Täter. Wichtig ist dabei die innere Logik der Geschichte und der einzelnen Charaktere. Denn der Autor muss sich während seiner Geschichte an die von ihm gewählten Grenzen und Beschränkungen halten. Wenn er also einen sechzigjährigen unsportlichen Mann als Ermittler auftreten lässt, wird sich dieser während der Geschichte nicht in einen Profisportler verwandeln und den Bösewicht in einem Faustkampf besiegen. Wenn dieser Ermittler ein Privatmann ist, wird er anders als ein Polizist ermitteln. Ebenso wird sich ein James Bond nicht in einen Sherlock Holmes verwandeln.
Aber der wichtigste Punkt beim Erzählen von Geschichten ist Klarheit. Denn: "Gutes Schreiben zeichnet sich durch Klarheit aus. (...) Die Ansicht, ein schwierig zu lesender Text (...) sei gleichbedeutend mit guter Literatur, ist leider immer noch weit verbreitet." (Beinhart: Crime).
"Crime – Kriminalromane und Thriller schreiben" ist eine umfassende, unterhaltsam randisi-Writing-the-Private-Eye-Novel.jpggeschriebene Einführung in die Theorie des Erzählens und die Kriminalliteratur.

Wer nicht nur auf eine Meinung, auch wenn sie sich sehr vernünftig liest, hören will, sollte sich die von den US-amerikanischen Autorenvereinigungen "Private Eye Writers of America" und "Mystery Writers of America" herausgegebenen Sammelbände "Krimis schreiben" und "Writing Mysteries" genauer ansehen.
randisi-Krimis-schreiben.jpgAuf Deutsch erschien das von Robert J. Randisi herausgegebene "Krimis schreiben – Ein Handbuch der Private Eye Writers of America" (Writing the Private Eye Novel – A Handbook by The Private Eye Writers of America, 1997). Die Texte stammen unter anderem von Lawrence Block, Sue Grafton, Loren D. Estleman, Jeremiah Healy, William L. DeAndrea, Ed Gorman, Max Allan Collins, John Lutz und einigen in Deutschland nicht bekannten Autoren von Privatdetektiv-Geschichten. Es geht um das Entwickeln von Serien, die Struktur von PI-Geschichten, Figuren, Schauplätze, genreüberschreitenden Experimenten und die Frage nach der Kreativität eines Autors.

Ein ähnliches Feld, aber nicht nur auf PI-Romane fokusiert, beackert Sue Graftons Handbuch grafton-Writing-Mysteries.jpg"Writing Mysteries – A Handbook by the Mystery Writers of America" (2002). Die Beiträge stammen unter anderem von einigen bereits aus "Krimis schreiben" bekannten Autoren, wie Lawrence Block, Jeremiah Healy, John Lutz und Loren D. Estleman, und profilierten Krimiautoren, wie Warren Murphy, Faye und Jonathan Kellerman, Stuart M. Kaminsky, Julie Smith, Michael Connelly, Sara Paretsky, Sandra Scoppettone, Tony Hillerman, Robert Campbell, Aaron Elkins, Bill Granger, Jan Burke, Edward D. Hoch, Tess Gerritsen, Linda Farstein und Laurie R. King. Thematisch geht es um allgemeine Fragen, wie Recherche, Zusammenarbeit mit anderen Autoren, Planen der Arbeit und das Dehnen der Genreregeln; um den Prozess des Schreibens vom Anfang über die Mitte bis hin zum Ende der Geschichte; und um spezielle Fragen, wie dem Schreiben in bestimmten Subgenres wie Kinderbücher, Justizthriller, True Crime-Bücher und Kurzgeschichten. In einer abschließenden Liste verraten die Autoren, welche Bücher ihnen bei der Arbeit helfen, welche Romane unbedingt gelesen werden sollten und wer ihnen die besten Empfehlungen für das Handwerk des Schreibens gab. Am häufigsten empfahlen die Schriftsteller die Schreibbücher von Lawrence Block.

block-telling-lies-for-fun-and-profit.jpgBlock schrieb von 1976 bis 1990 eine monatliche Kolumne im "Writer's Digest". Die Kolumnen sind in seinen beiden erfolgreichen, leider nicht auf Deutsch übersetzten, Sammlungen "Telling lies for fun and profit – A Manual for Fiction Writers" (1981) und "Spider, spin me a Web – A Handbook for Fiction Writers" (1988) versammelt.
In "Telling Lies for Fun and Profit" sind die ersten 47 Kolumnen leicht überarbeitet nachgedruckt. In ihnen schreibt Block über die verschiedenen Aspekte des Marktes, die Vor- und Nachteile von Pseudonymen, die für einen Autor nötige Selbstdisziplin, Schreibroutinen und verschiedene Aspekte eines Romans. Dazu gehört die Entscheidung über die Erzählweise, der Anfang der Geschichte, die Notwendigkeit von gut motivierten Charakteren, die Wichtigkeit des Plots, das überraschende Ende und wie dies erreicht werden kann. Lawrence Block führt zahlreiche Beispiele aus seinen eigenen und den Werken von von ihm geschätzten Kollegen an. Dabei ist er kein Dogmatiker, sondern ein Lehrer, der wertvolle Tipps gibt.
block-Spider-spin-me-a-Web.jpgIn "Spider, spin me a Web" sind weitere 43 Kolumnen versammelt, die sich thematisch mit denen aus "Telling Lies for Fun and Profit" kaum überschneiden. Block beschäftigt sich mit Fragen, wie dem Unterschied zwischen Kopieren und Imitieren, der Idee des Säens und Erntens in Geschichten (wenn Q Bond ein neues Spielzeug gibt, dann…), das Benutzen von Rückblenden, Sex und Gewalt in Romanen, wie ein Autor während dem Schreiben den Plot nicht immer zum Vorteil der Geschichte in den Hintergrund drängen kann, die Wichtigkeit von bekannten Orten für den Leser (Was glauben Sie, warum Regionalkrimis so beliebt sind?), dem Ableben von beim Leser beliebten Charakteren (Sir Arthur Conan Doyle machte hier eine prägende Erfahrung.), dem Aufschieben der Tagesarbeit und dem Setzen von Zielen. Während in "Telling Lies for Fun and Profit" der Schwerpunkt mehr auf dem Schreiben von Romanen liegt, konzentriert Lawrence Block sich in "Spider, spin me a Web" mehr auf den Arbeitsethos eines Schriftstellers.
"Telling Lies for Fun and Profit" und "Spider, spin me a Web" ergänzen sich gegenseitig. Sie bieten einen umfassenden Überblick über alle Aspekte des Schreibens und des Lebens als Schriftsteller.

Die Hölle der Stoffentwicklung: Ratgeber nicht nur für Drehbuchautoren

Die meisten Modelle zum Erzählen wurden in den vergangenen Jahren für Drehbuchautoren entwickelt. Der Grund dafür ist ziemlich einfach: bei Filmen geht es um viel Geld. Dreistellige Millionenbeträge sind bei einem Hollywood-Film keine Seltenheit mehr. Zweistellige normal. Wenn der Film erfolgreich ist, erhalten die Produzenten ein Vielfaches des investierten Geldes zurück. Wenn der Film ein Flop wird, kann er ein Studio in den Ruin treiben. Damit das nicht geschieht, werden Drehbücher immer wieder analysiert, umgeschrieben und häufig nicht verfilmt.
field-das-handbuch-zum-drehbuch.jpgDie ersten Ratgeber beschränkten sich auf formale Aspekte und stellten strikt zu befolgende Regeln auf (Syd Field ist hier zu nennen). Die neueren beschäftigen sich mit Prinzipien und Archetypen. Sie sagen nicht mehr ‚so muss es sein', sondern ‚so funktioniert es'.

Wem Joseph Campbells "Der Heros in tausend Gestalten" (The Hero with a thousand faces, 1949) zu akademisch ist, der kann sich Christopher Voglers "Die Odyssee des Drehbuchschreibers – Über die mythologischen Grundmuster des amerikanischen Erfolgskinos" (The Writer's Journey: campbell-Der-Heros-in-tausend-Gestalten.jpgMythic Structure for Writers, 1998) besorgen. Sein Buch ist im Wesentlichen eine moderne Anwendung von Campbells akademischem Werk auf die Anforderungen der weltweit erfolgreichen Traumfabrik. Campbell analysierte die Märchen und Sagen der verschiedenen Kulturen in den vergangenen Jahrhunderten und stieß immer wieder auf die gleichen Archetypen.
In "Die Odyssee des Drehbuchschreibers" erklärt Vogler, wie Geschichten aufgebaut werden und illustriert das mit zahlreichen Beispielen aus seiner Arbeit bei Walt Disney. Denn alle Geschichten folgen einem alten mythologischen Muster: der Reise des Helden. In ihr muss der Vogler-Die-Odyssee-des-Drehbuchschreibers.jpgHeld seine gewohnte Welt verlassen und in einer ihm fremden Welt eine Aufgabe erfüllen. Bis er diese Aufgabe erfüllen kann, erlebt er auf dem Weg zur letzten, entscheidenden Prüfung verschiedene Abenteuer. Danach kann er wieder in seine gewohnte Welt zurückkehren.
Wir Krimifans kennen dieses Muster bereits aus den seligen Tagen von Sherlock Holmes. Er sitzt gemütlich seine Pfeife rauchend in seiner Wohnung. Ein Klient betraut ihn mit einem schwierigen Fall. Holmes versucht das Rätsel zu lösen. Dafür muss er seine Wohnung verlassen und eine für ihn fremde Welt betreten. Nachdem er den Mörder enttarnt hat, kann er wieder in die Baker Street 221b zurückkehren.
Seitdem gibt es zwar viele neue Varianten, aber das Grundmuster ist immer noch vorhanden. Denn: "Die Reise des Helden gibt das Grundgerüst einer Geschichte ab. Sie ist gleichsam das Skelett, das noch mit Einzelheiten und überraschenden Wendungen – eben dem ‚Fleisch' einer bestimmten Geschichte versehen werden muss." (Vogler: Die Odyssee des Drehbuchschreibers)

Der neueste Liebling in den Büros der TV-Gewaltigen ist Philip Parkers "Die kreative Matrix – Kunst und Handwerk des Drehbuchschreibens". Parker erstellt eine kreative Matrix von sechs interagierenden Elementen, die am Ende in einem Gleichgewicht sein müssen: Wenn dieses Gleichgewicht in dem Drehbuch nicht vorhanden ist, wird der spätere Film nicht stimmig sein. Oft liegt dies an der nicht vorhandenen oder zu schwachen "Aktiven Frage". In einem Thriller ist dies zum Beispiel "Wird der Protagonist die tödliche Bedrohung überleben?"; bei einem Fußballspiel ist es "Wer wird das Spiel gewinnen?".
Andere Autoren bezeichnen die Aktive Frage als Handlungsmotivation oder Ziel einer Figur in einer Szene. Aber egal, wie sie bezeichnet wird, wenn der Zuschauer nicht mit einer Figur und deren Zielen mitfiebert, wird er sich langweilen.
parker-Die-kreative-Matrix.jpgIm Mittelpunkt von "Die kreative Matrix" steht eine ausführliche Erörterung aller sechs Eckpunkte der Matrix. Dabei geht in den Details der verschiedenen Stile, den Möglichkeiten der Handlungsführung und dem Figurenprofil öfters der Blick für das große Ganze verloren. Denn Philip Parkers Buch ist nicht nur eine Einführung in sein Modell der kreativen Matrix, sondern auch eine Einführung in die Filmindustrie. Er erläutert das Layout von Drehbüchern, das Entwickeln von Filmideen, wie Interviews geführt werden, sagt einiges zur Überarbeitung der ersten Fassung und welche Arten von Absagen es gibt.
Gerade wegen seinem Drang nach Vollständigkeit wendet sich "Die kreative Matrix" an Autoren die bereits einiges über das Schreiben von Geschichten wissen und für ihre Überarbeitung ein umfassendes Buch wollen. Denn es finden sich zahlreiche Listen, die während einer Überarbeitung wie eine Checkliste abgehakt werden können.
Gewöhnungsbedürftig sind bei Philip Parker seine akademische Sprache und seine vom normalen Gebrauch, soweit in der Filmindustrie davon gesprochen werden kann, abweichenden Definitionen. Parker wendet sich mit seinem Buch, im Gegensatz zu Vogler, eindeutig an Drehbuchautoren und baut kaum Brücken zu anderen Disziplinen. Denn einen Romanautor interessieren die verschiedenen Drehbuch- und Filmformate herzlich wenig. Aber die Checklisten und die Idee der Kreativen Matrix sind auch für ihn hilfreich. Denn wenn eine Geschichte veröffentlicht wird, sollte ein Gleichgewicht zwischen allen Eckpunkten der Matrix bestehen.

Links & Bibliographie:

aristoteles-poetik.JPG Aristoteles:
Poetik

(griechisch/deutsch)

(übersetzt und herausgegeben von Manfred Fuhrmann)
Reclam, 1982
(Bibliographisch ergänzte Ausgabe 1994)
184 Seiten, 4.60 Euro
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Kostenloser Download der "Poetik": www.digbib

egri-dramatisches-schreiben.gif Lajos Egri:
Dramatisches Schreiben

Originalausgabe:
The Art of dramatic writing
Simon & Schuster, 1946/1960
(übersetzt von Kerstin Winter)
Autorenhaus Verlag, 2003
352 Seiten, 19.90 Euro
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Verfügbare Ausgabe:
Art of Dramatic Writing:
Its Basis in the Creative Interpretation of Human Motives

Touchstone Books, 1972
320 Seiten, 11.95 Euro
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egri-literarisches-schreiben.jpgLajos Egri:
Literarisches Schreiben

(übersetzt von Kirsten Richers)
Autorenhaus Verlag, 2002
208 Seiten, 14.90 Euro

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Originalausgabe:
The art of creative writing
Citadel Press, 1995
224 Seiten, ab 11.12 Euro
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beinhart-crime.jpg Larry Beinhart:
Crime – Kriminalromane und Thriller schreiben

(übersetzt von Kerstin Winter)
Autorenhaus Verlag, 2003
240 Seiten, 14.90 Euro
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Originalausgabe:
How to write a mystery
Ballantine Books, 1996
240 Seiten, 13.50 Euro
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Mehr über Larry Beinhart (mehr oder weniger seine Homepage):
www.thelibrarian.biz


randisi-Krimis-schreiben.jpg Robert J. Randisi (Hrsg.):
Krimis schreiben – Ein Handbuch der Private Eye Writers of America

(übersetzt von Frank Kuhnke)
Zweitausendeins, 1999
368 Seiten, 12.75 Euro
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Originalausgabe:
Writing the Private Eye Novel – A Handbook by The Private Eye Writers of America
Writer's Digest Books, 1997
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Homepage der Private Eye Writers of America:
www.thelibrarian.biz
Thrilling Detective über Robert J. Randisi:
www.thrillingdetective.com


grafton-Writing-Mysteries.jpg Sue Grafton (Hrsg.):
Writing Mysteries – A Handbook by the Mystery Writers of America

Writer's Digest Books, 2002
320 Seiten, 14.95 Euro
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Homepage der Mystery Writers of America:
www.mysterywriters.org
Homepage von Sue Grafton:
suegrafton.com/


block-telling-lies-for-fun-and-profit.jpg Lawrence Block:
Telling Lies for Fun and Profit – A Manual for Fiction Writers

HarperCollins Publishers, 1994
(Neuauflage mit einem Vorwort von Sue Grafton)
256 Seiten, 11.50 Euro
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block-Spider-spin-me-a-Web.jpg Lawrence Block:
Spider, spin me a web – A Handbook for Fiction Writers

HarperCollins Publishers, 1996 (Neuauflage)
264 Seiten, 12.50 Euro
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Homepage von Lawrence Block:
lawrenceblock.com


Vogler-Die-Odyssee-des-Drehbuchschreibers.jpg Christopher Vogler:
Die Odyssee des Drehbuchschreibers – Über die mythologischen Grundlagen des amerikanischen Erfolgskinos


(übersetzt von Frank Kuhnke)
Zweitausendeins, 1998
504 Seiten, 16.95 Euro
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Originalausgabe:
The Writers's Journey: Mythic Structure for Writers
Michael Wiese Productions, 1998
326 Seiten, 19.95 Euro
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Homepage von Christopher Vogler:
www.thewritersjourney.com


parker-Die-kreative-Matrix.jpg Philip Parker:
Die Kreative Matrix – Kunst und Handwerk des Drehbuchschreibens

(übersetzt von Rüdiger Hillmer)
UVK Verlagsgesellschaft, 2005
352 Seiten, 24.90 Euro
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Originalausgabe:
The Art and Science of Screenwriting – Second Edition
Intellect Ltd., 1999
224 Seiten, 33.50 Euro [gebundene Ausgabe];
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24.90 Euro [Taschenbuch]
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Erstellt am 6.12.2006


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Axel Bussmer
Studium der Politologie, Philosophie und Soziologie in Konstanz, lebt derzeit in Berlin und arbeitet an verschiedenen Drehbuchprojekten (u. a. ein Gangsterthriller). Neben Noir-Krimis liebt er Jazz, über den er auch Artikel schreibt. Bei den Alligatorpapieren erscheinen regelmäßig seine TV-Krimi-Buch-Tipps.

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