Die Alligatorpapiere



Spurensuche. No. 41
Die Kolumne von Axel Bußmer



Detektive bei der Arbeit

Ein Überblick über neue Privatdetektivromane


Auch wenn derzeit die Kommissare beim Publikum sehr beliebt sind, waren die ersten Ermittler in der Kriminalliteratur keine Staatsbeamte, sondern Privatdetektive oder sogar Amateurermittler. Das Fräulein von Scuderi (für irgendetwas muss der Deutsch-Leistungskurs gut sein), C. Auguste private_eye_doorDupin, Sherlock Holmes, Hercule Poirot, Miss Jane Marple, Lord Peter Wimsey, der Mann von Continental Op, Sam Spade und Philip Marlowe waren die ersten Ermittler, die heute immer noch ihr Publikum finden. Von welchem Kommissar kann das behauptet werden? Maigret? Der ermittelte erstmals 1931. Das 87. Polizeirevier? Erst nach dem zweiten Weltkrieg. Aber der Mann von Continental Op schlug erstmals 1923 zu.
Gerade im angloamerikanischen Raum ist der Privatdetektivroman immer noch sehr beliebt. Denn ein Privatdetektiv ist meistens ein edler Ritter. Er glaubt an etwas und folgt, als Einzelkämpfer nur seinem persönlichen Moralkodex. Oder wie Robert Crais, der Autor der in seiner Heimat erfolgreichen Elvis Cole-Romane, sagt:
"Private-eye writers know they're cool. (....) A lot of readers think that private-eye fiction is cool, too. (...) The modern P.I. is a product of his or her times, reflecting, as does all vital fiction, the personal and real-world concerns of the men and women who create them."
Ein Blick auf einige aktuelle Privatdetektivromane bestätigt ihn. Denn so viele unterschiedliche Ermittler in so unterschiedlichen Geschichten gibt es beim Polizeiroman einfach nicht. Das beginnt mit Joe Gores historischem Kriminalroman mit Dashiell Hammett, und geht über Stuart M. Kaminskys Lew Fonesca, Sara Paretskys Vic Warshawski, Harlan Cobens Myron Bolitar, Joe R. Lansdales Duo Hap Collins und Leonard Pine, G. M. Fords Frank Corso, Lee Goldbergs Adrian Monk bis hin zu Ken Bruens Jack Taylor.

Ein Krimiautor ermittelt: Dashiell Hammett bei Joe Gores

Endlich wieder ist der Klassiker "Hammett" von Joe Gores in einer überarbeiteten Übersetzung Gores-Hammett-Unionsverlag-ut-metroerhältlich. Als der Roman 1975 erschien, wurde er in den höchsten Tönen gelobt und 1982 von Wim Wenders in stilvollem Schwarzweiß verfilmt. An dem Drehbuch war auch Ross Thomas beteiligt. Inzwischen gehört der Roman zum Kanon der großen Kriminalromane. Dabei ist die Grundidee bestechend einfach: Gores lässt Dashiell Hammett in einem typischen Hammett-Fall ermitteln. 1928 hat Dashiell Hammett seinen Job als Privatdetektiv aufgegeben. Er sitzt in San Francisco in einem billigen Hotelzimmer und versucht als Autor Geld zu verdienen. Da wird ein Freund von Gores-Hammett-americanihm ermordet und Hammett beginnt zwischen Gangstern und korrupten Cops den Mörder zu suchen. Geschickt verwebt Joe Gores in "Hammett" Fakten mit Fiktion zu einem dichten und spannenden Geflecht, das einerseits eine Hommage an das Vorbild vieler Krimiautoren und andererseits einfach ein spannender Kriminalroman ist.
Interessant sind die Gemeinsamkeiten zwischen Dashiell Hammett und Joe Gores. Beide haben als Privatdetektiv gearbeitet. Beide haben in Hollywood Geld verdient. Beide haben einen neuen Typ Privatdetektiv geschaffen. Hammett den Mann von Continental Op. Gores die Firma Daniel Kearney Associates, die die meiste Zeit mit dem Zurückholen von Autos, dem Repossessing, beschäftigt ist. Das ist nicht so glamourös, wie das Leben der rein fiktionalen Privatdetektive. Und beide Autoren werden von Kollegen und Lesern in den höchsten Tönen gelobt. Hammetts Werke sind seit Ewigkeiten fest im Kanon der Kriminalliteratur angekommen. Gores Werke wurden für zahlreiche Preise nominiert und ausgezeichnet.
Und Joe Gores kehrt jetzt wieder zu Dashiell Hammett zurück. Er schreibt ein Prequel zu "Der Malteser Falke". "Spade & Archer" soll 2008 erscheinen.

Frisch innerhalb der Genrekonventionen: Lew Fonesca von Stuart M. Kaminsky

Vor wenigen Tagen erhielt Stuart M. Kaminsky zu Recht von der Private Eye Writers of America (PWA) den "Eye" für sein Lebenswerk. Mit den in Hollywoods Glanzzeit spielenden Toby Peters-Romanen und den Jim Rockford-Romanen hat er einiges für das Genre getan. Sein jüngster Privatdetektiv, Lew Fonesca, hatte vor acht Jahren in "Vengeance" (Vergeltung) seinen ersten Kaminsky-VengeanceAuftritt. Seitdem erschienen vier weitere Romane, die alle nicht mehr ins Deutsche übersetzt wurden. "Vengeance" erschien unter dem unpassenden Titel "Spur nach Süden" bei Ullstein und verschwand ohne größere Spuren zu hinterlassen.
Das ist schade, denn Lew Fonesca ist ein sympathischer Charakter. Fonesca strandete vor drei Jahren in Sarasota, Florida. Kurz zuvor starb seine Frau bei einem Autounfall. Fonesca brach alle Brücken in Illinois hinter sich ab und fuhr bis sein Auto schlapp machte. In Sarasota schlägt er sich mehr schlecht als recht als Privatdetektiv durch. Er ist zufrieden, wenn er genug zum Essen hat. Er ist der Privatdetektiv,kaminsky-spur-nach-sueden den wir aus den Büchern von Chandler und MacDonald kennen, ohne den Glorienschein und die aufgesetzte Ritterlichkeit. Außerdem fährt er lieber Fahrrad als Auto. Genre-Afficiandos denken jetzt natürlich sofort an die auch von Kaminsky gelobte TV-Krimiserie "Harry O" mit David Jansen.
In "Vengeance" hat Lew Fonesca zwei Fälle. Einer interessiert ihn. Einer ist lukrativ. Die ziemlich mittellose Beryl beauftragt ihn, ihre vermisste vierzehnjährige Tochter Adele zu finden. Sie glaubt, dass sie bei ihrem Vater ist. Er hat Adele wahrscheinlich vergewaltigt und ist, wie Fonesca schnell herausfindet, ein ziemliches Arschloch.
Während Fonesca sich in diesen Fall verbeißt, nimmt er die Schecks des reichen Carl Sebastian an. Er hat ihn beauftragt, seine verschwundene Frau Melanie zu finden. Bevor sie untertauchte, räumte sie die Konten von Sebastian leer.
Stuart M. Kaminsky verknüpft die beiden Fälle am Ende sehr geschickt.
"Vengeance" ist ein kleiner, traditionsbewusster Privatdetektivroman, der glänzend unterhält. Das ist ein gelungener Start für eine Serie, die einfach nur gut unterhalten will.

Hardboiled-Gleichberechtigung: V. I. Warshwaski von Sara Paretsky

Die Verdienste von Sara Paretsky für das Genre sind unbestritten. Mit Vic Warshawski und ihrem Engagement in und mit "Sisters of Crime" bereitete sie den Weg für die zahlreichen literarischen Privatdetektivinnen in den achtziger und neunziger Jahren des vergangenen paretsky-eine-fuer-alleJahrhunderts, die es locker mit ihren männlichen Vorbildern aufnehmen konnten. Dennoch ist der jüngst wiederveröffentlichte Warshawski-Krimi "Eine für alle" keines ihrer besten Werke.
Wie es sich für einen guten Detektiv gehört - jedenfalls für einen literarischen -, hat Vic Warshawski ständig Geldprobleme und freut sich nicht über die in ihrer Nachbarschaft einziehenden Yuppies. "Als ich vor fünf Jahren hierhergezogen war, war das ein ruhiges Arbeiterviertel gewesen - was hieß, dass ich es mir leisten konnte. Jetzt war es von der Sanierungswelle erfasst worden. Während sich die Wohnungspreise verdreifachten, vervierfachte sich der Verkehr, weil adrette Läden aus dem Boden sprossen, um die anspruchsvollen Gelüste der Schickeria zu befriedigen." Und die alten Nachbarn sollen gefälligst in billigere Gegenden umziehen.
Als die sonderliche, alte Hundeliebhaberin Mrs. Frizell in ihrer Wohnung verunglückt und in ein Krankenhaus eingeliefert wird, grabschen sich die Anwaltsyuppies Todd und Chrissie Pichea die Vormundschaft und lassen als erstes ihre Hunde einschläfern. Warshawski ist auf hundertachtzig und will es den Yuppies heimzahlen. Während das ihr Privatvergnügen ist, bittet ihr Nachbar Mr. Contreras sie, seinen verschwundenen Freund Mitch Kruger zu suchen. Kurger sagte, er werde von seinem früheren Arbeitgeber Diamond Head demnächst viel Geld bekommen.
Während Warshawski erstaunlich unprofessionell ermittelt, in zahlreiche Fettnäpfchen tritt und sich sehr rechthaberisch mit vielen Yuppies anlegt, bekommt sie heraus, dass Pichea und ihr von ihr abgrundtief gehasster Ex-Mann Richard Yarborough in der Kanzlei Crawford, Mead, Wilton und Dunwhittie arbeiten und diese auch Diamond Head vertritt.
Letztendlich enttäuscht der siebte Warshawski-Roman "Eine für alle". Denn Vic Warshawskis rechthaberisch-arrogantes Verhalten nervt. Sie geht einfach davon aus, dass sie im Recht ist und alle anderen unlautere Absichten verfolgen. Sie ergreift im Wesentlichen nur deshalb für die im Krankenhaus liegende Nachbarin Partei, weil sie das Yuppiepaar Pichea nicht mag. Sie ermittelt wie ein gutwilliger Amateur und nicht wie eine fast vierzigjährige Privatdetektivin, die in diesem Beruf seit vielen Jahren arbeitet. Deshalb wirken ihre Ermittlungen immer wie eine persönliche Vendetta gegen die Yuppies und ihren Ex-Mann. Das ginge noch, wenn "Eine für alle" wenigstens humorvoll oder temporeich erzählt wäre. Doch weder das eine noch das andere ist in diesem viel zu dicken Buch vorhanden. Stattdessen wird der dünne Krimiplot mit zahlreichen Nebengeschichten aufgebläht, die oft irgendwann schnöde fallengelassen werden und die gesellschaftspolitisch wichtigen Themen der Wirtschaftskriminalität, bei Sara Paretsky ein bekannter Topos, und der Gentrification (das derzeitige Fachwort für die Vertreibung von alteingesessen Mietern durch die neuen Reichen) werden in "Eine für alle" viel zu platt abgehandelt.

Mehr Thrill ins Genre: Myron Bolitar von Harlan Coben

Myron Bolitar ist kein richtiger Privatdetektiv. Er ist Sportagent. Davor hat er mit seinem Freund Windsor Horne Lockwood III, kurz Win, ein hochintelligenter, skrupelloser Kampfsportexperte, der als Millionärssohn auf den ersten Blick wie ein stinkreicher, weichlicher Schnösel wirkt, undercover für das FBI gearbeitet. Jetzt baut Myron seine Firma MP SportsReps auf. Immer wieder muss er Klienten und potentielle Klienten aus der Patsche helfen. Dabei helfen ihm sein Mundwerk und seine, im Notfall, flinken Fäuste. Denn, im Gegensatz zu Win, coben-der-insider.jpg hat er Skrupel einfach so Menschen umzubringen.
In "Der Insider" bittet der legendäre Basketballmanager Clip Arnstein Myron Bolitar den verschwundenen New Jersey Dragons-Basketballspieler Greg Downing zu finden. Downing war vor Jahren, als Myron kurz vor einer Profikarriere stand, sein ärgster Konkurrent. Eine Knieverletzung zerstörte Myrons Traum. Als Tarnung schlägt Arnstein ihm vor, dass er in Downings Mannschaft spielen soll. Myron ist begeistert. Seine Freunde nicht.
Während seine Leistungen auf dem Spielfeld nicht überragend sind, beginnt Myron in Downings Leben herumzustochern. Schnell muss sich Myron mit Terroristen und brutalen Geldeintreibern herumschlagen.
Wer die ersten beiden Bolitar-Romane "Das Spiel seines Lebens" und "Schlag auf Schlag" kennt, wird in "Der Insider" die vertrauten Charaktere wieder treffen. Auch in punkto Tempo, Sprüche und überraschende Wendungen bis zur letzten Seite unterscheidet sich "Der Insider" kaum von den beiden Vorgängern. Allerdings muss sich Myron hier seiner Vergangenheit stellen. Das gibt der Geschichte eine düstere Note. Denn Myron hängt immer noch dem Traum einer Profikarriere nach.
Cobens dritter Bolitar-Krimi "Der Insider" erhielt 1997 den Edgar und den Shamus als bester Taschenbuchkrimi des Jahres. Auch zehn Jahre später immer noch gute Wahl.

Texanische Randale: Hap Collins und Leonard Pine von Joe R. Lansdale

"Gonzo-Kriminalromane" nennt Thrilling Detective die Hap Collins und Leonard Pine-Geschichten. Das Gonzo kommt natürlich von Hunter S. Thompson und seinem Gonzo-Journalismus. Genauso lansdale-rumble-tumblebesinnungslos, wie Thompson sich in einen Strudel von Alkohol, Drogen, Gewalt, Rednecks, Sex und Waffen stürzte, stürzen sich Hap Collins und Leonard Pine in ihre Abenteuer. Das beste Beispiel für dieses Gonzo-Prinzip dürfte ihr eben auf Deutsch erschienenes Reiseabenteuer "Rumble Tumble" sein.
Ein Tornado hat das Haus von Hap Collins, der sich gerade seine kärglichen Brötchen als Rausschmeißer in einem drittklassigen Nachtclub verdient, zerstört. Deshalb wohnt er bei seinem schwulen, afroamerikanischen Freund und Vietnamveteran Leonard Pine. Dieser ist stinkig, weil Hap die Wohnung zu einem Saustall verkommen lässt. Dass Hap angesichts seiner momentanen Lage eine ausgewachsene Midlife-Crisis hat, verwundert nicht. Seine einzige Stütze ist seine neue rothaarige Freundin Brett. Er überlegt sogar bei ihr einzuziehen.
Doch vorher erfährt Brett, dass ihre drogensüchtige Tochter Tilly, die schon zufrieden ist, wenn ihr Zuhälter sie nicht mehr verprügelt, in Lebensgefahr schwebt. Brett will ihre Tochter alleine aus der Patsche holen. Hap erklärt sich sofort bereit, ihr zu helfen. Und Leonard sagt, dass er selbstverständlich seinem Kumpel helfen wird. Zu dritt und mit einem Kofferraum voller nicht registrierter Waffen machen sie sich auf den Weg nach Hootie Hoot.
"Rumble Tumble" ist genau das, was der Titel verspricht: ein rauer Ritt durch die Prärie, garniert mit viel Gewalt, lakonisch-gemeinen Dialogen und, als neuem bizarren Charakter, dem redseligen Lilliputaner Red. Dessen Loyalität ist so schwankend, dass Collins und Pine ihn die meiste Zeit gefesselt im Kofferraum ihres Autos mitnehmen.

Thriller mit moralischen Diskursen: Frank Corso von G. M. Ford

Auch Frank Corso hat keine PI-Lizenz. Er ist Reporter. Ein Enthüllungsjournalist, der es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt und deshalb seinen Job in New York verlor. In Seattle startete er neu. Seine Brötchen verdient als erfolgreicher True Crime-Autor. Er hat keine finanziellen Sorgen, lebt auf einem Boot, meidet die Öffentlichkeit und hat anscheinend überhaupt keine Selbstzweifel.
ford-Rotes-FieberG. M. Ford benutzt den Charakter Frank Corso, um moralische Dilemma und gesellschaftliche Probleme in, auch vom Aufbau her, vollkommen verschiedenen Geschichten anzusprechen und bittere Antworten zu geben.
In "Rotes Fieber", 2004 in den USA erschienen, thematisiert er die gesellschaftlichen Kosten des US-amerikanischen Krieges gegen den Terror.
Dabei beginnt alles ganz harmlos. Corsos Freundin, die Fotografin Meg Dougherty, feiert die Eröffnung einer Ausstellung mit ihren Bildern. Corso hat sich für diesen Anlass sogar bereit erklärt, sein Schiff zu verlassen. Doch noch bevor die Feier beginnt, räumt die Polizei großflächig das Gebäude. Corso will natürlich den Grund für die Polizeiaktion wissen. Er schleicht sich zurück in das Sperrgebiet und erfährt, dass Terroristen in einer unterirdischen Busstation mit einem unbekannten Virus alle Menschen töteten. Corso wird vom FBI und CIA, die die mit dem Patriot Act neugewonnenen Rechte ausüben, als Terrorist verhaftet.
"Rotes Fieber" ist wegen des Themas und der damit verbundenen Plotstruktur der schwächste Corso-Roman. Obwohl G. M. Ford die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt, muss er immer wieder den Zufall bemühen, damit Corso aktiv in das Geschehen eingreifen kann. Denn letztendlich sind die Polizei und die Geheimdienste besser für die Jagd nach ford-Die-Geisel.jpgeiner Bande von Terroristen, die ihren nächsten Anschlag planen gerüstet. Als Entschädigung präsentiert G. M. Ford die ersten Auswirkungen des Kampfes gegen den Terror auf die Innenpolitik, er gibt den Terroristen verschiedene, nachvollziehbare Motive und das Ende ist in seinem Zynismus realistisch.
Zurück in großer Form ist G. M. Ford mit dem fünften Corso-Roman "Die Geisel". In dem privatisierten Hochsicherheitsgefängnis Meza Azul hat der zu lebenslänglicher Haft verurteilte Ex-Navy-Kommandant Timothy Driver eine Häftlingsrevolte angezettelt. Er droht, bis Frank Corso bei ihm ist, alle sechs Stunden einen seiner hundertdreiundsechzig Gefangenen zu töten. Corso hat ein Sachbuch über ihn geschrieben und anscheinend möchte Driver jetzt, dass Corso der Öffentlichkeit Drivers Sicht der Dinge erzählt. Jedenfalls ist Corso bereit in das Gefängnis zu gehen. Bevor er sich mit Driver unterhalten kann, wird das Gefängnis gestürmt. Aber damit hat ford-blown-away.jpgDriver gerechnet. Sie können versteckt in einem Tanklaster flüchten. Das ist der Beginn einer Verfolgungsjagd durch mehrere Staaten und einem atemberaubenden Showdown in den Bergen.
Auf den ersten Seiten ist "Die Geisel" eine Abrechnung mit den Missständen in privatisierten Gefängnissen. Für die zweite Hälfte scheint G. M. Corso sich einige Inspirationen bei zwei Filmklassikern geholt zu haben. Drivers Beziehung zu seiner Mutter erinnert an die Mutter-Sohn-Beziehung in "White Heat" (Sprung in den Tod; Maschinenpistolen) und der Showdown in den Bergen an Bogarts Ende in der W. R. Burnett-Verfilmung "High Sierra" (Entscheidung in der Sierra). Dazu gibt es, wie in "Rotes Fieber" eine geharnischte Kritik am TV-Sensationsjournalismus.
In den USA ist bereits der sechste Corso-Roman "Blown Away" erschienen. Auch in ihm verarbeitet G. M. Ford gesellschaftliche Probleme, hier besonders den Umgang des Staates mit Kriegsveteranen, in eine packende Geschichte. Corso recherchiert in der Provinz über einen Banküberfall, bei dem der Bankräuber nach dem Raub in die Luft gesprengt wurde. Jetzt geschehen nach diesem Muster in Los Angeles mehrere Banküberfälle.
Die deutsche Ausgabe von "Blown Away" ist als "Die Spur des Blutes" für Juli 2008 angekündigt. Mit dem offenen Ende könnte "Blown Away" sogar der letzte Corso-Band sein. Schließlich hat G. M. Ford mit seinem ersten Seriencharakter, dem Privatdetektiv Leo Waterman, auch nur sechs Romane geschrieben.

Das Ende der Ermittlungen: Jack Taylor von Ken Bruen

Seinen Durchbruch hatte Ken Bruen nach etwa einem Dutzend Bücher mit der US-amerikanischen Ausgabe seines ersten Jack Taylor-Romans "The Guards" bei St. Martin Minotaur. Er war für den Edgar nominiert und erhielt den Shamus. Seitdem räumt Bruen, besonders mit den Jack Taylor-bruen-the-guardsRomanen, im englischen Sprachraum alle Krimipreise ab und renommierte Kollegen loben ihn in den höchsten Tönen. Georges Pelecanos, T. Jefferson Parker, James W. Hall, James Crumley, Mark Billingham blurben, Duane Swierczinsky (bei uns als Duane Louis bekannt) ist ein erklärter Bruen-Fan; - und das sind nur die in Deutschland bekannten Autoren. Mit Jason Starr hat Ken Bruen "Bust" und "Slide" geschrieben. Diese Euphorie unter Genrejunkies darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Jack Taylor-Romane schwere Kost abseits des massenkompatiblen Mainstreams sind.
Gleich auf den ersten Seiten von "The Guards" fliegt Jack Taylor aus seinem Job bei der Polizei. Danach beginnt er als billiger Privatdetektiv in seiner Heimatstadt, dem irischen Galway, zu arbeiten. Doch die meiste Zeit ist er mit Trinken und Lesen beschäftigt. Daher sprudeln die Jack Taylor-Romane auch über vor literarischen Anspielungen und Hinweise auf gute Autoren und Bücher.
In "The Guards" soll Jack Taylor den Mörder der sechzehnjährigen Sarah Henderson finden. Das wird schnell zu einem blutigen Rachefeldzug gegen ihren mutmaßlichen Mörder, einen Zuhälter. Außerdem legt sich Taylor mit seinen vorherigen Arbeitgebern, der Polizei (Guard ist der Name für irische Polizisten), an. Auch in den weiteren Jack Taylor-Büchern, die alle in einem atemberaubenden Stream-of-Conciosness-Stil geschrieben sind, wütet Taylor in einer drogendurchtränkten, zynischen Mischung aus Selbsthass und Wut auf die Mächtigen. In "The Killng of the Tinkers" soll er einen Zigeunermörder finden und muss sich mit dem Rassenhass der Iren auseinandersetzen. In "The Magdalen Maryrs" und "Priest" geht es um die Sünden der Kirche. In "The Dramatist" geht es um Vigilantentum und, wie eigentlich in jedem Taylor-Roman, um Selbstjustiz.
In den Jack Taylor-Romanen dehnt Ken Bruen die Genreregeln bis zum Äußersten. Dass der Charakter und nicht der Plot im Mittelpunkt der Geschichte steht, ist seit den Tagen von Chandler für einen PI-Roman nichts Ungewöhnliches. Aber bei Ken Bruen taucht der Plot nur noch in rudimentären Versatzstücken zugunsten eines düsteren Psychogramms auf. Und das macht er sehr gut.
Weil Jack Taylor sich in den Romanen entwickelt, er immer wieder knapp auf die vorherigen Erlebnisse verweist, eine tiefe Beziehung zu einer Frau eingeht und in "The Dramatist" sogar den Drogen abschwört, empfiehlt es sich, die Bücher chronologisch zu lesen. Das hat außerdem den Vorteil, dass mit dem zugänglichsten Taylor-Roman begonnen wird.

Zurück zum Geniekult: Adrian Monk von Lee Goldberg

Nach diesem nihilistischen Fall in das Chaos, ist Adrian Monk - das Gegenteil. Jedenfalls orientiert sich auch der dritte Monk-Roman von Lee Goldberg, "Mr. Monk und die Montagsgrippe", am klassischen Rätselkrimi à la Rex Stout und der bekannt-beliebten, von Andy Breckman erfundenen, Fernsehserie.
Adrian Monk versucht Ordnung in das Chaos zu bringen. Dabei helfen ihm sein glänzender Verstand und seine Beobachtungsgabe. Er bemerkt auch die kleinste Kleinigkeit. Allerdings ist er wie goldberg-Mr-Monk-und-die-Montagsgrippealle großen Detektive - wie Sherlock Holmes, Hercule Poirot, Nero Wolfe, Leo Haig (Hm, der hatte allerdings nur zwei größere Auftritte, die von Chip Harrison, einem Pseudonym von Lawrence Block, für die Nachwelt aufgeschrieben wurden.) - etwas seltsam und, was bei Monk verschärfend hinzukommt, er ist wegen seiner zahlreichen Neurosen außerhalb seiner eigenen Wohnung alleine absolut hilflos. Er braucht eine Begleiterin und Assistentin. Die alleinerziehende Mutter Natalie Teeger hat diesen undankbaren Job übernommen. Aus ihrer Sicht, womit erzählerisch die Sherlock Holmes/Dr. Watson-Tradition fortgeführt wird, ist auch der dritte Monk-Roman geschrieben.
Captain Leland Stottlemeyer hat Monk wieder einmal in einem aussichtlosen Fall um Hilfe gebeten. Jemand erwürgt in San Francisco Joggerinnen und stiehlt ihren linken Schuh. Das neueste Opfer ist an einem Ort, der für Monk schlimmer als ein von Scharfschützen bewachtes Minenfeld ist; nämlich einem Hundepark mit entsprechend viel Hundekot. Obwohl Adrian Monk am Tatort vieles bemerkt, hat er noch keine heiße Spur zu dem Täter.
Bevor Monk richtig mit seinen Ermittlungen beginnen kann, melden sich die Polizisten von San Francisco - weil die Tarifverhandlungen gescheitert sind - krank. Sie haben die Montagsgrippe. Bürgermeister Barry Smitrovich bietet Monk daraufhin die Rückkehr in den Polizeidienst an. Das ist, wie Monk-Fans wissen, sein langgehegter Wunsch. Er sagt zu und mit einem kleinen Team beginnt er gegen die Kriminalität in San Francisco zu kämpfen. Es sind der brutal-zynische Dirty Harry-Verschnitt ‚Mad Jack' Wyatt mit seiner .357 Magnum ("Ich bin dafür geboren, die Straßen vom Dreck zu befreien."), die dank zahlreicher Undercover-Einsätze schizophren-paranoide Cynthia Chow und der senile Frank Porter und ihre persönlichen Assistenten. Schon am ersten Tag muss Monk sich mit mehreren, auf den ersten Blick gewöhnlichen Morden beschäftigen. In Haigh-Ashbury wird die Astrologin Allegra Doucet erstochen. Im Mission District der Architekt John Yamada überfahren. In Russian Hill die Kellnerin Diane Truby vor einen Bus gestoßen. Da entdeckt Monk Hinweise, dass einige dieser Morde zusammenhängen. Und der Serienkiller muss auch noch geschnappt werden.
Auch der dritte Monk-Roman "Mr. Monk und die Montagsgrippe" von Lee Goldberg führt die erfolgreiche Fernsehserie mit neuen Fällen in Buchform fort. Dabei sind Goldbergs Monk-Fälle besser als die schwachen TV-Folgen mit Natalie Teeger als Assistentin. Während im Fernsehen die Fälle nicht mehr Monk-würdig sind und seine Spleens mit der Aufklärung nichts zu tun haben, ist das in den Romanen anders.
Doch Lee Goldberg (der unter seinem Pseudonym Ian Ludlow einen kurzen Auftritt hat) begnügt sich nicht damit, einige knifflige Mordfälle zu entwerfen und viele witzige Dialoge zu schreiben. Er lässt Natalie auch über ihre Lebensziele sinnieren und, anhand von den drei Monk zugeteilten Detektiven, über die besonderen Fähigkeiten von jedem Menschen. Es geht auch um Hoffnungen, enttäuschte Hoffnungen und Freundschaft. Das alles verpackt Lee Goldberg in einen gut geschriebenen Rätselplot.
Deshalb sollten alle, die bei bestimmten Büchern gerne "mehr als ein Krimi" brüllen, "Mr. Monk und die Montagsgrippe" lesen. Lee Goldbergs Roman ist vollkommen innerhalb den Genreregeln geschrieben. Es ist - schließlich sind Tie-In-Autoren in der literarischen Futterleiter noch weniger angesehen als Krimiautoren - sogar nur eine neue Geschichte mit einem Charakter, den der Autor nicht erfunden hat. Aber der dritte Monk-Roman ist auch ein gelungenes Spiel mit verschiedenen populären Ermittlercharakteren und eine, in Handlung transportierte, tiefsinnige Auseinandersetzung mit der Frage nach den eigenen Zielen im Leben und wie man seine Fähigkeiten am besten einsetzt. Deshalb ist "Mr. Monk und die Montagsgrippe" wirklich mehr als nur ein Rätselkrimi. Aber es ist vor allem ein witziger Rätselkrimi.

Links & Bibliographie:

Gores-Hammett-Unionsverlag-ut-metro Joe Gores:
Hammett

(übersetzt von Friedrich A. Hofschuster, für die Neuauflage bearbeitet)
Unionsverlag, 2007
320 Seiten
9,90 Euro

Frühere deutsche Ausgabe:
Dashiell Hammetts letzter Fall
Goldmann, 1978

Originalausgabe:
Hammett
G. P. Putnam's Son, 1975

Mark Coggins interviewt Joe Gores (2007):
riordansdesk.blogspot.com
Thrilling Detective über Joe Gores:
www.thrillingdetective.com


Kaminsky-Vengeance.jpg Stuart M. Kaminsky:
Vengeance

Forge, 1999
288 Seiten

kaminsky-spur-nach-sueden.gifDeutsche Ausgabe
Spur nach Süden
(übersetzt von Martin Baltes)
Ullstein, 2001
336 Seiten

Homepage von Stuart M. Kaminsky:
www.stuartkaminsky.com

paretsky-eine-fuer-alle.jpg Sara Paretsky:
Eine für alle

(übersetzt von Dietlind Kaiser)
Goldmann, 2007
448 Seiten
8,95 Euro

Frühere deutsche Ausgabe:
Piper Verlag

Originalausgabe:
Guardian Angel
Delacorte Press, 1992

Homepage von Sara Paretsky:
http://www.saraparetsky.com/
Meine Besprechung von "Feuereifer" (Fire sale):
Spurensuche No. 36

coben-der-insider.jpg Harlan Coben:
Der Insider

(übersetzt von Gunnar Kwisinski und Kathrin Pussig)
Goldmann, 2007
384 Seiten
8,95 Euro

Originalausgabe:
Fade Away
Dell Publishing Group, 1996

Homepage von Harlan Coben:
www.harlancoben.com/
Meine Besprechung der Bolitar-Romane "Das Spiel seines Lebens" (Deal breaker), "Schlag auf Schlag" (Drop shot), "Ein verhängnisvolles Versprechen" (The promise) und ein Gespräch mit Harlan Coben:
Spurensuche No. 37
Meine Besprechung von "Kein böser Traum" (Just one look):
Spurensuche No. 21
Meine Besprechung von "Kein Friede den Toten" (The innocent):
Spurensuche 36

lansdale-rumble-tumble.jpg Joe R. Lansdale:
Rumble Tumble

(übersetzt von Richard Betzenbichler)
Shayol - Funny Crimes, 2007
224 Seiten
12,90 Euro

Originalausgabe:
Rumble Tumble
The Mysterious Press, 1998

Homepage von Joe R. Lansdale:
www.joerlansdale.com/
Meine Besprechung von "Wilder Winter" (Savage season):
Spurensuche No. 25

ford-Rotes-Fieber.jpg G. M. Ford:
Rotes Fieber

(übersetzt von Sigrun Zühlke)
Goldmann, 2007
416 Seiten
8,95 Euro

Originalausgabe:
Red Tide
William Morrow, 2004

ford-Die-Geisel.jpg G. M. Ford:
Die Geisel

(übersetzt von Sigrun Zühlke)
Goldmann, 2007
352 Seiten
8,95 Euro

Originalausgabe
No Man's Land
William Morrow, 2005

ford-blown-away.jpg G. M. Ford:
Blown Away

William Morrow, 2006
304 Seiten

Meine Besprechung von "Killerinstinkt" (Black river):
Spurensuche No. 21
Meine Besprechung von "Die Spur des Bösen" (A blind eye):
Spurensuche No. 28

bruen-the-guards Ken Bruen:
The Guards

Brandon, 2001
288 Seiten

bruen-The-Killing-of-the-Tinkers Ken Bruen:
The Killing of the Tinkers

Brandon, 2002
304 Seiten

bruen-The-Magdalen-Martyrs Ken Bruen:
The Magdalen Martyrs

Brandon, 2003
288 Seiten

bruen-The-Dramatist Ken Bruen:
The Dramatist

Brandon, 2004
240 Seiten

bruen-priest Ken Bruen:
Priest

Bantam Press/Transworld, 2006
304 Seiten

bruen-cross Ken Bruen:
Cross

Bantam Press/Transworld, 2007
304 Seiten

Die amerikanischen Ausgaben der Jack Taylor-Romane erscheinen bei St. Martin's Minotaur.

Homepage von Ken Bruen:
www.kenbruen.com/

goldberg-Mr-Monk-und-die-Montagsgrippe.jpg Lee Goldberg:
Mr. Monk und die Montagsgrippe

(übersetzt von Ralph Sander)
Panini Books, 2007
336 Seiten
9,95 Euro

Originalausgabe:
Mr. Monk and the Blue Flu
Signet, 2007
304 Seiten

Homepage von Lee Goldberg:
www.leegoldberg.com/
A writer's life - Blog von Lee Goldberg:
leegoldberg.typepad.com
Meine Besprechung von "Mr. Monk und die Feuerwehr" (Mr. Monk goes to the firehouse) und "Mr. Monk besucht Hawaii" (Mr. Monk goes to Hawaii):
Spurensuche No. 40

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Klingelholl 53
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Tel.:0202/51 10 89

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Stand: 18.12.2007




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Axel Bußmer
Axel Bußmer, Studium der Politologie, Philosophie und Soziologie in Konstanz, lebt derzeit in Berlin und arbeitet an verschiedenen Drehbuchprojekten (u. a. ein Gangsterthriller). Neben Noir-Krimis liebt er Jazz, über den er auch Artikel schreibt.
Sie finden seine Beiträge im Internet in seiner Kriminalakte
Bei den Alligatorpapieren erscheinen regelmäßig seine TV-Krimi-Buch-Tipps.

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