Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bussmer
Ein Hurra für die jüngeren US-amerikanischen Krimi-Autoren
Über die neuen Werke von Harlan Coben, Timothy Watts und G. M. Ford
Bei der periodisch aufflammenden Klage über die vielen guten US-amerikanischen Krimi-Autoren, die in ihrer Heimat immer noch erfolgreich verlegt werden, enthusiastische Kritiken erhalten, mit wichtigen Preisen ausgezeichnet und nicht mehr ins Deutsche übersetzt werden, werden deren jüngere Kollegen zu Unrecht oft vergessen. Im Folgenden einige aktuelle, erfreuliche Beispiele.
Harlan Coben: Angst und Schrecken in Kasselton

Während Harlan Cobens Myron Bolitar-Reihe in den USA seinen Ruf als exzellenter Krimiautor begründete, ging die Serie bei uns unter. Nur die ersten beiden Bände "Das Spiel seines Lebens" (Deal Breaker) und "Schlag auf Schlag" (Drop Shot) wurden übersetzt und sind inzwischen antiquarisch erhältlich. Mit seinen später geschriebenen Einzelwerken wuchs auch bei uns seine Fangemeinde.
In seinem neuesten auf Deutsch veröffentlichten Werk "Kein böser Traum" (im Oktober erscheint "Kein Friede den Toten" [The innocent] auf Deutsch, in den USA ist sein neuestes Myron Bolitar-Buch "Promise me" Ende April erschienen) bringt ein Foto das ruhige Leben von Grace Lawson in Kasselton, New Jersey, einem Vorort von New York, kräftig durcheinander. Zwischen einem Stapel frisch entwickelter Familienbilder entdeckt sie eine etwa zwanzig Jahre alte Aufnahme ihres Mannes Jack mit einem weiteren Mann und drei

Frauen. Bei der Blondine wurde das Gesicht mit einem großen X fast unkenntlich gemacht. Grace fragt ihren Mann nach dem Bild. Aber dieser schweigt und verschwindet noch in der gleichen Nacht spurlos. Nicht freiwillig. Denn der eiskalte Psychopath Eric Wu hat ihn entführt und will ihn, gemäß seinem Auftrag, später umbringen.
Während Grace sich auf die Suche nach ihrem Mann begibt, muss sie erkennen, dass der Grund für die Entführung in ihrer eigenen Vergangenheit liegt. Vor fünfzehn Jahren wurde sie bei einer Massenpanik während eines Rockkonzertes schwer verletzt und verlor die Erinnerung an die Wochen vor ihrem Unfall. Der Sohn des immer noch auf Rache sinnenden Gangsterbosses Carl Vespa starb dabei. Der Täter Wade Larue soll jetzt entlassen werden und der nach der Panik untergetauchte Rockmusiker Jimmy X gibt wieder Konzerte.
"Kein böser Traum" ist ein von der ersten bis zur letzten Seite fesselnder Thriller. Harlan Coben erzählt die Geschichte effizient, geradlinig und, wenn er zwischen den verschiedenen Erzählsträngen wechselt, mit zahlreichen bösen Cliffhangern und Storytwists. Dabei gibt es für die Heldin Grace bis zur letzten Seite des Buches für sie unerfreuliche Überraschungen. Denn nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint und auch die sympathische Mutter Grace hat dunkle Geheimnisse in ihrer Vergangenheit. Auch wenn sie sich nicht daran erinnert.
Weniger gelungen sind dagegen die Übersetzung (Ein "forensic pathologists" ist in Deutschland ein Rechtsmediziner und kein Pathologe. Und, wo wir gerade dabei sind, bei G. M. Ford werden 40 Yards falsch mit 40 Metern übersetzt. Warum können Übersetzer hier nicht einfach ein Fachbuch aufschlagen?) und das Titelbild. Zwar ist das Cover, die Aufnahme des nächtlichen New Yorks, sehr stimmungsvoll, aber, abgesehen von wenigen Seiten, spielt "Kein böser Traum" eben nicht in diesem großstädtischen Moloch des Verbrechens, sondern in einer friedlichen Kleinstadt, in die Eltern ziehen, damit ihre Kinder in einer friedlichen Gegend erwachsen werden, während die Eltern täglich zur Arbeit in die Stadt pendeln. Und Harlan Coben zeigt ihnen in seinem neuesten Thriller "Kein böser Traum" wieder, dass das Verbrechen auch in die Vorstädte kommt.
Timothy Watts: Angst und Schrecken in Philadelphia
Für die Zyniker unter uns ist Timothy Watts neueste Gaunerkomödie "Tod eines Paten"

gedacht. Bereits die ersten, staubtrocken erzählten Zeilen klären die Fronten und setzen den Ton für die kommenden 400 Seiten:
Izzy Feldman sagte: "Genug ist genug", zog die Neun-Millimeter-Jericho 941 unter dem Arm hervor und schoss Dominic Scarlotti, dem Mafia-Boss von Philadelphia, mit solchem Gleichmut zwischen die Augen, dass selbst Anthony "Little Anthony" Bonica - der damit gerechnet hatte - zusammenfuhr und hervorstieß: "Heilige Scheiße, wollten Sie davor nicht wenigstens mit ihm reden?"
Das erschießen des Mafia-Paten war für Izzy die leichte Aufgabe. Jetzt muss er dessen designierten Nachfolger Little Anthony Bonica überzeugen, Dominic Scarlotti nicht in irgendeinem Waldstück zu verbuddeln, sondern der Öffentlichkeit die Leiche zu präsentieren. Es gelingt Izzy. Auf dem Parkplatz seines Stripclubs Palisades legt Littly Anthony Bonica Scarlottis Leiche in den Kofferraum des ihm seit seinen Jugendtagen verhassten Autodiebes Teddy Clyde. Clyde, in Begleitung der Stripclub-Bedienung Natalie Prentice, hat auf der Heimfahrt einen Platten, entdeckt den erschossenen Paten in seinem Kofferraum - und vergräbt die Leiche.

Damit könnte die Sache für Teddy geregelt sein, wenn nicht Scarlotti von Staatsanwalt Shaffer verwanzt worden wäre, es deshalb eine Tonbandaufnahme des Mordes gibt, mehrere Parteien die Aufnahme wollen und Teddy die Chance sieht, seinen Schnitt zu machen.
Für die Freunde schwarzhumoriger Gaunerkomödien ist Timothy Watts vierter Roman (beim dritten Verlag) eine kurzweilige Lektüre. Es ist einfach immer wieder entspannend, einige Stunden mit einem Haufen Menschen zu verbringen, die anscheinend über überhaupt kein moralisches System verfügen: mit einem Autodieb, der seinen Beruf als Kunst betrachten; mit einem Mafiosi, der es an Dummheit mit jedem machtgeilen Potentat aufnehmen kann; mit einem von den Nazis verfolgten Juden, der dadurch keineswegs zu einem besseren Menschen wurde; mit dessen Rechter Hand, die nach ihrer universitären Ausbildung in Israel beim Militär eine ganz andere Ausbildung erhielt und diese skrupellos anwendet; mit einer Journalistin, die einen Enthüllungsartikel schreiben will und zugunsten eines noch größeren Artikels darauf verzichtet; mit einem karrieregeilem Staatsanwalt, der bei Artikeln zuerst auf die richtige Schreibweise seines Namens achtet; und mit einem US-Marshall, der achtzehn Monate vor seiner Pensionierung stehend, nur noch eben diesem Staatsanwalt eine reinwürgen will. Da ist von Betroffenheit über die Schlechtigkeit und Gier der Menschen beim Tanz um das goldene Kalb nichts zu spüren und am Ende bekommen die richtigen Leute die Rechnung präsentiert. Wenn auch anders, als erwartet.
G. M. Ford: Angst und Schrecken in Seattle
Auf der anderen Seite der USA, in der Heimatstadt von Bill Gates, kämpft der Journalist

und enorm erfolgreiche True-Crime-Autor Frank Corso gegen das Verbrechen. Dabei hat er, wenn es der guten Sache dient, kein Problem, die Fakten entsprechend zu manipulieren. Deshalb musste er New York verlassen.
In Seattle beginnt der dritte und letzte Prozess gegen den Verbrecherboss Nicholas Balagula. Weil er bei einem Klinikbau pfuschte, stürzte nach einer kleinen Erderschütterung das Gebäude ein und es starben 63 Menschen, darunter 41 Kinder. Bei den beiden vorherigen Prozessen schützte Balagula seine Interessen, indem er Zeugen tötete und Geschworene bestach. Von dem aktuellen Prozess ist die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Nur Frank Corso darf als Beobachter in den Gerichtssaal.
Zur gleichen Zeit wird Corsos Freundin, die Fotojournalistin Meg Dougherty, von zwei Killern gejagt. Sie kann flüchten, verunglückt und landet schwerverletzt im Krankenhaus. Corso kümmert sich um ihre Arztrechnung. Außerdem will er herausfinden, wer Meg umbringen will. Dabei kreuzt er unwissentlich den Weg der beiden Killer Gerardo Limón und Ramón Javier, die skrupellos alle zu ihnen und damit auch zu ihrem Auftraggeber Nicholas

Balagula führenden Spuren beseitigen wollen.
Der zweite Corso-Roman "Killerinstinkt" ist für G. M. Ford ein gewaltiger Schritt in die richtige Richtung. G. M. Ford wechselt jetzt, im Gegensatz zu dem ziemlich konventionell, chronologisch, hauptsächlich aus Corsos Perspektive erzähltem "Erbarmungslos", mühelos zwischen den verschiedenen Erzählsträngen und Perspektiven und lässt, gerade am Ende, die Teile weg, die den Leser nur langweilen würden. Dabei übernehmen die beiden amoralischen Killer Limón und Javier und ihre Versuche, ihre Gegner auszuschalten, eine wichtige Rolle.
Etwas gewöhnungsbedürftig ist dagegen G. M. Fords Held, der wie Steven Seagal-aussehende, öffentlichkeitsscheue, auf einem Boot lebende Journalist Frank Corso. Er hat inzwischen, nachdem er mit seinen True Crime-Büchern Millionen machte, eine unendlich belastbare Kreditkarte, ein kaum durch ein offenes Scheunentor passendes Ego und jeder in Seattle erkennt ihn mehr oder weniger sofort. Das hört sich dann doch mehr nach der Fantasie eines pubertierenden Jungen und dem Schielen nach Hollywood, als nach der Realität an.
In den USA ist der 1945 geborene G. M. Ford bereits seit Jahren ein bei Lesern von in der ersten Person geschriebenen Privatdetektiv-Romanen bekannter und beliebter Autor. Denn bevor er mit Frank Corso die dunklen Seiten von Seattle erkundete, schrieb er die witzige sechsteilige Leo Waterman-Serie.
"Killerinstinkt" ist gute US-amerikanische Thriller-Kost: eine sauber konstruierte, gut entwickelte Handlung mit überraschenden Twists, keine überflüssigen Nebengeschichten, eine das Lesen nicht störende Sprache (Immerhin ist es die Aufgabe eines Autors, eine Geschichte zu erzählen, und nicht, mit seiner Sprache von der Geschichte abzulenken.) und der Versuch mit einer Geschichte auf eine wichtige moralische Frage eine Antwort zu geben: Dürfen wir gegen das Gesetz verstoßen, um einen Verbrecher zu bestrafen?
Links & Bibliographie:
Harlan Coben:
Kein böser Traum
Originaltitel: Just one look,
Dutton, 2004
(übersetzt von Christine Frauendorf-Mössel)
Goldmann Verlag
2006, 416 Seiten, 8.95 Euro
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Homepage des Autors:
:
www.harlancoben.com/
Harlan Coben stellt "Just one look" vor: www.meettheauthor.com
Timothy Watts:
Tod eines Paten
Originaltitel: Grand Theft,
G. P. Putnam's Sons, 2003
(übersetzt von Marie-Luise Bezzenberger)
Knaur
2006, 416 Seiten, 8.95 Euro
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Timothy Watts beantwortet Fragen zu "Grand Theft":
www.calitreview.com/
G. M. Ford:
Killerinstinkt
Originaltitel: Black River,
William Morrow, 2002
(übersetzt von Marie-Luise Bezzenberger)
Goldmann
2006, 352 Seiten, 8.95 Euro
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G. M. Ford stellt "Black River" vor:
www.meettheauthor.com