Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bussmer
Doppeltes Geschenk für Noir-Fans
Zu den Romanen "Die schwarze Messe" und "Ketzerei in Orange" von Charles Willeford
Mit dem Doppelschlag "Die schwarze Messe" und "Ketzerei in Orange" macht Frank Nowatzki in der von ihm herausgegebenen Reihe "pulp master" den Krimifans ein Angebot, das Sie nicht ablehnen können. Während Charles Willefords "Ketzerei in Orange" in einer überarbeiteten Übersetzung veröffentlicht wurde, ist "Die schwarze Messe" zum ersten Mal auf Deutsch erhältlich. Damit schließt Nowatzki eine der vielen, schmerzhaften Lücken in der deutschen Publikationsgeschichte von Charles Willeford. Denn neben den vier fast immer erhältlichen Hoke Moseley-Kriminalromanen, mit denen Willeford vier Jahre vor seinem Tod 1988 endlich den Durchbruch hatte, wurden seine anderen Bücher entweder überhaupt nicht übersetzt oder sie waren nur kurz im Buchhandel erhältlich.
Die schwarze Messe
Es dauerte fast fünfzig Jahre bis Charles Willefords knallharte Abrechnung mit dem Kapitalismus "Die schwarze Messe" den Weg nach Deutschland fand. Im Gegensatz zu zahlreichen Büchern aus den Fünfzigern ist Willefords Noir-Groteske über den ungläubigen Priester Sam Springer heute aktueller denn je.
Sam Springer kündigt nach dem Erscheinen seines ersten Romans seine sichere Stelle als Buchhalter und zieht mit seiner Frau Virginia von Ohio nach Florida. Springer versucht ohne Erfolg einen zweiten Roman zu schreiben. Als er fast kein Geld mehr hat, entdeckt er in der

Zeitung einen Artikel über das Kloster der Kirche der Herde Gottes in Orangeville. Pfarrer Jack Dover will das Kloster auflösen. Springer wittert eine Story, die er später zu einem Roman verarbeiten kann. Denn er fragt sich, weshalb eine Kirche aufgelöst wird, obwohl in den USA doch gerade die Suche nach dem Seelenheil floriert. Er fährt ohne Rückfahrticket zum Kloster. Pfarrer Dover empfängt ihn, erklärt ihm die Vorzüge des Priesterdaseins, dass alle guten Priester Lügner seien, wenig arbeiteten und er ihn jetzt sofort ordinieren könne. Springer überlegt nicht lange und aus Sam Springer wird Sam Deuteronomius Springer mit einer ausschließlich afroamerikanischen Gemeinde in Jax, Florida.
Der Weiße Springer wird in Jax freundlich von Dr. Jensen, dem Vorsitzenden des Kirchengemeinderates, und der gesamten Kirchengemeinde aufgenommen. Seine Kirche ist voll. Seine Predigten kommen an. Springer ist zwar einerseits erschöpft von den Predigten, andererseits gefällt ihm aber auch die Arbeit und die damit verbundenen Vorzüge. So muss er für nichts bezahlen. Die Kaufleute fühlen sich sogar geehrt, wenn er zu ihnen kommt und isst oder sich die Haare schneiden lässt.
Als die gottesfürchtige 63-jährige Afroamerikanerin Bessie Langdale in einem Bus nicht aufstehen und in den für Schwarze reservierten hinteren Teil gehen will, soll sie eine Geldstrafe zahlen. Zusammen mit den anderen Pfarrern organisiert Springer eine Protestaktion aus der schnell ein die gesamte Gemeinde erfassender und eskalierender Busstreik wird. Im Gegensatz zu seinen afroamerikanischen Kollegen riskiert Springer bei dem Streik nichts, aber er kann viel gewinnen.
Denn die Busgesellschaft versucht Springer zu kaufen, die von ihm geführte Streikkasse ist gut gefüllt und er verliebt sich in die 23-jährige Schönheit Merita Jensen. Sie ist unglücklich mit dem älteren Vorsitzenden des Gemeindekirchenrates verheiratet. Springer denkt, dass er das Geld und die Frau haben kann.
Mit Sam Deuteronomius Springer porträtierte Charles Willeford bereits 1958 einen Mann ohne eigene Identität und innere Überzeugungen. Mühelos wechselt er seine Berufe und seine Identität. Dabei definiert er sich über äußere Zeichen. Kaum hat Springer die Priesterkluft an, fließen salbungsvolle Worte aus seinem Mund. Aber am Ende denkt er doch nur an sich selbst. So etwas wie Liebe oder echte Gefühle gibt es für ihn nicht.
Scharfsinnig porträtierte Charles Willeford in "Die schwarze Messe" einen nihilistischen Helden, der erst mit dem Wallstreet-Kapitalismus und dem Jahrzehnt der Gier in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts in das allgemeine Bewusstsein rückte. Damals schrieben unter anderem Tom Wolfe (Fegefeuer der Eitelkeiten) und Brett Easton Ellis (American Psycho) dicke und erfolgreiche Bücher über bedingungslose, nihilistische Kapitalisten in der liberaldemokratischen Gesellschaft. Aber während sie für ihre Analyse dicke Bücher schrieben, bleibt Willeford in der üblichen Länge eines Pulpromans und schlachtet fast schon nebenbei alle heiligen Kühe der amerikanischen Gesellschaft.
Deshalb ist Willefords prophetische Gesellschaftsanalyse "Die schwarze Messe" heute so aktuell wie vor fast einem halben Jahrhundert. Seine Noir-Groteske "Die schwarze Messe" ist ein moderner Klassiker, dessen Entdeckung in Deutschland lange überfällig war.
Ketzerei in Orange
"Ketzerei in Orange" gilt in Noir-Kreisen bereits seit langem als eines von Willefords besten Werken. Auch diese 1971 erstmals erschienen Abrechnung mit dem Kunstbetrieb hat, wie "Die schwarze Messe", nichts an Aktualität und Brisanz verloren.
Der junge, aufstrebende Kunstkritiker James Figueras schreibt, zwischen Miami und Palm Beach pendelnd, über Vernissagen und frequentiert die verschiedenen kostenlosen Büffets. Jeder kennt ihn, aber wirkliche Freunde hat der New Yorker in der kurzen Kunstsaison Südfloridas nicht gefunden. Denn im Gegensatz zu den Sammlern, Kunsthändlern und Künstlern ist er arm wie eine Kirchenmaus. Als er von dem schwerreichen Sammler Joseph Cassidy das Angebot erhält, den untergetauchten, weltberühmten französischen Künstler Jacques Debierue zu interviewen, ist er sofort begeistert. Nur vier Kunstkritiker sprachen mit Debierue und Debierues Ruf als nihilistisch-surrealistischer Maler stieg in den vergangenen Jahrzehnten ins unermessliche. Denn Debierue verweigerte nicht nur Interviews, sondern verkaufte auch keine Werke. Er stellte in Paris in den Tagen zwischen Dadaismus und Surrealismus (genauer lässt sich die Zeit der Ausstellung nicht mehr feststellen) ein einziges Werk "No. One" – einen leeren Bilderrahmen, den er in einem stockdunklem Raum an eine Wand mit einem Riss hing – aus. Debierues Bild wurde von Kollegen empfohlen und Kritiker schrieben darüber Elogen. 1925 verkaufte Debierue seine Werkstatt, mied die Öffentlichkeit, malte in seinem Atelier weitere Meisterwerke und verkaufte keines seiner Bilder. Je mehr er sich von der Öffentlichkeit zurückzog, desto imposanter wurde sein Ruf als wichtigster Maler des zwanzigsten Jahrhunderts.
Für Figueras wäre daher das Interview der langersehnte Durchbruch. Dafür ist der Preis, den er bezahlen muss aus seiner Sicht nicht sehr hoch: er muss für Cassidy ein Debierue-Bild stehlen.
Zusammen mit seiner Freundin Berenice macht Figueras sich auf den Weg zu dem inkognito in den Sümpfen Floridas lebenden Debierue. Sie werden von einem höflichen alten Mann empfangen, der nicht über seine Bilder reden will. Als Figueras sich heimlich in Debierues Atelier begibt, versteht er auch warum. Debierue hat, während sein Ruf als wichtigster Maler des Jahrhunderts ständig wuchs, nie ein Bild gemalt. Er hat es jeden Tag versucht, sich vor eine weiße Leinwand gestellt und gewartet.
Figueras will sich seine Chance, der beste Kunstkritiker des Landes zu werden, nicht entgehen lassen. Auch wenn er dafür einen Debierue malen muss. Allerdings endet Figueras

Karriere als Verbrecher nicht mit einer Fälschung.
In dem Noir-Roman "Ketzerei in Orange" rechnet Willeford eiskalt und satirisch mit der Kunstwelt ab. Einer Welt, in der nicht das Können des Malers, sondern die Nachfrage nach seinen Werken, den Preis bestimmt. Eine Welt, in der Kritiker mit ihren Artikeln den Preis mitbestimmen. Und eine Welt, in der Sammler für begehrte Werke alles gäben.
Und wieder erzählt Willeford die Geschichte aus der Sicht eines ehrgeizigen Psychopathen. Einem Hallodri, für den die Anerkennung seiner Kollegen, gemessen an lobenden Erwähnungen in deren Artikeln, wichtiger als ein Menschenleben ist. Dass er letztendlich seinen Ruf auf einer Lüge aufbaut, ist ihm herzlich egal. Denn immerhin gelingt es ihm so, zu Amerikas wichtigstem Kunstkritiker zu werden.
"Die schwarze Messe" und "Ketzerei in Orange" sind zwei beeindruckende Bücher über Männer ohne Eigenschaften und Gefühle. Diese Nihilisten sind mit ihrer kalten Kosten-Nutzen-Rechnung die Traumobjekte eines Wirtschaftswissenschaftlers. Springer und Figueras achten nur auf ihren Vorteil, schlängeln sich durch das Leben und, wenn sie dann einen Trieb befriedigen wollen, nehmen sie sich das gewünschte Objekt. Springer wechselt dafür seine Identität, wie andere ihre Unterwäsche wechseln. Ohne eine Sekunde nachzudenken und ohne es ihr zu sagen, verlässt er zuerst seine Jugendliebe, und später eine ihn respektierende Gemeinde. Figueras hat dagegen ein Ziel. Er will Amerikas bedeutendster Kunstkritiker werden. Dass er dafür Lügen, einen Diebstahl, eine Brandstiftung und einen Mord begehen muss, stört ihn nicht. Beiden Psychopathen ist der Unterschied zwischen Recht und Unrecht bewusst, aber herzlich egal.
Mit Willefords Büchern "Die schwarze Messe" und "Ketzerei in Orange" auf dem Nachttisch können Noir-Fans die Wintertage angenehm überstehen.
Charles Willeford:
Die schwarze Messe
Originaltitel: Honey Gal, 1958, später: The Black Mass of Brother Springer
(mit einem Nachwort von Ekkehard Knörer, übersetzt von Ango Laina und Angelika Müller)
pulp master 20
2005, 288 Seiten, 12,80 Euro
Bestellen bei amazon
Charles Willeford:
Ketzerei in Orange
Originaltitel: The burnt-orange heresy, 1971
Titel der deutschen Erstausgabe: Die Kunst des Tötens
(übersetzt von Rainer Schmidt, überarbeitet von Heinz Scheffelmeier)
pulp master 19
2005, 224 Seiten, 12,80 Euro
Bestellen bei amazon
Mehr Informationen:
Willeford bei den Alligatorpapieren
Willeford bei der Krimi-Couch
Willeford bei Mordlust
Willeford bei kaliber. 38
Willeford bei Wikipedia
Willeford bei Crime Corner