Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bussmer
Leichen im Paradies, verschwindende Himmelsscheiben und Horrortrips zu den dunklen Seiten Amerikas
Über das Debüt von Rita Hampp, Jan Zweyers neuesten Roman und Paul Werners Sachbuch über den Film Noir
Mit "Die Leiche im Paradies" legte die Journalistin Rita Hampp ein beachtliches Debüt vor.
Im beschaulichen Baden-Baden wird in der Wasserkunstanlage "Paradies" die Leiche von Trixi Völker gefunden. Die Polizeireporterin Lea Weidenbach fühlt sich schuldig an ihrem Tod. Immerhin hatte Völker sie kurz vor ihrem Tod angerufen und gesagt, sie habe die Beweise für den Mord an ihrem Onkel Horst Mennicke. Lea Weidenbach beginnt

den Mörder zu suchen. Ihre Ermittlungen führen sie zur Seniorenresidenz Imperial und den plötzlich eingesetzten Erben des vermögenden Mennicke. Weidenbach vermutet, dass Mennickes Erben Erbschleicher sind und Völker umbrachten.
Mal mit, mal gegen Kommissar Maximilian Gottlieb sucht Weidenbach den Mörder und die Hintermänner.
Aber Weidenbachs Verdächtige haben alle, wie die Polizei ermittelt, überprüfbare Alibis. Dagegen hat Trixi Völkers Ehemann die Polizei belogen. Er hat, wie Gottliebs Leute herausfinden, ein Motiv und die Gelegenheit. Für Gottlieb wird er zum Hauptverdächtigen.
Weidenbach versucht dessen Unschuld zu beweisen.
Bei ihren gesamten Recherchen unterstützt ihre Vermieterin Marie-Luise Campenhausen, Anfang siebzig und gebürtige Baden-Badenerin, die zugezogene Journalistin mit Rat und Tat. Immerhin ist Campenhausen begeisterte Leserin von Kriminalromanen und freut sich über etwas Abwechslung.
"Sie liebte vor allem die Bücher von Raymond Chandler, Georges Simenon, Patricia Highsmith, Dick Francis, Donna Leon, bis hin zu Patricia Cornwell, Ingrid Noll und ihrer geliebten Elizabeth George.", schreibt Hampp über ihre Miss Marple Marie-Luise Campenhausen und steckt damit auch das von ihr souverän bearbeitete literarische Terrain ab: ein Polizist, der gerne auf einer einsamen Bank sitzend sich immer wieder mit Wallander vergleicht, eine Vermieterin, die Miss Marple spielt, eine Journalistin auf der Suche nach der Wahrheit. Das alles ist nicht wirklich neu.
Aber "Die Leiche im Paradies" ist sauber konstruiert. Hampp wechselt ohne Längen zwischen den verschiedenen Handlungssträngen und fügt am Ende alles sinnvoll und überraschend zusammen. Es ist offensichtlich, dass Hampp ihre Vorbilder und verschiedene Bücher zum Schreiben von Geschichten genau studiert hat. Ebenso offensichtlich ist ihre jahrelange journalistische Arbeit. Sie weiß, was unbedingt in eine Story hinein gehört, was den Leser langweilen wird und wie Fakten sinnvoll eingebaut werden.
Schade nur, dass sie gleichzeitig etwas zu sehr die deutschen Fernsehkrimis studierte. Denn über weite Stecken wirkt "Die Leiche im Paradies" wie die Romanfassung eines guten Fernsehfilms.
Trotzdem: Rita Hampps "Die Leiche im Paradies" ist ein gelungenes Debüt, das für meinen Geschmack etwas zu cozy ist. Aber Baden-Baden ist auch sehr cozy.
Wesentlich grobschlächtiger ist dagegen Jan Zweyers zweiter Büsing-Roman zusammengezimmert. "Als der Himmel verschwand" liest sich flüssig weg. Aber wenn angefangen wird, über die Geschichte nachzudenken, erscheint die von Zweyer favorisierte Lösung mit der mächtigen, im Hintergrund die Fäden ziehenden Sekte nur als billige Ausrede für schlampiges Plotting.
Privatdetektiv Jean-Paul Büsing wird von der Versicherung AG beauftragt, die

unbezahlbare Himmelsscheibe von Nebra wieder zu beschaffen. Sie wurde aus dem Safe des Archäologischen Museums Florenz gestohlen. Büsing versucht mit den Artnappern in Kontakt zu treten. Gleichzeitig beginnt er – mehr auf ihr, als auf sein Bestreben hin – eine stürmische Liebesbeziehung mit Doktor Gianna Rossi, der Leiterin der im Museum geplanten Ausstellung über frühgermanische Astrologie. Nachdem Rossi und ihre Tochter spurlos verschwinden, versucht Büsing sie zu finden. Anscheinend wurden sie von den Artnappern entführt. Büsings beste Spur führt nach Regensburg zur halbseidenen Unternehmensberatung Stelade. Anscheinend ist sie nur die Tarnung für eine Sekte mit exzellenten Verbindungen.
Mehr soll jetzt nicht verraten werden. Aber wenn wir das Buch thematisch durchgehen, geht es Jan Zweyer zuerst um einen gewöhnlichen Kunstdiebstahl (eigentlich das Buch, das ich nach dem Klappentext erwartete), dann eine typische Noir-Liebesgeschichte (wenn eine 35-jährige einen 50-jährigen anbaggert, dann will sie in einem Krimi etwas höchst unmoralisches von ihm), dann eine doppelte Entführungsgeschichte (die sich aufgrund der späteren Story in Luft auflöst), und letztendlich eine mindestens binational agierende Sekte (die Überraschung). Da sind wir dann bei den weltumspannenden Geheimbünden, die im Hintergrund die Fäden ziehen und deren Existenz noch nie bewiesen werden konnte (ich sage nur Illuminaten).
Nach den, den einzelnen Teilen des Buches vorangestellten, Zitaten geht es Zweyer auch um die Gepflogenheiten von Unternehmensberatungen. Dummerweise haben Unternehmensberatungen in einer Geschichte über Kunstdiebstahl wenig zu suchen. Und bei Sekten und Geheimbünden sieht es nicht viel besser aus.
Das klingt jetzt nach einem veritablen Chaos, das immerhin beim Lesen nicht auffällt. Erst nach dem Zuklappen des Buches.
Bereits beim Lesen fällt der unglaublich hohe Alkoholkonsum von Jan Zweyers Held Büsing auf. Ständig trinkt er. Ohne Probleme trinkt er an einem Abend eine Flasche Wein. Von drei Flaschen Wein hat er am nächsten Tag einige Anlaufschwierigkeiten. Dagegen ist Philip Marlowe ein knallharter Abstinenzler.
Wenn "Die Leiche im Paradies" an einen guten Fernsehkrimi erinnert, erinnert "Als der Himmel verschwand" an ein krudes Genrewerk, das am Besten bei weitgehend ausgeschaltetem Gehirn konsumiert werden sollte.
- "Ein Noir-Held weiß keinen Ausweg, hat keine Wahl und ist dem ausgeliefert, was das Schicksal für ihn parat hat. Die Leute fühlen sich vom Noir so angezogen, weil er Teil ihres täglichen Lebens ist. Immer wieder zwingen uns unsere Lebensumstände dazu, Dinge zu tun, die wir lieber nicht täten."
(Eugenio Zanetti, Production Designer, Regisseur, Autor)
Paul Werner aktualisierte zum wiederholten Mal sein Standardwerk über den Film Noir.

Inzwischen umfasst "Film noir und Neo-Noir" nicht nur den klassischen Film Noir, sondern auch die Weiterentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte. Das Buch unterteilt sich in eine lange Abhandlung über den Film Noir (die bereits in der ersten Auflage 1985, damals noch in der inzwischen eingestellten Reihe "Fischer Cinema", veröffentlicht wurde) und einem kürzeren über den Neo-Noir. Paul Werner unterteilt den Neo-Noir in die Phasen der Nostalgie (1960er und 70er), Renaissance (1980er), Ironie (1990er) und Exzess (ab 2000). Dabei zieht er in diesen, neuen Kapiteln einerseits die großen Entwicklungslinien der vergangenen Jahre nach und bewertet die zahlreichen Neo-Noirs kurz und treffend.

Abgerundet wird "Film noir und Neo-Noir" von zwei ausführlichen Filmografien – einer kommentierten über den Film noir, einer nicht kommentierten über den Neo-Noir –, Literaturverzeichnis und einem Register.
"Film noir und Neo-Noir" bietet einen umfassenden und fundierten Überblick über diese düsteren und einflussreichen Krimidramen aus der Traumfabrik.
Obwohl es etliche Noir-Fans gibt und die angloamerikanische Literatur dazu inzwischen sehr umfassend ist, sind in Deutschland kaum Bücher zum Film noir und dem Neo-Nor erhältlich. Damit ist das inzwischen in der fünften Auflage veröffentlicht Werk für Noir-Fans ein Pflichtkauf.
Rita Hampp:
Die Leiche im Paradies
Emons Verlag,
2005, 256 Seiten, 9,00 Euro
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Lesung: 26. Oktober, 20.00 Uhr, Buchhandlung Roth, Hauptstraße 45, Oldenburg
Jan Zweyer:
Als der Himmel verschwand
grafit Verlag,
2005, 256 Seiten, 8,95 Euro
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www.jan-zweyer.de
Paul Werner:
Film Noir und Neo-Noir
(Fünfte aktualisierte und erweiterte Auflage)
Vertigo Verlag,
2005, 336 Seiten, 25,00 Euro
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Erstausgabe:
Film Noir – Die Schattenspiele der 'schwarzen Serie'
Fischer Cinema
1985, 224 Seiten
www.neo-noir.de