Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bussmer
Mord und Totschlag in Deutschland
Acht Männer und eine Alibifrau benehmen sich schlecht
Wie ist die erste Ernte des diesjährigen deutschsprachigen Krimiherbstes?
Durchwachsen. Es gibt einige gute Werke, ein grottenschlechtes und vieles, das in dieser Form eigentlich nicht hätte gedruckt werden dürfen, weil letztendlich die Geschichte falsch aufgebaut wurde. Die absehbare Folge ist Desinteresse an der Geschichte, den Charakteren, dem Ende und Wut über die verplemperte Zeit.
Dabei sind die grundsätzlichen Regeln, nach denen nachher die Bücher bewertet werden, doch nicht so schwer. Für eine gelungene Geschichte brauchen wir einen Helden, der ein bestimmtes Ziel erreichen will. Dabei stößt er immer wieder auf Hindernisse. Diese Hindernisse sind immer schwerer zu überwinden. Denn er hat mächtige Gegner. In einer Detektivgeschichte will der Held den Mörder fangen. Dabei verfolgt er eine Spur nach der nächsten. Die neue Spur ergibt sich dabei folgerichtig aus seinen vorherigen Ermittlungen.
Wenn der Konflikt zwischen dem Helden und seinem Gegner klar ist – und er sollte möglichst früh aufgezeigt werden – können wir mit dem Helden mitfiebern, weil wir wissen, was er in dieser Geschichte erreichen will. Außerdem weiß der Autor, welche Teile in die Geschichte gehören und welche nicht.
Die Lösung sollte aufgrund der vorherigen Ereignisse befriedigen. Deshalb werden Zufälle und plötzliche Einfälle des Detektivs, wenn sie ein bestimmtes Maß übersteigen, abgelehnt. Ebenso darf der Autor nicht gegen die von ihm selbst aufgestellten Regeln verstoßen. Das bedeutet bei Detektivgeschichten, dass ein Polizist anders als ein Privatdetektiv, eine alte Frau oder ein Einbrecher ermittelt. Außerdem hat jeder dieser Ermittler eine andere Motivation für ihre Suche nach dem Mörder.
Auch wenn auf den ersten Blick von dieser Struktur abgewichen wird, ist sie auf den zweiten Blick genau so wieder vorhanden. Jedenfalls wenn das Buch, der Film oder das Theaterstück über viele Jahre erfolgreich sind.
Sehen wir uns drei allgemein bekannte Filme an.
Jeder James Bond-Film ist nach diesem Prinzip aufgebaut: der Bösewicht begeht eine Straftat. James Bond soll ihn schnappen. Sie liefern sich einige kleinere Gefechte. Einige von Bonds Helfern sterben, damit wir sehen, wie böse der Bösewicht ist. Dann gibt es die große Schlussschlacht, bei der alles zerdeppert und, am Ende der Schlacht, der Bösewicht von Bond umgebracht wird. Immer gleich, immer wieder schön zu sehen.
Oder "Dirty Harry". In den ersten Filmminuten bringt der Heckenschütze Scorpio eine Frau um. Dirty Harry erhält den Fall. Dann folgen mehrere Szenen, in denen gezeigt wird, wie Dirty

Harrys Einstellung zu Verbrechern ist. Sie erinnern sich an das Gespräch mit dem Bürgermeister? Dem Selbstmörder? Seine Abneigung gegen seinen neuen Partner? Danach folgen einige Zusammenstöße zwischen Dirty Harry und dem Killer. Dabei wird die Situation für Dirty Harry immer ungemütlicher. Er wird sogar suspendiert. In der letzten Szene erschießt er den Killer. Jetzt stellen Sie sich vor, Regisseur Don Siegel hätte uns zuerst die vielen Szenen präsentiert, in denen Dirty Harry vorgestellt wird und den Mord von Scorpio erst eine halbe Stunde nach Filmbeginn gezeigt. Wahrscheinlich hätten Sie bis dahin schon lange das Kino verlassen.
Oder nehmen wir die Joseph Conrad-Verfilmung "Apocalypse Now". Am Anfang erhält Captain Willard den Auftrag Colonel Kurtz zu finden und zu töten. Der gesamte Film schildert die Reise von Willard zu Kurtz. Jetzt stellen Sie sich vor, Regisseur Francis Ford Coppola hätte sein Material anders angeordnet: Willard erhält seinen Auftrag. Nächstes Bild: Willard erledigt seinen Auftrag. Und ab dann folgen die allseits bekannten Episoden. Wahrscheinlich würden Sie nach einer halben Stunde das Kino verlassen, weil bereits alles Wichtige gesagt wurde.
Alle diese Filme wurden Klassiker, weil sie in den ersten Minuten den grundlegenden Konflikt zwischen dem Helden und seinem Gegner präsentieren und diesen erst in der letzten Minute auflösen.
Das ist die Theorie. Demnächst wird es sogar eine Spurensuche geben, die sich nur mit dem Erzählen von Geschichten beschäftigt. Die Praxis ist allerdings – wie immer – schwierig.
Wirklich überzeugen konnten nur die Werke von Horst Eckert und Frank Göhre, der sich mit seinem neuesten Roman "Zappas letzter Hit" weit von den gängigen Krimikonventionen entfernt und ein bitterböses Porträt seiner Heimatstadt Hamburg zeichnet.
Leo P. Ard lieferte mit "Der letzte Bissen" einen flott zu lesenden Krimi, bei dem allerdings Möglichkeiten zugunsten einer massentauglichen Fernsehdramaturgie verschenkt wurden.
Die meisten anderen wichen, zu ihrem Nachteil, mehr oder weniger stark von diesem Modell ab. Und nur auf dieses Modell eines Helden, der ein Ziel gegen Widerstände erreichen will, konzentrieren wir uns im Folgenden. Andere Komponenten, wie dreidimensionalen Charaktere und die Sprache, beachten wir kaum. Ein Sonderfall ist Norbert Klugmann. Seine möglicherweise vorhandenen Qualitäten blieben mir vollkommen verborgen.
Norbert Klugmann: Kabinettstück

Vor ungefähr zwanzig Jahren habe ich ein Buch von Norbert Klugmann und Peter Mathews gelesen. Es war ein überdrehter Krimi, über den ich nicht lachen konnte. Jetzt machte ich mit Norbert Klugmanns drittem Marchese-Roman "Kabinettstück" einen zweiten Versuch – und wurde wieder enttäuscht. Wieder konnte ich mit Klugmanns Humor nichts anfangen. Wieder war der Text ein einziges unlesbares Chaos, aus dem nur mit viel gutem Willen eine Geschichte herausdestilliert werden kann.
Sie geht ungefähr so: Der bekannte Weinkenner Marchese fährt mit Kai-Uwe Kranich zum Weingut der Feders. Kranich will für ein Konsortium in das Weingut Feder investieren. Der Marchese will als Vermittler zum erfolgreichen Abschluss beitragen. Als sie ankommen, ist gerade Sophia Feder gestorben. Ihr Mann Ewald trauert. Der Sohn des Winzerpaares, Maik Feder, möchte dennoch das Angebot von Kranich annehmen. Der Vater ist dagegen. Am nächsten Morgen wird er erhängt in der Scheune gefunden. Weil die für einen Selbstmord nötige Leiter fehlt, spricht alles für einen von einem ausgesprochen doofen Mörder ausgeführten Mord. Am verdächtigsten ist der Sohn. Der Marchese will Maiks Unschuld beweisen.
Zur gleichen Zeit geraten in Lübeck Freunde des Marcheses unter Mordverdacht. Sie sollen einen Weinhändler umgebracht haben.
Daraus könnte ein spannender Krimi entstehen. Zwei Morde im Weinmilieu. Dunkle Geschäfte, bei denen wahrscheinlich die Mafia beteiligt ist und ein Held, bei dem unklar ist, auf welcher Seite des Gesetzes er steht. Allerdings hat Norbert Klugmann überhaupt kein Interesse an einem auch nur halbwegs stringenten Plot und glaubwürdigen Charakteren. Viel lieber verschweigt er ihre Motivationen und lässt uns Leser im Dunkeln tappen. Er springt zwischen den verschiedenen Erzählsträngen hin und her, zählt unwichtige Details auf, und am Ende gibt es, auch nach den hastig herbeigeführten Präsentationen der Täter in Lübeck und in Rheinhessen, mehr Fragen als Antworten. Spannend wird es nie. Die Absichten des Autors – ich denke, er wollte einen satirischen Krimi schreiben – blieben mir verborgen.
Das ganze wird in einem höflich formuliert gewöhnungsbedürftigem Deutsch präsentiert, bei dem ich nie lachen konnte, aber oft redigieren wollte.
"Kabinettstück" ist ein einziges zähes Chaos, bei dem nichts stimmt. Deshalb war das mein zweiter und letzter Klugmann.
Leo P. Ard: Der letzte Bissen
Ebenfalls auf dem Feld des mit Humor gewürzten Kriminalromans, allerdings wesentlich überzeugender, bewegt sich Leo P. Ard mit seinem neuesten Buch "Der letzte Bissen".
In naher Zukunft ist in Europa, nach mehreren Lebensmittelskandalen, das Essen von Fleisch verboten. Wie bei jeder Prohibition gibt es einen blühenden Schwarzmarkt. Günther Wollweber

beherrscht den Fleischmarkt. In einem Berliner Luxusrestaurant verkauft er in den Hinterzimmern zu astronomischen Preisen Fleisch. Seit kurzem versucht der Bergmann den Fleischmarkt zu übernehmen. Dabei ist er nicht zimperlich. Zwei strafversetzte Polizisten geraten zwischen die Fronten. Die überzeugte Vegetarierin Sarah Kutah und der Fleischesser Bastian Bennecke wollen Wollweber verhaften und sich so rehabilitieren. Bei ihren Ermittlungen müssen sich die zwei gegensätzlichen Polizisten zusammenraufen.
Das Setting von "Der letzte Bissen" bietet als negative Zukunftsutopie Raum für zahlreiche satirische Spitzen gegen unsere heutige Gesellschaft. Große Science-Fiction-Autoren, wie Philip K. Dick, Norman Spinrad, Ray Bradbury, Thomas Disch, Joe Haldeman und Robert Sheckley, und Romanciers, wie George Orwell, Aldous Huxley, Gore Vidal, Kurt Vonnegut und Margaret Atwood, spielten gerne mit Utopien und Parallelwelten, in denen mit der Gegenwart abgerechnet wurde. Das ist allerdings nicht Leo P. Ards Absicht. Er benutzt die Utopie nur als Folie für einige Witze über überzeugte Fleischesser.
Die Geschichte selbst wirkt wie die Vorlage für den "Großen Sat.1-Film", bei dem alles nach Schema F verläuft und immer fürchterlich ausgewogen ist. Da gibt es zwei gleichberechtigte Polizisten, die im Verlauf der Geschichte zu Freunden werden, böse Verbrecher, Kämpfe in der Unterwelt, viel Action und etwas Liebe. Allerdings ist die Handlung so banal, dass sie nicht weiter im Gedächtnis haften bleibt.
Trotzdem ist "Der letzte Bissen", wenn einen nicht einige ungelöste Fragen (Warum musste Grieser im ersten Kapitel sterben?), ein eher schlecht motiviertes Ermittlerpaar (sie stolpern mehr in ihren Kampf gegen den Fleischpaten) und eindimensionalen Figuren stören, ein unterhaltsames Buch für einen sonnigen Herbsttag.
Das ist mehr, als von den nächsten Werken behauptet werden kann.
Bernd Franzinger: Bombenstimmung
Kommissar Wolfram Tannenbergs sechster Fall beginnt furios. Während einer Quizshow ruft ein Erpresser an. Er will den Hauptgewinn von 10 Millionen Euro haben. Wenn er ihn nicht bekommt, wird er die vollbesetzte Fruchthalle in die Luft jagen. Als Beweis für seine ernsten Absichten

jagt er die beiden Plastiken vor der Pfalzgalerie in die Luft. Bei der Explosion stirbt der Landtagsabgeordnete Dr. Winkelmann, ein innenpolitischer Hardliner. Kurz danach erfährt Tannenberg von der Erpressung. Weil seine Familie zu den Geiseln gehört, hat Tannenberg ein besonderes Interesse an einer unblutigen Geiselbefreiung.
Die ersten Seiten von Franzingers "Bombenstimmung" versprechen eine "Stirb langsam"-Variante im beschaulichen Kaiserslautern. Bei dem hochemotionalen Konflikt zwischen einem Polizisten, der das Leben von vielen Menschen retten will, und einem skrupellosen Verbrecher, der für etwas Geld Unschuldige vor einem Millionenpublikum umbringen will, sind – wenn der Autor sich nur mit diesem Konflikt beschäftigt – einige spannende Stunden garantiert.
Allerdings ist Franzinger dieser Konflikt egal. Bereits in der Mitte des Buches hat Tannenberg ohne Probleme die Geisel befreit. Aus einem emotionalen Konflikt wird ein intellektuelles Wer-war-der-Täter-Suchspiel. Das ist dann eine ziemlich langweilige, sich weit über 150 Seiten streckende Angelegenheit, bei der die gesamte Dramatik einer Geiselbefreiung fehlt. Denn was ist die Verhaftung eines Verbrechers gegen die Rettung von vielen Menschen?
Aber auch in der ersten Hälfte steht die Erpressung und Tannenbergs Rettungsaktion nicht im Vordergrund. Im ersten Viertel des Buches wird ausführlich von einem Koi-Diebstahl und Tannenbergs lustlosen Ermittlungen vor der Geiselnahme erzählt. Wer jetzt glaubt, dass der Diebstahl der Kois, die Ermordung des Politikers und die Geiselnahme miteinander zusammenhängen irrt sich. Nach der Erpressung verschwinden die Kois für über 200 Seiten aus der Geschichte. Am Ende des Buches wird in einem Satz gesagt, ein Spaziergänger habe sie gefunden.
Es ist erschütternd wie wenig Bernd Franzinger aus seiner Ausgangssituation macht.
Manfred Enderle: Nachtwanderer
Das Debüt des Pilzexperten Manfred Enderle beginnt angenehm bescheiden. Er bezeichnet sein Buch als kriminalistischen Roman. Auf den ersten Seiten von "Nachtwanderer" begegnen wir dem fast fünfzigjährigen Naturfreund Thomas Graun. Bis vor kurzem war er glücklich verheiratet. Dann verließ ihn seine Frau Marlene plötzlich und zog zu Fenske. Graun will seinen Nebenbuhler

umbringen. In einer Pilzzeitschrift liest er einen Artikel über den kürzlich auch in deutschen Wäldern entdeckten Pilz
Cortinarius necator. Sein Gift kann nicht nachgewiesen werden. Für Graun ist dies die ideale Mordwaffe.
Genau in diesem Moment, auf Seite 39, bricht die Geschichte ein. Denn Graun verfolgt auf den nun folgenden fast 200 Seiten seinen perfiden Mordplan nicht weiter, sondern beginnt Fenske mit kleineren Anschlägen zu terrorisieren. Er setzt Spinnen und Schlangen bei Fenske aus. Er sät Unkraut. Undsoweiter. Bei jedem dieser Taten kann Graun entdeckt werden.
Graun verliert so sein Ziel Fenske umzubringen aus den Augen. Denn mit dem Fassen des Mordplanes setzte Enderle einen hochdramatischen Konflikt und wir wollen erfahren, wie Graun seinen Plan umsetzt. Aber stattdessen verirren wir uns auf wenig spannende Nebenkriegsschauplätze.
Gleichzeitig braucht unser Held ein Opfer, das sich gegen die Pläne des Helden wehrt. Aber Fenske unternimmt nichts gegen Grauns Anschläge. Alternativ könnten Freunde und Bekannte des Helden versuchen, unseren Helden von seinem Plan abzubringen. Aber auch hier tritt niemand auf. Sogar Graun selbst fragt sich niemals, ob er mit seinem Mordplan das richtige Ziel verfolgt.
Graun hat bei seinem Psychoterror gegen Fenske und seine Frau keinen erkennbaren Gegner. Damit gibt es letztendlich keinen Kampf zwischen dem Helden und seinem Gegner.
Dabei hätte aus "Nachwanderer" schon mit wenigen Änderungen ein besseres Buch werden können. Wenn Graun seinen Mordplan erst gegen Ende des Buches als letzte Möglichkeit seine Frau zurückzugewinnen gefasst hätte, dann hätte Graun vorher mit immer drastischeren Mitteln versucht, sein Ziel zu erreichen, bis ihm nur noch eine Möglichkeit bleibt.
Aber so ist "Nachtwanderer" einfach zu lang. Als Kurzgeschichte oder auch als Novelle könnte Enderles Erstling eine gute Lektüre sein.
Wimmer Wilkenloh: Feuermal
Mit seinem zweiten Jan Swensen-Roman "Feuermal" legt Wimmer Wilkenloh einen langatmigen Roman zum Terrorismus nach dem 11. September 2001 vor. Jedenfalls irgendwie.

"Feuermal" ist einer der Romane, der keinen richtigen Anfang und damit auch kein richtiges Ende hat, weil immer unklar ist, welche Geschichte erzählt wird. Der Autor ertrinkt in seinem Material. Er hat keine Ahnung, wer seine Hauptperson ist, was der grundlegende Konflikt in seinem Werk ist und wie dieser Konflikt gelöst werden soll. Eine sinnvolle Zusammenfassung der Geschichte ist kaum noch möglich.
Versuchen wir es, ohne das Ende zu verraten, einmal: Wenige Tage nach dem 11. September 2001 wird in Husum eine abgeschlagene Hand in das türkische Kulturzentrum geworfen. Kommissar Jan Swensen und sein Team beginnen mit den Ermittlungen. Als erstes wollen sie den zur Hand gehörenden Körper finden. Aber sie finden ihn nicht.
Bereits am 7. September wurde der Tunesier Habib Hafside von Unbekannten entführt. Er hat keine Ahnung, warum er entführt wurde. In der Nacht zum 3. Oktober kann er aus seinem Gefängnis flüchten. Seine Entführer bringen ihn in einem Regionalzug um. Kommissar Swensen findet heraus, dass Hafside bei einer Kieler U-Boot-Werft als Ingenieur arbeitete und als zuverlässiger Mitarbeiter galt. Aber Swensen hat keine Ahnung, warum Hafside sterben musste. Und er weiß nicht, ob die beiden Taten miteinander zusammenhängen.
In diesem Moment haben wir mehr als die Hälfte des Buches gelesen und wissen auch nicht mehr als Kommissar Swensen.
Dafür ufert "Feuermal" an allen Ecken aus. Alles ist wichtig. Alles kann erzählt werden. Fast keine Szene ist dramatisch. Eine Geschichte wird nie wirklich erkennbar. So erfahren wir über sieben Seiten alles über das bisherige Leben des früheren Pfarrers Alfred Hagedorn. Dabei hat er nur eine Aufgabe für die Geschichte: er entdeckt eine Leiche. Mehr nicht. So füllt Wilkenloh über 400 Seiten. Er springt über die halbe Welt durch die Jahrzehnte zu den politischen Krisenherden. Er führt umständlich Personen, die nach wenigen Seiten ihre Aufgabe für die Geschichte erfüllt haben, mit ihrer gesamten Biographie ein. Er lässt Swensen über 9/11 und die US-amerikanische Außenpolitik philosphieren. Dabei ist Swensen zwar einerseits von dem Anschlag emotional sehr betroffen, kann nicht mehr schlafen, kauft sich Bücher über den Islam und hat Angst vor einem neuen Krieg, aber andererseits schließt er – was nicht sehr glaubwürdig ist – bei seinen Ermittlungen einen terroristischen Hintergrund kategorisch aus.
Letztendlich zieht sich "Feuermal" mit seinem unklaren Anfang, der je nach Lesart zwischen Seite 24 (der Entführung von Hafside), Seite 54 (die Hand fliegt in das Kulturzentrum), Seite 130 (Hafside wird ermordet) oder Seite 186 (die zur Hand gehörende Leiche wird gefunden) liegt, seinen zahlreichen langweiligen Szenen, der fehlenden Struktur und dem unbefriedigendem Ende, das je nach Lesart zwischen Seite 370 (Swensen verhindert einen Anschlag), Seite 401 (Swensen letztem Auftritt) und Seite 418 (dem Ende des Buches) liegt, wie Kaugummi.
Wolfgang Burger: Ausgelöscht
Das Problem von unklarem Anfang und Ende hat Wolfgang Burgers neuester Kommissar Petzold-Krimi nicht. Gleich auf der ersten Seite von "Ausgelöscht" wird eine Frau hinterrücks erstochen. Für Kommissar Petzold und sein Team ist der Fall eine harte Nuss. Denn zur Tatzeit, zwölf Uhr

mittags, wimmelte es auf dem Karlsruher Marktplatz von Menschen. Diese Zeugen haben allerdings alle die Tat nicht, aber zwei verdächtige Männer, gesehen. Auffallend ist bei dem Mord auch die symbolische Bedeutung von Uhrzeit, Tatort, der schwarzen Kleidung des Opfers Laura Balin und vor dem Mord rief jemand Lacrima. Bei ihren Ermittlungen finden die Polizisten schnell heraus, dass Balin zahlreiche Männerbekanntschaften hatte. Nach zwei bis drei Monaten beendete sie abrupt die Beziehung. Petzold glaubt, dass einer ihrer früheren Liebhaber sie umgebracht hat.
"Ausgelöscht" gehört, wie Leo P. Ards "Der letzte Bissen" zu den Büchern, die während der Lektüre angenehm unterhalten aber danach nicht weiter im Gedächtnis bleiben.
Dazu tragen die farblosen Charaktere bei. Was hätte nicht alles aus dem Opfer gemacht werden können. Und aus ihren zahlreichen abgelegten Liebhabern. Aber Petzolds Hauptverdächtiger über weite Strecken des Buches, der verheiratete Müßiggänger Hank Böhmecke, gibt nie einen glaubhaften Mörder ab.
Richtig ärgerlich sind bei "Ausgelöscht" dann die letzten Seiten. Zuerst besorgt sich der Kommissar illegal eine DNS-Probe. Danach bittet eine Kollegin von ihm eine Gruppe ehemaliger Stasi-Offiziere den Mörder zu inhaftieren, bis sie die für eine Anklage notwendigen Beweise gefunden haben.
Am Ende wird der Täter mit einer DNS-Analyse überführt. Das ist eine ziemlich langweilige Methode. Denn warum brauche ich einen Kommissar, der die Verdächtigen verhört und so herausfindet, wer der Mörder war, wenn ein simples "Mund auf, Stäbchen rein" auch zum Erfolg führt?
Ebenso ärgerlich ist, dass die Polizisten – ohne dass sie es wirklich müssten – zu illegalen Methoden greifen und so eine spätere Verurteilung des Mörders gefährden. Sie könnten sich, wie es Polizisten in einem Rechtsstaat tun müssen, von einem Richter einen entsprechenden Beschluss geben lassen. Mit diesem Schritt in die Illegalität verändert Burger aus reiner Bequemlichkeit die Spielregeln nach der Devise "legal – illegal – scheißegal". Es macht aber keinen Spaß mit jemand zu spielen der, wenn er vielleicht nicht mehr gewinnt, einfach die Spielregeln zu seinem Vorteil ändert. Das tolerieren wir bei Kindern, aber schon Teenagern werden dafür bestraft.
Regula Venske: Mord im Lustspielhaus
Ein Problem von Regula Venskes "Mord im Lustspielhaus" ist die Länge. Die 64-seitige Erzählung

wurde in der von Volker Albers herausgegebenen Reihe "Kaliber .64" veröffentlicht. Horst Eckert und Frank Göhre schrieben ebenfalls "Kaliber .64"-Geschichten. Sie alle haben, was den Namen erklärt, 64 Seiten.
Regula Venske erzählt von dem DDR-Kabarettisten Lutz Anklam, der drei Tage im Hamburger Lustspielhaus gastiert. Auf seinem Programm steht eine Abrechnung mit seiner DDR-Vergangenheit. Dummerweise wollen einige alte Freunde ein Wörtchen mitreden. Das Lustspielhaus wird zum Tatort.
Wie bei "Feuermal" ist auch hier das Verhältnis zwischen Hauptfigur, seinem Gegner und den Nebenfiguren unklar. Denn Anklams frühere Geliebte, die Schauspielerin Susanne Depta, ist bis zu ihrem Tod auf Seite 50 die Gegenspielerin zu Anklam. Mit der früher erfolgreichen, heute verarmten Schauspielerin kann sich identifiziert werden. Sie verriet ihren Freund Anklam an die Stasi und hat jetzt Angst, dass er sie für ihren Verrat bestrafen will.
Aber neben der alkoholsüchtigen Schauspielerin lässt Regula Venske zahlreiche weitere Charaktere auftreten, die letztendlich bei dem "Mord im Lustspielhaus" keine wichtige Rolle spielen. Dazu gehört Anklams Gastgeberin, die Schriftstellerin Marthe Flachsmann, die auf den ersten Seiten episch eingeführt wird, um später einfach aus der Geschichte zu verschwinden. Andere, für das Ende wichtige Charaktere, werden dagegen erst zu spät eingeführt.
Weil bei "Mord im Lustspielhaus" einige Erzählstränge nicht miteinander verknüpft werden, ist die Geschichte trotz ihrer Kürze zu lang geraten.
Horst Eckert: Der Absprung
Tom Giering ist mit ganzem Herzen SEKler. Einen anderen Job kann er sich nicht vorstellen.

Seine schlechten Leistungen beim Training und das Zittern seiner Hand schiebt er auf den Scheidungsstress. Er lebt nur noch für die wenigen sonntäglichen Stunden mit seinem Sohn Dani.
Während eines Einsatzes erschießt Giering einen jüngeren Kollegen. Danach diagnostiziert der Arzt bei ihm Parkinson im Anfangsstadium. Damit ist auch Gierings SEK-Karriere zu Ende. Er erhält einen Bürojob. Als er von einer neuen Behandlungsmethode erfährt, reift in ihm der Plan, einen Geldtransporter mit Euro-Scheinen zu überfallen und mit Dani in ein besseres Leben zu flüchten.
Ihnen kommt die Geschichte bekannt vor? Dann gehören Sie zu den Fans von Horst Eckert. Denn vor fünf Jahren erschien "Der Absprung" bereits in einer kürzeren Fassung als "Der geniale Zetteltrick" in der "Literarischen Welt". Damals hieß Tom Giering noch Leo Köster. Dennoch ist die längere Fassung kein schlapper Aufguss einer alten Geschichte, sondern eine kunstvoll erweiterte Version. Einige Schwerpunkte werden anders gesetzt. Der Held Tom Giering hat eine Affäre und sein Wunsch nach einem neuen Leben wird detaillierter aufgezeichnet.
"Der Absprung" ist ein echter Eckert, der die Zeit bis zu seinem nächsten Polizei-Thriller angenehm verkürzt.
Frank Göhre: Der letzte Freier
Frank Göhre: Zappas letzter Hit
In den vergangenen Tagen erschienen von Frank Göhre zwei neue Werke. "Der letzte Freier" ist ein Kurzkrimi für die "Kaliber .64"-Reihe. "Zappas letzter Hit" setzt Göhres St. Pauli-Trilogie

fort. Beide Geschichten spielen in Hamburg. Beide behandeln ähnliche Themen. Und in beiden treffen wir auf Kommissar Jörg Fedder.
In "Der letzte Freier" peitscht Frank Göhre seine Charaktere in 64 Kapiteln durch eine Nacht in Hamburg. Streng nach dem Reihenmotto "64 Seiten und fertig".
Die Prostituierte Tanja wird ermordet. Kommissar Jörg Fedder und seine Kollegin Karin Neuenfels sollen den Fall klären. Sie beginnen ihre letzten Stunden zu rekonstruieren. Auf ihrer Jagd nach dem Täter entsteht ein Panorama menschlicher Bedürfnisse, von Neid, Gier, Sex und sexueller Frustration.
Das alles gibt es in seinem neuesten Roman "Zappas letzter Hit" in noch größeren Portionen. Aus einer Nacht wird die Chronik des für Hamburg und Deutschland aufregenden Jahres 2002.
Göhre setzt mit "Zappas letzter Hit" seine hochgelobte und erfolgreiche St. Pauli-Trilogie fort. Zwischen 1986 und 1991 veröffentlichte Frank Göhre drei Romane über den Kampf zwischen Polizei und Organisiertem Verbrechen in Hamburg. "Der Schrei des Schmetterlings" (1986), "Der Tod des Samurai" (1989) und "Der Tanz des Skorpions" (1991) waren die Titel. Der Prolog in "Zappas letzter Hit" ist sogar wortwörtlich aus dem abschließenden Band der Trilogie, "Der Tanz des Skorpions", übernommen.
Damals, im November 1990, tötete der inhaftierte St. Pauli Killer Karl "Zappa" Weber zuerst seine Frau Renate und dann sich. Elf Jahre später kehrt seine Tochter Julie zurück nach Hamburg. Sie will den Tod ihres Vaters rächen. Dafür benötigt sie Zappas Testament. In ihm schrieb Zappa das auf, was er damals vor Gericht verschwieg und das, wenn es öffentlich würde, etliche Karrieren zerstören würde. In ihr Spiel werden die damals ermittelnden Polizisten Jörg Fedder, Jan Broszinski und Peter "Pit" Gottschalk verwickelt. Gottschalk betreibt inzwischen das Gourmetrestaurant Paulsen und stellt ohne sein Wissen die Tochter des Killers ein. Jan Broszinski versucht sich als Künstler und muss seine Freundin mit dem rechtslastigen Innensenator Wilhelm Heinrich Henning teilen.

Nur Jörg Fedder ist immer noch bei der Polizei. Sein neuester Fall ist der wahrscheinliche Unfalltod von Zappas Verteidigerin und Geliebten Angelika Garbers-Altmann. Schnell konzentriert sich seine Polizeiarbeit auf die Suche nach dem Mann, der seine Tochter lebensgefährlich verletzte und vom Unfallort flüchtete.
Insgesamt erzählt Göhre einen Fiebertraum über seine Heimatstadt Hamburg kurz nach der Jahrtausendwende. Es ist ein düsteres Sittengemälde über die Veränderungen der Organisierten Kriminalität. Während früher die Fronten zwischen Verbrechern und Polizisten noch halbwegs sichtbar waren, gibt es diese heute nicht mehr. Das alte St. Pauli ist tot. Das Verbrechen hat sich globalisiert. Es werden Telefonate geführt und E-Mails in die USA geschickt, damit den Hamburger Hell's Angels gesagt wird, was sie zu tun haben.
Es geht, wie immer bei Frank Göhre, um Sex und sexuelle Frustration aus männlicher Perspektive. Seine Helden sind alleinstehende Männer, auf der Suche nach einer Frau. Weitere Ziele haben sie nicht. Jedenfalls nicht wirklich. Sie haben oft eine Erektion. Frauen sind für sie nur ein Mittel zur Triebabfuhr. Gewalt eine Möglichkeit Probleme zu lösen. "Zappas letzter Hit" ist eine düstere Männerfantasie, bei der die Männer die schlechten Karten haben.
Frank Göhre zeichnet in kargen Worten ein tiefschwarzes Porträt der Hamburger Gesellschaft und ihrem Tanz auf dem Vulkan. Seine furiose Fortsetzung der St. Pauli-Chronik "Zappas letzter Hit" ist kein Buch für die breite Masse. Aber es ist ein eindrucksvolles Beispiel, wozu Literatur fähig ist.
Links & Bibliographie:
Norbert Klugmann:
Kabinettstück
Gmeiner Verlag, 2006
336 Seiten, 9.90 Euro
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Leo P. Ard:
Der letzte Bissen
Grafit Verlag, 2006
288 Seiten, 9.50 Euro
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Bernd Franzinger:
Bombenstimmung
Gmeiner Verlag, 2006
336 Seiten, 9.90 Seiten
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Manfred Enderle:
Nachtwanderer
Gmeiner Verlag, 2006
288 Seiten, 9.90 Euro
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Homepage:
www.manfred-enderle.de/
Wimmer Wilkenloh:
Feuermal
Gmeiner Verlag, 2006
432 Seiten, 9.90 Euro
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Wolfgang Burger:
Ausgelöscht
Emons, 2006
240 Seiten, 9 Euro
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Homepage:
www.wolfgang-burger.com/
Regula Venske:
Mord im Lustspielhaus
Edition Nautilus – Kaliber .64, 2006
64 Seiten, 4.90 Euro
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Homepage:
http://www.regulavenske.de/
Horst Eckert:
Der Absprung
Edition Nautilus – Kaliber .64, 2006
64 Seiten, 4.90 Euro
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Homepage:
www.horsteckert.de
Ein Interview zu "Der Absprung":
www.horsteckert.de
Frank Göhre:
Der letzte Freier
Edition Nautilus – Kaliber .64, 2006
64 Seiten, 4.90 Euro
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Frank Göhre:
Zappas letzter Hit
Pendragon Verlag, 2006
240 Seiten, 9.90 Euro
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St. Pauli-Trilogie:
Der Schrei des Schmetterlings, 1986
Der Tod des Samurai, 1989
Der Tanz des Skorpions, 1991