Die Alligatorpapiere



Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bussmer



Mord und Totschlag in Deutschland - Teil II

Vier Serientäter, ein Einzelwerk, eine Neuauflage und eine Sammlung von Kurzgeschichten

Die zweite Lieferung deutschsprachiger Krimis ist besser als die erste. Oder ich bin beim Schreiben meiner Besprechungen der angenehm kurzen Bücher immer noch weihnachtlich milde gestimmt. Fast keine Geschichte füllt mehr als 220 Seiten und jede kann mühelos an einem langen Winterabend gelesen werden.
Die neuen Werke von Norbert Horst, Horst Bieber und Fred Breinersdorfer (zusammen mit seiner Tochter Léonie-Claire) sind gewohnt gelungen. Jörg Fausers zwanzig Jahre alter Roman "Das Schlangenmaul" ist immer noch höchst unterhaltsam. Jürgen Kehrers neuester Wilsberg leidet an dem zu großen Komplott und der zu braven Auflösung. Sabine Klewe verwechselt in ihrem kurzen Roman Verwirrung mit Spannung. Die dritte Lieferung der "Morde am Hellweg" bietet wieder einmal einen gelungen Überblick über die deutschsprachige Krimiszene und ihre Defizite. Aber das kennen wir von den Auftritten unserer Nationalmannschaft bei Nicht-WM-Spielen.


Held: Konstantin Kirchenberg
Beruf: Polizist
Hintermann: Norbert Horst
Letzte Tat: Blutskizzen
Besonderheiten: Sprache

Für sein Debüt "Leichensache" erhielt Norbert Horst den Friedrich-Glauser-Preis. Für seinen zweiten Roman "Todesmuster" den deutschen Krimipreis. Der Werbeeffekt der beiden Preise bei horst-Blutskizzender Laufkundschaft ist unbestritten. Unter Krimifans sorgte in den vergangenen Jahren die seltsame Auswahl der Preisträger immer wieder für Kopfschütteln. Nicht so bei Norbert Horst. Denn der Polizist verbindet gelungen seine Berufserfahrung mit den Anforderungen des Genres und hämmert dies im zur literarischen Moderne gehörenden "Stream of consciousness"-Stil heraus. In diesem ungefilterten Strom der Gedanken ist nichts von bieder-trockener Beamtenprosa zu spüren. Norbert Horst verleiht so dem einfachen Plot von "Blutskizzen" seinen besonderen Ton.
In einem Müllcontainer wird die ermordete Leiche eines älteren Mannes gefunden. Trotz einiger Unterschiede zu einem sechs Wochen altem Mordfall glauben Kirchenberg und seine Kollegen an eine Mordserie. Ihre ersten Spuren führen sie zum vierzigjährigen Bernd Michels. Vor zwanzig Jahren wurde er bereits wegen eines ähnlichen Mordes verurteilt. Heute führt er ein bürgerliches Leben mit freiwilligen Überstunden im Betrieb, einer Frau, einem Kind und sonntäglichen Kirchenbesuchen. Für Kirchenberg ist er der Täter in diesen und zahlreichen weiteren Mordfällen. Denn während ihrer Ermittlung stoßen sie auf zahlreiche Indizien, die Kirchenberg glauben lassen, dass Michels seit seiner Entlassung weiter ältere Männer ermordete. Es fehlen ihnen nur die Beweise. Es fehlen ihnen nur die Beweise.
Norbert Horst schildert minutiös die Ermittlungen: das Lesen der Fallakten, das Verfolgen von Spuren, die Besprechungen, die Verhöre, die Gedanken Kirchenbergs, sein taxieren von Menschen und seinen Gefühlen. So werden wir unmittelbare Zeugen der sich in Ermittlungen entwickelnden Dynamik und der teils kurzen Abschweifungen während Besprechungen.
Wer sich durch die Sprache (Lesen Sie die ersten Seiten. Wenn Ihnen das zu anstrengend ist, wird ihnen "Blutskizzen" nicht gefallen.) und das offene Ende (Wer gerne ein eindeutiges Ende, bei dem alle Mordfälle restlos aufgeklärt und die Täter verhaftet werden, hat, wird von "Blutskizzen" enttäuscht sein.) nicht abschrecken lässt, hat mit "Blutskizzen" einen realistischen Einblick in die Polizeiarbeit. Norbert Horst gehört mit seinem eigenständigen Stil zu den aufregendsten deutschsprachigen Krimiautoren. "Blutskizzen" ist ein weiterer überzeugender Beweis seines Talentes.


Held: Katrin Sandmann
Beruf: Fotografin
Hintermann: Sabine Klewe
Letzte Tat: Wintermärchen
Besonderheiten: Heldin hat nur eine Nebenrolle

Sabine Klewe erhielt im November 2006 den Kärntner Krimipreis und einen Monat später den Förderpreis für Literatur der Stadt Düsseldorf. Mit ihrem dritten Katrin Sandmann-Krimi "Wintermärchen" kann sie allerdings nur Menschen überzeugen, die nichts gegen eine klewe-wintermaerchenumständliche Erzählung und viele Zufälle haben. Denn es ist fast unmöglich die Geschichte von "Wintermärchen" zu erzählen, ohne gleich das Ende zu verraten oder Informationen preiszugeben, die Klewe den Lesern erst relativ spät sagt.
Vor einigen Jahren entführte und vergewaltigte Mario Brindi mehrere Frauen. Nachdem eines seiner Opfer sich später umbrachte, stellte er sich. Brindi wurde verurteilt und ist im Maßregelvollzug.
Jetzt, wenige Tage vor Weihnachten bricht er aus. Zur gleichen Zeit verschwindet die Fotografin Katrin Sandmann spurlos. Katrins Freunde glauben, dass Brindi sie entführt hat. Ihre einzige Spur ist ein Mann, der bei einem nachmittäglichen Einkauf mit ihr gesprochen hat. So unauffällig hat Brindi sich immer seinen Opfern genähert.
Im Rückblick ist die an wenigen Dezembertagen spielende Geschichte sehr einfach. Beim Lesen sehr umständlich. So erfahren wir auf Seite 16 von einem Ausbruch. Erst auf Seite 53 erfahren wir, dass der Ausbrecher Mario Brindi ist und einige Seiten später sind Katrin Sandmanns Freunde überzeugt, dass Brindi ihre Freundin entführte.
Bis dahin hat Sabine Klewe eine verwirrende Zahl von Charakteren eingeführt, die wir nicht richtig einschätzen können. Denn wir wissen nicht was sie weshalb wollen und wie wichtig sie für die Geschichte sind.
Zum Beispiel wissen wir von der Journalistin Dagmar Ülczin lange Zeit nur, dass sie an einer großen Sache dran ist. Als sie vor ihrer Wohnung zwei Personen sieht und im Radio eine Meldung hört, hat sie Angst, weil schon wieder alle ihre Pläne schief gehen. An welcher großen Sache sie dran ist, was sie im Radio hört, wovor sie Angst hat - wir wissen es nicht. Wir können nur vermuten, dass Ülczins Geschichte mit der der anderen Charaktere irgendwie zusammenhängt.
Ähnliches undurchschaubar entwickelt sich die gesamte Geschichte. Denn wir müssen Klewe einfach glauben, dass Brindi Sandmann gekidnappt hat. Ebenso müssen wir glauben, dass kein Polizist diese Verbindung sieht; dass es trotz eines Aufsehen erregenden Prozesses keine Bilder von Brindi gibt; dass die Polizei und die Bürgerwehr und die Medien keine öffentliche Fahndung nach Brindi initiieren; dass nur eine Journalistin die Unschuld von Brindi beweisen kann; dass Brindis alter Arzt im Gegensatz zu den Anstaltsärzten innerhalb weniger Stunden eine tödliche Krankheit diagnostizieren kann; dass kein Polizist auf die Idee kommt, Sandmanns Freunden ein Bild von Brindi zu zeigen; dass diese erst nach fünf Tagen die Polizei nach einem Bild von Brindi fragen. Undsoweiter.
Bis zum Ende ist vollkommen unklar, wie die einzelnen Charaktere und Szenen miteinander zusammenhängen. Einige Szenen, wie der Prolog, erschließen sich nie. Deshalb ist die Geschichte von "Wintermärchen" erst nach abgeschlossener Lektüre nacherzählbar und wahrscheinlich wird niemand die Geschichte in der von Klewe niedergeschriebenen Reihenfolge erzählen.
Dass die bereits aus "Schattenriss" und "Kinderspiel" bekannte Heldin Katrin Sandmann in ihrem dritten Auftritt nur eine Nebenrolle spielt - immerhin liegt sie während des gesamten Romans alleine gefesselt in einem Verließ - stört wahrscheinlich Fans der Serie mehr als Novizen, die einfach nur unterhalten werden wollen.
In "Wintermärchen" wird letztendlich Verwirrung mit Spannung verwechselt. Immerhin ist "Wintermärchen" mit knapp 220 Seiten so kurz, dass die Fragen innerhalb eines langen Abends beantwortet werden können.


Held:
Beruf:
Hintermann: H. P. Karr, Herbert Knorr
Letzte Tat: Mord am Hellweg III
Besonderheiten: Sammlung von Kurzgeschichten

Auch die dritte Ausgabe der erfolgreichen Kurzgeschichten-Reihe "Mord am Hellweg" ist von bekannten deutschen Krimiautoren geschrieben. Friedrich Ani, Mischa Bach, Jacques Berndorf, Oliver Bottini, Anne Chaplet, Sabine Deitmer, Horst Eckert, Roger M. Fiedler, Nina George, mord-am-hellweg3-anthologieDoris Gercke, Gunter Gerlach, Andreas Hoppert, Norbert Horst, Bernhard Jaumann, Jürgen Kehrer, Ralf Kramp, Heinrich Peuckmann, Beate Sauer, Sybille Schrödter, Heinrich Steinfest, Sabine Thomas und Jan Costin Wagner schrieben die Geschichten. Die einzige Vorgabe der Herausgeber H.P. Karr und Herbert Knorr war neben der Länge (etwa 15 Seiten), dass die Verbrechen in der titelgebenden Kulturregion Hellweg in Nordrhein-Westfalen spielen. Eine Vorgabe, die - jedenfalls in der dritten Ausgabe - nicht zu vielen unterschiedlichen, sondern zu einer Reihe ähnlicher Geschichten führte.
Immer wieder fallen Gemeinsamkeiten auf. Die 22 Geschichten spielen in der Provinz, im Mittelstand, oft auch im Hartz IV-bedrohten Mittelstand, viele Charaktere sind bereits in reiferen Jahren, teilweise schon pensioniert, aber immer normale Menschen, die Verbrechen (selbstverständlich meistens Morde) geschehen in der Familie oder im engsten Freundeskreis, oft sind die Verbrechen das Ende eines oft jahrzehntelang genährten Hasses, sie spielen in der Gegenwart, ziemlich oft mit sehr gewagten Zeitsprüngen und die Schlusspointe ist, dass der Held bereits früher mindestens einen Menschen umbrachte. Ebenfalls auffallend oft ist die Schlusspointe schwach, weil sie entweder bereits auf den ersten Seiten erkennbar oder so überraschend ist, dass auch jedes andere Ende denkbar gewesen wäre. Bei einer guten Schlusspointe schlagen wir uns mit der Hand auf die Stirn, rufen ‚Wie konnte ich das übersehen!' und lesen die Geschichte wieder. Dazu kommt, dass die Geschichte oft aus mehreren Perspektiven, teils nicht chronologisch, erzählt wird. Bei diesen Geschichten ist man mehr damit beschäftigt, die einzelnen Szenen in die richtige Reihenfolge zu setzten, als der Handlung zu folgen.
Aber das ändert nichts daran, dass "Mord am Hellweg III" einen gelungen Überblick über die deutsche Krimiszene und ihren mittelmäßigen Zustand bietet. Denn länger im Gedächtnis bleibt letztendlich fast keine der über zwanzig Geschichten.
Dass es auch anders geht zeigen unter anderem die Anthologie "Mystery Street" der Private Eye Writers of America oder die Noir-Anthologien von Akashic Books. In ersterem war die Vorgabe, dass ein Privatdetektiv ermitteln und eine Straße eine wichtige Rolle spielen sollte; in letzterem müssen die Geschichten nur am titelgebenden Ort (Baltimore, Chicago, Dublin, Manhattan) spielen und den Autoren fallen zahlreiche unterschiedliche, erinnerungswürdige Geschichten ein.


Held: Georg Wilsberg
Beruf: Privatdetektiv, Buchhändler
Hintermann: Jürgen Kehrer
Letzte Tat: Wilsberg und die dritte Generation
Besonderheiten: staatsbedrohendes Komplott

In seinem sechzehnten Fall - wenn wir den von Jürgen Kehrer und Petra Würth gemeinsam geschriebenen Krimi "Blutmond - Wilsberg trifft Pia Petry" außer acht lassen - soll Privatdetektiv Wilsberg im Auftrag von ihrem Vater Peter Fahle die verschwundene Journalistin Felizia Sanddorn finden. Die Fünfundzwanzigjährige recherchierte über die dritte Generation kehrer-wilsberg-und-die-dritte-generation.jpgder RAF.
Obwohl Wilsberg überzeugt ist, dass Fahle ihm nicht alles gesagt hat, beginnt er mit seinen Ermittlungen. Dabei muss er sich auch seiner eigenen Vergangenheit stellen. Denn in den Siebzigern hatte Wilsberg Kontakt zur RAF. Außerdem muss er herausfinden, wer von der dritten Generation der RAF etwas gegen die Recherchen von Felizia Sanddorn hat. Durfte Wilsberg bis jetzt normale Kriminalfälle aufklären, stolpert er in seinem neuesten Fall "Wilsberg und die dritte Generation" in ein die Grundfesten des Staates erschütterndes politisches Komplott.
Aber genau wie in "Matzbachs Nabel" (1993) von Gisbert Haefs ist dieses Komplott zu groß um den Helden das Abenteuer ohne großen Schaden erleben zu lassen. Schaden das Abenteuer erleben zu lassen. Denn - und dafür sind Haefs und Kehrer intelligent genuge Autoren - wenn sie ihre Prämisse konsequent zu Ende denken, müsste ihr Held sterben. Haefs flüchtete in ein James Bond-würdiges Ende. Kehrer löst das Geheimnis der dritten Generation der RAF letztendlich staatstragend auf. Beide Autoren retteten so nach einem schwachen bis unglaubwürdigem Ende ihre beliebten Detektive für weitere Abenteuer.
Positiv bei "Wilsberg und die dritte Generation" ist das hohe Tempo der Erzählung. Ständig ist Wilsberg in Bewegung. Er reist um die halbe Welt. Auf ihn wird geschossen. Er wird als Mordverdächtiger verhaftet. Er wird gefangen genommen. Er kann flüchten und landet halb tot in einem Krankenhaus. Dabei weiß er nie, wem er wie weit trauen kann. Unterbrochen werden seine Ermittlungen nur von einigen peinlich didaktischen Gesprächen über die RAF, ihre Ziele und ihre Methoden. Dabei wird den Jüngeren, verpackt in schulmeisterlichen Dialogen, das historische Wissen über diesen Irrweg der Linken vermittelt.
Als Teil einer Serie ist "Wilsberg und die dritte Generation" schwach, denn am Ende dürfen die in den vorherigen Romanen etablierten Grundpfeiler der Serie nicht erschüttert werden.
Entsprechend seltsam-enttäuschend ist die Lösung. Als Einzelwerk - nicht umsonst sind viele Polit-Thriller Einzelwerke - hätte Kehrer die Freiheiten gehabt, seine gar nicht so uninteressante Idee zur dritten Generation der RAF konsequent durchzudenken. Auch heute ist kaum etwas über die dritte Generation bekannt. Niemand kennt, im Gegensatz zu den ersten beiden Generationen der RAF, die Mitglieder und weiß wer für welche Taten verantwortlich ist. Diese Fakten könnten die Grundlage für einen spannenden Verschwörungsthriller sein.


Held: Jean Abel
Beruf: Anwalt
Hintermann: Fred & Léonie-Claire Breinersdorfer
Letzte Tat: Das Hurenspiel
Besonderheiten: Romanfassung eines TV-Krimis

Jean Abel vertritt Natascha Kruwkova. Sie soll vor Gericht gegen ihren Zuhälter aussagen. Nachdem der von Abel beantragte Zeugenschutz abgelehnt wird, ist sie vor Gericht aus Angst vor ihrem Peiniger zu keiner Aussage fähig. Wenige Stunden später bringt sie sich um.
Als Abel kurz darauf Lena Ulmanis, eine ebenfalls illegal aus Osteuropa eingereiste und zur Breinersdorfer-das-hurenspiel.jpgProstitution gezwungene Frau, verteidigen soll, will er alles für seine Klientin tun. Sie ist bereit als Kronzeugin auszusagen. Aber bereits bei der ersten Begegnung mit Staatsanwalt Billmair tritt dieser ungewöhnlich aggressiv gegenüber der Zeugin auf. Er glaubt nicht, dass sie die Wahrheit sagt und sie ihn zu den von Abel versprochenen Hintermännern des illegalen Menschenhandels führen könne. Abel ist irritiert. Hat Billmair Kontakte zu den Menschenhändlern? Will er einen V-Mann schützen? Oder geht er in seinem beruflichen Ehrgeiz über Leichen?
Abel ist egal, warum Billmair seiner Klientin nicht glaubt. Er will Lena Ulmanis schützen und ihre international tätigen Peiniger vor Gericht bringen.
Nachdem in den vergangenen Jahren im Pendragon Verlag einige Jean Abel-Krimis in einer von seinem Erfinder Fred Breinersdorfer überarbeiteten Fassung erschienen, hat er mit "Das Hurenspiel" nach einer fast zehnjährigen Pause endlich wieder einen neuen Abel-Krimi geschrieben. Jedenfalls fast. Denn seine Tochter Léonie-Claire ist als Mitautorin aufgeführt und die Geschichte von "Das Hurenspiel" kennen Abel-Fans bereits als "Todesurteil für eine Dirne" aus der ZDF-Krimireihe mit Günter Maria Halmer als Jean Abel. Der TV-Krimi von 1998 erhielt zahlreiche Preise und markierte den Beginn der Zusammenarbeit von Fred Breinersdorfer und Marc Rothemund. Zuletzt arbeiteten sie bei dem hochgelobten Spielfilm "Sophie Scholl - Die letzten Tage" zusammen.
Der im Filmgeschäft inzwischen ausgezeichnet etablierte Fred Breinersdorfer hat daher leider kaum noch Zeit Romane zu schreiben. Trotzdem verstand Breinersdorfers, wie er in seinem Nachwort sagt, den Wunsch seines aktuellen Verlegers Günther Butkus nach einem neuen Abel-Roman. Nachdem er die Zusammenarbeit mit seiner Tochter Léonie-Claire für den neuen saarländischen "Tatort" genoss, gab er ihr ein altes Abel-Drehbuch und ließ sie die erste Fassung schreiben. Geplant war eine behutsame Erneuerung der Abel-Reihe, die 1980 in der eingestellten rororo-Thriller-Reihe mit "Reiche Kunden killt man nicht" begann. Damals war Abel noch ein erfolgloser Anwalt, der auch um seine Unschuld zu beweisen wie ein Privatdetektiv agierte. Der gereifte Jean Abel arbeitet dagegen gut mit der Polizei zusammen. Zum Schutz seiner Klientin schreckt er allerdings vor Tricks immer noch nicht zurück.
Breinersdorfers Schilderungen des Justizapparates und des Zuhältermilieus sind knapp und treffend. Die Geschichte ist glaubwürdig, gut konstruiert und das bittersüße Ende stimmig. "Das Hurenspiel" ist ein spannender Justizthriller.


Held: Arthur "Pulle" Pullrich
Beruf: Safeknacker
Hintermann: Horst Bieber
Letzte Tat: Sein letzter Tresor
Besonderheiten: Verbrecher als Held

Mit einem kleinen, letztendlich politisch gefärbten Gangsterroman meldet sich der ehemalige "Zeit"-Redakteur Horst Bieber zurück. In seinen letzten Büchern ermittelten Privatdetektive und Polizisten. In "Sein letzter Tresor" heißt der Gute Arthur Pullrich, genannt Pulle, und sein Geld verdient er mit Einbrüchen und dem Knacken von Tresoren. Er ist einer der Besten. bieber-Sein-letzter-TresorImmerhin wurde er in den vergangenen Jahren nur zweimal erwischt. Nach seinem letzten Einbruch wurde er zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.
Nach vier Jahren kommt er auf Bewährung frei und wird schon am Gefängnistor von seinem alten Feind, Kriminalhauptmeister Aloys Schulte, erwartet. Schulte ist überzeugt, dass Pulle damals den Safe von Benninger ausräumte. Pulle leugnet standhaft. Außerdem behauptet er, er wolle jetzt ein ehrliches Leben beginnen. Er zieht in ein einsames Gartenhaus, nimmt einen kleinen Job in einem Supermarkt an und lebt von seinen Ersparnissen.
Schulte glaubt ihm kein Wort - und er hat Recht. Denn im Stillen plant Pulle bereits sein nächstes großes Ding. Als Pulles einziger Nachbar umgebracht wird, gerät Pulle, dieses Mal unschuldig, wieder in den Fokus von polizeilichen Ermittlungen und alle seine Pläne geraten in Gefahr. Also muss er die Arbeit der Polizei erledigen.
Mit "Sein letzter Tresor" legt Horst Bieber einen leicht humoristischen Gangsterroman vor, bei dem letztendlich alle Dreck am Stecken haben, sich kaum um die bürgerlichen Vorstellungen von Ehre und Anstand kümmern und ein notorischer Einbrecher, bei dem alle staatlichen Resozialisierungsprojekte auf Granit stoßen, die sympathischste Figur ist. Dass dafür die Gesellschaft von Horst Bieber ohne einen Hauch moralischer Empörung als durch und durch korrupt gezeichnet wird und jeder jeden benutzt, gehört einerseits zu den Konventionen des Genres und ist andererseits, nach den zahlreichen Korruptionsaffären in Politik und Wirtschaft, ein durchaus zutreffendes Bild der auch in Deutschland vorhandenen Selbstbedienungsmentalität.
Mit seinem siebzehnten Kriminalroman zeigt Horst Bieber wieder einmal seine Meisterschaft im Erzählen einer sauber geplotteten Geschichte, die auch im Mutterland des Hardboiled-Krimis nicht viel anders erzählt würde. Auch das erst gegen Ende deutlich werdende politische Ränkespiel, bei dem Pulle nur eine kleine Rolle spielen sollte, ist glaubwürdig eingefädelt. Der kurze Roman "Sein letzter Tresor" bringt einen gut durch eine schlaflose Nacht. Und das ist mehr als von vielen anderen Romanen gesagt werden kann.


Held: Heinz Harder
Beruf: Bergungsexperte für außergewöhnliche Fälle
Hintermann: Jörg Fauser
Letzte Tat: Das Schlangenmaul
Besonderheiten: Hardboiled in Deutschland

Vor fast zwanzig Jahren starb Jörg Fauser auf einer Autobahn in der Nähe von München. Sein Werk findet - dank zahlreicher Neuauflagen - immer noch zahlreiche Leser. Seit 2004 veröffentlicht der Alexander Verlag eine liebevoll gestaltete neunteilige Gesamtausgabe. Als siebter Teil der Ausgabe erschien jetzt Fausers Kriminalroman "Das Schlangenmaul". In diesem fauser-das-schlangenmaul-alexander-verlagerstmals 1985 erschienenen Buch adaptiert er gelungen US-amerikanische Vorbilder. Schon bei Harders Berufsbezeichnung "Bergungsexperte für außergewöhnliche Fälle" denken Krimifans an den von John D. MacDonald erfundenen Travis McGee. Und die Geschichte von "Das Schlangenmaul" hat unüberlesbar ihre Vorbilder in den klassischen Hardboiled-Privatdetektivromanen.
Denn Harder hat mehr Anstand als Geld. Gleich auf den ersten Seiten verlangt das Finanzamt von ihm eine gewaltige Steuernachzahlung von 50.000 Mark (wir reden von 1985!). Als etwas später die in der Nähe von Hannover lebende, vermögende Nora Schäfer-Seunemann ihn anruft und bittet ihre seit einem halben Jahr verschwundene achtzehnjährige Tochter Miriam zu suchen, sagt er zu. Die erste erfolgversprechende Spur führt zurück nach Berlin. Miriam scheint in die Fänge des Edelluden Michael Malzan geraten zu sein. Denn neben dem "Club Kamasutra" hat er auch Kontakte zum von der Berliner Regierung als Kunstverein geförderten "Institut für physio-soziale Therapie". Harder hält das Institut für die kaum verhüllte Tarnung einer esoterisch gefärbten Sex-Sekte, die einen regen Austausch mit dem "Club Kamasutra" pflegt.
Auf Harders Suche nach der verschwundenen Miriam führt Jörg Fauser uns durch ein lange untergegangenes Berlin. Bei den farbig gezeichneten Charakteren aus der Halb- und Kulturwelt fällt immer wieder auf, wie sehr sich Berlin in den vergangenen zwanzig Jahren änderte. Damals gab es noch die DDR. Eine große Koalition hatte sich die Stadt zur Beute gemacht. Mit Fördergeldern aus Westdeutschland wurde ein aufgeblähter Beamtenapparat unterhalten. Es gab noch eine traditionelle Halbwelt und Prostitution wurde verschämt in Hinterzimmern betrieben. Von der Russenmafia hatte noch niemand etwas gehört. Computer waren selten. Handys gab es nicht.
Jörg Fausers Hardboiled-Krimi "Das Schlangenmaul" ist eine spannende Reise in dieses vergangene, heruntergekommene Berlin.
Als Zugabe gibt es in dieser Ausgabe von "Das Schlangenmaul" drei zum Verständnis des Romans hochinteressante Texte. In "Das 13. Arrondissement" erzählt Martin Compart gewohnt unverblümt von der Entstehung des Romans. Damals waren sie eine kleine Clique von Krimifans, die ihre Abende mit viel Alkohol und der Verehrung von Ross Thomas und Jean-Pierre Melville verbrachten. Während der Arbeit an "Das Schlangenmaul" recherchierte Fauser ausführlich in den entlegenen Teilen und Eckkneipen von Berlin und ließ seine Freunde kaum verhüllt auftreten.
Ebenfalls in dem Buch enthalten sind Fausers Reportage "Spurlos verschwunden" und "Leichenschmaus in Loccum". Erstere, eine Reportage über vermisste Personen, diente als Inspiration für "Das Schlangenmaul". Letztere ist ein Bericht von einer Krimitagung 1982 in Loccum. In ihr wird deutlich, wie sehr sich Jörg Fausers Ansatz zum Erzählen von Kriminalromanen von dem der anderen deutschen Autoren unterscheidet. Fauser wollte die Wirklichkeit abbilden. Das gelang ihm so gut, dass er auch heute noch ziemlich alleine in der deutschen Krimiszene ist und seine Bücher immer noch sehr unterhaltsam zu lesen sind. Sein in "Leichenschmaus in Loccum" formuliertes Diktum "Ich glaube in der Tat, … dass der Kriminalroman die letzte noch mögliche literarische Form ist, in der die Frage von Gut und Böse verhandelt wird. (…) Unterhalb eines bestimmten ästhetischen Niveaus sackt solche Verhandlung ab zum Volkshochschulkolleg und zur soziologischen Gartenlaube, das ist dann so, als hielte ein Mann, der wie Fidel Castro aussieht, eine Rede, die Helmut Kohl geschrieben hat." ist heute immer noch aktuell.
Für das Frühjahr ist der achte Band "Auf der Suche nach der verborgenen Wahrheit - Essays, Reportagen, Kolumnen" und für den Sommer der neunte Band "Die Tournee - Ein Romanfragment und Texte aus dem Nachlass" angekündigt. Dann sind wieder alle Texte des Frühverstorbenen verfügbar.

Links & Bibliographie:

horst-Blutskizzen.jpg Norbert Horst: :
Blutskizzen

Goldmann Verlag, 2006
384 Seiten, 7.95 Euro
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Norbert Horst bei Goldmann:
www.randomhouse.de
Leseprobe:
Blutskizzen
Die Befragung durch Lehmer-Kerkloh/Przybilka:
Alligatorpapiere

klewe-wintermaerchen.jpg Sabine Klewe:
Wintermärchen

Gmeiner-Verlag, 2006
240 Seiten, 9.90 Euro
Bestellen bei amazon

Homepage:
www.sabineklewe.de/

mord-am-hellweg3-anthologie.jpg H. P. Karr/Herbert Knorr (Hrsg.):
Mord am Hellweg III

Grafit Verlag, 2006
352 Seiten, 9.95 Euro
Bestellen bei amazon

Enthält in der Reihenfolge ihres Auftretens:
Ralf Kramp: On the rail: Horst im Hellweg-Express
Bernhard Jaumann: Nacht über Unna
Horst Eckert: Der Nachwächter von Schwerte
Andrea Hoppert: Die großen Irrtümer von Bad Waldliesborn
Sabine Thomas: Man nehme… - Kochduell in Wetter
Heinrich Peuckmann: Dortmunder Knock-out
Jacques Berndorf: Heerdegens Rache zu Werl
Mischa Bach: Notausgang Bochum-Krümmede
Oliver Bottini: Leben und sterben in Frönderberg
Friedrich Ani: Die Kindelmutter von Opherdicke
Roger M. Fiedler: Die letzte Wahrheit über die Soester Fehde
Nina George: Kein Held in Holzwickede
Günter Gerlach: Bergkamen, Römer, Gold und Tod
Norbert Horst: Schlafen in Wickede
Anne Chaplet: Liebe und Tod in Hattingen
Beate Sauer: Cave Kamen - Verschollen im Seseke-Körne-Winkel
Jan Costin Wagner: Sommertage in Nottbeck
Sybille Schrödter: Meet me on Möhnedamm
Jürgen Kehrer: Glück ab in Ahlen
Sabine Deitmer: Der Bluthund von Bönen
Heinrich Steinfest: Kein Verbrechen in Hamm
Doris Gercke: Die Huren von Hagen


kehrer-wilsberg-und-die-dritte-generation.jpg Jürgen Kehrer:
Wilsberg und die dritte Generation
Grafit, 2006
208 Seiten, 8,50 Euro
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Homepage:
www.juergen-kehrer.de/

Weitere Informationen:
Über die RAF (als Einstieg):
http://de.wikipedia.org

Über die dritte Generation:
peters-der-letzte-mythos-der-rafButz Peters:
Der letzte Mythos der RAF. Das Desaster von Bad Kleinen.
Wer erschoss Wolfgang Grams?

Ullstein 2006.
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Meine Besprechung des Buches:
www.berlinerliteraturkritik.de

Breinersdorfer-das-hurenspiel.jpgg Fred & Léonie-Claire Breinersdorfer:
Das Hurenspiel - Ein Fall für Abel

Pendragon Verlag, 2006
192 Seiten, 9.90 Euro
Bestellen bei amazon

Homepage:
www.breinersdorfer.com


bieber-Sein-letzter-Tresor.jpg Horst Bieber:
Sein letzter Tresor

Grafit Verlag, 2006
192 Seiten, 7.95 Euro
Bestellen bei amazon

Besprochene Bücher von Horst Bieber:
Anna verschwindet


fauser-das-schlangenmaul-alexander-verlag Jörg Fauser:
Das Schlangenmaul

(Band 7 der Jörg Fauser Werkausgabe)
Alexander Verlag, 2006
320 Seiten, 19.90 Euro
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Bonus:
Das 13. Arrondissement - Nachwort von Martin Compart
Spurlos verschwunden
Leichenschmaus in Loccum - Zwei Texte von Jörg Fauser

Originalausgabe:
Das Schlangenmaul
Ullstein Verlag, 1985
272 Seiten

Homepage über Jörg Fauser:
www.jörg-fauser.de/
Jörg Fauser beim Alexander-Verlag:
www.alexander-verlag.com

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im
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Klingelholl 53
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Erstellt am 07.02.2007


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Axel Bussmer
Studium der Politologie, Philosophie und Soziologie in Konstanz, lebt derzeit in Berlin und arbeitet an verschiedenen Drehbuchprojekten (u. a. ein Gangsterthriller). Neben Noir-Krimis liebt er Jazz, über den er auch Artikel schreibt. Bei den Alligatorpapieren erscheinen regelmäßig seine TV-Krimi-Buch-Tipps.

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