Die Alligatorpapiere



Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bussmer



Nachrichten von der Insel

Zu den neuen Werken von Robert Goddard, Mark Billingham und Ian Rankin

Ein ziemlich morbides Völkchen scheint sich auf der Insel herumzutreiben. Jedenfalls wenn wir die deutschen Titel als Anhaltspunkt nehmen: "In der Stunde des Todes", "Die Seelen der Toten" und "Und Friede den Toten". Dabei könnten die Bücher, trotz ähnlicher Titel, kaum unterschiedlicher sein. Es werden eine Reise zu den Obdachlosen von London, eine Odyssee durch die Welt der Kinderschänder, und ein Ausflug in die frühen achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und das späte achtzehnte Jahrhundert angeboten.

Robert Goddard: Aufgeblasenes Nichts

goddard-Und-Friede-den-Toten.jpgSeit zwanzig Jahren veröffentlichte der gelernte Historiker Robert Goddard fast jedes Jahr einen Krimi. Faul ist er also nicht. Erfolgreich ist er auch. Aber gut ist sein neuestes Werk "Und Friede den Toten" nicht. Denn die Mörderjagd ist nicht sonderlich spannend. Goddard verbindet letztendlich ziemlich langatmig die heutigen Ermittlungen mit einer dreiundzwanzig Jahre zurückliegenden Entführung.
Damals, am 27. Juli 1981, hatte ein Unbekannter David Umber zu dem Steinkreis von Avebury bestellt, um ihm Informationen zu seiner Promotion zu geben. Umber promovierte über einen zwischen 1769 und 1772 unter dem Pseudonym Junius schreibenden Regierungskritiker. Der Unbekannte erschien nicht. Stattdessen beobachtete Umber die Entführung der vermögenden, zweijährigen Tamsin Hall und den Unfalltod ihrer älteren Schwester Miranda. Ein Lösegeld wurde nie gefordert, Tamsins Leiche nie gefunden und nach dem Geständnis eines zum Tode Verurteilten wurde der Fall als gelöst zu den Akten gelegt. Umber brach seine Promotion ab, heiratete das Kindermädchen der Halls, und trampte, von einer schlechtbezahlten Stelle zur nächsten, ziellos durch die Welt.
Jetzt reißt ihn in Prag der damals ermittelnde Chief Inspector George Sharp aus seiner Lethargie. Der inzwischen pensionierte Sharp erhielt einen Brief von Junius. Der Verfasser sagt, die Entführung von Avebury könne immer noch gelöst werden. Sharp kann den Junius-Experten Umber überzeugen, ihm zu helfen. Denn beide glauben, dass das Geständnis falsch war.
Bei ihren gemeinsamen Ermittlungen findet Umber schnell heraus, dass ihre Gegner über ausgezeichnete Verbindungen verfügen. Denn Sharp wird mit einem Päckchen Drogen verhaftet und jemand klaut Umbers Unterlagen über Junius.
Außerdem ist für Umber die Suche nach der Wahrheit auch der Versuch, mit seinem eigenen Leben ins Reine zu kommen.
Klingt spannend? Ist es aber nicht. Denn dafür herrscht im Mittelteil von "Und Friede den Toten" einfach zuviel Leerlauf. Auf den ersten Seiten formuliert Robert Goddard das Problem für David Umber zügig, aber danach lässt er ihn ziemlich langwierig mit seinen früheren Freunden, Zeugen und der Familie der Entführten reden, ohne dass die Geschichte sich wesentlich voran bewegt. Junius - was kaum überraschen dürfte - hat mit der Entführung nichts und mit der Aufklärung auch nur über mehrere Ecken etwas zu tun.
Letztendlich muss sich Robert Goddard mit zwei großen Monologen helfen, in denen zwei verschiedene Personen dem Helden Umber (und damit auch uns) erzählen, was nach der Entführung mit Tamsin geschah und warum sie entführt wurde. Die Monologe sind - für die eiligen Leser - auf den Seiten 306 bis 317 und den Seiten 387 bis 398. Der Rest ist schmückendes Beiwerk.

Mark Billingham: Unter Pennern

Beginnen wir mit zwei Fakten:
Mark Billingham ist der Autor der düsteren Tom Thorne-Serie.
Mark Billingham ist ein erfolgreicher Stand-up-Comedian.
Was bei uns zwei vollkommen getrennte Welten sind (Oder wollen Sie wirklich einen Kriminalroman von Atze Schröder lesen?), geht auf der Insel anscheinend leichter zusammen. Jedenfalls verkaufen sich Billinghams Romane auf der Insel ausgezeichnet, werden von billingham-In-der-Stunde-des-Todes.jpgKritikern gelobt und der neueste Tom Thorne-Roman "In der Stunde des Todes" wurde als "Crime Thriller of the Year 2006" für den British Book Award, eines von Buchhändlern verliehenen Preises, nominiert.
Nach dem Tod seines Vaters wird Detective Inspector Tom Thorne von der Londoner Spezialeinheit "Serious Crime Group" ein Zwangsurlaub am Schreibtisch verordnet. Der eigenwillige Polizist soll zuerst seine Psyche in Ordnung bringen, bevor er wieder auf die Londoner Unterwelt losgelassen wird. Als mehrere Obdachlose mit einer an ihre Brust angehefteten 20-Pfund-Note ermordet gefunden werden, glauben alle an einen Serienkiller.
Thorne schlägt einen Undercover-Einsatz vor und begibt sich, mit der Erlaubnis seiner Vorgesetzten, in ein für die meisten Menschen fremdes Milieu.
Schnell glaubt Thorne, dass der Mörder die Obdachlosen auswählt um seinen ersten Mord und den Grund dafür zu verschleiern. Der Grund für die Morde scheint in einem Mord am anderen Ende der Welt vor fünfzehn Jahren bei einem Auslandseinsatz des britischen Militärs zu liegen.
Von den Obdachlosen erfährt Thorne, dass bereits vor den Morden ein Polizist sich nach den späteren Opfern erkundigte. Bei seinen Ermittlungen scheint der Mörder immer über den Stand er Ermittlungen von Thorne und seinem Team informiert zu sein. Thorne weiß deshalb nicht mehr, wem er in der Polizei vertrauen kann.
Mit "In der Stunde des Todes" führt Mark Billingham die Serie um den eigenwilligen Detective Inspector Tom Thorne gelungen fort. Dabei erwähnt er immer wieder kurz Ereignisse aus früheren Thorne-Büchern. Trotzdem kann der fünfte Band ohne Probleme als eigenständiges Werk gelesen werden. Denn im Zentrum steht der neue Fall und damit das tiefe Eintauchen in das Milieu und die Codes der Obdachlosen in London (und wahrscheinlich auch in jeder anderen Großstadt). Billingham schildert dieses Leben mit viel Liebe zu den traurigen Details: der Suche nach etwas zu Essen, der Suche nach einem Platz zum Schlafen, der Suche nach Alkohol und anderen Drogen und der Ignoranz der normalen Menschen (Wie genau sehen Sie sich einen Obdachlosen an?). Für die Presse wird der Fall auch erst interessant, nachdem ein Serienkiller - und damit gute Schlagzeilen - vermutet werden.
Die Welt der Obdachlosen verbindet Billingham mit der Welt des Militärs. Die ersten Ermittlungen von Thornes Kollegen beim Militär geben einen schönen Einblick in den behördlichen Wahnsinn, bei dem einerseits alles dokumentiert, aber andererseits keines der Dokumente zu finden ist.
Beide Milieus haben in England mehr miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick scheint. Zwanzig bis dreißig Prozent der Wohnungslosen in London sind ehemalige Soldaten. "In der Stunde des Todes" ist ein spannender britischer Noir, der seinen Reiz weniger aus der Jagd nach einem Serienkiller, sondern mehr aus der Ethnografie eines unbekannten Milieus gewinnt.

Ian Rankin: "Neuer" Rebus von 1999

"Nachdem es dreizehn Jahre dauerte, bis 2000 der erste Rebus-Roman ins Deutsche übersetzt wurde, ging es schnell. Nicht ganz chronologisch, zwischen Taschenbuch und Festem Einband wechselnd, wurden in den vergangenen Jahren die fünfzehn Rebus-Romane von Ian Rankin ins Deutsche übersetzt. Mit "Die Seelen der Toten", 1999 als "Dead Souls" erschienen, ist jetzt die letzte Lücke geschlossen." rankin-Die-Seelen-der-Toten.jpg
In "Die Seelen der Toten" bilden die verschiedensten Facetten des Themas Kindesmissbrauch den Hintergrund für die zahlreichen, sich kreuzenden Plots. Alles beginnt mit einer Überwachungsaktion im Zoo. Detective Inspector John Rebus entdeckt den verurteilten Kinderschänder Darren Rough gemütlich zwischen Kindern flanieren. Rebus verfolgt und verhaftet ihn, nur um kurz darauf zu erfahren, dass Rough auf Wunsch der Edinburgher Polizei entlassen wurde und Rebus ihn in Ruhe lassen soll. Rebus denkt nicht daran. Er informiert heimlich die Presse. Die Nachbarn von Rough schließen sich in ihrem Wohnprojekt zu einer Bürgerwehr zusammen. Zur gleichen Zeit muss Rebus in einem Kinderschänder-Prozess aussagen und er will herausbekommen, warum sein allseits geschätzter Kollege Jim Margolies sich umbrachte. Und seine Jugendfreunde Brian und Janice Mich bitten ihn, ihren in Edinburgh spurlos verschwundenen neunzehnjährigen Sohn Damon zu suchen.
Als ob das alles noch nicht genug wäre, wird Rebus abgestellt den aus den USA ausgewiesenen psychopathischen Mörder Clay Oakes zu überwachen. Oakes beginnt ein Katz- und Mausspiel mit der Polizei und besonders mit Rebus. Allerdings sind für Oakes die Anschläge gegen Rebus nur ein Ablenkungsmanöver für einen größeren Plan.
Es gibt also genug zu tun für John Rebus - und auch der Leser ist mit einer kleinen Namensliste nicht schlecht beraten.
In "Die Seelen der Toten" verschachtelt Ian Rankin kunstvoll mehrere Plots, von denen einige direkt, andere nur thematisch, etwas miteinander zu tun haben. Am Ende kennt Rebus zwar die Wahrheit, aber die meisten Täter können für ihre Taten nicht verurteilt werden. Das ist ziemlich düster, aber auch realistisch. Kein Wunder, dass Rebus zunehmend trinkt.

Links & Bibliographie:

goddard-Und-Friede-den-Toten.jpg Robert Goddard:
Und Friede den Toten

Originaltitel: Sight Unseen
Bantam Press, London, 2005
(übersetzt von Peter Pfaffinger)
Goldmann Verlag
2006, 416 Seiten, 8.95 Euro
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Goddard stellt sein Buch bei Meet the Author vor: :
www.meettheauthor.com

billingham-In-der-Stunde-des-Todes Mark Billingham:
In der Stunde des Todes
Originaltitel: Lifeless
Little Brown, London, 2005
(übersetzt von Isabella Bruckmaier)

Goldmann Verlag
2006, 448 Seiten, 8.95 Euro
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Homepage von Mark Billingham:
www.markbillingham.com

Billingham stellt sein Buch bei Meet the Author vor: :
www.meettheauthor.com

rankin-Die-Seelen-der-Toten.jpg Ian Rankin:
Die Seelen der Toten
Originaltitel: Dead Souls
Orion Books Ltd., London, 1999
(übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini)

Goldmann Verlag
2006, 448 Seiten, 9.95 Euro
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Homepage von Ian Rankin:
www.ianrankin.net

Ian Rankin bei Random House: :
www.randomhouse.de

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Alfred Miersch
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42281 Wuppertal
Tel.:0202/51 10 89

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Erstellt am 31.05.2006




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Axel Bussmer
Axel Bussmer, Studium der Politologie, Philosophie und Soziologie in Konstanz, lebt derzeit in Berlin und arbeitet an verschiedenen Drehbuchprojekten (u. a. ein Gangsterthriller). Neben Noir-Krimis liebt er Jazz, über den er auch Artikel schreibt. Bei den Alligatorpapieren erscheinen regelmäßig seine TV-Krimi-Buch-Tipps.

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