Die Alligatorpapiere



Spurensuche. No. 44
Die Kolumne von Axel Bußmer



Mordsmäßige Krimireihen

Zu "Kaliber .64", "Kriminelle Sittengeschichte Deutschlands", "Hard Case Crime" und "Funny Crimes"


Wer bei der Schwarzen Serie von Bastei-Lübbe zugriff, wusste, was er erhielt, auch wenn er den Autor nicht kannte. Wer bei Dumonts Kriminalbibliothek zugriff ebenso. Und die Classic-Crime-Serie bei Heyne war auch nicht zu verachten. Doch in den Neunzigern stellten die Verlage ihre erfolgreichen Krimiserien ein und ließen die Kriminalromane in das allgemeine Programm wandern. Da tummelte sich plötzlich ein Joe R. Lansdale neben Robert Stone neben Stephen Frey neben Elfriede Jelinek und Autoren, die sich innerhalb der Serien gut verkauften wurden einfach nicht mehr übersetzt.
Inzwischen pflegen mehrere kleine Verlage wieder Reihen. Bei Shayol ist es "Funny Crimes", bei Rotbuch "Hard Case Crime", bei der Edition Köln die auf zehn Bände angelegte "Kriminelle Sittengeschichte Deutschlands" und bei der Edition Nautilus "Kaliber .64".

Kaliber .64: Verbrechen für Zwischendurch

Das Konzept der von Volker Albers herausgegebenen Reihe "Kaliber .64" ist so einfach, wie offen. Deutschsprachige Autoren werden gebeten eine neue Kriminalgeschichte zu schreiben. Es gibt nur eine Bedingung: Sie darf nicht länger als 64 Seiten sein. In den vergangenen Jahren schrieben Horst Eckert, Gunter Gerlach, Frank Göhre, Robert Hültner und Carlo Schäfer spannende Geschichten.
Die neuesten Bände wurden von Friedrich Ani, Bernhard Jaumann und Roman Rausch geschrieben. Diese sind allerdings, trotz der bekannten Namen, bestenfalls Durchschnitt.
ani-der-verschwundene-gast.jpgFriedrich Ani lässt in "Der verschwundene Gast" seinen ersten und bislang erfolgreichsten Seriencharakter, Kommissar Tabor Süden von der Vermisstenstelle im Dezernat 11 der Münchner Polizei, den verschwundenen Pleitier Richard Leimer suchen. Denn dieser führte ein Leben, von dem seine in einem Drogeriemarkt arbeitende Frau nichts ahnt.
Südens Suche nach dem Vermissten verläuft zunächst in den gewohnten Bahnen, bis dann kurz vor Schluss alles mit einer, höflich formuliert, kaum durch Beweise gedeckten Anklage und einem freiwilligen Geständnis beendet wird. Dieses Geständnis beendet die Geschichte des "verschwundenen Gastes" um den Preis der Glaubwürdigkeit. Denn diese Person hat in diesem Moment keinen Grund für das Geständnis. Im Gegenteil. Ausgehend von ihren eigenen Wünschen müsste die Person schweigen. Vollkommen unverständlich ist, dass Ani die kurze Geschichte mit zwei weiteren Vermisstenfällen, einer Schülerin und einem Flugzeugunglück, die letztendlich nichts mit dem Verschwinden von Leimer zu tun haben, aufpäppt. Sie sind noch nicht einmal ordentliche Subplots.
jaumann-Geiers-MahlzeitIn Bernhard Jaumanns Geschichte "Geiers Mahlzeit" erfährt der zurückgezogen lebende Übersetzer Walter Regner, dass ein ihm unbekannter Mann vor Jahren mit einem auf seinen Namen ausgestellten Pass nach Namibia ausgewandert ist. Regner will den Mann, der seine Identität geklaut hat, kennen lernen. Er fliegt nach Namibia.
Bei der ersten Begegnung von Regner und seinem Alter Ego nimmt die Geschichte eine erzähltechnisch interessante Wende. Denn ab jetzt erzählt Jaumann das Duell zwischen den beiden Regners aus zwei, jeweils in der ersten Person erzählten, Perspektiven. Jeder Ich-Erzähler behauptet in der gleichen dürren Berichtssprache, der einzig wahre Walter Regner zu sein.
Doch Jaumann verschenkt im Folgenden alle Möglichkeiten für einen spannenden Psychothriller zugunsten eines länglichen Duells in der Wüste. Das Ende enttäuscht aus mehreren Gründen. Der wichtigste ist, dass er auf die eingangs gestellte Frage, wer der wahre Regner ist und warum der andere dessen Namen angenommen hat, keine Antwort gibt.
Rausch-Meet-the-Monster"Meet the Monster" von Roman Rausch ist - und damit verrate ich fast das Ende - ein Zwei-Personen-Theaterstück. Der ehemalige Polizeipsychologe Dr. Felix Staudt soll in der Berliner Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik mit Mike Warneke sprechen. Warneke wurde vor drei Jahren als mehrfacher Mörder von jungen Türkinnen verurteilt. Jetzt kopiert jemand die Taten von Warneke. Staudt soll auf Bitte des ermittelnden Kommissars mehr über die Hintergründe der damaligen Taten herausfinden und so ein psychologisches Profil des Nachahmungstäters erstellen. Doch das Verhör nimmt nicht den von Staudt geplanten Verlauf.
"Meet the Monster" hat als erstes mit seiner konstruierten Ausgangslage zu kämpfen. Denn Staudt arbeitet nicht mehr als Pychologe und Warneke hat absolut keine Lust auf das Gespräch. Dass der zuerst nur berlinerisch pöbelnde ehemalige Bettler Warneke sich später innerhalb eines Sekundenbruchteils in einen eloquent, hochdeutsch parlierenden Psychologen wandelt, erhöht auch nicht gerade die Glaubwürdigkeit des Verhöres. Die nicht sonderlich überraschende Lösung hält dieses Niveau. Anstatt eines Beweises, gibt es eine wilde Theorie, die mit dem abschließenden freiwilligen Geständnis des Mörders garniert wird. Wie bei Ani hat auch bei Rausch der Täter absolut keinen Grund freiwillig zu gestehen. Denn das Geständnis widerspricht seinen Zielen.
Die Frühjahrsofferte von "Kaliber .64" ist schwach. Kein Autor erzählt in dem kurzen Format eine Geschichte, die als Visitenkarte für seine langen Romane dienen kann.

"Kriminelle Sittengeschichte Deutschlands": Früher war nicht alles schlecht

Die von Frank Göhre herausgegebene zehnbändige "Kriminellen Sittengeschichte Deutschlands" zeichnet im Spiegel von Kriminalromanen ein Bild der Bundesrepublik vom Kriegsende bis in die frühen Neunziger. Der erste, "Duell im Dunkel" von Egon Eis, ist eine Entdeckung. Die drei nächsten, Hansjörg Martins "Kein Schnaps für Tamara", Friedhelm Werremeiers "Taxi nach Leipzig" und -kys "Einer von uns beiden" sind Klassiker des deutschen Kriminalromans, wobei Werremeiers "Taxi nach Leipzig" auch heute immer noch ein spannender Kriminalroman ohne Patina ist. Die informativen Nachworte liefern weitere Informationen zum Autor und seinem Werk.
eis-Duell-im-Dunkel"Duell im Dunkel" von Egon Eis erschien 1957 bei Ullstein. Eis erzählt vom unerbittlichen Kampf zwischen dem Kripo-Inspektor Bruno Holzknecht und dem vermögenden Verbrecher Doktor B. Voß. Beide waren gemeinsam in Rommels Afrikakorps. Sie schätzen sich gegenseitig als ebenbürtig und sind in einer innigen Hassliebe miteinander verbunden. Bislang konnte der gerissene Verbrecher dem Inspektor immer ein Schnippchen schlagen. Als eine tote Prostituierte gefunden wird, wittert Holzknecht seine Chance.
Eis erzählt dieses Duell im Hamburg der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die seelischen Wunden des Krieges und der Nazi-Diktatur - sowohl Holzknecht als auch Voß waren, wenn auch eher auf der Seite der Mitläufer, Nazis - sind noch vorhanden. Aber die Flucht in die ökonomische Prosperität des Wirtschaftswunders lenkt davon ab. Nur Holzknecht spürt von diesem neuen Reichtum nichts. Denn er will nur den Verbrecher Voß fangen.
Vor diesem Hintergrund lässt Egon Eis sein "Duell im Dunkel" in zahlreichen knappen Szenen mit überraschenden Wendungen bis zum tödlichen Ende ablaufen. Schließlich schrieb Eis auch Drehbücher, teils unter seinem Namen ("Der Schuss im Tonfilmatelier", "Der Greifer", "Er kann's nicht lassen"), teils als Albert Tanner ("Wasser für Canitoga", "Das Wirtshaus von Dartmoor"), teils als Trygve Larsen (die Edgar-Wallace-Filme der sechziger Jahre). Ganz Profi legte er mit "Duell im Dunkel" einen spannenden Thriller vor, der immer noch besser als viele der neuen deutschen Krimis unterhält. Leider blieb "Duell im Dunkel" sein einziger nach dem Krieg geschriebener Kriminalroman.
Martin-Kein-Schnaps-fuer-TamaraDer zweite Band der "Kriminellen Sittengeschichte Deutschlands", der 1966 bei rororo thriller veröffentlichte Krimi "Kein Schnaps für Tamara" ist von einem der erfolgreichsten, vielleicht sogar dem erfolgreichsten deutschsprachigen Krimiautor der Bundesrepublik. Hansjörg Martin veröffentlichte zwischen 1965 und 1988 fast dreißig Kriminalromane. Außerdem schrieb er Kurzgeschichten und Jugendbücher und arbeitete für Funk und Fernsehen. Zwischen 1965 und 1979 betrug die Gesamtauflage seiner bei rororo thriller veröffentlichten Krimis über eine Million Exemplare. Heute, zehn Jahre nach seinem Tod, sind seine Bücher bis auf zwei Ausnahmen nur noch antiquarisch erhältlich. Sechs Jahre nach dem Kriegsende ist Hans Obuch Handelsvertreter. Gerade hat ihm die norddeutsche Schnapsfabrik Bricks eine endgültige Absage für eine Werbekampagne erteilt. Im Zug entdeckt Obuch eine tote Frau. Er meldet es der Polizei, genießt bei dem örtlichen Pressevertreter seine fünf Minuten Ruhm und fährt zurück nach Hamburg. Doch die schöne, unbekannte Tote lässt ihm keine Ruhe. Ihr Gesicht kommt ihm bekannt vor. Also nimmt er einige Tage frei und fährt zurück in die von der Familie Bricks beherrschte Kleinstadt. Kurz darauf ertrinkt der Maler Fabrizius in einem Kanal. Er hatte ein Porträt der Toten gemalt.
Im Vergleich zu Egon Eis erzählt Hansjörg Martin eine typische Rätselkrimigeschichte, bei der der Täter schon früh bekannt ist und einige Charaktere dem Amateurermittler allzu bereitwillig für die Geschichte wichtige Informationen anvertrauen. "Kein Schnaps für Tamara" ist daher, als eine Art Blaupause für zahlreiche weitere deutsche Krimis, die irgendwo zwischen Familiendrama und Soziokrimi pendeln und ein entspanntes Verhältnis zu Kommissar Zufall haben, heute eher von historischem Interesse. Wobei in "Kein Schnaps für Tamara" die Zufälle noch in einem akzeptablen Rahmen sind. Nur dass die Tunesierin Tamara sich von ihrem Aussehen so wenig von einer Norddeutschen unterscheidet, dass kein Charakter am Anfang der Geschichte auf ihr fremdes Aussehen eingeht, ist einfach unglaubwürdig.
("Kein Schnaps für Tamara" wurde 1968 von Hansjürgen Pohland als "Tamara" verfilmt. Petrus R. Schlömp, Wolfgang Preiss, Barbara Rütting, Hans Peter Hallwachs, Rolf Zacher und Hansjörg Martin spielten mit. Robert van Ackeren war Kamermann. Jazzgitarrist Attila Zoller schrieb die Musik. Die katholische Filmkritik lobte den heute vollkommen vergessenen Film. Vielleicht wird er, wie Hansjörg Martins Roman, wieder ausgegraben.)
werremeier-taxi-nach-leipzig-edition-koelnDer dritte Band der "Kriminellen Sittengeschichte Deutschlands" erzählt eine Ost-West-Geschichte ohne Spione, die vor allem Ältere kennen. Vielleicht als Roman. Vielleicht als "Tatort". Oder sowohl als auch.
Jedenfalls veröffentlichte Gerichtsreporter Friedhelm Werremeier 1970 als Jacob Wittenbourg (ein Pseudonym, das er schnell fallen ließ) in der "rororo thriller"-Reihe "Taxi nach Leipzig". Es war, nach "Ich verkaufe mich exklusiv", sein zweiter Kriminalroman und sein erster echter Trimmel-Roman. Denn in seinem Debüt hat Hauptkommissar Paul Trimmel nur eine Nebenrolle. In den Siebzigern ermittelte der knurrige Kommissar in zehn weiteren Romanen und zwei Kurzgeschichtenbänden. Zusammen ergeben die glänzend recherchierten Polizeiromane eine Chronik des sozialdemokratischen Jahrzehnts anhand der Fälle eines Polizisten.
Danach verstummte Trimmel und auch Werremeier zog sich als Romanautor zurück. Nur das Gerücht von einem finalen Trimmel-Roman hält sich hartnäckig.
Bis dahin kann jetzt wieder "Taxi nach Leipzig" gelesen werden. Für die neueste Ausgabe nahm Werremeier einige stilistische Änderungen an der von ihm für die Heyne-Krimireihe überarbeiteten Fassung vor.
Die immer noch lesenswerte Geschichte dürfte bekannt sein. An der Transitautobahn in der Nähe von Leipzig wird die Leiche eines fünfjährigen Jungen gefunden. Weil er in der DDR nicht erhältliche Schuhe trug, bitten die ostdeutschen Polizisten ihre westdeutschen Kollegen um Amtshilfe. Kurz darauf wird die Identität des Kindes geklärt und die Neugierde von Hauptkommissar Paul Trimmel ist geweckt. Denn der Vater von Chris Billsing wohnt in Hamburg. Erich Landsberger heißt er. Er ist ein gut verdienender Chemiker und als Trimmel ihm die Nachricht vom Tod seines unehelichen Sohnes überbringen will, erfährt er, dass Landsberger erst vor wenigen Tagen nach Frankfurt am Main umgezogen ist und einen zweiten, ebenfalls fünfjährigen, kränkelnden Sohn hat.
Als Trimmel Landsberger in Frankfurt besucht, trifft er den fünfjährigen Bertie, der innerhalb weniger Tage zum gesunden, sächselnden Kind wurde. Für Trimmel ist diese plötzliche Genesung nicht koscher und er fährt - natürlich entgegen jeder Dienstvorschrift - nach Leipzig zur Mutter von Chris Billsing.
Ein zweiter Chronist der Siebziger Jahre ist der Vater des Soziokrimis. Heute ist das ein Schimpfwort, aber damals war das durchaus anerkennend gemeint für den Versuch, Verbrechen und ihre Ursachen nicht als reines Rätselvergnügen zu betrachten, sondern sie auf ihre gesellschaftlichen Ursachen zurückzuführen. Überspitzt gesagt ist im Rätselkrimi der Mörder einfach böse und im Soziokrimi die Gesellschaft, die die Charaktere zum Verbrechen antreibt.
ky-einer-von-uns-beiden-edition-koelnDass Soziokrimis nicht so primitiv sind, wie diese Unterscheidung nahe legt, zeigt "Einer von uns beiden" von -ky. Der Berliner Horst Bosetzky wählte damals das Pseudonym, weil er noch innerhalb der SPD Karriere machen wollte und auch eine wissenschaftliche Karriere nicht für ausgeschlossen hielt. Jedenfalls glaubte er, dass das Schreiben von Kriminalromanen für beides nicht unbedingt förderlich sei. Nicht wegen des geringen Ansehens von Krimis bei der gesellschaftlichen Elite, sondern weil er dann seinen Genossen gesagt hätte, dass er auch andere Interessen hat, und weil er mehr und erfolgreicher publiziert als seine wissenschaftlichen Kollegen.
Als -ky wurde er in den Siebzigern gekauft. Heute, lange nachdem seine wahre Identität bekannt ist, wird er wahlweise als -ky oder Bosetzky gekauft. Und das mit der Wissenschaft hat auch geklappt.
-kys zweiter Kriminalroman "Einer von uns beiden", der selbstverständlich auch bei rororo thriller veröffentlicht wurde, hat bereits vieles vom späteren Bosetzky. Der gescheiterte Student Bernd Ziegenhals verbringt seine Tage und Nächte in Kreuzberg zwischen Huren und Kleinganoven. Eines Tages entdeckt er, dass FU-Professor Rüdiger Kolczyk seine Doktorarbeit abgeschrieben hat. Ziegenhals beginnt den Professor zu erpressen. Doch Kolczyk wehrt sich.
Dieses Duell zwischen den beiden gegensätzlichen Charakteren wird von -ky nicht zum Anlass für einen packenden Psychothriller genutzt. Stattdessen entwirft er ein heute historisch interessantes Panorama der frühen siebziger Jahre in Westberlin, montiert verschiedene Aussagen, Tagebucheinträge und erzählende Teile zusammen, nervt immer wieder regionalkrimitypisch, wenn sich eine Person von A nach B bewegt, mit detaillierten Aufzählungen von U-Bahnstationen und Straßennamen und das Ende ist, im Gegensatz zum Film, viel zu zufällig.
Denn auch -kys Roman wurde kurz nach seinem Erscheinen erfolgreich verfilmt. Manfred Purzer schrieb das Drehbuch. Jürgen Prochnow und Klaus Schwarzkopf spielen die unversöhnlichen Gegner. Und Wolfgang Petersens inszenierte in seinem Spielfilmdebüt "Einer von uns beiden" einen packenden Psychothriller, der dem Roman klar überlegen ist.
Die informativen Nachworte über Hansjörg Martin, Friedhelm Werremeier und -ky in der "Kriminellen Sittengeschichte Deutschlands" sind aus dem von Jürgen Alberts und Frank Göhre geschriebenen Buch "Kreuzverhöre - Zehn Krimiautoren sagen aus" (Gerstenberg 1999) fast unverändert entnommen worden. Weil jetzt die schönen Fotos von Rainer Griese fehlen, lohnt sich in einem Antiquariat die Suche nach "Kreuzverhöre". Außerdem wurden nicht alle in "Kreuzverhöre" befragten Autoren in die "Kriminelle Sittengeschichte Deutschlands" aufgenommen.

Hard Case Crime: kurz, knackig, noir

Ein kleines Wunder ist die deutsche Ausgabe der Hard-Case-Crime-Krimis in Deutschland. In den USA sorgen die pulpigen Krimis mit den stilechten Coverzeichnungen seit vier Jahren bei den Hardboiled-Fans für höherschlagende Herzen. Denn Herausgeber Charles Ardai stellte in den vergangenen Jahren eine gelungene Mischung aus zahlreichen Wiederveröffentlichungen und neuen Romanen zusammen. Fehlgriffe hat er sich bis jetzt nicht geleistet. Er hat viele Autoren einem jüngeren Publikum teilweise erstmals zugänglich gemacht und sogar die schwächeren Romane sorgen immer noch für einen unterhaltsamen Abend. In den USA sind bereits über vierzig Bände erschienen und ein Ende ist nicht in Sicht.
rotbuch-pulpRotbuch hat sich die deutschen Rechte gesichert und nicht nur die Texte, sondern gottseidank auch das Layout übernommen. Den Auftakt bilden Lawrence Blocks fast fünfzig Jahre alter Roman "Abzocker", die erste Zusammenarbeit von Ken Bruen und Jason Starr "Flop" und Allan Guthries zweiter Gangsterroman "Abschied ohne Küsse". Für den Herbst sind das Edgar- und Shamus-nominierte "Tod einer Stripperin" (Little Girl Lost, 2004) von Richard Aleas (ein Pseudonym von Charles Ardai), "Hardcore Angel" (Money Shot, 2008) von Christa Faust, das posthum erschienene, von Max Allan Collins fertiggestellte "Das Ende der Strasse" (Dead Street, 2007) von Mickey Spillane und "Mafiatod" (361, 1962), ein bereits vor Jahren als "Höllenfahrt" erschienenes Frühwerk von Donald Westlake, angekündigt. Die Bücher lassen mit Zeichnungen, die einen wichtigen Teil der Geschichte verraten, die gute alte Zeit der Pulps wieder aufleben. Damals hatte eine Geschichte zwischen 150 und 250 Seiten, konnte an einem Abend gelesen werden und nervte nicht mit depressiven Ermittlern mit psychischen und familiären Problemen.
bruen-starr-flopSo sind in dem Trash-Noir-Juwel "Flop" von Ken Bruen und Jason Starr alle Charaktere ziemliche Arschlöcher, deren Pläne - dank grandioser Selbstüberschätzung - regelmäßig zu unserem Vergnügen in die Hose gehen. Max Fisher will mit seiner vollbusigen Sekretärin Angela Petrakos ein neues Leben beginnen. Weil seine Frau (ebenfalls vollbusig) dabei nur stört und eine Scheidung sein Vermögen schmälern würde, engagiert er einen Killer. Dummerweise ist dieser ein durchgeknallter, glückloser IRA-Mann und der Freund von Fishers Sekretärin. Als ob jetzt der Weg ins Chaos nicht schon vierspurig gepflastert wäre, wird Fisher nach dem Tod seiner Frau mit Angela nackt in einem Hotelbett fotografiert. Jetzt muss auch der erpresserische Fotograf beseitigt werden. Und die Polizei glaubt, dass Fisher für den Tod seiner Frau verantwortlich ist. Ein Jahr nach "Flop" veröffentlichte das Team Bruen/Starr mit dem noch abgedrehteren "Bust" die weiteren Abenteuer von Max und Angela. Im September erscheint "The Max", die zweite Fortsetzung von "Flop".
guthrie-abschied-ohne-kuesseWährend "Flop" vor allem brüllend komisch ist, ist "Abschied ohne Küsse" vor allem düster.
Joe Hope ist trotz seines Namens und seinem Universitätsstudium ein primitiver Schläger. In Edinburg treibt er für Cooper Geld ein. Ein Baseballschläger verhilft seinen Argumenten zu einer nachdrücklichen Wirkung. Nur für seinen Schulfreund Cooper und seine Familie hat er tiefere Gefühle. Als sich seine neunzehnjährige Tochter Gemma umbringt, muss jemand dafür bezahlen. Hope macht sich auf den Weg zu seinem Cousin Adam Wright. Doch bevor er ihn sich vornehmen kann, verhaftet ihn die Polizei. Hope soll seine Ehefrau Ruth umgebracht haben. Doch dieses Mal ist er unschuldig. Dank eines falschen Alibis von Cooper wird er entlassen. Hope ist jetzt extrem stinkig und beginnt mit einigen schlagkräftigen Männern und Frauen (Sehen Sie sich das Titelbild an!) den Mann zu suchen, der seine Familie getötet hat.
Allan Guthries zweiter und gelungenerer Roman "Abschied ohne Küsse" bedeutete nach dem hochgelobten Debüt "Two-Way Split" den endgültigen Durchbruch der neuen Stimme aus Edinburgh. Sein Hard-Case-Crime-Roman ist ein Gangsterkrimi, in dem kein Charakter sympathisch ist. Sogar Joe Hope wird von Allan Guthrie über weite Strecken so unsympathisch-kühl geschildert, dass auch er als möglicher Täter, der jetzt eine falsche Spur legt, ein möglicher Täter ist.
block-abzocker Auch der Held in Lawrence Blocks "Abzocker" ist ein Verbrecher. "Abzocker" erschien erstmals 1961 und wurde 1970 in Deutschland als "Die Mörderlady" veröffentlicht. Für die Neuausgabe wurde die damalige Übersetzung überarbeitet.
In den USA startete im September 2004 die Hard-Case-Crime-Reihe mit diesem Frühwerk von Lawrence Block fulminant. Denn die Geschichte ist heute immer noch kein bisschen veraltet und Lawrence Block in den USA ein unter Krimifans hochrespektierter Name.
Trickdieb Joe Marlin verlässt wieder einmal ein Nobelhotel ohne die Rechnung zu bezahlen. Auf dem Bahnhof von Atlantic City klaut er sich die Koffer, mit denen er in einem Nobelhotel ohne Verdacht zu erregen einziehen kann. Als er sie seinem Zimmer öffnet, entdeckt er ein Kilo reines Heroin. Das, denkt er sich, könne sein Weg in ein besseres Leben sein.
Am Strand trifft er die verführerische Mona. Sie ist die jüngere Frau des von Marlin bestohlenen Keith Brassard und sexuellen Abenteuern nicht abgeneigt. Marlin verknallt sich bis über beide Ohren in sie. Deshalb ist er auch bereit für sie ihren Mann, der ein Mitglied der Mafia ist, zu töten.
Als Lawrence Block sich 1960 an seinen Schreibtisch setzte und mit "Abzocker" begann, wollte er nur einen weiteren Softporno schreiben, der unter irgendeinem Pseudonym veröffentlicht werden würde. Doch nach dem ersten Kapitel bemerkte er, dass diese Geschichte vielversprechend sei. Er schrieb sie fertig. Gold Medal, unter der Leitung von Knox Burger, veröffentlichte die Geschichte als "Mona". Es war das erste Buch, das unter Blocks richtigen Namen erschien.
"Abzocker" zeigt exemplarisch, wofür die Hard-Case-Crime-Reihe steht: düstere, kurze Kriminalromane in der Tradition der Pulps, Wiederveröffentlichungen von zeitlosen Hardboiled-Werken und, besonders bei Lawrence Block, Neuveröffentlichungen von Krimis, die bislang nie unter seinem richtigen Namen veröffentlicht wurden. "Lucky at cards" und "A diet of Treacle" setzten diese Tradition fort. Dabei ist "Abzocker" das gelungenste von Blocks bei Hard-Case-Crime veröffentlichten Frühwerken.

Shayol - Funny Crimes: Ausgrabungen für den Fan

In den folgenden Jahren erschrieb sich Lawrence Block vor allem mit seiner witzigen Bernie-Rhodenbarr- und der düsteren Matthew-Scudder-Serie in die Herzen der Krimifans. Doch kurz nachdem der Heyne-Verlag seine Krimireihe (nachdem aus der "Blauen Reihe" "Haffmans Kriminalromane bei Heyne" wurde) endgültig einstellte, verschwanden auch die Scudder-Romane vom deutschen Buchmarkt. Jetzt wagt Richard Betzenbichler in der von ihm beim Shayol-Verlag herausgegebenen "funny crimes"-Reihe einen Neuanfang. Im Gegensatz zum ursprünglichen Konzept tendieren der Fun-Anteil und der Anteil französischer Krimis gegen Null. Im landläufigen Sinn witzig sind nur Malcolm Pryce und Olivier Mau gewesen. Joe R. Landsdales schwarzer Humor ergibt sich aus der Geschichte und der staubtrockenen Stimme des Ich-Erzählers Hap Collins. James Crumley und Lawrence Block sind mit ihren Funny-Crimes-Romanen einfach nur verdammt gute Erzähler von Privatdetektiv-Krimis. Wer einen witzigen Krimi kaufen will, ist hier inzwischen an der falschen Adresse. Wer allerdings gute Krimis will, kann blindlings zugreifen. Das Knox Burger gewidmete Werk "Verluste" ist die mehr als überfällige Rückkehr von Matt Scudder auf den deutschen Buchmarkt und eine würdige Fortsetzung der "Funny Crimes"-Reihe.
block-verluste Scudder wird von seinem Freund Mick Ballou um Hilfe gebeten. Ein Unbekannter hat in Ballous Schnapslager zwei seiner Männer umgebracht und die Ware geklaut. Ballou ist, wie langjährige Scudder-Leser wissen, ein skrupelloser, irischer Gangster vom alten Schlag. Scudder kann seinem Freund diese Bitte nicht abschlagen.
Als Scudder kurz darauf zusammengeschlagen, sein AA-Mentor Jim Faber bei einem gemeinsamen Abendessen erschossen und eine Bombe in seine Stammkneipe "Grogan's" geworfen wird, nimmt auch Scudder die Sache persönlich.
Gemeinsam suchen Scudder und Ballou nach dem Mann, der sie beide umbringen will.
"Verluste", der vierzehnte Kriminalroman mit dem Ex-Cop, Ex-Alkoholiker und Privatdetektiv ohne Lizenz Matthew Scudder als Erzähler, ist der blutigste Roman der Serie. In keinem anderen Scudder-Roman werden mehr Menschen umgebracht. "Verluste" endet sogar, auf einer einsamen Farm, mit einem klassischen, aber Scudder-untypischen, Showdown, wie wir ihn aus einem Western kennen. Doch bei Lawrence Block sind die zahlreichen Morde nicht der Anlass für eine billige Rachegeschichte, sondern zu einer tiefgründigen Reflektion über Recht, Unrecht, Selbstjustiz und Freundschaft in einer Welt, in der es keine klaren Fronten gibt.

Links & Bibliographie:

ani-der-verschwundene-gast.jpg Friedrich Ani:
Der verschwundene Gast

Edition Nautilus, 2008
64 Seiten
4,90 Euro
Die ersten tausend Exemplare enthalten eine CD mit dem von Friedrich Ani und Schorsch & de Bagasch gesungenen Lied "Tabor Süden"
Homepage von Friedrich Ani:
www.friedrich-ani.de/
Meine Besprechung von "Wer lebt, stirbt":
kriminalakte/2007/06/05/

jaumann-Geiers-Mahlzeit Bernhard Jaumann:
Geiers Mahlzeit

Edition Nautilus, 2008
64 Seiten
4,90 Euro
Homepage von Bernhard Jaumann:
www.bernhard-jaumann.de

Rausch-Meet-the-Monster Roman Rausch:
Meet the Monster

Edition Nautilus, 2008
64 Seiten
4,90 Euro

Homepage von Roman Rausch:
http://roman-rausch.info/

Meine Besprechungen der "Kaliber .64"-Bücher:
Horst Eckert: Der Absprung
Frank Göhre: Der letzte Freier
Gunter Gerlach: Engel in Esslingen
Robert Hültner: Ende der Ermittlungen
Edith Kneifl: Der Tod ist eine Wienerin
Susanne Mischke: Sau tot
Carlo Schäfer: Kinder und Wölfe
Regula Venske: Mord im Lustspielhaus
Gabriele Wolff: Im Dickicht:

eis-Duell-im-Dunkel Egon Eis:
Duell im Dunkel

(mit einem Nachwort von Michael Töteberg)
Edition Köln, 2008
176 Seiten
11,80 Euro

Originalausgabe:
Ullstein Taschenbuch, 1957

Martin-Kein-Schnaps-fuer-Tamara Hansjörg Martin:
Kein Schnaps für Tamara

(mit einem Nachwort von Frank Göhre)
Edition Köln, 2008
216 Seiten
12,80 Euro

Originalausgabe
Rowohlt, 1966

Verfilmung
Tamara (D 1968)
Regie: Hansjürgen Pohland
Drehbuch: Hansjürgen Pohland

werremeier-taxi-nach-leipzig-edition-koeln Friedhelm Werremeier:
Taxi nach Leipzig

(mit einem Nachwort von Frank Göhre)
Edition Köln, 2008
192 Seiten
12,80 Euro

Erstausgabe Rowohlt, 1970 (als Jacob Wittenbourg)
Überarbeitete Neuausgabe
Heyne, 1983

Verfilmung
Tatort: Taxi nach Leipzig (D 1970)
Regie: Peter Schulze-Rohr
Drehbuch: Peter Schulze-Rohr, Friedhelm Werremeier

ky-einer-von-uns-beiden-edition-koeln -ky:
Einer von uns beiden

(mit einem Nachwort von Jürgen Alberts)
Edition Köln, 2008
224 Seiten
12,80 Euro

Erstausgabe
Rowohlt, 1972

Verfilmung
Einer von uns beiden (D 1974)
Regie: Wolfgang Petersen
Drehbuch: Manfred Purzer

Homepage von Horst Bosetzky:
www.horstbosetzky.de/

Die Reihe "Kriminelle Sittengeschichte Deutschlands" (herausgegeben von Frank Göhre):
Egon Eis: Duell im Dunkel, 1957
Hansjörg Martin: Kein Schnaps für Tamara, 1966
Friedhelm Werremeier: Taxi nach Leipzig, 1970
-ky: Einer von uns beiden, 1972
Michael Molsner: Rote Messe, 1973
Irene Rodrian: Schlaf, Bübchen, Schlaf, 1980
Helga Riedel: Einer muss tot, 1983
Peter Schmidt: Die Regeln der Gewalt, 1984
Peter Zeindler: Feuerprobe, 1991
Robert Brack: Psychofieber, 1993


guthrie-abschied-ohne-kuesse Allan Guthrie:
Abschied ohne Küsse

(übersetzt von Gerold Hens)
Rotbuch Krimi, 2008
288 Seiten
9,90 Euro

Originalausgabe:
Kiss her goodbye
Hard Case Crime, 2005
224 Seiten

Homepage von Allan Guthrie:
www.allanguthrie.co.uk/

bruen-starr-flop Ken Bruen & Jason Starr:
Flop

(übersetzt von Richard Betzenbichler)
Rotbuch Krimi, 2008
288 Seiten
9,90 Euro

Originalausgabe
Bust
Hard Case Crime, 2006
256 Seiten

Homepage von Ken Bruen:
www.kenbruen.com/
Homepage von Jason Starr:
www.jasonstarr.com/

Meine Besprechung der Jack-Taylor-Reihe von Ken Bruen:
http://www.Spurensuche No. 42

block-abzocker Lawrence Block:
Abzocker

(übersetzt von Ludwig Nagel)
Rotbuch Krimi, 2008
224 Seiten
9,90 Euro

Originalausgabe:
Grifter's Game
Hard Case Crime, 2004
208 Seiten

Erstausgabe
Mona
Gold Medal, 1961

Neuauflage
Sweet Slow Death
Jove, 1986

Deutsche Erstausgabe
Die Mörderlady
Heyne, 1970

Deutsche Hard-Case-Crime-Homepage: hardcasecrime.de
Amerikanische Hard-Case-Crime-Homepage:
hardcasecrime.com
Krimiblog:
Lisa Kuppler über die von ihr herausgegebenen deutschen Hard-Case-Crime-Bücher:
www.krimiblog.de
Meine Vorstellung von Hard Case Crime im "Krimijahrbuch 2006":
www.nordpark-verlag.de
Meine Besprechungen von Hard-Case-Crime-Büchern:
Max Allan Collins: Two for the Money
Max Allan Collins: The last Quarry
Mickey Spillane: Dead Street
Domenic Stansberry: The Confession


block-verluste Lawrence Block:
Verluste

(übersetzt von Katrin Mrugalla)
Shayol, 2008
296 Seiten
14,90 Euro

Originalausgabe:
Everbody dies
William Morrow and Company, 1998

Homepage von Lawrence Block:
http://www.lawrenceblock.com/

Das von mir herausgegebene Buch "Lawrence Block - Werkschau eines New Yorker Autors":
www.nordpark-verlag.de

Meine Besprechung von "All the Flowers are dying"
Meine Besprechung von "Lucky at Cards"

Meine Besprechungen von Funny-Crimes-Büchern:
Malcolm Pryce: Aberystwyth Mon Amour (Aberytwyth Mon Amour)
Joe R. Lansdale: Wilder Winter (Savage Season)
Oliver Mau: Myrtille am Strand (Myrtille à la plage)
James Crumley: Land der Lügen (The final country)
Joe R. Lansdale: Rumble Tumble (Rumble Tumble)

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Stand: 2. Juni 2008





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Axel Bußmer
Axel Bußmer, Studium der Politologie, Philosophie und Soziologie in Konstanz, lebt derzeit in Berlin und arbeitet an verschiedenen Drehbuchprojekten (u. a. ein Gangsterthriller). Neben Noir-Krimis liebt er Jazz, über den er auch Artikel schreibt.
Sie finden seine Beiträge im Internet in seiner Kriminalakte
Bei den Alligatorpapieren erscheinen regelmäßig seine TV-Krimi-Buch-Tipps.

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