Die Alligatorpapiere



Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bußmer



Requiem für New York

Der neue Scudder "All the Flowers are dying"

block-all-the-flowers-are-dying.jpg 9/11 ist für New Yorker der Tag, an dem sich alles änderte. Mit "Small Town" schrieb Lawrence Block seinen Roman über diesen Tag und den Folgen für seine Stadt. In "The Burglar on the prowl" ließ er Bernie Rhodenbarr unbeirrt von dem Terroranschlag durch die Stadt streifen, nur um mit seinem neuesten Buch "All the Flowers are dying", dem sechzehnten Roman mit Matthew Scudder, wieder zu 9/11 und den Folgen für die amerikanische Psyche zurückzukehren. Außerdem führt Block die Handlung von "Hope to die", dem vorherigen Scudder-Roman, erschienen im November 2001 und geschrieben vor 9/11, fort. Damals gelang es dem Mörder unerkannt zu entkommen. Nur seine verschiedenen Pseudonyme, immer ein Vorname mit A und ein Nachname mit B, Adam Breit, Audrey Beardsley, Alvin Benjamin, waren bekannt.

Als Doktor Arne Bodinson besucht er in Virginia den zum Tode verurteilten Preston Applewhite. Er fälschte damals die Beweise gegen Applewhite, erschleicht sich jetzt dessen Vertrauen und beobachtet seinen Tod. Später, in New York, kauft er in Elaine Scudders Antiquitätenladen einen antiken Brieföffner und bringt Elaines beste Freundin Monica Driscoll damit um.
Nachdem Elaine den Dolch identifiziert, nimmt Matt Scudder an, dass der unbekannte Killer seine Frau umbringen will. Elaine versteckt sich, bewacht von Matt und TJ, in ihrem gemeinsamen Apartment mit Blick auf das nicht mehr vorhandene World Trade Center und wartet auf die Nachricht, dass der Killer verhaftet wurde.
Währenddessen wird das Netz um den Killer enger. Scudder und die Polizei wissen immer mehr über den Killer, der die Initialen A B als Kennzeichen benutzt, aber sonst ein Phantom bleibt. Keine Spuren an den Tatorten hinterlässt. Keine bekannte Adresse hat. Keinen Namen hat. Niemals in den polizeilichen Datenbanken auftauchte.
Und dann stellt Scudder fest, dass der unbekannte Mörder der vor vier Jahren entkommene Killer ist und er nicht nur Elaine umbringen will, sondern die damals begonnene Mordserie fortführen will. Auch Kristin Hollander und er, Matt Scudder, stehen auf der Liste des Killers.

"All the Flowers are dying" ist kein Kriminalroman. Natürlich war das kriminalistische Element, das Puzzle verschiedener Spuren, die zum Täter führen, nie der wirkliche Grund gewesen, einen der Urban-Noir-Thriller mit den nicht-lizensierten, alkoholsüchtigen photo-lawrenceblock-2004.jpg Privatdetektiv Matthew Scudder in die Hand zu nehmen. Das spielte immer nur eine Nebenrolle in der immer wieder faszinierenden Odyssee von Ich-Erzähler Scudder durch New York, durch die Treffen der Anonymen Alkoholiker und seinen Begegnungen mit zahlreichen Menschen, denen er in den vorherigen fünfzehn Romanen, auf der Suche nach der Lösung des Mordfalles oder der Mordserie, begegnete. Es ging in allen Scudder-Romanen immer mehr um Menschen und ihren Versuchen in einer Millionenstadt zu überleben – und weniger um intellektuelle Krimipuzzles für das Kaminzimmer. Aber bei seinem sechzehnten Roman mit Scudder verzichtet Lawrence Block vollkommen auf das kriminalistische Element. Der Täter, von dem Block in der dritten Person erzählt und dem er einen großen Teil des Romans widmet, ist dem Leser von Anfang an bekannt und er ist anscheinend nicht aufzuhalten. Er bestimmt die Abfolge der Ereignisse, während Scudder, seine Freunde und die Polizei tatenlos zusehen und abwarten müssen, bis der Mörder bereit ist zur Konfrontation mit Matt Scudder. Eine Konfrontation, die, wie ein Überfall, wie ein Schuss aus dem Hinterhalt, innerhalb weniger Sekunden entschieden sein wird. Wenn der Killer A B diese Konfrontation will.

cover-alltheflower-uk-hc-large.jpgHier beginnt Lawrence Block, unter dem Deckmantel eines Kriminalromans, über seine Stadt New York und die Befindlichkeit der New Yorker, und auch US-Amerikaner, nach 9/11 zu erzählen: das pulsierende Leben ist anscheinend zum Stillstand gekommen; es werden keine neuen Bekanntschaften mehr geschlossen; es wird sich in die eigene Wohnung zurückgezogen und furchtsam gewartet. Ängstliche Passivität, gepaart mit hilflosen Aktionen gegen einen unsichtbaren Feind, der ihr Leben bestimmt; das ist Amerika nach 9/11.
Die Angst vor terroristischen Anschlägen und den Folgen für die Psyche ist ein Thema von "All the Flowers are dying". Das andere ist das Alter und der nahende Tod. Lawrence Block bemerkte nach einigen Büchern mit Matt Scudder, dass er kein statischer Held sei. Keiner, an dem Ereignisse spurlos vorübergehen. Keiner, der immer 35 Jahre ist. Also wurde Matt Scudder zu einem der ersten Serienhelden, der älter wird. Heute, fast dreißig Jahre nach "The Sins of the Fathers", dem ersten Scudder-Roman, ist Matt Scudder Mitte sechzig. Er und seine etwa gleichaltrigen Freunde sind mehr oder weniger ständige Gäste bei Beerdigungen. Sie können auf ein mit einer langen Linie toter Menschen gesäumtes Leben zurückblicken und sie blicken dem eigenen Tod ins Auge.
Matthew Scudders sechzehntes Abenteuer "All the Flowers are dying" leidet unter einer unglücklichen Konstruktion, die Lawrence Block zwingt, die Handlung zwischen zwei Protagonisten aufzuspalten: dem Detektiv und dem Mörder. In einem Thriller ist das ganz normal. In einem Privatdetektiv-Roman ist das sehr ungewöhnlich. Sie werden normalerweise aus der Sicht des Detektivs, meistens sogar in der ersten Person, erzählt. "All the Flowers are dying" ist, nachdem die vorherigen Scudder-Romane sich kontinuierlich steigerten, eine leichte Enttäuschung. Es dauert einfach zu lange, bis die Story endlich in Schwung kommt. Der Mord an Monica Driscoll findet erst nach dem ersten Drittel des Buches statt. Bis Matt Scudder herausfindet, dass auf der Liste des Killers auch Elaine und er stehen, vergeht wieder einige, für Block-Verhältnisse, nicht sonderlich fesselnde Lesezeit. Block versucht diese Ereignislosigkeit in Blocks Ermittlungen durch zwei Kunstgriffe auszugleichen: erstens, indem Scudder und TJ vorher in einem anderen Fall ermitteln, der letztendlich nichts mit dem unbekannten Killer zu tun hat, und, zweitens, indem er auch aus der Sicht des Mörders schreibt. Der Mörder und die von ihm ausgehende Bedrohung werden fassbar.
Block weicht in diesen Teilen auf die dritte Person aus und erzählt von Ereignissen, die Scudder nie erfährt. In "Hope to die" funktionierte dieser, sparsam eingesetzte, Kunstgriff gut. In "All the Flowers are dying" verlässt Block zu lange und zu oft den eigentlichen Erzähler Matt Scudder. 106 Seiten, über ein Drittel des Buches, gehören dem Killer.
Für Matthew Scudder- und Lawrence Block-Fans ist der sechzehnte Scudder selbstverständlich eine Pflichtlektüre, die sich über weite Strecken wie ein Abgesang liest. Für Neulinge bieten sich da eher einige der älteren Bücher an; beispielsweise "When the Sacred Ginmill Closes", "Eight Million Ways to die" (erhielt den Shamus Award) oder das ziemlich harte "A Dance at the Slaughterhouse" (erhielt den Edgar Award).

block-all-the-flowers.jpg
Lawrence Block: All the Flowers are dying
William Morrow, Februar 2005, 304 Seiten

Bestellen bei amazon


Links:
Lawrence Block
in der Befragung von Gisela Lehmer-Kerkloh und Thomas Przybilka

Leseprobe bei bookreporter.com

Blocks Homepage: www.lawrenceblock.com

block-When-the-Sacred-Ginmil- Closes.jpg block-Eight-Million-Ways-to-die.JPG block-A-Dance-at-the-Slaughterhouse.jpg

Nach oben


Bußmers Spurensuche
Ein Service der Alligatorpapiere
im
NordPark Verlag
Alfred Miersch
Klingelholl 53
42281 Wuppertal
Tel.:0202/51 10 89

Kontakt


Erstellt am 14.03.2005




News    |   Sitemap |   Spurensuche komplett

Axel Bußmer
Axel Bußmer, Studium der Politologie, Philosophie und Soziologie in Konstanz, lebt derzeit in Berlin und arbeitet an verschiedenen Drehbuchprojekten (u. a. ein Gangsterthriller). Neben Noir-Krimis liebt er Jazz, über den er auch Artikel schreibt. Bei den Alligatorpapieren erscheinen regelmäßig seine TV-Krimi-Buch-Tipps.

Spurensuche