Die Alligatorpapiere



Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bußmer



Burleske

Carl Hiaasen – Skinny Dip

Nach dem untypisch ruhigen "Basket Case" (2001, Letztes Vermächtnis) und dem Kinderbuch "Hoot" hiaasen-skinny-dip.jpg(2002, Eulen) ist "Skinny Dip" Carl Hiaasens Rückkehr zu seinen ätzenden, satirischen Analysen des american way of live in Florida. Der "Sunshine State" scheint nämlich über eine besonders reichhaltige Auswahl an gewissenlosen Umweltverschmutzern, korrupten Politikern, Psychopathen, durchgeknallten Gangstern und sonstigen Dummköpfen jeglicher Couleur zu verfügen. Das wissen Leser seiner früheren Bücher, unter anderem dem schlecht verfilmten "Striptease", und der zahlreichen Werke von Charles Willeford, Elmore Leonard, Charles W. Hall, Laurence Shames und Tim Dorsey schon lange. Ein Blick in Zeitungen oder Sachbücher verrät außerdem: allzu weit von der Wirklichkeit entfernt sind die Bücher dieser Autoren nicht angesiedelt.

Die Story ist für den Kolumnisten des Miami Herald Hiaasen nur der rote Faden, an dem ein Panoptikum menschlicher Dummheit aufgezogen wird. Im Wesentlichen wird, ohne große Schlenker, die Geschichte der Rache von Joey Perrone an ihrem Mann Chaz erzählt.

Während einer Reise wirft der Biologie-Doktor Chaz Perrone seine Frau Joey vom Luxusdeck der M. V. Sun Duchess in den Golfstrom. Er hofft, dass sie ertrinkt. Aber Joey gelingt es, mehr tot als lebendig, an Land zu schwimmen, getrieben von Rachegedanken und einer Frage: Warum will Chaz mich umbringen? Sie weiß es nicht. Denn von ihrem Millionen wird er keinen Cent erhalten und einer Scheidung hätte sie ohne lange zu zögern zugestimmt.

Zur gleichen Zeit meldet Chaz seine Frau als vermisst, trifft sich mit seiner Geliebten Ricca und beginnt sofort alle Habseligkeiten von Joey aus dem gemeinsamen Haus zu entfernen. Ein Verhalten, das den Verdacht von Detective Karl Rolvaag bestärkt. Er glaubt, Chaz habe seine Frau ins Wasser geworfen. Nur, ihm fehlt das Motiv.

Joey fasst während ihrer Genesung bei Mick Stranahan den Entschluss ihren Mann in den Wahnsinn zu treiben. Denn vor Gericht stünde Aussage gegen Aussage und Chaz ist vor Publikum immer sehr überzeugend. Zusammen mit Mick beginnt sie ihren Mann zu terrorisieren: mit Einbrüchen in ihr Haus, Trauergottesdiensten für sie, einem Testament, das Chaz begünstigt, und einer fingierten Erpressung.

Insgesamt ist "Skinny Dip" (2004) ruhiger als "Sick Puppy" (1999, Krumme Hunde), sein letzter gnadenloser satirischer Rundumschlag, bei dem vor allem die politische Klasse denkbar schlecht wegkommt. In "Skinny Dip" ist dagegen die Wut über die Zerstörung Floridas von einer gewissen Altersweisheit – nicht zu verwechseln mit Milde – bezähmt. Denn die Umweltzerstörer und Umweltignoraten erhalten für ihre Taten eine gerechte Strafe. Aber die Beziehung zwischen Tool und Maureen, fast eine generationenübergreifende Liebesbeziehung, ist von einer für Hiaasen untypischen Sanftheit.

Hiaasen-Fans dürfen sich außerdem auf zwei alte Bekannte freuen: Mick Stranahan, der Held aus "Skin Tight" (1989, Unter die Haut) ist dabei, und – auf wenigen Seiten, ohne namentlich genannt zu werden – Skink, der allseits beliebte Ex-Gouverneur mit seinen handgreiflichen Methoden, die er zuletzt in "Sick Puppy" eindrucksvoll demonstrierte.

Die anderen Charaktere halten locker mit: Chaz Perrone, ein Biologe, der vom Golfstrom keine Ahnung hat, dem die Natur vollkommen egal, Sex sehr wichtig und der bei seinen Mordplänen notorisch erfolglos ist; Tool, ein stark behaarter Leibwächter, der Kreuze sammelt und sein Herz für die sterbenskranke Maureen entdeckt; Karl Rolvaag, ein Polizist der zurück in das kühle Minnesota will und der sich mehrere Pythonschlangen als Haustiere hält; und Red Hammernut, ein Unternehmer mit Respekt für seine Gewinne, die er skrupellos auf allen Ebenen und mit allen Mitteln steigert.

Kurz und gut: "Skinny Dip" ist eine brüllend komische schwarzhumorige Burleske, die deutlich von der Realität Süd-Floridas inspiriert ist. Die Bösen musste Hiaasen, wie immer, nicht erfinden. Die Guten schon.

Carl Hiaasen: Skinny Dip
Bantam Press, 2004 (1. Auflage)
368 Seiten





Schonungslose Bestandsaufnahme

George P. Pelecanos – Wut im Bauch

Harboiled-Autor George P. Pelecanos wird immer besser. Mit "Wut im Bauch" (Hell to pay, 2002) liegt im Rotbuch-Verlag jetzt nach "Schuss ins Schwarze" (Right as rain, 2001) das zweite Buch mit den Privatdetektiven Derek Strange und Terry Quinn vor.

pelecanos-wut-im-bauch.JPG Pelecanos war nie ein Krimi-Autor im herkömmlichen Sinn. Und von Autoren, die mit Kriminalromanen die Bestseller-Listen anführen, trennen ihn Welten. Denn wichtiger als die Aufklärung des Falles sind die einzelnen Charaktere und ihr Leben. Deshalb stört es nicht, dass der plotbestimmende Mord an dem achtjährigen Joe Wilder erst in der Mitte des Buches geschieht. Als brutale Tat von drei Jugendlichen, die Joe Wilders Onkel Lorenze für eine Kleinigkeit einen Denkzettel verpassen wollen. Die sinnlose Tat rüttelt die Nachbarschaft auf. Derek Strange, der Joe in seinem Football-Team trainierte, empfindet Joes Tod als persönliches Versagen. Er konnte das Kind vor der Gewalt der Straße nicht beschützen. Der Drogenlord Granville Oliver beauftragt Derek Strange die Mörder zu suchen. Er ist Joes Vater. Zur gleichen Zeit sucht sein Teilzeit-Partner Terry Quinn die von zuhause entlaufene 14-jährige Jennifer Marshall, die inzwischen für Worldwide Wilson als Prostituierte arbeitet.

"Wut im Bauch" ist in Pelecanos typischem detailliertem Stil geschrieben, der auch seine früheren, teilweise bei Dumont erschienenen Bücher lesenswert macht. Wir begleiten die einzelnen Personen einige Tage fast ohne Unterbrechung. Dabei verknüpft Pelecanos kunstvoll mehrere Handlungen, die in unerbittlicher Konsequenz parallel zu Ende geführt werden. Deshalb sollte auch nie eine Seite übersprungen werden. Mit der Zeit entsteht ein grandioses Epos über das Leben in Washington, D. C., abseits der hohen Politik. Dafür interessieren sich die Menschen in den Büchern von Pelecanos nicht. Sie haben nichts damit zu tun. Sie können sie nicht beeinflussen. Warum sich also darum kümmern? Besonders wenn es schon schwierig genug ist, das eigene Leben halbwegs auf die Reihe zu bekommen?

pelecanos-hell-to-pay.jpgDas dichte Porträt einer gewalttätigen Stadt bildet den Hintergrund für die schonungslos erzählten Versuche von Männern, heute ein halbwegs anständiges Leben zu führen, eingezwängt zwischen ihren Idealen und den mehr als beschränkten Möglichkeiten einer Verwirklichung. Strange und Quinn wissen, dass das Leben kein Western oder ein Pop-Song ist. Deshalb wollen sie mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln für Gerechtigkeit sorgen und ein anständiges Leben führen – und stehen sich dabei oft selbst im Weg.

"Wut im Bauch" ist im besten Sinn ein guter Kriminalroman. Es ist eine schonungslose Bestandsaufnahme der dunklen Seiten des amerikanischen Kapitalismus, der Verantwortung von Männern – Pelecanos ist ein ausgesprochener Männerautor – für ihr Leben und die Gemeinschaft, über das Verhältnis von Vätern zu ihren Kindern, den richtigen und den adoptierten, über Schuld und Sühne. All das macht "Wut im Bauch" moralisch, ohne zu moralisieren. George P. Pelecanos schreibt eben Kriminalliteratur für erwachsene Leser.

George P. Pelecanos: Wut im Bauch (Hell to pay)
Rotbuch Taschenbuch 1164
(ISBN 3-434-54055-5)
368 Seiten, 9,90 Euro

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Axel Bußmer
Axel Bußmer, Studium der Politologie, Philosophie und Soziologie in Konstanz, lebt derzeit in Berlin und arbeitet an verschiedenen Drehbuchprojekten (u. a. ein Gangsterthriller). Neben Noir-Krimis liebt er Jazz, über den er auch Artikel schreibt. Bei den Alligatorpapieren erscheinen regelmäßig seine TV-Krimi-Buch-Tipps.

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