Die Alligatorpapiere



Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bussmer



Aus einer britischen Parallelwelt

Zur Francis Durbridge-Verfilmung "Die Kette"

Straßenfeger. So wurden in den Sechzigern die deutschen Verfilmungen der Bücher von Francis Durbridge genannt. Die Deutschen fieberten gespannt über mehrere Folgen der Lösung durbridge-die-kette.jpgentgegen. Francis Durbridge definierte, neben Edgar Wallace, was viele Deutsche auch heute noch unter Krimis verstehen.
In den Siebzigern nahm die Faszination zwar ab. Trotzdem sahen "Die Kette", sechs Jahre nach dem Durbridge-Dreiteiler "Das Messer", über Zwei-Drittel aller Deutschen. Das lag natürlich auch am damaligen Programmangebot. Es gab nur ARD, ZDF, ein regional ausgestrahltes Drittes Programm und, ab einer bestimmten Uhrzeit, das Testbild. Nachdem ab den Achtzigern die frei empfangbaren Programme zunahmen, sind solche Zuschauerzahlen utopisch.
Der legendäre Ruf der Durbridge-Verfilmungen, vor allem der frühen SW-Filme aus den Sechzigern, hielt sich über die ganzen Jahre. Weil die Programmplaner inzwischen meinen, diese Filme seien heute zu altmodisch, werden sie kaum noch im Fernsehen gezeigt. Dafür wurden in den vergangenen Monaten die DVD-Veröffentlichungen von alten TV-Serien und Fernsehfilmen für die Produzenten eine willkommene zusätzliche Einnahmequelle. Mit "Die Kette" liegt jetzt, als erster Durbridge-Film, der letzte Durbridge-Film des deutschen Fernsehens auf DVD vor. Die später im Fernsehen gezeigten Durbridge-Verfilmungen waren abgefilmtes Theater oder britische Produktionen mit einer minimalen deutschen Beteiligung. Folgerichtig wurden sie nicht in den Kanon der Durbridge-Filme aufgenommen. Einen Veröffentlichungstermin für die Durbridge-Klassiker aus den Sechzigern gibt es noch nicht. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis "Das Halstuch", "Tim Frazer", "Der Schlüssel" und "Melissa" in den Videotheken stehen.

Um was geht's in "Die Kette"?

So hatte sich Scotland Yard-Inspektor Harry Dawson seine Suspendierung nach einem durbridge-die-kette-back.jpgAlleingang gegen zwei Rauschgiftschmuggler nicht vorgestellt. Anstelle der neuen Freundin seines Vaters vorgestellt zu werden, muss er auf dem Golfplatz die Leiche seines Vaters identifizieren. Er wurde von einem Golfball tödlich getroffen. Dawson glaubt nicht an einen verirrten Ball, sondern an einen Mord. Sein Verdacht wird bestätigt, nachdem Peter Newton, der Mörder seines Vaters, umgebracht wird. Die Polizei findet in Newtons Wohnung Nacktfotos von Frauen und einen von Harry Dawson ausgestellten Scheck. Am nächsten Tag erhält Dawson ein Päckchen von Newton. In ihm ist ein von Dawsons Vater für den Hund ihrer Haushälterin gekauftes Hundehalsband und die Nachricht "Deshalb musste ihr Vater sterben".
Dawson kann bei seinen Ermittlungen niemand vertrauen. Denn die Mörder von seinem Vater und Newton bringen skrupellos jeden um, der sich ihnen in den Weg stellt. Gleichzeitig stellen sie Dawson immer wieder als Lügner und potentiellen Täter hin. Dabei scheinen sie Harry Dawson immer einen Schritt voraus zu sein. Ihr nächstes Opfer soll die gutaussehende Zeugin Judy Black sein.

Wie ist "Die Kette"?

Der dreistündige, vom Südwestfunk produzierte Zweiteiler "Die Kette" erzählt eine anachronistische Geschichte. Heute noch mehr als vor dreißig Jahren. Denn während in Großbritannien "Die Profis" (The Professionals) ihre Arbeit aufnahmen und "Die Füchse" (Sweeney) sich schon seit drei Jahren durch die Pubs soffen und Verdächtige verprügelten, wird in "Die Kette" noch richtig gentlemanlike ermittelt. Die Frauen präsentieren elegante, zeitlose Kleider; die Männer tragen außer Haus immer einen Anzug und einen Schlips. In ihrer Wohnung sind sie meistens nicht schlechter angezogen. Den Verdächtigen werden höfliche Fragen gestellt, auf die diese mehr oder weniger die Wahrheit sagen. Und, wenn es eine der raren Action-Szene gibt, ist diese schon erfrischend schlecht gemacht. Harald Leipnitz schickt einen der Bösen mit einem gezielten Fausthieb ins Reich der Träume - und schlägt erkennbar an ihm vorbei. Uschi Glas schießt sich in den Arm - und hält die Pistole in eine andere Richtung.
Das hatte den Anschluss an den internationalen Standard von Kinofilmen und TV-Krimiserien, die sich in die schmutzige Realität stürzten, schon lange verpasst. Auch etliche deutsche Produktionen, wie die Tatorte mit den Kommissaren Kressin, Trimmel und Finke und Einzelfilme wie "Das Millionenspiel" und "Smog", waren ästhetisch und erzähltechnisch bereits wesentlich weiter und näher an der Wirklichkeit. Denn Francis Durbridge bildete in seinem Drehbuch nicht die aktuelle Realität der Jahre 1976/1977, sondern die der fünfziger Jahre ab. Damals waren Callgirl-Ringe und Nacktfotos noch etwas, wofür es sich zu morden durbridge-die-kette.jpglohnte. Aber, ein gutes Jahrzehnt nach 1968, nach der sexuellen Befreiung, der Etablierung von Porno-Kinos in Kleinstädten, dem Riesenerfolg von "Deep Throat" und dem Ende der goldenen Zeiten für Zuhälter wirkt in "Die Kette" die ganze Aufregung wegen einiger keuscher Nacktfotos und eines supergeheimen Callgirl-Rings, der aus dem Hintergrund von einem geheimnisvollen Mann gelenkt wird, doch etwas übertrieben. Fantastisch sowieso. Und die Annahme des 1912 geborenen Briten Francis Durbridge, dass mit dem Enttarnen des kriminellen Hintermannes gleichzeitig das Böse besiegt und die braven Menschen sich wieder beruhigt in ihr Bett legen können, ist natürlich naiv.
Optisch ist "Die Kette" weitgehend ein abgefilmtes Hörspiel, bei dem nur selten die Bilder eigenständige Informationen liefern. Der vom Routinier Rolf von Sydow inszenierte TV-Zweiteiler ist kein Meisterwerk. Aber er ist ein gutes Routineprodukt, das gerade im Vergleich zur Hektik neuerer Fernsehkrimis erfrischend kompetent und - was hier ausdrücklich lobend gemeint ist - altmodisch erzählt ist. Hier langweilen keine Szenen, bei denen die Haupthandlung hinter irgendwelchen überflüssigen Subplots verschwindet, es gibt keine langatmigen privaten Geschichten die mit dem Hauptplot nichts zu tun haben und es gibt keine Szenen, bei denen sich der unbedarfte Zuschauer vor allem die Frage stellt, was uns der Autor damit sagen will. Stattdessen wird einfach ein Rätsel nach dem nächsten gelöst. Der Held kommt dem hinter allem stehenden verbrecherischen Mastermind immer näher, bis er ihn am Ende überführen kann. Das mag im Nachhinein etliche logische Löcher haben, aber bis dahin gelingt es Durbridge durch die zahlreichen Cliffhanger und falschen Spuren das Interesse des Zuschauers wach zu halten und lässt ihn rätseln, wer denn nun der Gärtner unter all den Verdächtigen ist.
Angenehm ist auch das ruhige Erzähltempo. Es wird verstärkt durch die zahlreichen langen, nicht geschnittenen Szenen, bei denen die Schauspieler sich wirklich in ihre Charaktere einfühlen können.
Letztendlich ist sogar die Wirklichkeitsferne von "Die Kette" aus heutiger Sicht ein Grund, weshalb der Film auf DVD funktioniert. Dreißig Jahren später, während sich im Fernsehen die Wiederholungen von Filmen aus den verschiedensten Jahren abwechseln, fällt die Diskrepanz zwischen der Realität des Jahres 1977 und der vollkommen unrealistischen Durbridge-Parallelwelt nicht mehr so sehr auf.

Wie ist die DVD?

Das Bild und der Ton sind für einen dreißig Jahre alten Fernsehfilm in Ordnung. Als Extra gibt es nur den von Dieter Reith geschriebenen Soundtrack (mit einem feststehenden Bild) und im Booklet einige Worte von Reith zur Musik. Damit bewegt sich "Die Kette" bereits am oberen Standard von deutschen Film- und Serien-Veröffentlichungen. Bis die Deutschen hier an den US-amerikanischen Standard anschließen, vergehen wahrscheinlich noch Jahre. Bis dahin müssen DVD-Käufer bei deutschen Produktionen fast immer auf Audiokommentare (z. B. vom Regisseur, einem Durbridge-Experten, oder den Produzenten und Redakteuren vom Südwestfunk), Fotogalerien und Dokumentationen (Hat der Südwestfunk wirklich nichts über und mit Durbridge in seinen Archiven liegen?) verzichten.

Links & Bibliographie:

durbridge-die-kette.jpg Die Kette
(Deutschland, 1977)
Aviator-Entertainment
Regie: Rolf von Sydow
Buch: Francis Durbridge
(übersetzt von Marianne de Barde)

180 Minuten + Soundtrack von Dieter Reith
Bildformat: 4:3
Sprache: Deutsch
Tonformat: Dolby Digital 2.0

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Besetzung:

Harald Leipnitz
Uschi Glas
June Bolton
Rosemarie Fendel
Herbert Fleischmann
Margot Hielscher
Michael Hinz
Wolfgang Kieling
Walter Kohut
Nino Korda
Wolfgang Lukschy
Gunnar Möller
Jan Niklas
Beatrice Richter
Karl Heinz Vosgerau
Klaus Wildbolz

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Harry Dawson
Judy Black
Liz Mason
Mary Rogers
Chief Inspector Yardley
Sybill Conway
Hubert Rogers
Heaton
Nat Fletcher
Marty Smith
Father Dawson
Inspector Tim Everson
Douglas Craft
Linda Wade
Arnold Conway
Peter Newton


Buchveröffentlichung:
A Game of Murder,
Hodder & Stoughton Ltd, 1975
durbridge-die-kette.jpgDeutsche Ausgabe:
Die Kette
(aus dem Englischen von Wulf C. Bergner)
Goldmann Verlag, 1978

Links:

Zu Francis Durbridge:
eine umfassende deutschsprachige Seite:
www.durbridge.de.vu
derkommissar/francis-durbridge/

Die wichtigen Informationen
bei der Krimi-Couch

auf Englisch: www.kirjasto.sci.fi

Zu Dieter Reith:
www.dieter-reith.de/

Zu Aviator-Entertainment:
www.aviator-entertainment.com

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Klingelholl 53
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Tel.:0202/51 10 89

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Erstellt am 30.05.2006




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Axel Bussmer
Axel Bussmer, Studium der Politologie, Philosophie und Soziologie in Konstanz, lebt derzeit in Berlin und arbeitet an verschiedenen Drehbuchprojekten (u. a. ein Gangsterthriller). Neben Noir-Krimis liebt er Jazz, über den er auch Artikel schreibt. Bei den Alligatorpapieren erscheinen regelmäßig seine TV-Krimi-Buch-Tipps.

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