Die Alligatorpapiere



Spurensuche. No. 41
Die Kolumne von Axel Bußmer



Serienmörder - fiktiv und ihre realen Vorbilder

Zu Michael Morleys Debüt »Spider"


Der Heyne Verlag setzt große Hoffnungen in das Debüt des Journalisten Michael Morley. »Spider« erschien in Deutschland vor der englischen Ausgabe, es wurde eine eigene Homepage erstellt und eine Lesereise organisiert. Ein solcher Rummel sagt wenig über die literarische Qualität und viel über die kommerziellen Chancen des Romans aus. Denn »Spider« ist ein 08/15-Serienkillerthriller, der die Standards des Genres passgenau bedient.

Der Roman

Nach einem Zusammenbruch zog sich der weltbekannte FBI-Profiler Jack King mit seiner Frau und seinem Sohn in die Toskana zurück. Sie betreiben eine kleine Pension und genießen das friedliche Leben. Schuld an dem Zusammenbruch war Kings größter ungelöster Fall: der des Black-River-Killers; einem Serienmörder, der mindestens sechzehn Frauen morley-spider umgebracht hat und sich selbst Spider nennt. Zwanzig Jahren nach seinem ersten Mord gräbt der Black-River-Killer die Leiche dieses Opfers aus und schickt den abgetrennten Kopf mit dem Vermerk »Zu Händen von Jack King« an das FBI. Zur gleichen Zeit geschieht in Italien ein Mord an einer jungen Bibleothekarin. Er trägt die Handschrift des Black-River-Killers.
Jack King muss die Jagd wieder aufnehmen und sich seinen alten Dämonen stellen. Dabei scheint der Serienmörder ein perfides Spiel mit Jack King zu treiben. Mehr muss nicht verraten werden, denn wer in den vergangenen Jahren mehr als zwei Serienkillerthriller gelesen oder gesehen hat, kann die restliche Geschichte ziemlich genau vorhersagen.
Morley zeigt mit seinem formelhaften Thriller, wo genau die Vorteile und auch Nachteile des Serienkillergenres liegen. Der Vorteil ist, dass die Jagd nach dem Täter schon allein dadurch spannend wird, indem gezeigt wird, wie die Jäger versuchen, einen weiteren Mord zu verhindern. Denn die Geschichte springt spannungssteigernd zwischen den Ermittlungen der Polizei und dem Agieren des Serienmörders hin und her.
Die Nachteile sind natürlich ebenso offensichtlich. Der Täter muss freiwillig leichtsinnig werden. Er muss eine persönliche Rechnung mit dem Helden begleichen wollen. Es gibt einige offensichtlich falsche Spuren. Der sich im Ruhestand befindende Held wird von den Dämonen seiner Vergangenheit gejagt. Seine Familie gerät in Lebensgefahr. Es gibt die obligatorische Rettung in letzter Sekunde. Selbstverständlich überlebt der Sohn von Jack King. Ebenso das letzte Opfer des Black-River-Killers. Denn der Held muss für seine Mühen belohnt werden. Das alles ist seit Thomas Harris' »Roter Drache« (Red Dragon, 1981) bekannt und in zahlreichen Variationen durchgespielt worden. Hier folgt Morley brav den Konventionen des Genres und den gängigen dramaturgischen Regeln, die bereits in Hitchcocks Stummfilmen galten.
Die neuen Schlenker beschränken sich darauf, dass die Geschichte gleichzeitig in Italien und den USA spielt und dass das Internet für die Handlung wichtig ist.
Ein Unterschied zu vielen Krimiautoren ist, dass Michael Morley als Journalist zahlreiche Serienkiller interviewte und auch polizeiliche Ermittlungen begleiten durfte. Während der Lesung in Berlin bestätigte Kriminalist Stephan Harbort die Darstellung der Profiler-Arbeit von Morley. Das sei alles zutreffend beschrieben.

Das Gespräch

morley-michael Michael Morley ist ein unauffälliger, kleiner Mann. Wenn er nicht die Arbeitskleidung der Künstler, schwarzer Anzug mit schwarzem Hemd, anhätte, könnte er auch in jedem anderen Beruf arbeiten. Er sieht seriös und vertrauenserweckend aus. Für einen Journalisten sind das keine schlechten Eigenschaften. Besonders wenn er als Kriminalreporter mit Ermittlern, Tätern und Opfern reden muss. Er führte in den vergangenen Jahren zahlreiche lange Gespräche mit Serienmördern. Er sprach exklusiv mit Anne-Marie West, der Tochter eines Serienkillerehepaares. Und das war noch die gute Seite ihrer Eltern. Er durfte eine laufende Ermittlung mit seinem Kameramann begleiten. Ausgehend von diesen Erfahrungen schrieb Michael Morley »Spider«. Weil bei Morley seine Arbeit und sein Debütroman untrennbar miteinander verbunden sind, wird ein Gespräch über »Spider« schnell zu einem Gespräch über Serienkiller.
Nachdem wir uns in einer Ecke seines Berliner Hotels zum Interview hingesetzt hatten, fragte ich ihn, warum er einen Serienkillerthriller geschrieben habe.
Er sagte, das Thema sei immer noch wichtig. Weil immer mehr Menschen keine sozialen Bindungen mehr hätten, würde es auch immer mehr Serienkiller geben. Und die Polizei habe in den vergangenen Jahren Serienkiller besser enttarnen können. Dabei seien Serienkiller, wie er auch mit »Spider« habe zeigen wollen, Künstler im Verstellen. Sie seien vollkommen unauffällige und normale Menschen. Sie seien, wenn sie mehrere Morde begingen, sehr intelligent. Ihr Intelligenzquotient sei normal oder höher. Sie hätten angesehene Berufe. Sie seien spontane Problemlöser und verfügen über eine gute Portion gesunden Menschenverstand.
So war Robert Berdella in Kansas City ein erfolgreicher Geschäftsmann mit drei Firmen und der Leiter von »Neighborhood Watch«. Gleichzeitig tötete er sieben Männer und dokumentierte die Morde akribisch. Er war, so Morley, in Teilen auch das Vorbild für seinen Black-River-Killer.
Bei allen Serienkillern, mit denen er gesprochen habe, habe er nur eine Gemeinsamkeit festgestellt. »A lack of love.«, sagte Morley. Sie könnten nicht lieben und sie könnten nicht geliebt werden.
Ich wollte von Morley wissen, wie sich Serienkiller von anderen Menschen, die mehrere Morde begingen, unterscheiden. Morley meinte, ein Söldner sei gesetzlich geschützt. Für einen Killer oder Auftragsmörder sei Töten ein Geschäft. Sie würden ihre Aufträge ohne Emotionen erfüllen und seien danach nur daran interessiert, nicht erwischt zu werden. Bei einem Serienkiller gebe es dagegen eine vollkommen andere, meistens persönliche Motivation. Oft gehe es um Sex und der Täter habe eine sexuelle Störung. Es gehe ihm um Kontrolle. Manchmal befinde er sich auch auf einer Rachemission.
Auch Morleys Black-River-Killer befindet sich auf einer Rachemission.
An dem Thriller »Spider« schrieb Morley ein gutes Jahr. Bevor er mit »Spider« anfing, schrieb er Zusammenfassungen für drei verschiedene Romane. Mit seinem Agenten Luigi Bonomi entschieden sie sich dann für die vielversprechendste. Morliey schrieb zuerst die Kapitel mit Spider und anschließend die mit Jack King. So versuchte er mit einem cleveren Bösewicht seinen Helden zu Höchstleistungen anzuspornen. Manchmal musste er auch Kapitel mit Spider neu schreiben, weil er in der ersten Fassung seinen Killer dumme Sachen machen ließ. Nachdem Morley sein Manuskript geschrieben hatte, hörte er sich die hilfreichen Vorschläge des Lektorats genau an. Hier sieht er auch den Hauptvorteil eines Journalisten. Er höre, weil er einen spannenden Roman schreiben wolle, auf Ratschläge und sein Agent und die Lektoren hätten viel Erfahrung. Deshalb bedankt Morley sich in seiner Danksagung in »Spider« bei ihnen.
bochco-death-by-hollywoodZum Ende des Gesprächs fragte ich nach seinen Vorbildern. Ohne zu zögern nannte er Patricia Cornwell, Nicci French, Steven Bochco (er wies besonders auf den Roman »Death by Hollywood« des erfolgreichen TV-Produzenten hin), Stephen King und den Kinderbuchautor Dr. Seuss. Seine Geschichten liest er seinem Sohn abends vor. Lange musste er dagegen bei der Frage nach seinen Favoriten im Serienkillergenre nachdenken. »Roter Drache« von Thomas Harris nannte er als erstes. Dann »Die Assistentin/Der Knochenjäger« (The Bone Collector, 1997) von Jeffery Deaver. Die Verfilmung des Romans »Der Knochenjäger« (USA 1999, Regie: Phillip Noyce, Drehbuch: Jeremy Iacone) gefiel ihm ebenfalls.
Den aus seiner Sicht schlechtesten Serienkillerroman konnte er dagegen nicht nennen. Schließlich merke man schnell, ob das Buch schlecht sei und höre dann mit dem Lesen auf. Den neuen Jim Carey-Film »Number 23« (The Number 23, USA 2007, Regie: Joel Schumacher, Drehbuch: Fernley Phillips) hielt er für vollkommen missglückt. »Zeitverschwendung«, sagte er dazu.

Die Zukunft

Derzeit schreibt Michael Morley an den zweiten, in Italien spielenden Jack King-Roman. In ihm werde es, so Morley, um die Frage gehen, wie eine große Verbrecherorganisation damit umgehe, dass sie einen Serienkiller in ihren Reihen habe. Das hört sich nach einem großen Schritt weg von der sattsam bekannten Serienkillerformel an.

Links & Bibliographie:

morley-spider.jpg Michael Morley:
Spider

(übersetzt von Jürgen Bürger)
Heyne, 2007
448 Seiten, 19.95 Euro
Bestellen bei amazon

Originalausgabe:
Spider
Penguin, London, 2008 (angekündigt)


Homepage zu »Spider«:
http://www.spiderdasbuch.de/

Crime Library über Robert Berdella:
www.crimelibrary.com/



Nach oben

Bußmers Spurensuche
Ein Service der Alligatorpapiere
im
NordPark Verlag
Alfred Miersch
Klingelholl 53
42281 Wuppertal
Tel.:0202/51 10 89

Kontakt


Erstellt am 18.11.2007




News    |   Sitemap |   Spurensuche komplett

Axel Bußmer
Axel Bußmer, Studium der Politologie, Philosophie und Soziologie in Konstanz, lebt derzeit in Berlin und arbeitet an verschiedenen Drehbuchprojekten (u. a. ein Gangsterthriller). Neben Noir-Krimis liebt er Jazz, über den er auch Artikel schreibt.
Sie finden seine Beiträge im Internet in seiner Kriminalakte
Bei den Alligatorpapieren erscheinen regelmäßig seine TV-Krimi-Buch-Tipps.

Spurensuche