Die Alligatorpapiere



Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bussmer



Lollis und lockere Sprüche

Zu der DVD "Kojak: Einsatz in Manhattan – Staffel 1"

"Who loves ya, baby?"
(Kojaks Spruch im Original)


Vor dreißig Jahren sorgte ein Glatzkopf mit einer Vorliebe für maßgeschneiderte Anzüge und Lollis in Manhattan Süd für Ruhe und Ordnung. Dort kannte er jeden Verbrecher, diese respektierten ihn und jedes Kind kannte und bewunderte ihn. Theo Kojak hieß der ermittelnde Detektiv. Lieutenant war er. Und er gehörte zu den Polizisten, die nie die oberen Sprossen der Karriereleiter erklimmen werden. Denn Kojak folgte seinem eigenen Ehrenkodex. Dafür beugte er immer wieder die Regeln, beschützte Frauen und legte sich ohne zu Zögern mit seinen Vorgesetzten, dem Bürgermeister, dem Geldadel und der Mafia an. Das schöne, jedem Politiker bekannte Wort "Kompromiss" existierte in Theo Kojaks Wörterbuch nicht. Jedenfalls nicht, wenn er Verbrecher jagte und sie mit seinen coolen Sprüchen in die Ecke drängte. Denn seinen Dienstrevolver ließ er meistens stecken. Den Lolli als probates Mittel der Verbrechensbekämpfung entdeckte er erst in der achten Episode.

Telly Savalas = Theo Kojak

Gespielt, nein, verkörpert wurde Theo Kojak von Telly Savalas. Einem griechischstämmigem, fünfzigjährigen Schauspieler, der damals bereits auf eine beachtliche Karriere und eine Oscarnominierung für seine Nebenrolle in John Frankenheimers Biopic "Der Gefangene von Alcatraz" zurückblicken konnte. Daneben spielte er wichtige Rollen in "Ein Köder für die Bestie", "Das dreckige Dutzend", "Mit eisernen Fäusten", "Stosstrupp Gold" und "James Bond - Im Geheimdienst ihrer Majestät".
1972 übernahm er für den CBS-Fernsehfilm "Der Mordfall Marcus Nelson" die Hauptrolle. Der auf dem Mordfall Wylie-Hoffert basierende Film zeichnete die alltägliche Polizeiarbeit fast schon dokumentarisch nach. Der Film war ein Publikums- und Kritikererfolg und die Produzenten wollten diesen Erfolg verstetigen. Kojak-mit-lollyAus einem Spielfilm wurde innerhalb weniger Monate die Polizeiserie "Kojak". 118 Episoden wurden zwischen 1973 und 1978 ausgestrahlt. Zwischen 1985 und 1990 kehrte Telly Savalas für sieben spielfilmlange Filme in die Rolle zurück. Der weltweite Erfolg der Serie wäre ohne Telly Savalas glaubwürdige Verkörperung Kojaks nicht denkbar. Immer noch, fast zwölf Jahre nach seinem Tod, ist Savalas weltweit in erster Linie als Kojak bekannt: ein Mann mit einem ausgeprägten Beschützerinstinkt und einer eigenen Auffassung von Gerechtigkeit. Er ist ein harter Knochen, der alle Menschen gleich behandelt. Afroamerikaner behandelt er genau wie Weiße. Bei Frauen wird sein männlicher Beschützerinstinkt geweckt. Aber er schickt sie trotzdem in gefährliche Undercover-Einsätze. Für Kojak verläuft die Sympathie/Antipathie-Linie nicht zwischen den Rassen, sondern zwischen Verbrechern und den ehrlichen Menschen. Wobei er durchaus einen gewissen Respekt für die kleinen Berufsverbrecher empfindet.
Außerdem ist Kojak ein Don Quichotte. Obwohl er weiß, dass sein Kampf gegen Ungerechtigkeit, Intoleranz und Dummheit im Rechtssystem und gegen die Macht der Reichen weitgehend aussichtslos ist, nimmt er diesen Kampf jeden Tag wieder auf. Nicht für sich, sondern für die Menschen in Manhattan Süd, die seine Hilfe und seinen Schutz benötigen.

Die erste Staffel

Bereits Kojaks erster Auftritt in dem Fernsehfilm "Der Mordfall Marcus Nelson" ist eine bittere Anklage gegen das System. Denn nur indem Kojak gegen die Vorschriften verstößt, seinen Job riskiert, und dem Verteidiger geheime Unterlagen gibt, kann er einen Freispruch für den afroamerikanischen Angeklagten erwirken. Allerdings kann Kojak nicht verhindern, Kojak-staffel-eins.jpgdass er für ein anderes Verbrechen unverhältnismäßig hoch bestraft wird. Der einzige Grund dafür ist, dass der Staatsanwalt seinen Fehler nicht eingestehen will.
Für die auf den Film aufbauende Serie wurde dann das pessimistische Ende des TV-Films abgemildert und Kojak kann seine Fälle entsprechend den Serienkonventionen erfolgreich abschließen. Spätestens nach fünfzig Minuten verhaftet Kojak die Verbrecher. Dennoch muss er in der ersten Staffel immer wieder gegen Widerstände innerhalb des Polizei- und Justizapparates kämpfen. Dabei ist Kojak auch vor bösen Überraschungen nicht gefeit. In "Web of Death" ermittelt Kojak mit Detective Nick Ferro in einem Mordfall. Kojak ist mit Ferro gut befreundet und er schätzt ihn als guten Polizisten. Erst am Ende erfährt Kojak - im Gegensatz zu den Zuschauern -, dass Ferro den Geliebten seiner Frau ermordete. In "Requiem for a cop" hat Kojak 48 Stunden einen befreundeten Polizisten von dem Verdacht auf Korruption reinzuwaschen. Er wurde in einer Nebenstraße ermordet und hatte ein Vermögen bei sich. In "Dead on his feet" muss Kojak den Mörder eines Polizisten finden. Aber in erster Linie versucht Kojak zu verhindern, dass der todkranke Partner des Ermordeten (Harry Guardino) eine Dummheit begeht. In "Death is not a passing grade" will einer von Kojaks Polizeischülern Kojak beweisen, dass er perfekte Verbrechen begehen kann. Diese Folge entwickelt sich zu einem spannenden Schauspielerduell zwischen dem jungen James Woods und Telly Savalas.
Das Organisierte Verbrechen ist auch bereits ein integraler Bestandteil von Kojaks Welt. Er hat sich mühsam damit arrangiert. Beide Seiten halten einen fragilen Burgfrieden aufrecht. In "One for the morgue" benutzt ein Gangsterboss Kojak, um seinen Gegner aus dem Weg zu schaffen. Während Kojaks Vorgesetzte sich über die Erfolge bei der Bekämpfung der Bandenkriminalität freuen, sucht Kojak den unbekannten Informanten. Denn er will unter keinen Umständen die Schmutzarbeit für einen Gangsterboss machen. In "Conspiracy of fear" versucht Kojak ein städtisches Bauprojekt zu verhindern. Bei dieser Mörderjagd legt er sich gleichzeitig mit der Stadtverwaltung und den Bauherren, der Mafia, an. Die wollen den Bauvertrag so schnell wie möglich abschließen und den Störenfried Kojak abschießen. Und immer wieder trifft Kojak auf Berufsverbrecher. Meistens sind es Einbrecher, die so am amerikanischen Traum partizipieren wollen. Auch wenn sie, in "Last Rites for a dead Priest", für einen Juwelendiebstahl in Priesterkluft salbungsvolle Worte von sich geben müssen. Gespielt wurde der Dieb mit sichtbarer Lust am Doppelspiel von dem ehemaligen Kinderstar Jackie Cooper.
Keine Berufsverbrecher sind dagegen die hoffnungslos überforderten Geiselnehmer in "Siege of Terror". Nachdem der Überfall auf einen Geldtransporter schief geht, flüchten sie in einen Waffenladen. Kojak hat nur wenige Stunden, die drei Geiselnehmer (u. a. Harvey Keitel) zur Aufgabe zu bewegen.
Diese enorm spannende Folge mit Kinoqualität eröffnete die erste Staffel von Kojak und Kojak-einsatz-in-manhattan.jpgmacht Lust auf die weiteren, dagegen abfallenden Episoden. Denn in ihnen fällt auf, dass die meisten Bilder von New York im Vorspann zu sehen sind und, wie auch bei anderen Serien, die Folgen fast ausschließlich in Hollywood im Studio gedreht wurden. Während Kojaks Büro und das Polizeirevier einen stark benutzten Eindruck machen, können die anderen Innenräume nie verhehlen, dass sie eine Kulisse sind. Bei den meisten Außenaufnahmen hat man auch immer das Gefühl, in einer Kulisse zu stehen, die vor wenigen Stunden für einen SW-Gangsterfilm benutzt wurde. New York-typische Gebäude sind, bis auf die kurzen Zwischenschnitte, nicht zu sehen. Ein Gefühl für die Millionenstadt New York entsteht so nie. "Kojak - Einsatz in Manhattan" spielt in einer gesichtslosen Großstadt, die auch Chicago, Boston oder Los Angeles sein könnte.
Ein hübsche Fußnote für diese Einstellung zum Lokalkolorit ist die auf der DVD-Box abgebildete Brücke. Es ist die Golden Gate Brücke und sie ist eines der Wahrzeichen von San Francisco.
Insgesamt ist "Kojak - Einsatz in Manhattan" eine auch heute noch sehenswerte Serie mit einem Siebziger-Flair und der Vorläufer zu den realistischen, vor Ort gedrehten Cop-Serien wie "Miami Vice", "NYPD Blue" und "The Shield". Die DVD-Umsetzung begnügt sich gelungen mit dem Minimal-Programm (Bei den Ansichts-DVDs gab es Fehler im Datentransfer. Besonders in dem Pilotfilm waren diese störend. Aber bei den Verkaufs-DVDs müsste das behoben sein). Auf sieben DVDs sind alle 22 Folgen der ersten Staffel in der Originalfassung. Die für die deutsche TV-Ausstrahlung von der ARD gekürzten Minuten sind untertitelt. Als Bonusmaterial gibt es, im Gegensatz zur US-amerikanischen und britischen Ausgabe, Kojaks ersten Auftritt, den Spielfilm "Der Mordfall Marcus Nelson".

"Entzückend"
(Kojaks Spruch auf Deutsch)





Kojak-staffel-einsBestellen bei amazon"Kojak – Einsatz in Manhattan: Staffel 1" (USA 1973 – 1974)
7 DVDs
Vertrieb: Universal

Freigabe: FSK 12
Laufzeit: 1200 min
Ton: Mono 2.0 (D, GB, F, E)
Bild: 4:3 Vollbild
Untertitel: D, GB für Hörg., F, E, NL

Bonusmaterial:

Pilotfilm "Der Mordfall Marcus Nelson" (in der ungeschnittenen Version von 135 Minuten)

Pilotfilm:
Der Mordfall Marcus Nelson (The Marcus Nelson murders)
Drehbuch: Abby Mann
Inspiriert von dem Buch "Justice in the Back Room" (1967) von Selwyn Raab
Regie: Joseph Sargent

Staffel 1:

1. Belagerung (Siege of terror)
Drehbuch: Robert Heverly
Regie: William Hale

2. Das Netz des Todes (Web of death)
Drehbuch: Jack Laird
Regie: Willian Hale

3. Der Mann im Hintergrund (One for the morgue)
Drehbuch: Jerrold Freeman
Regie: Richard Donner

4. Ein entscheidender Fehler (Knockover)
Drehbuch: Mort Fine
Regie: Charles S.Dubin

5. Das Mädchen im Fluß (The girl in the river)
Drehbuch: Halsted Wells
Regie: William Hale

6. Requiem für einen Polizisten (Requiem for a cop)
Drehbuch: Ronald Adams and Jack Laird
Geschichte: Jack Laird
Regie: Gary Nelson

7. Eine wertvolle Dame (The corrupter)
Drehbuch: James M. Miller
Regie: Paul Stanley

8. Schwarzer Sonntag (Dark Sunday)
Drehbuch: Robert Malcolm Young
Regie: Charles Rondeau

9. Ein mörderisches Projekt (Conspiracy of fear)
Drehbuch: Mark Rogers and Jack Laird
Regie: Jeannet Szwarc

10. Theo in der Klemme (Cop in a cage)
Drehbuch: Alvin Apinsley, Gene Kearney
Geschichte: Alvin Sapinsley
Regie: Charles S. Dubin

11. Schuldschein für einen Toten (Marker for a dead bookie)
Drehbuch: Mort Fine, Gene Kearney
Geschichte: Mort Fine
Regie: Alex March

12. Requiem für einen Dieb (Last rites for a dead priest)
Drehbuch: Jack Laird
Regie: Joel Oliansky

13. Tote machen kein Examen (Death is not a passing grade)
Drehbuch: Gene Kearney
Regie: Allen Reisner

14. Todeskarussell (Die before they wake)
Drehbuch: Robert W. Lenski
Regie: Leo Penn

15. Der große Fischzug (Deliver us some evil)
Drehbuch: Robert Malcolm Young
Regie: Charles S. Dubin

16. 18 Stunden Angst (Eighteen hours of fear)
Drehbuch: Robert C. Dennis, Jack Laird
Geschichte: Robert C. Dennis
Regie: Charles Rondeau

17. Im Kreis des Verbrechens (Before the devil knows)
Drehbuch: Gene Kearney
Regie: Charles S. Dubin

18. Drei Kugeln im Asphalt (Dead on his feet)
Drehbuch: Jack Laird
Regie: Jeannot Szwarc

19. Russisches Roulette (Down a long and lonely river)
Drehbuch: Robert Foster
Regie: Leo Penn

20. Ein zweifelhaftes Geschäft (Mojo)
Drehbuch: Mark Weingart, Mort Fine
Geschichte: Mark Weingart
Regie: Jeannot Szwarc

21. Der Bombenleger (Therapy in dynamite)
Drehbuch: Gene Kearney
Regie: Leo Penn

22. Weg ohne Wiederkehr (The only way out)
Drehbuch: Alvin Sapinsley
Regie: Joel Oliansky


Links:

Seite zu Telly Savalas:
www.tellysavalas.com

Seiten und Informationen zu Kojak:
U.S.T.V.
www.tv.com
TelevisionCity


Offizielle Unversal-Seite:
www.universal-pictures.de

Hintergründe zum Fall Mordfall Janice Wylie and Emily Hoffert; der Inspiration für den TV-Film "Der Mordfall Marcus Nelson":
Mark Gado: The Career Girl Murders:
Marvin Smilon: The Wylie-Hoffert Career Girl Murders

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im
NordPark Verlag
Alfred Miersch
Klingelholl 53
42281 Wuppertal
Tel.:0202/51 10 89

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Erstellt am 02.01.2006




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Axel Bussmer
Axel Bussmer, Studium der Politologie, Philosophie und Soziologie in Konstanz, lebt derzeit in Berlin und arbeitet an verschiedenen Drehbuchprojekten (u. a. ein Gangsterthriller). Neben Noir-Krimis liebt er Jazz, über den er auch Artikel schreibt. Bei den Alligatorpapieren erscheinen regelmäßig seine TV-Krimi-Buch-Tipps.

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