Die Alligatorpapiere



Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bußmer



Einmal Top, einmal Flop aus Deutschland

Einer der inzwischen unterschätztesten deutschen Autoren von Kriminalromanen ist Horst Bieber. In den Achtzigern, als seine Bücher in der renommierten, inzwischen bieber-horsteingestellten rororo Thriller-Reihe erschienen, erhielt er 1987 für "Sein letzter Fehler" den Deutschen Krimipreis und Kritiker verfassten Lobeshymnen auf ihn. Rudi Kost schrieb in der "Schwarzen Beute": "Viele Versuche, bei uns den Privatdetektiv-Roman zu etablieren sind gescheitert. Horst Bieber ist die Ausnahme." Heute, bei grafit, sind seine ziemlich genau im Jahresturnus erscheinenden Bücher kein Jota schlechter. Nur die Presse (und die Leser?) haben sich von seinen düsteren Romanen abgewandt. Sie verschlingen bei den Ausländern Mankell, Leon und Brown. Bei den Deutschen, neben den erfolgreich laufenden, literarisch oft mehr als zweifelhaften Regionalkrimis lieber leichtgewichtig-humoristisches mit einer Krimibeigabe (die neue Stapelware ist ein Schafskrimi); – von wenigen Ausnahmen abgesehen.

Dagegen ist der 1942 geborene, frühere Zeit-Redakteur ein altmodischer Geschichtenerzähler. Er beherrscht sein Handwerk, er plottet gut, er entwirft glaubhafte Charaktere, er drängt sein Schriftsteller-Ego nicht in den Vordergrund, sondern er schreibt wirklichkeitsnahe, in seiner norddeutschen Heimat spielende Geschichten. Viele Orte erfindet er dafür einfach. Die bundesdeutsche Wirklichkeit nicht. Die Verletzungen in den Seelen ebenfalls nicht.

In seinem neuesten Roman, mit dem unspektakulären Titel "Anna verschwindet", schickt bieber-Anna-verschwindet.jpger wieder seinen Privatdetektiv Rolf Kramer los. Kramer soll im Auftrag einer Versicherung herausfinden, was mit der Sechzehnjährigen Anna Laysen geschah. Auf sie ist eine hohe Lebensversicherung abgeschlossen und Annas Mutter die Begünstigte. Die gutaussehende, geistig beschränkte Sechzehnjährige verschwand vor vier Monaten spurlos. Nachdem in einem See ihr Fahrrad gefunden wird und die Polizei bei ihren bisherigen Ermittlungen mit der Familie verscherzte, wird Kramer beauftragt, im Kreis der Laysens nach ihrem Mörder zu suchen. Denn jeder nimmt an, dass Anna Laysen tot ist. Kramer hört sich in Annas Familie um. Er erfährt von teilweise jahrelang zurückliegenden Verbrechen, Lügen, seelischen Verletzungen und Sehnsüchten. Eine erste vielversprechende Spur hat er, nachdem er erfährt, dass Anna unbedingt ihren Vater finden wollte. Denn sie glaubte ihrer Mutter die Geschichte vom Unfalltod ihres Vaters vor ihrer Geburt nicht mehr. Kramer fragt sich, ob die redselige Anna Laysen ihren Vater gefunden hat.
"Anna verschwindet" ist ein spannender, an us-amerikanischen Vorbildern geschulter Privatdetektiv-Roman, dessen Geschichte sich schnell und ohne große Umwege entwickelt. Sie wird getragen von lebensnahen Dialogen, ironischen Bemerkungen, treffenden Beschreibungen und schnellen Schnitten. In jeder Zeile ist offensichtlich, dass hier ein genauer Beobachter erzählt. Einer, der seine Romane als Fortsetzung seiner journalistischen Arbeit mit anderen Mitteln versteht. Und genau wie bei einem Journalisten der alten Schule steht bei Bieber die Story an erster Stelle. Horst Bieber braucht deshalb keine Berge von Leichen oder durchgeknallte Serienkiller. Ihm genügen ein verschwundener Teenager, eine 'normal' zerrüttete Familie und ein Geheimnis in der Vergangenheit für ein hochspannendes Genre-Stück.
Sein siebzehnter Kriminalroman ist beängstigend perfekt. Er ist ein alter Hase, der seit über zwanzig Jahren immer verdammt gutes Handwerk abliefert. Denn er kennt die Regeln, respektiert sie und will den Lesenden einfach nur einen guten Abend bescheren. Das klingt nach wenig, ist aber viel mehr als das Gros der deutschen Krimiproduktion, die langatmig über Gott und die Welt belehrt und die Leser mit absurden Plotideen malträtiert, leisten kann.

Auf den ersten Blick sieht Rüdiger Janczyks Debüt bei Emons gut aus. Ein kurzes Buch mit vielen Dialogen und einer guten Ausgangssituation: ein Polizist bringt, bis auf eine Tochter, seine Familie und anschließend sich selbst um. Hauptkommissarin Nadine Jansen und ihr Team versuchen herauszufinden, weshalb Polizeimeister Schulz diese Morde verübte. Nach einem blutigen Schusswechsel, bei dem die überlebende Tochter von Schulz janczyk-vincents-methodeentführt wird, wissen Kommissarin Jansen und ihr Team, dass sie einer großen Sache auf der Spur sind. Anscheinend wurden Schulz und seine Familie von der Mafia ermordet.
Das klingt nicht schlecht: Die Polizei jagt in der Vorweihnachtszeit einen mehrfachen Killer mit Kontakten zur Russen-Mafia. Wenn sich der Autor allein auf die Jagd nach dem Mörder konzentriert, ist eigentlich ein spannendes Buch garantiert. Gut ist auch die Kürze des Buches. Zweihundert Seiten. Da hat er keine Zeit für langatmige Ausschweifungen. Und: es kann an einem langen Abend verschlungen werden.
Einige vergnügliche Stunden sind garantiert. Denn, was kann jetzt noch schiefgehen?

Uh, erstaunlich viel. Es gelingt Rüdiger Janczyk in seinem dritten Roman, den Leser schnell in einen Zustand größter Verwirrung zu stürzen. Denn nachdem die Polizei im ersten Kapitel die Leichen entdeckt, schreibt er im zweiten Kapitel über die lesbische Psychotherapeutin Hanna Seligmann, ihre Beziehungsprobleme, ihren Ärger mit ihren Eltern, ihren Patienten und wie sie am Ende des Kapitels ihrem Kollegen Vincent Rosebud die Hand gibt. Was das alles mit der im Klappentext angekündigten Story zu tun hat? Keine Ahnung. Aber Rosebud ist wohl wichtig. Immerhin wird sein Name im Klappentext erwähnt und er ist der Titelgeber. Im dritten Kapitel springt er dann wieder zur Polizei. Aber die Ermittlungen sind Janczyk vollkommen wurscht. Ihn interessieren nur die privaten Problemchen und Biografien seiner Polizisten. Und so geht es munter und ohne ziemlich viel erkennbaren Sinn, aber mit viel Leerlauf, weiter. Viele Motive und Handlungen bleiben auch nach dem Ende von "Vincents Methode" im Dunkeln. Wichtige Zusammenhänge werden nicht oder nur in einem Nebensatz erklärt und am Ende fügt sich alles mehr schlecht als recht im Unrecht zusammen.
Janczyk erzählt viel zuviel vom nicht sonderlich interessanten Privatleben seiner Figuren, wenig von den Ermittlungen der Polizei, viel biografisches und historisches über Deutschland, wenig über die Organisierte Kriminalität und die Korruption innerhalb des Staates. Da belässt er es bei einigen plakativen Anmerkungen.
"Vincents Methode" ist nicht, wie der Klappentext vermuten lässt, ein Polizeithriller, sondern bestenfalls ein missglückter Psychothriller, bei dem mit keiner Person jemals wirklich mitgefühlt werden kann.

Dazu gesellen sich offensichtliche Fehler bei den Fakten, die nicht mit dichterischer Freiheit entschuldigt werden können, sondern einfach nur schlampig sind. Ein kurzer Blick in einen Kalender oder ein Lexikon hätten genügt. Einen Oberinspektor gibt es in Deutschland bei der Kriminalpolizei nicht. Der 5. Dezember war 1999 kein Freitag, wie im Buch auf Seite 46 behauptet, sondern ein Sonntag. Außerdem ist – was bei einem neuen Buch besonders auffällt – vollkommen unklar, weshalb "Vincents Methode" vor der Jahrtausendwende spielt. Jedes andere Jahr hätte es auch getan.
Das sind Details, die einerseits nicht wirklich wichtig sind, aber andererseits den Leser aus der Geschichte herausreissen. Und das kann kein ernsthafter Autor wollen. Eine erfundene Geschichte sollte, im Gegensatz zur Wirklichkeit, sinnvoll sein. "Vincents Methode" ist ziemlich sinnlos. Gerade im Vergleich zu Horst Biebers unprätentiösem, durchdachtem Roman "Anna verschwindet" fallen die offensichtlichen Mängel in Janczyks "Vincents Methode" besonders krass auf.


Links:
Horst Bieber im Lexikon der deutschen Krimi-Autoren
Grafit Verlag
Emons Verlag

bieber-Anna-verschwindet Horst Bieber:
Anna verschwindet
Grafit Verlag,
2005, 238 Seiten, 8,95 Euro
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janczyk-vincents-methode Rüdiger Janczyk:
Vincents Methode
Niederrhein Krimi 13
Emons Verlag,
2005, 208 Seiten, 9 Euro
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Erstellt am 20.09.2005




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Axel Bußmer
Axel Bußmer, Studium der Politologie, Philosophie und Soziologie in Konstanz, lebt derzeit in Berlin und arbeitet an verschiedenen Drehbuchprojekten (u. a. ein Gangsterthriller). Neben Noir-Krimis liebt er Jazz, über den er auch Artikel schreibt. Bei den Alligatorpapieren erscheinen regelmäßig seine TV-Krimi-Buch-Tipps.

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