Artikel · Autoren-Porträt · 11. August 2026
Einstieg in Friedrich Ani: ein Werkführer
Von Marlene Voss
Wer München nur aus dem Fernsehen kennt, hält die Stadt für einen aufgeräumten Tatort mit Biergartenanschluss. Friedrich Ani hat ein anderes München geschrieben: eine Stadt der Pensionszimmer und Eckkneipen, der Weggegangenen und der Zurückgebliebenen. Seit Ende der Neunziger arbeitet er sich an einer einzigen großen Frage ab, und die lautet nicht, wer der Mörder war. Sie lautet: Warum verschwindet ein Mensch, und was richtet das Verschwinden bei denen an, die bleiben?
Der Mann von der Vermisstenstelle
Im Zentrum dieses Werks steht Tabor Süden, Kriminalhauptkommissar bei der Vermisstenstelle der Münchner Polizei. Das ist schon die erste Pointe: Süden ermittelt zunächst nicht in Mordfällen, sondern in Abwesenheiten. Sein erster Auftritt, „Die Erfindung des Abschieds” von 1998, gibt der Reihe das Programm gleich im Titel mit. Bis 2024 ist der Kosmos auf 22 Romane angewachsen, erschienen zunächst bei Droemer Knaur, später bei Suhrkamp, wo der Verlag die Bücher ohne falsche Bescheidenheit als Kult-Krimireihe führt. Ausnahmsweise stimmt das Etikett.
Südens Methode ist das Zuhören. Er verhört nicht, er wartet. Er lässt Menschen reden, bis sie sich selbst hören, und oft ist das der eigentliche Ermittlungserfolg. Irgendwann hält dieser Mann es im Apparat nicht mehr aus: Süden quittiert den Polizeidienst, taucht ab und kehrt im Roman „Süden” von 2011 als Ermittler einer Detektei zurück. Der Band markiert zugleich den Wechsel zu Suhrkamp und ist bis heute eine der elegantesten Wiederauferstehungen der deutschen Kriminalliteratur.
Melancholie als Methode
Der Ton dieser Bücher ist unverwechselbar: lakonisch, traurig, sehr genau. Das hat biografische Wurzeln. Ani, geboren 1959 in Kochel am See als Sohn einer schlesischen Mutter und eines syrischen Arztes, hat von 1981 bis 1989 als Polizeireporter gearbeitet. Er kennt die Wirklichkeit hinter den Pressemitteilungen, die Wartezimmer der Angehörigen, die Formulare des Todes. Und er schreibt, das ist die zweite Wurzel, seit jeher auch Lyrik. Man merkt es jedem Süden-Satz an: Da verdichtet einer, statt auszuwalzen.
Kleine Abschweifung, weil sie erhellend ist: Ani hat parallel immer fürs Fernsehen geschrieben und wurde 2010 mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet. Ausgerechnet der Autor, dessen Bücher so wenig nach Drehbuch klingen, beherrscht das Handwerk der Bildmedien. Vielleicht kommt daher seine Disziplin: Kein Süden-Roman leiert, die meisten sind schmal, manche kaum mehr als lange Novellen. Das ist im deutschen Krimibetrieb, der zur Seitenmast neigt, fast schon eine Provokation.
Wo anfangen?
Drei Türen führen in dieses Werk, und alle drei tragen. Wer chronologisch liest, beginnt mit „Die Erfindung des Abschieds” und sieht zu, wie sich Figur und Ton finden. Wer den Höhepunkt der frühen Phase sucht, greift zu „Süden und der Straßenbahntrinker”, jenem Roman, der 2003 den ersten Platz beim Deutschen Krimipreis holte. Und wer keine zwanzig Bände Vorlauf will, steigt einfach 2011 mit „Süden” ein: Der Roman setzt kein Vorwissen voraus und zeigt Ani auf der Höhe seiner Mittel.
Falsch machen kann man wenig, solange man keine klassische Whodunit-Mechanik erwartet. Anis Auflösungen sind selten Triumphe, eher Diagnosen. Wer beim Stöbern lieber systematisch vorgeht, findet im Krimi-Finder weitere Wege durch die deutsche Spannungsliteratur.
Die Bilanz beim Deutschen Krimipreis
Kaum ein Autor ist in der Geschichte des Deutschen Krimipreises so oft ausgezeichnet worden wie Ani: sieben Platzierungen in der Kategorie National, darunter drei erste Plätze. Die Liste liest sich wie ein Werkverzeichnis der Höhepunkte. 2002 der zweite Platz für „Süden und das Gelöbnis des gefallenen Engels”, 2003 der erste für „Süden und der Straßenbahntrinker”, 2010 der zweite für „Totsein verjährt nicht”, 2012 der zweite für „Süden”, 2013 der zweite für „Süden und das heimliche Leben”. Dann die späten Triumphe: 2014 der erste Platz für „M”, 2016 noch einmal der erste Platz für „Der namenlose Tag”.
Diese Serie ist mehr als Trophäensammlung. Der Deutsche Krimipreis wird von einer Jury aus Kritikern und Buchhändlern vergeben, nicht vom Publikum, und dass dieselbe Zunft über anderthalb Jahrzehnte immer wieder auf denselben Namen kommt, sagt etwas über die Verlässlichkeit dieses Werks. Einen Überblick über die wichtigsten Auszeichnungen des Genres gibt die Seite Krimipreise. Schon 2001 hatte übrigens der Radio-Bremen-Krimipreis Anis Rang früh erkannt, lange bevor das Feuilleton flächendeckend einstieg.
Jenseits von Süden
Wer Ani auf Süden reduziert, verpasst die Hälfte. Zwischen 2006 und 2009 erschienen drei Romane um den Münchner Mordermittler Polonius Fischer, härtere, dunklere Bücher als die Süden-Reihe. Von 2007 bis 2010 folgte die Trilogie um Jonas Vogel. Und 2015 begann mit „Der namenlose Tag” das Kapitel Jakob Franck: ein pensionierter Kommissar, der zu Dienstzeiten Todesnachrichten überbrachte und den die alten Fälle nicht loslassen. Dass ausgerechnet dieser Roman 2016 den Deutschen Krimipreis gewann, ist folgerichtig, denn Franck ist Südens Bruder im Geiste, nur zwanzig Jahre weiter und noch einsamer.
Die Etiketten des Buchmarkts greifen bei Ani ohnehin schlecht. Man kann seine Bücher als Kriminalromane lesen, als Münchner Milieustudien oder als Trauerarbeit in Serienform; eine Übersicht über solche Spielarten des Genres bietet die Rubrik Krimi-Genres. Am ehesten trifft es vielleicht so: Ani schreibt Vermisstenanzeigen in Romanform, seit bald dreißig Jahren, mit wachsender Meisterschaft. Einen treffenderen Titel als den seines ersten Süden-Romans hat dafür nie jemand gefunden: Die Erfindung des Abschieds. Genau das ist dieses Werk, Band für Band.