Artikel · Jubiläum · 14. September 2026

100 Jahre The Lodger: Hitchcocks erster Thriller

Von Konrad Weidinger

„Your picture is so dreadful, that we’re just going to put it on the shelf and forget about it.” Mit diesem Satz beerdigte der Verleiher C. M. Woolf einen Film, der heute als Geburtsstunde des Suspense-Kinos gilt. Der Regisseur, dem er galt, hieß Alfred Hitchcock, war 27 Jahre alt und hatte gerade „The Lodger: A Story of the London Fog” abgeliefert. Dass der Film überhaupt ins Kino kam, verdankt er zwei anderen Männern. Aber der Reihe nach.

Warum der Jahrestag im September liegt

Ein Wort zur Präzision, denn hier wird gern geschlampt: Was sich im September 2026 zum hundertsten Mal jährt, ist nicht der Kinostart. Am 14. und 15. September 1926 lief „The Lodger” in London erstmals vor Publikum, allerdings vor Fachpublikum, bei einer Trade- und Pressevorführung für Verleiher und Journalisten. Ins reguläre Kino kam der Film erst Monate später, im Februar 1927. Wer also 2027 noch einmal „100 Jahre The Lodger” liest, hat nicht zwingend einen Fehler vor sich, nur ein anderes Datum. Der September 1926 bleibt trotzdem der historisch interessantere Moment: Es war der Abend, an dem sich entschied, ob dieser Film überhaupt eine Zukunft hat. Solche Vorführungen waren im britischen Filmgeschäft der Zeit die eigentliche Bewährungsprobe, denn hier saßen die Leute, die über Kopienzahl und Kinosäle entschieden. Für einen Film, den der eigene Verleiher bereits abgeschrieben hatte, war dieser Abend schlicht die letzte Chance.

Der Roman von 1913

Die Vorlage stammt von Marie Belloc Lowndes, deren Roman „The Lodger” 1913 erschienen war, ein aus der Jack-the-Ripper-Panik destilliertes Kammerspiel. Die Grundidee ist von bösartiger Einfachheit: Ein Londoner Vermieter-Ehepaar nimmt einen stillen, wohlerzogenen Untermieter auf, während draußen ein Frauenmörder die Stadt terrorisiert, und mit jedem Kapitel wächst der Verdacht, dass beide Männer derselbe sind. Belloc Lowndes erzählt das konsequent aus der Enge des Hauses heraus, aus der Perspektive von Menschen, die auf die Miete angewiesen sind und deshalb lieber nicht so genau hinsehen wollen. Das ist als psychologische Konstruktion bis heute stark, und man versteht sofort, was den jungen Hitchcock daran gereizt hat: Der Schrecken wohnt nicht draußen im Nebel, er sitzt mit am Frühstückstisch.

Die Rettung durch Montagu

Nach Woolfs Verdikt lag der Film tatsächlich erst einmal auf Eis. Dass er gerettet wurde, ist vor allem Michael Balcon zu verdanken, dem Produktionschef von Gainsborough, der den jungen Kritiker und Cutter Ivor Montagu hinzuzog. Montagu strich die Zwischentitel auf ein Viertel zusammen und ließ die verbliebenen vom Plakatkünstler E. McKnight Kauffer gestalten; ein paar Szenen wurden nachgedreht. Das Ergebnis überzeugte, die Vorführung im September 1926 wurde ein Erfolg, und nach dem Kinostart 1927 war Hitchcock über Nacht ein Name. Man kann an dieser Episode zweierlei ablesen. Erstens: Auch Meisterwerke hängen am seidenen Faden von Verleiherlaunen. Zweitens: Ein guter Schnitt ist keine Nebensache, sondern manchmal die Differenz zwischen Regal und Ruhm.

Das Novello-Problem

Die Hauptrolle spielte Ivor Novello, damals einer der größten Matinee-Stars Großbritanniens, und genau das wurde zum dramaturgischen Korsett. Belloc Lowndes lässt ihren Untermieter im Zwielicht; der Film durfte das nicht. Ein Publikumsliebling als Frauenmörder war für die Studios undenkbar, also musste der Mieter am Ende zweifelsfrei unschuldig sein. Hitchcock hat sich darüber Jahrzehnte später in den Interviews mit François Truffaut hörbar geärgert und den Kompromiss auf das Starsystem geschoben. Nebenbei: In „The Lodger” steckt auch schon der erste seiner berühmten Cameo-Auftritte, angeblich schlicht deshalb, weil Statisten fehlten. Aus der Not von 1926 wurde ein Markenzeichen, auf das Zuschauer bis „Family Plot” gewartet haben.

Der erste echte Hitchcock

„The Lodger was the first true ‘Hitchcock’ movie”, hat der Regisseur selbst gesagt, und das ist keine nostalgische Übertreibung. Der unschuldig Verdächtigte, die Lust am Voyeurismus, die blonde Frau in Gefahr, die Spannung, die nicht aus der Frage „Wer war es?” entsteht, sondern aus dem Wissensvorsprung des Zuschauers: Das gesamte Inventar ist hier schon versammelt, 1926, ohne Ton. Wer verstehen will, warum der Thriller und der klassische Rätselkrimi zwei verschiedene Maschinen sind, findet in der Genre-Übersicht die Landkarte dazu; „The Lodger” ist der Punkt, an dem sich die Wege trennen. Ein Detektiv klärt auf, Hitchcock beunruhigt.

Sehenswert ist der Film übrigens auch heute noch, und zwar nicht als Pflichtprogramm für Komplettisten. Die Nebelbilder, das nervöse London, der berühmte gläserne Fußboden, durch den die Vermieter ihren Untermieter auf und ab gehen hören und sehen: Das hat nichts Museales. Hundert Jahre nach jenem Septemberabend, an dem ein Verleiher den Film zum Ladenhüter erklärte und das Fachpublikum ihn zum Ereignis machte, steht Woolfs Fehlurteil als stille Mahnung über dem Geschäft: Der Mann, der „The Lodger” ins Regal stellen wollte, hätte damit fast die Karriere verhindert, an deren Ende „Psycho” und „Vertigo” stehen.