Artikel · Autoren-Porträt · 9. September 2026
Sjöwall/Wahlöö Band für Band: der Roman eines Verbrechens
Von Marlene Voss
Kein Projekt der Kriminalliteratur war je so kaltblütig geplant wie dieses. Zwischen 1965 und 1975 veröffentlichten Maj Sjöwall und Per Wahlöö zehn Romane um den Stockholmer Kommissar Martin Beck, im schwedischen Original von Anfang an unter dem Obertitel „Roman om ett brott”, Roman über ein Verbrechen. Wahlöö erklärte schon 1966, man wolle auf rund dreitausend Seiten einen Längsschnitt durch eine Gesellschaft legen und das Verbrechen als soziale Funktion analysieren. Sjöwall wurde später noch deutlicher: Gemeint sei das Verbrechen der Sozialdemokratie an der schwedischen Arbeiterklasse. Zwei überzeugte Marxisten kaperten also die populärste Gattung des Buchmarkts, um eine Wohlstandsgesellschaft zu sezieren. Dass dabei nebenbei der moderne Polizeiroman entstand, war fast ein Kollateralnutzen.
Die zehn Bände in der richtigen Reihenfolge
Die Tote im Götakanal (Roseanna, 1965): Eine unbekannte Frauenleiche wird aus einer Schleuse des Götakanals geborgen, und Beck identifiziert das Opfer in monatelanger Kleinarbeit über die Fotos von Kanaltouristen; ein Auftakt, der Geduld zur Ermittlungsmethode und zur Erzählhaltung erklärt.
Der Mann, der sich in Luft auflöste (1966): Ein schwedischer Journalist verschwindet scheinbar in Budapest, doch die Lösung liegt daheim in Stockholm; der Band zeigt zum ersten Mal, wie das Duo falsche Fährten als Gesellschaftskritik einsetzt.
Der Mann auf dem Balkon (1967): Kindermorde im sommerlichen Stockholm, eine Stadt in Panik und eine Polizei am Rand der Erschöpfung; der dunkelste der frühen Bände und der erste, der wehtut.
Endstation für neun (Den skrattande polisen, 1968): Ein Massaker in einem Stockholmer Linienbus, unter den Toten ein Kollege Becks, und die Spur führt in einen alten, nie gelösten Fall; für dieses Buch erhielt das Paar 1971 den Edgar Allan Poe Award, und es ist bis heute das perfekteste der zehn.
Alarm in Sköldgatan (1969): Ein brennendes Mietshaus, ein verschwundenes Löschfahrzeug und Gunvald Larsson in der Rolle seines Lebens; der Band, in dem der Zyklus seinen bitteren Humor entdeckt.
Und die Großen läßt man laufen (Polis, polis, potatismos!, 1970): Ein Großunternehmer wird beim Abendessen erschossen, und die Ermittlungen legen seine schmutzigen Geschäfte frei; der deutsche Titel verrät das Urteil der Autoren gleich mit.
Das Ekel aus Säffle (1971): Ein sadistischer Polizist wird auf seinem Krankenbett regelrecht hingerichtet, und die Rache hat ihre Gründe; die kompromissloseste Abrechnung des Zyklus mit Polizeigewalt.
Verschlossen und verriegelt (1972): Ein Toter in einem von innen verschlossenen Zimmer, dazu ein Unschuldiger, der für ein anderes Verbrechen verurteilt wird; das Paar spielt mit der ältesten Rätselform des Genres und zeigt zugleich eine Justiz, die systematisch die Falschen trifft.
Der Polizistenmörder (1974): Eine Frau verschwindet in Südschweden, ein Verdächtiger aus dem allerersten Band taucht wieder auf; der Zyklus beginnt, sich selbst zu zitieren und Bilanz zu ziehen.
Die Terroristen (1975): Ein Attentatskomplott beim Staatsbesuch eines amerikanischen Senators, und am Ende erschießt eine junge Frau den schwedischen Ministerpräsidenten; elf Jahre vor dem Mord an Olof Palme gelesen ein Roman, danach eine Prophezeiung.
Warum die Reihenfolge zählt
Man kann jeden Band einzeln lesen, aber man beraubt sich der eigentlichen Pointe. Die zehn Bücher bilden einen einzigen Erzählbogen: Die Figuren altern in Echtzeit, Becks Ehe zerbricht in Zeitlupe, die Kollegen Kollberg, Larsson und Melander verschieben ihre Gewichte von Band zu Band, und der Staat, für den sie arbeiten, wird von Buch zu Buch kälter. Wer den Zyklus in der Reihenfolge liest, erlebt, wie sich der Ton verfinstert, vom fast klassischen Ermittlerroman des Auftakts bis zur offenen politischen Wut der Terroristen. Genau dieser Langzeiteffekt wurde zur Blaupause für alles, was heute unter dem Rubrum skandinavische Krimis verkauft wird; ohne Beck kein Wallander, ohne Wallander kein nordischer Buchmarktboom.
Das Nachleben
Die Wirkungsgeschichte ist ein eigenes Kapitel. Hollywood verfilmte „The Laughing Policeman” 1973 mit Walter Matthau und verlegte das Busmassaker kurzerhand von Stockholm nach San Francisco, ein bemerkenswert sinnfreier Umzug, der dem Film die halbe Pointe kostete. Nachhaltiger war das schwedische Fernsehen: Die langlebige Beck-Serie mit Peter Haber hat mit den Romanen zwar nur noch das Personal gemein, läuft aber bis heute auch im deutschen Programm und hält den Namen im Umlauf. Und die Kriminalsoziologie des Duos, Verbrechen als Symptom, Polizei als Apparat mit eigener Pathologie, ist längst Genrestandard; wie sehr der Polizeiroman von dieser Ursprungsform zehrt, lässt sich in der Übersicht der Krimi-Genres nachvollziehen.
Wer die Bücher heute liest, greift zur Rowohlt-Neuausgabe von 2008, die alle zehn Bände wieder verfügbar machte. Sie hat allerdings einen Haken, über den die Kritik damals ausführlich stritt: Die neuen Übersetzungen glätten nach Ansicht vieler Rezensenten den spröden Rhythmus des Originals, jene rhythmisierten Dialoge, die den Ton des Zyklus ausmachen. Ein lösbares Problem, denn die älteren Ausgaben stehen in jedem gut sortierten Antiquariat. Wer vor dem Kauf Orientierung sucht, findet unter Rezensionen laufend Besprechungen alter und neuer Ausgaben.
Bleibt die Frage, ob der politische Furor von damals heute noch trägt. Die ehrliche Antwort: Er trägt besser als je. Die Diagnose einer Gesellschaft, die ihre Verlierer produziert und dann wegsperrt, ist nicht mit dem schwedischen Modell der Siebziger verschwunden. Und die letzte Szene der Terroristen, eine überforderte junge Frau mit einer Waffe vor dem mächtigsten Mann des Landes, hat die Wirklichkeit 1986 auf offener Straße in Stockholm eingeholt.