Artikel · TV-Krimi · 23. September 2026
Das Degeto-Modell: warum das Erste in Städten ermittelt
Von Konrad Weidinger
Donnerstag, 20:15 Uhr, Das Erste: Irgendwo in Europa liegt eine Leiche vor besonders fotogener Kulisse, und ein deutscher Fernsehstar ermittelt. Mal ist es Südtirol, mal die Limmat, mal die Adria. Was aussieht wie ein Zufall der Programmplanung, ist ein System, und das System hat einen Namen und eine Adresse: ARD Degeto, Frankfurt am Main. Die Tochterfirma der ARD beauftragt Film- und Serienproduktionen und kauft Lizenzware ein, und sie hat den Donnerstagabend im Ersten zu ihrem Schaufenster gemacht.
Der Bauplan: eine Stadt, ein Star, ein Trauma
Das Muster ist so stabil, dass man es nach zwei Folgen mitzeichnen kann. Seit 2015 löst im Bozen-Krimi Chiara Schoras als Kommissarin Sonja Schwarz ihre Fälle in Südtirol, wohin sie der Liebe wegen gezogen ist, statt in Frankfurt Karriere zu machen; Tobias Oertel steht ihr als „Capo” Matteo Zanchetti zur Seite. Seit 2016 kehrt im Zürich-Krimi Christian Kohlund als Anwalt Thomas Borchert nach einem Bestechungsskandal aus Frankfurt in seine alte Heimat zurück. Ebenfalls 2016, Erstausstrahlung am 15. September, startete der Kroatien-Krimi, in dem Neda Rahmanian als Branka Marić die erste Frau an der Spitze der Mordkommission Split spielte, bevor Jasmin Gerat übernahm. 2018 folgte der Amsterdam-Krimi mit Hannes Jaenicke und Fedja van Huêt, dazu der Lissabon-Krimi mit Jürgen Tarrach.
Auffällig: Fast immer beginnt die Reihe mit einer Rückkehr oder einer Flucht. Jemand verlässt das deutsche Funktionieren und landet in einer Stadt, die der Zuschauer aus dem Sommerurlaub kennt. Das ist keine dramaturgische Faulheit, sondern Kalkül. Die Städte sind nicht Schauplatz, sie sind das Versprechen. Der Krimi liefert den Vorwand, neunzig Minuten lang dorthin zu schauen, wo es wärmer ist.
Kleine Abschweifung, weil sie das System besser erklärt als jede Pressemitteilung: 2016 probierte die Degeto auch einen Urbino-Krimi mit Katharina Wackernagel und Hannes Jaenicke. Die Reihe wurde nicht fortgesetzt, doch Jaenicke tauchte zwei Jahre später einfach in Amsterdam wieder auf. So funktioniert das Modell im Kern: Nicht die Figur ist die Investition, sondern der Sendeplatz und das Gesicht. Städte und Rollen sind austauschbare Module, die man umbaut, bis die Quote stimmt.
Die Ökonomie dahinter
Warum produziert eine beitragsfinanzierte Anstalt serienweise Urlaubskrimis? Weil sie planbar sind. Eine etablierte Reihe senkt das Risiko jeder einzelnen Folge: Das Publikum kennt die Marke, die Produktionsabläufe sind eingespielt, und in der Mediathek altert ein Bozen-Krimi deutlich langsamer als eine Talkshow. Der Donnerstag ist damit das Gegenmodell zum Tatort-Sonntag: Dort leistet sich die ARD föderale Vielfalt mit allen Reibungsverlusten, am Donnerstag regiert die Serienfertigung nach Frankfurter Bauplan.
Dass diese Fertigung aus dem Ruder laufen kann, hat die Degeto selbst bewiesen. Im November 2011 trennte sich das Haus mit sofortiger Wirkung von Geschäftsführer Hans-Wolfgang Jurgan, nachdem für die Jahre 2010 bis 2012 mehr Film- und Serienware bestellt worden war, als der Etat hergab. Die ARD stoppte daraufhin Produktionen, und Produzenten mussten sich sagen lassen, dass vor 2014 kein Geld für neue Aufträge zu erwarten sei. Die Wirtschaftsprüfer von KPMG fanden später zwar keine Hinweise auf Begünstigung einzelner Produzenten, wohl aber Verstöße gegen Berichtspflichten gegenüber dem Aufsichtsrat. Über den Skandal berichteten damals unter anderem W&V und kress.de; hängen geblieben ist das Bild einer Bestellmaschine, die schneller ordert, als irgendjemand kontrolliert.
Die Kritik: Schema F mit Meerblick
Die publizistische Verachtung für das Degeto-Programm hat Tradition. Telepolis brachte sie einmal in der Überschrift „Zwangsabgabenfinanzierte Albtraumfabrik Degeto” auf den Punkt, und auch wohlwollendere Kritiker arbeiten sich regelmäßig an derselben Frage ab: ob hier nicht mit Pflichtbeiträgen ein Fernsehen produziert wird, das niemandem wehtut, weil es niemanden fordert. Der Vorwurf ist selten, dass die Filme schlecht gemacht wären. Er lautet, dass sie gleich gemacht sind: dieselbe Erlösungsdramaturgie, dieselben Drohnenflüge über Altstadtdächer, dasselbe Personal aus verletzten Rückkehrern.
Man muss diese Kritik ernst nehmen und darf trotzdem sehen, was sie überspringt. Der Donnerstagskrimi bedient ein Publikum, das von den Streamingdiensten schlicht nicht adressiert wird, und er tut es mit handwerklicher Verlässlichkeit. Wer die Reihen abschätzig mit dem Regionalkrimi im Buchhandel vergleicht, beschreibt ungewollt ihre Stärke: Beide Genres leben davon, dass Vertrautheit kein Makel ist, sondern das Produkt. Die Degeto verkauft keine Spannung, sie verkauft Wiederkehr.
Interessant wird es dort, wo das Modell an seine Grenzen stößt. Die Städte gehen nicht aus, wohl aber die Fallhöhen: Wenn jede Reihe mit einem gebrochenen Helden in schöner Landschaft beginnt, wird die Landschaft irgendwann zum einzigen Unterscheidungsmerkmal. Und ein Programm, das sich nur noch über Kulissen definiert, konkurriert am Ende nicht mehr mit anderen Krimis, sondern mit Reisedokumentationen, die dasselbe billiger liefern. Ob in Frankfurt jemand an einem Donnerstagskrimi arbeitet, der dieses Korsett sprengt, oder ob einfach die nächste Stadt aufgeschlossen wird, ist die eigentlich spannende Personalfrage der ARD. Auf die Antwort kann man getrost wetten. Es wird die nächste Stadt.