Artikel · Jubiläum · 15. Oktober 2026

Ed McBain zum Hundertsten: das 87. Revier

Von Marlene Voss

Im Mai 1952 ging ein junger New Yorker Autor namens Salvatore Albert Lombino zum Gericht und ließ seinen Namen offiziell in Evan Hunter ändern. Der Anstoß kam von einem Lektor, der ihm erklärt hatte, ein Roman verkaufe sich unter „Evan Hunter” besser als unter „S. A. Lombino”. Das war zynisch, und es war vermutlich zutreffend; das Amerika der fünfziger Jahre las angelsächsische Namen lieber als italienische. Geboren worden war dieser Mann am 15. Oktober 1926 in New York. Am 15. Oktober 2026 wäre er hundert geworden, und gefeiert wird er unter seinem dritten Namen: Ed McBain.

Zwei Karrieren, ein Schreibtisch

Als Evan Hunter wurde er zuerst berühmt. „The Blackboard Jungle” von 1954, der Roman über Gewalt an einer New Yorker Schule, machte ihn zu einem ernst genommenen Gegenwartsautor; die Verfilmung folgte 1955. Für Kriminalromane, das Brotgeschäft, legte er sich 1956 ein weiteres Pseudonym zu, eben Ed McBain, und trennte die beiden Karrieren jahrzehntelang sauber: Hunter für die Literatur, McBain fürs Verbrechen. Die Pointe der Literaturgeschichte ist bekannt: Überdauert hat der Broterwerb. Der „seriöse” Hunter steht heute im Schatten des Krimi-Handwerkers McBain, und das völlig zu Recht, denn was 1956 als Taschenbuch-Auftrag begann, war formal die originellere Leistung.

Cop Hater und die Erfindung des Kollektivs

„Cop Hater”, erschienen 1956 und damit in diesem Herbst siebzig Jahre alt, eröffnete die Serie um das 87. Polizeirevier von Isola, einer kaum verschleierten New-York-Variante; „isola” ist das italienische Wort für Insel, ein kleiner Gruß an den abgelegten Familiennamen. Das Revolutionäre daran ist aus heutiger Sicht leicht zu übersehen, weil es längst Standard ist: kein genialer Einzeldetektiv, sondern eine Dienststelle als Held. Steve Carella ist die auffälligste Figur, aber der eigentliche Protagonist ist der Apparat, das Team, der Schichtplan. McBain erzählte Ermittlungsroutine mit Obduktionsberichten, Fahndungsformularen und Verhörprotokollen, die er teils faksimileartig in den Text montierte, und er ließ mehrere Fälle parallel laufen, wie es in einem echten Revier eben zugeht. Dieses Serienformat, Band um Band dieselbe Dienststelle, hat er nicht nur benutzt, er hat es kodifiziert. Und Isola selbst wurde dabei zur heimlichen Hauptfigur: eine Stadt mit eigenen Vierteln, eigenem Klima, eigener Bosheit, die sich über die Jahrzehnte veränderte wie das reale New York, dem sie nachgebaut war. Die Entscheidung, die Stadt zu fiktionalisieren statt sie beim Namen zu nennen, war dabei kein Versteckspiel, sondern ein Freiheitsgewinn. Ein erfundenes Revier muss sich von keiner realen Polizeibehörde korrigieren lassen.

Was der Police Procedural seither schuldet

Der Polizeiroman als Genre existierte in Ansätzen schon vor 1956, aber McBain gab ihm die Grammatik, nach der bis heute geschrieben und gesendet wird. Maj Sjöwall und Per Wahlöö nahmen sich das 87. Revier ausdrücklich zum Vorbild, als sie 1965 ihren Martin-Beck-Zyklus begannen, und über diesen Umweg steckt McBain im gesamten Skandi-Krimi. Und wer eine beliebige Fernsehserie mit Squadroom, Ensemble und parallel laufenden Fällen einschaltet, sieht im Grunde eine McBain-Adaption ohne Lizenzgebühren. Man darf das ruhig deutlich sagen: Kaum ein Krimiautor des 20. Jahrhunderts hat ein Format geprägt, das so oft kopiert und so selten korrekt zugeschrieben wird. Machen Sie die Probe aufs Exempel: Fragen Sie im Bekanntenkreis, wer den modernen Ermittlerteam-Krimi erfunden hat. Sie werden Namen von Fernsehproduzenten hören, vielleicht Sjöwall und Wahlöö, fast nie McBain. Der Mann, der das Fundament gegossen hat, steht nicht auf dem Klingelschild.

Abstecher nach Bodega Bay

Eine Abschweifung, die keine ist: 1963 schrieb derselbe Mann, diesmal wieder als Evan Hunter, das Drehbuch zu Alfred Hitchcocks „The Birds” nach der Erzählung von Daphne du Maurier. Der Erfinder des nüchternsten aller Krimi-Formate lieferte also nebenbei den Stoff für einen der irrationalsten Filme des Suspense-Meisters. Das passt besser zusammen, als es klingt. McBains Revier-Romane leben von der Spannung zwischen Routine und Ausnahmezustand, und „The Birds” ist nichts anderes: Alltag, in den das Unerklärliche einbricht, nur dass diesmal kein Formular hilft.

Das Doppeljubiläum

2026 fallen zwei runde Zahlen zusammen: hundert Jahre McBain, siebzig Jahre „Cop Hater”. Die Serie, die 1956 begann, führte er fast fünfzig Jahre fort, bis zu seinem Tod am 6. Juli 2005, ohne dass das Format je verbraucht wirkte, weil die Stadt und ihre Fälle sich mitveränderten. Wer die Bücher heute wiederliest, dem sei der Anfang empfohlen, gerade weil er der Anfang ist: „Cop Hater” spielt in einem Hitzesommer, in dem jemand nacheinander Polizisten des Reviers erschießt, und schon dieser erste Band behandelt die Ermittler nicht als Helden, sondern als sterbliche Angestellte. Siebzig Jahre später wirkt genau das immer noch moderner als vieles, was seither unter dem Etikett „realistischer Krimi” erschienen ist. Der Mann mit den drei Namen hat dem Genre seine Arbeitskleidung geschneidert, und sie sitzt bis heute.

↑