Artikel · Autoren-Porträt · 13. Oktober 2026

Patricia Highsmith: die Kunst der Beklemmung

Von Marlene Voss

Graham Greene hat die treffendste Formel gefunden, im Vorwort zu Highsmiths Storysammlung „Eleven”: Sie sei die Dichterin der Beklemmung, nicht der Angst. Angst, so Greene, stumpfe mit der Zeit ab und wirke narkotisch; Beklemmung dagegen nage leise und unentrinnbar an den Nerven. Genau das ist das Verfahren der Patricia Highsmith, geboren 1921 in Fort Worth, Texas, gestorben 1995 in Locarno. Ihre Bücher erschrecken selten. Sie machen etwas Schlimmeres: Sie lassen einen nicht mehr los, und irgendwann merkt man, dass man längst auf der Seite des Täters steht.

Zwei Fremde, ein Tausch

Das Debüt von 1950 liefert die Blaupause. „Zwei Fremde im Zug” beginnt mit einer Zufallsbekanntschaft und einem scheinbar irren Vorschlag: Jeder übernimmt den Mord des anderen, kein Motiv, keine Spur, das perfekte Verbrechen. Alfred Hitchcock verfilmte den Stoff schon 1951 und machte ihn weltberühmt, aber wer nur den Film kennt, kennt die halbe Wahrheit. Hitchcock rettet seinen Helden ins Happy End; Highsmith lässt ihn fallen. Der Roman interessiert sich nicht für die Mechanik des Tauschmords, sondern für die langsame Zersetzung eines gewöhnlichen Mannes durch Schuld, Erpressbarkeit und die eigene Feigheit. Dieses Interesse an der Zersetzung wird sie nie wieder loslassen.

Der Mann, der Tom Ripley wurde

1955 dann die Figur, die alles überstrahlt: „Der talentierte Mr. Ripley”. Tom Ripley, mittelloser Kleinbetrüger, wird nach Italien geschickt, um den Millionärssohn Dickie Greenleaf heimzuholen, und nimmt sich stattdessen dessen Leben, im doppelten Wortsinn. Das Skandalon des Romans ist bis heute frisch: Der Mörder kommt davon, und die Leserschaft wünscht es ihm. Highsmith ließ Ripley über 36 Jahre wiederkehren, in „Ripley Under Ground” (1970), „Ripley’s Game” (1974), „Der Junge, der Ripley folgte” (1980) und „Ripley Under Water” (1991), fünf Romane, die man heute die Ripliad nennt.

Auch das Kino kehrt zwanghaft zu dieser Figur zurück. Wim Wenders machte 1977 aus „Ripley’s Game” den „Amerikanischen Freund” mit Dennis Hopper, Anthony Minghella drehte 1999 die opulente Fassung des ersten Romans, und zuletzt hat 2024 die Netflix-Serie „Ripley” mit Andrew Scott den Stoff in gestochenes Schwarzweiß übersetzt. Dass eine Figur von 1955 noch immer Großproduktionen trägt, ist der vielleicht härteste Beleg für Highsmiths Rang.

Zwischen Krimi und Literatur

In ihrer amerikanischen Heimat wurde Highsmith zeitlebens in der Suspense-Ecke verbucht und entsprechend unterschätzt; die Anerkennung als große Erzählerin kam zuerst aus Europa. Der deutsche Buchmarkt spielte dabei eine Hauptrolle, doch dazu gleich. Interessanter ist die Frage selbst: Schreibt diese Frau Krimis? Die Etikettenfrage führt bei ihr ins Leere, denn Highsmith verweigert fast alles, was das Genre definiert. Es gibt selten einen Ermittler, fast nie ein Rätsel, und Gerechtigkeit ist keine Kategorie ihrer Welt. Was es gibt, sind Schuld ohne Sühne, Obsessionen, Doppelgänger und ein moralisches Vakuum, das sie mit der Seelenruhe einer Naturforscherin protokolliert. Wer sich für die Grenzverläufe zwischen Spannungsroman und sogenannter ernster Literatur interessiert, findet in der Übersicht der Krimi-Genres reichlich Anschauungsmaterial; Highsmith bleibt der klassische Grenzfall, an dem sich jede Definition blamiert.

Nebenbei: Wer die Autorin verstehen will, sollte wissen, dass sie Schnecken züchtete und den Tieren mehr Zuneigung entgegenbrachte als den meisten Menschen. Die Anekdote ist mehr als Kuriosität. Der geduldige, kalte, faszinierte Blick auf langsame Vorgänge, das ist exakt der Blick ihrer Prosa.

Das Diogenes-Kapitel

Die deutsche Rezeption der Highsmith ist untrennbar mit einem Verlag verbunden. Seit 1968 erschien sie bei Diogenes in Zürich, 1980 erwarb das Haus die weltweiten Rechte an ihrem Werk, seit 1993 liegen sie vollständig dort. Ein amerikanischer Weltstar, dessen Rechte komplett bei einem Schweizer Verlag liegen: eine Kuriosität der Verlagsgeschichte und zugleich die Erklärung, warum Highsmith im deutschsprachigen Raum nie vergriffen, nie vergessen, nie falsch verpackt war.

Nach ihrem Tod wurde daraus Philologie. Ab 2002 erschien bei Diogenes die auf 32 Bände angelegte Werkausgabe, herausgegeben von Anna von Planta und Paul Ingendaay, mit Neuübersetzungen und Nachgelassenem. Von Planta, Highsmiths langjährige Lektorin, fand gemeinsam mit Verleger Daniel Keel nach dem Tod der Autorin in deren Haus im Tessin die Tage- und Notizbücher, rund 8000 Seiten, versteckt hinter Bettwäsche und Handtüchern. Zum 100. Geburtstag 2021 erschien daraus der monumentale Auswahlband „Tage- und Notizbücher”, der die Selbstauskünfte dieser verschlossenen Autorin erstmals breit zugänglich machte. Besprechungen der wichtigsten Ausgaben sammelt die Rubrik Rezensionen; wer dagegen erst einmal wissen will, welcher Highsmith-Roman zum eigenen Nervenkostüm passt, kann sich vom Krimi-Finder eine Schneise schlagen lassen.

Ihre letzten Jahre verbrachte Highsmith zurückgezogen in Tegna im Tessin, wo sie bis zu ihrem Krebstod 1995 lebte. Zum Schluss noch eine Fußnote, die viel über sie erzählt: Als Doubleday für Greenes Vorwort zu „Eleven” nur 100 der geforderten 500 Dollar zahlen wollte, legte Highsmith die Differenz stillschweigend aus eigener Tasche drauf. So viel war ihr der eine Satz wert, der sie präziser beschreibt als die gesamte Sekundärliteratur.

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