Artikel · Autoren-Porträt · 1. Juli 2026

Andrea Camilleri: der Erfinder des Commissario Montalbano

Von Marlene Voss

Manche Karrieren beginnen spät und dafür umso gewaltiger. Andrea Camilleri, geboren 1925 im sizilianischen Porto Empedocle, arbeitete jahrzehntelang als Theater- und Fernsehregisseur, ehe er im Alter von fast siebzig Jahren die Figur erfand, die ihn weltberühmt machen sollte: Commissario Salvo Montalbano. Als Camilleri 2019 in Rom starb, hatte er über dreißig Millionen Bücher verkauft und eine ganze Region auf die literarische Landkarte gesetzt.

Vigàta: ein Sizilien, das es nicht gibt

Montalbano ermittelt in Vigàta, einer erfundenen Kleinstadt an der Südküste Siziliens, die Camilleri nach dem Vorbild seines Geburtsorts erschuf. Diese Verschmelzung von Realem und Erfundenem ist charakteristisch: Camilleris Sizilien ist kein touristisches Postkartenmotiv, sondern ein Kosmos aus Bürokratie, Mafia-Schweigen, ausufernden Mittagessen und einer Sprache, die zwischen Italienisch und sizilianischem Dialekt oszilliert. Gerade dieser Sprachmix — für Übersetzer ein Albtraum, für Leser ein Vergnügen — machte einen wesentlichen Teil des Reizes aus.

Der erste Montalbano-Roman, „Die Form des Wassers”, erschien 1994 beim kleinen Palermitaner Verlag Sellerio. Was als literarisches Experiment begann, wurde zur Serie, die Camilleri bis zu seinem Tod fortführte. Im deutschsprachigen Raum erschienen die Bände bei Bastei Lübbe und fanden ein treues Publikum, das mit dem Kommissar durch die Jahrzehnte alterte.

Bemerkenswert ist, dass Camilleri neben der Montalbano-Reihe ein umfangreiches historisches Werk schuf, das in Deutschland weit weniger bekannt ist: Romane über das Sizilien des 19. Jahrhunderts, in denen dieselbe Verschränkung von Chronik und Erfindung erprobt wird. Der Kommissar war für ihn nie das ganze Programm, sondern die populärste von vielen Türen in denselben erzählerischen Kosmos.

Ein Kommissar mit Prinzipien und Appetit

Salvo Montalbano ist ein Ermittler alter Schule: eigensinnig, misstrauisch gegenüber Vorgesetzten und Karrieristen, unbestechlich in einer Welt, die Bestechlichkeit als Normalzustand behandelt. Seine große Leidenschaft gilt dem Essen — die minutiösen Beschreibungen sizilianischer Küche gehören zum Markenkern der Reihe und haben ganze Kochbücher inspiriert. Hinter der Behäbigkeit aber steckt ein präziser Beobachter, dem die gesellschaftlichen Verwerfungen Siziliens nie entgehen.

Den Namen wählte Camilleri nicht zufällig: Montalbano ist eine Hommage an den spanischen Krimiautor Manuel Vázquez Montalbán, den Schöpfer des Detektivs Pepe Carvalho. Diese Geste verortet die Reihe bewusst in der Tradition des mediterranen Kriminalromans, der das Verbrechen immer auch als Symptom gesellschaftlicher Zustände liest — verwandt dem französischen „Polar”, den das Genre-Register einordnet.

Vom Buch auf den Bildschirm

Zur weltweiten Bekanntheit trug die RAI-Fernsehserie „Il commissario Montalbano” entscheidend bei, die seit 1999 mit Luca Zingaretti in der Hauptrolle produziert wurde. Die Verfilmungen, gedreht in der barocken Kulisse des Val di Noto, wurden in Dutzende Länder verkauft und im deutschen Fernsehen ebenso ausgestrahlt wie in Skandinavien und Großbritannien. Sie sind ein Musterbeispiel dafür, wie eine literarische Vorlage einer ganzen Landschaft zu touristischem Ruhm verhelfen kann — ein Effekt, den auch die deutschen Krimi-Reihen für ihre Schauplätze nutzen.

Dass Buch und Serie einander befruchteten, ohne dass die Vorlage litt, ist selten. Camilleri behielt die Kontrolle über seine Figur und ließ sich vom Erfolg des Fernsehens nie zu Konzessionen drängen.

Der letzte Fall, lange im Voraus geschrieben

Eine Besonderheit bleibt Camilleris Umgang mit dem Ende: Bereits um 2005 schrieb er den letzten Montalbano-Roman, „Riccardino”, und hinterlegte ihn in seinem Verlag mit der Anweisung, ihn erst nach seinem Tod zu veröffentlichen. So erschien der Abschluss der Reihe 2020, posthum, und schloss den Kreis nach eigenem Willen des Autors — ein Kommissar, der seinen Schöpfer nicht überleben sollte.

Wer die Reihe von vorn beginnen möchte, hält sich an die Erscheinungsreihenfolge ab „Die Form des Wassers”; der Krimi-Finder hilft bei der Auswahl, und die Besprechungen zu Camilleri sammelt das Archiv unter Andrea Camilleri. Für Leser, die den mediterranen Ton mögen, lohnt anschließend der Blick auf die Bestenlisten, die verwandte Stimmen aus Italien, Spanien und Frankreich führen.