Die Alligatorpapiere


Ulrich Kroegers Krimitipp

Die Krimikolumne
4/2007



KJB2007-web.jpg Gerade mal im zweiten Jahrgang und doch schon sehnsüchtig erwartet: das "Krimijahrbuch 2007" (NordPark, Wuppertal 2007, 339 Seiten, 20 Euro). Die aktuelle Ausgabe stellt nicht nur mit Rezensionen und Interviews (D.B. Blettenberg, Oliver Bottini, Helene Tursten) die Krimihighlights des vergangenen Jahres vor. Zahlreiche Beiträge wie etwa Axel Bußmers "Jede Woche das gleiche, nur anders - Über deutsche und US-amerikanische Krimiserien" schlagen auch einen Bogen zum Krimi in Film und Fernsehen.
Neu ist zudem die Fokussierung auf ein Schwerpunktthema, das der 1950 im niedersächsischen Stolzenau geborenen Pieke Biermann gewidmet ist, einer "Legende des Krimi made in Germany". Aufsätze zu Theorie und Praxis, darunter zwei Essays des deutschen "Krimipapstes" Thomas Wörtche ("Designermorde" und "Alle wahnsinnig geworden? Über das fatale Bescheiden mit sinnloser Kiminalliteratur"), runden den Überblick über das vergangene Krimijahr ab. Ein Nekrolog erinnert an die 2006 verstorbenen Autoren, und Thomas Przybilka listet die wichtigsten Neuerscheinungen auf dem Gebiet der Sekundärliteratur auf. Alles in allem ein unverzichtbares Lesebuch und Nachschlagewerk für jeden Krimifan.

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gross-grafeneck.jpg Dass Rainer Gross' in der Schwäbischen Alb spielender Erstlingsroman "Grafeneck" (Pendragon, Bielefeld 2007, 191 Seiten, 9,90 Euro) im Krimijahrbuch 2008 gebührende Berücksichtigung finden wird, daran besteht für uns kein Zweifel. Hauptfigur des 1962 in Reutlingen geborenen Autors ist der Grundschullehrer Mauser, der seine Freizeit mit geologischen Exkursionen und der Erforschung von Höhlen in den heimatlichen Wäldern verbringt. Bei einem seiner Streifzüge entdeckt der Hobbyarchäologe die mumifizierten Überreste eines Mannes, der offenbar vor Jahrzehnten mit einem Kopfschuss getötet wurde. Der Leichenfund sorgt für Aufregung im Dorf, wo vor allem die Älteren mehr zu wissen scheinen, als sie zugeben wollen. Obwohl die Polizei Ermittlungen aufnimmt, findet Mauser keine Ruhe und macht die Aufklärung des Verbrechens zu seiner Sache. Und muss sich unversehens ganz persönlich den großen Fragen nach Schuld und Sühne stellen ...
Gross' Debüt ist ebensosehr Krimi, wie es auch als Heimat-, Familien-, Geschichts- und Gesellschaftsroman durchginge. Allerdings Lichtjahre entfernt von der unerfreulichen Beschränktheit und sprachlichen Armseligkeit jener Machwerke, die sonst auf dem Terrain des "Heimatkrimis" vorzufinden sind.

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heim-Totschweigen.jpg Das Gleiche gilt auch für Uta-Maria Heim, deren letzten Roman "Dreckskind" (Gmeiner, Meßkirch 2007, 373 Seiten, 9,90 Euro) wir Ihnen im vergangenen Jahr als "sperrigen Provinznoir, für den man sich Zeit nehmen sollte", ans Herz legten. Der neue Krimi ("Totschweigen", Gmeiner, Meßkirch 2007, 228 Seiten, 9,90 Euro) der 1963 in Schramberg geborenen Autorin stellt erneut Menschen mit dörflicher Herkunft vor, die ihre Prägung auch in städtischer Umgebung nicht verlieren. Und deren Leben ebenso durch Geschehnisse bestimmt wird, die Jahrzehnte zurückreichen. Und zwar nicht nur bis ins Jahr 1984, als die 15-jährige Petra erschlagen, zerstückelt und in einem Stuttgarter Park weggeworfen wurde. Denn die ermittelnden LKA-Ermittler müssen feststellen, dass nach der Identifizierung der Toten 22 Jahre später die Angehörigen des ermordeten Mädchens die Vergangenheit am liebsten "totschweigen" würden. Der düstere, im Schwarzwald spielende Roman der heute in Berlin lebenden Kulturjournalistin liest sich leichter als "Dreckskind", verweigert sich jedoch seichter Oberflächlichkeit und simplen Happy-End-Erwartungen.
Genaue Beobachtungsgabe, skeptische Distanz bis hin zum Sarkasmus und eine pointierte Sprache - diese Stärken zeichnen auch das neue Buch der Glauser-Preisträgerin aus, die einmal mehr beweist, dass sie zu den wichtigsten zeitgenössischen Kriminalschriftstellerinnen deutscher Sprache gehört


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vittachi-Shanghai-Dinner.jpgWer nun angesichts der schonungslosen Analysen deutscher Wirklichkeit in den vorgenannten Romanen zur Schwermut neigen sollte, dem sei mit den Romanen Nury Vittachis schnell noch ein sicheres Antidot verraten. Der in Hongkong lebende Autor schickt nämlich mit seinem eher konservativen "Fengshui-Detektiv" C.F. Wong und dem schnoddrigen Teenager Jo als Assistentin ein ziemlich schräges Pärchen in ebenso skurrile Abenteuer.
Nach "Der Fengshui-Detektiv" (2003, "The Feng Shui Detective"), "Der Fengshui-Detektiv und der Geistheiler" (2004, "The Feng Shui Detectives Goes South") und "Der Fengshui-Detektiv und der Computertiger" (2005, "The Feng Shui Detective's Casebook") hat der Unionsverlag nun den vierten Band aus der Serie vorgelegt. Und "Shanghai Dinner" (Zürich 2007, 316 Seiten, 19,90 Euro), im vergangenen Jahr unter dem Titel "The Shanghai Union of Industrial Mystics" erschienen, ist noch schriller, noch komischer, noch abgefahrener.
Wong hat in Chinas boomender Hafen- und Industriemetropole Schanghai eine Niederlassung gegründet, um am schnellen Geld des chinesischen Turbokapitalismus ein bisschen mitzuverdienen. Die Geschäfte laufen gut an, und Wong wird zu einem exklusiven Abendessen mit den Reichsten der Reichen eingeladen. Doch in dem Nobelrestaurant werden unter dem Motto "This is living" lebende Tiere zum Verspeisen serviert. Jedenfalls so lange, bis veganische Terroristen die Genusssüchtigen als Geiseln nehmen, um sie den gleichen Tod sterben zu lassen, den zuvor die armen Kreaturen erleiden mussten. Und das ist erst der Anfang einer rasanten Achterbahnfahrt, die beim Leser Geschmacksnerven, Lachmuskeln und Hirnzellen gleichermaßen strapaziert. Herrlich!


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KJB2007-web.jpg Bacher/Menke/Noller/Rudolph:
Krimijahrbuch 2007.


Wuppertal, NordPark Verlag 2007.
340 Seiten, 20.00 Euro

gross-grafeneck.jpg Rainer Gross:
Grafeneck

Bielefeld, Pendragon Verlag 2007,
191 Seiten, 9.90 Euro

heim-Totschweigen.jpg Uta-Maria Heim:
Totschweigen

Meßkirch, Gmeiner Verlag 2007,
373 Seiten, 19.90 Euro

vittachi-Shanghai-Dinner.jpg Nury Vittachi:
Shanghai Dinner.


Zürich, Unionsverlag 2007,
316 Seiten, 19.90 Euro

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Ulrich Kroegers Krimitipp
Eine Kolumne

Ein Service der Alligatorpapiere
im
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Alfred Miersch
Klingelholl 53
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Tel.:0202/51 10 89

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Ulrich Kroegers Krimitipps: Index
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Ulrich Kroegers erster Krimitipp erschien vor fünfeinhalb Jahren. Damals war in Bremerhaven Kriminalliteratur – zumindest in der Zeitung – kein Thema, und niemand dachte daran, eine auf Dauer angelegte Kolumne zu etablieren. Es kam zum Glück anders. Heute erscheint Ulrich Kroegers Krimitipp einmal im Monat im Sonntagsjournal der "Nordsee-Zeitung", dessen Redaktion wir für die Genehmigung zur Veröffentlichung und Archivierung bei den Alligatorpapieren danken. Zum Konzept der Kolumne gehört, dass auf Verrisse zugunsten von Leseempfehlungen verzichtet wird. Zudem beschränken sich die Besprechungen in der Regel auf Taschenbücher und Paperbacks, einer publizistischen Tradition des Kriminalromans folgend und eingedenk der begrenzten finanziellen Spielräume vieler Leser – nicht nur in einer von Arbeitslosigkeit gebeutelten Hafen- und Industriestadt.

Der Autor, Jahrgang 1956, Studium (Politologie, Sozialwissenschaften, Geschichte) in Braunschweig und Bremen, arbeitete als Produktionshelfer, Nachhilfelehrer, Sozialarbeiter und fristet seit zehn Jahren als freier Journalist und Redakteur sein Dasein. Er liebt die Küste, hört "WBGO Jazz88.3 FM," trinkt Scotch, spielt Mah Jongg und fiebert für Werder. Doch die meiste Freizeit verbringt er mit – na, Sie wissen schon!
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