Krimis in der DDR – Agitprop?
Von Wolfgang Mittmann
Die Kriminalliteratur der DDR existiert nicht mehr.
Als abgeschlossenes Kapitel der deutschen Literaturgeschichte ist sie wohl nur noch für Germanisten, Historiker und passionierte Krimisammler von Interesse.
Wer jedoch vom Krimi in der DDR spricht, sollte wissen, daß in der einundvierzigjährigen DDR-Geschichte 38 Verlagshäuser, die entweder in Parteienbesitz oder staatseigen waren, etwa 2.600 Krimititel gedruckt haben. (Romane, Erzählungen, Tatsachenberichte und Kurzgeschichten; Spionageliteratur ist hier eingeschlossen). 800 Romane und Erzählungen wurden aus Fremdsprachen übersetzt. Den größten Anteil hielten sowjetische, tschechische, bulgarische, polnische, ungarische, rumänische und kubanische Autoren.
Verlegt wurden aber auch Agatha Christie, Conan Doyle, Edgar Wallace, P. D. James, Dashiell Hammett, Raymond Chandler, Patricia Highsmith, Roald Dahl, Sjöwall/ Wahlöö, Olov Svedelid u. v. a.
Aus dem französischen Sprachraum wären zu nennen:
Emile Gaboriau; Maurice Leblanc, Georges Simenon, Boileau/Narcejac's
Romane "Hexenspuk" oder "Tote sollten schweigen", Jean Laborde mit "Des Teufels schwache Seite", Michel Marly's: "Express Marseille-Fegefeuer", Laurence Oriol: "Kurzschluß" oder Marie Balka mit dem Titel "Die nackten Hände".
Auch westdeutsche Autoren wie Friedhelm Werremeier, Hansjörg Martin, -ky oder Richard Hey wurden publiziert.
Wenn man also vom Krimi in der DDR spricht, dann ist die gesamte verlegerische Produktion einzubeziehen und bei der Aufzählung der genannten Autoren verbietet es sich wohl von selbst, sie kurzerhand in der Schublade "Agitprop" abzulegen.
Gezielt wird wohl eher auf die 570 DDR-Autoren, die 1.800 Krimititel verfaßt haben. Aber pauschale Vorurteile, wie sie zur Zeit erneut in Mode sind, negieren, daß der DDR-Krimi weitaus vielschichtiger und interessanter war, als der oberflächliche Betrachter es gemeinhin wahrhaben will.
Wer auf den Spuren des DDR-Krimis wandelt, der wird, um dessen Profil und Wandlungen verstehen zu können, zu den Anfängen in der DDR-Literaturgeschichte zurückkehren müssen.
Nach dem Zusammenbruch Nazideutschlands im Frühjahr 1945 waren fünf der ostdeutschen Länder unter die sowjetische Militärverwaltung gefallen. Wichtigstes Kommunikationsmittel bei der Umerziehung der Deutschen wurde auch in der SBZ das Pressewesen. Um dem Unterhaltungsbedürfnis ihrer Leser entgegenzukommen, druckten Tageszeitungen Krimis als Fortsetzungsromane ab, wobei die Redaktionen auf humanistisch gesinnte Autoren aus dem Bürgertum zurückgriffen.
Stellvertretend sei hier die "Tribüne" genannt, die 1947 Hans Hyans Roman "Der Mann mit dem Iltiskopf" mit dem Werbetext "Erstabdruck aus dem Nachlaß des vor der Nazizeit sehr bekannten Berliner Schriftstellers" versah.
Im sächsischen Böhlitz begann der Zenith-Verlag eine Romanreihe unter dem Serientitel "Der fesselnde Roman" und der Arnstädter Lippert-Verlag brachte den Krimi "Der Ring des Maharadscha" heraus.
Eine solche Entwicklung löste sofort Besorgnis bei der parteitreuen Kulturbürokratie aus. Im vorauseilenden Gehorsam wurde der Krimi als "triviale Unterhaltungsliteratur, die kleinbürgerliche und faschistische Ideologie verbreite" gegeißelt. Ein Dilemma, denn man sah sich auf der anderen Seite mit der Forderung des Publikums nach entspannender Unterhaltungslektüre konfrontiert.
Hans Friedrich Lange entwarf schließlich ein erstes Modell aus sozilialistischer Sicht. Es gelte "eine gesellschaftlich wirksame Kriminalliteratur zu schaffen, die sich in den Dienst des Fortschritts stellt".
Lange visierte eine "Volkserziehung" an, die "in die Breite gehen und am ntifaschistisch- demokratischen Umerziehungsprozeß der Deutschen teilhaben müsse".
Unterstützung fand er durch Hans Morgan, der in seinem Aufsatz "Wir brauchen gute Kriminalromane" den Satz formulierte: "Der bürgerliche Kriminalroman müsse zum Kampfmittel für Frieden und Fortschritt umfunktioniert werden!"
Daraus folgt:
Nur über eine solche ideologische Funktionalisierung war der Kriminalroman nach 1945 in der SBZ / DDR überhaupt zu etablieren!
Die Pilotbeispiele, wie Krimis nach dieser These auszusehen hatten, verdanken wir dem Autor Hannes Elmen.
Im Sommer 1949 erschien seine Erzählung "polizeifunk meldet: mordfall lemke aufgeklärt" im Phönix-Verlag Berlin. In der Eisenbahnerzeitschrift "Freie Fahrt" fast zur gleichen Zeit der Tatsachenbericht "Mörderklub 'Weiße Krawatte'" und wenige Wochen darauf im gleichen Blatt die Kriminalnovelle "Was geschah im D 121?", die 1951 noch einmal von der "Berliner Zeitung" nachgedruckt wurde.
Hannes Elmen ist ein Autorenpseudonym, das leider bislang nicht gelüftet wurde. Während "...mordfall lemke" ein Tötungsverbrechen in Angermünde, zu dem Opfer und Täter aus Westberlin kamen, nachzeichnet, schildert der Tatsachenbericht "Weiße Krawatte" die Verbrechen und das Ende der Berliner Gladow-Bande. "D 121?" hingegen ist eine schaurige Spionagenovelle im buchfüllenden Umfang, in der aus Westdeutschland gesteuerte Agenten morden.
Den ersten Kriminalroman zwischen zwei Buchdeckel hat allerdings Wolfgang Schreyer mit dem Titel "Großgarage Südwest" im Jahre 1952 vorgelegt, weshalb man ihn später fälschlicherweise zum "Vater des DDR-Krimis" ernannte.
Hannes Elmens Texte atmen jenen agitatorischen Sound, der für die erste Lebensphase des ostdeutschen Krimis nahezu typisch wurde.
Propagandasätze gehörten zum Standard. Saboteure, Agenten, Spione und Mörder aus dem Westen oder die alten Naziverbrecher lieferten gängige Täterprofile.
(Man lebte in einer Hoch-Zeit des Kalten Krieges!)
Selbst Schreyers erste Romane "Großgarage Südwest" oder "Die Banknote" leben von diesen Sujets. Und ein Erich Loest steuerte den Kriminalroman "Die Westmark fällt weiter" bei.
Professor Anselm Dvorak hat 1974 in seiner Monografie "Der Kriminalroman der DDR" auf die typischen Agitprop-Einschübe, die sich bis in die sechziger Jahre in den meisten Krimis nachweisen lassen, hingewiesen.
Kräftige Entwicklungshilfe an der Wiege des DDR-Krimis leisteten auch Literaten, die bereits im NS-Reich als Autoren in Erscheinung getreten waren.
Edmund Sabott veröffentlichte 1941 "Kriminalgericht" und 1943 "Schreck in der Morgenstunde". 1952 wurde Sabotts Kriminalroman "Die goldenen 13", der in einer westdeutschen Industriestadt spielt, als Band 1 der im Verlag Das Neue Berlin herausgegebenen Taschenbuchreihe "NB-Romane" gedruckt.
Gerhard Achterberg strich gar einen in den USA spielenden Gangsterroman, der 1938 unter dem Titel "Die letzten Gangster" veröffentlicht worden war, auf Heftromanformat zusammen und veröffentlichte ihn 1956 mit dem neuen Titel "Jeder kennt Pratton" im Verlag Neues Leben.
Nicht uninteressant auch, daß das erste offiziell als Spionageroman bezeichnete Buch "...am anfang stand das ende..." (1954 im Kongreß-Verlag) den einstigen John-Kling-Romanautor Hans-Joachim Geyer als geistigen Urheber hatte, der sich zeitweilig als BND-Agent und dann auch noch als MfS-Doppelagent versuchte.
Dieser Autorengruppe standen Schriftsteller mit antifaschistischen Lebensläufen gegenüber, wie Friedrich Karl Kaul, Peter Kast, Gerhard Hardel oder Karl Reiche. Kauls Romane "Mord im Grunewald" oder "Der Ring" haben politische Verbrechen aus der Zeit der Weimarer Republik zum Gegenstand.
Nach dem Bau der Mauer im Jahre 1961 erfuhren die bislang gepflegten Sujets eine deutliche Veränderung. Gegen Ende der sechziger Jahre stand nicht mehr das politisch motivierte Verbrechen im Mittelpunkt der Geschichten, sondern die Alltagskriminalität, die nunmehr als Störfaktor bei der Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft bezeichnet wurde.
Dem allgemeinen Ruf, die Unterhaltungsfunktion des Krimis zu stärken, wurde nachgegeben. Der ideologische Generalauftrag "das Denken und Fühlen der Leser im sozialistischen Sinne zu beeinflussen" aber keineswegs vernachlässigt. Das heißt, ein gewisser Spielraum für Kriminalgeschichten mit dem Tatort DDR wurde eingeräumt. Fast alle Autoren hielten sich an die Grundthesen der sozialistischen Strafrechtslehre.
Straftäter mutierten zu Individuen, die sich in Widerspruch zu den allgemeinen Interessen des Staates und seiner Bürger befanden.
Ihre Tatmotive waren mit Rudimenten der angeblich untergegangenen bürgerlichen Gesellschaft behaftet.
Was war darunter zu verstehen? Übersteigertes Besitzstreben, Hang zum Vandalismus, Mißachtung der Ehre der Frau, Alkoholismus und die Unantastbarkeit des Lebens und der Gesundheit anderer Menschen.
DDR-Täter erschlugen, erstachen oder erwürgten ihre Opfer. Schußwaffen waren nicht frei zugängig, so daß die Autoren in ihren Phantasieprodukten auch hier realsozialistisch schrieben.
Wenn Autoren einen Krimi verfaßten, so taten sie es in erster Linie des Unterhaltungswertes wegen (sicher auch mit einem Blick auf die Tantiemen). Das vordergründige didaktische Anliegen fand man eigentlich nur noch in den Arbeiten Fritz Erpenbecks. In seinen Romanen und Erzählungen unterbrach der Autor immer wieder den Erzählfluß, um belehrende Textpassagen einzuschieben, die der Ich-Erzähler Hauptmann Peter Brückner an den Leser richtete.
Auffällig auch, daß in dieser zweiten Phase des DDR-Krimis, die sich bis gegen Ende der siebziger Jahre erstreckte, die sogenannte Klein-kriminalität thematisiert wurde.
Laubeneinbrüche, Taschendiebstähle, Diebstahlsserien um KfZ-Ersatzteile, Rowdytum, Unterschlagungsdelikte in volkseigenen Betrieben, Briefmarken- oder Goldschmuggel über die DDR-Grenzen.
Mord, Totschlag und Sexualverbrechen sollten als Ausnahmeerscheinungen in der auf Harmonisierung zwischenmenschlicher Beziehungen ausgerichteten DDR-Gesellschaft dargestellt werden. Dahinter stand die Auffassung der SED-Nomenklatura, daß man in den Krimis doch nicht mehr Morde zeigen dürfe, als sie in der Wirklichkeit vorkämen. Es entstünde ein verzerrtes Bild von der Gesamtkriminalität in der DDR.
Tatsache ist, daß die Kriminalität in der DDR auf einem niedrigeren Level angesiedelt war. Bewaffnete Banküberfälle oder Rauschgiftdelikte waren so gut wie undenkbar. Es gab strengste Waffengesetze. Die jährlich Mordstatistik schwankte zwischen 110 und 180 Verbrechen in den siebziger und achtziger Jahren.
Autoren, die sich einem solchen Verdikt nicht beugen wollten, wichen in ihren Romanen auf Schauplätze aus, die sie in der Bundesrepublik, in Frankreich, in den USA, Großbritannien oder in anderen exotischen Ländern ansiedelten.
Ich denke da an Werner Toelke, Peter Addams (Pseudonym von Boris Djacenko), an Hans Walldorf alias Erich Loest, an Werner Steinberg, Wolfgang Schreyer, an Jürgen Brinkmann und Werner Schmoll, die als Paul Evertier und Jean Taureau Krimis mit dem Tatort Paris verfaßten. Selbst Heiner Müller wagte unter dem Pseudonym Max Messer einen Ausflug ins Kriminalhörspiel.
So lange diese Autoren mit ihren Spannungsromanen die "Verruchtheit des kapitalistischen Gesellschaftssystems" aus marxistischer Sicht zum Ausdruck brachten, ließ man sie unbeanstandet gewähren.
In jenen Jahren begannen Autoren und Verleger die Suche nach Identifikationsfiguren in der Art eines sozialistischen Sherlock Holmes. Privatdetektive hat es in den Krimis mit dem Schauplatz DDR nicht gegeben. Der Berufsstand war für den Sozialismus untragbar.
Das Ermittlungs- und Überwachungsmonopol wurde vom Staat und seinen Repressivorganen usurpiert. Folglich traten immer die Mitarbeiter der Volkspolizei oder der Staatssicherheit auf den Plan, wenn es galt schnöde Verbrechen im Krimi aufzuklären. Außerhalb des Machtapparates stehende Ermittler wurden als störende Außenseiter empfunden.
An Stelle der genialen Detektivfiguren traten Kollektive von Kriminalisten. Ihr Denken Fühlen und Handeln ergaben den Maßstab für die Wertevermittlung an den Leser. Um sie als Menschen wie du und ich, gewissermaßen als den guten Kumpel von nebenan, zu charakterisieren, fuhren sie Trabbi oder Wartburg. Wie viele Werktätige in der DDR, fügten sie sich in Hausgemeinschaften ein oder rückten gar zu Schrebergartenbesitzern auf. Weder strahlende James-Bond-Typen noch abgrundböse Schurken beherrschten die Szenerie.
Jedes Buch, das in der DDR veröffentlicht wurde, benötigte eine Drucklizenz. Diese wurde von der Hauptabteilung Verlage im Kulturministerium erteilt.
Gängige Verlagspraxis war es, das Manuskript samt ein oder zwei Gutachten bei der Hauptabteilung Verlage vorzulegen. Für Krimis wurden die Gutachten aus der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit im Führungsstab der DDR-Kripo eingeholt. Bei Spionagesujets besorgte diese Arbeit der DDR-Geheimdienst MfS.
Zu den nicht öffentlich festgeschriebenen, aber immer wieder praktizierten Tabus gehörte:
- Partei- oder Staatsfunktionär treten nicht als Täter auf;
- Zweifel an der zuverlässigen Arbeit der Sicherheits- und
Rechtspflegeorgane gibt es nicht;
- Geiselnahmen, um z.B. die Ausreise aus der DDR zu erzwingen,
bleiben ausgeblendet, um keine Nachahmer anzuregen.
Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Als Dorothea Kleine in ihrem 1965 gedruckten Kriminalroman "Mord im Haus am See" eine kleine Betriebsgewerkschaftsfunktionärin als Täter präsentierte (wobei sie nur einem authentisch Kriminalfall gefolgt war), ging das Manuskript bei der Zensur zwar noch durch, führte aber nach der Veröffentlichung zu heftigen Protesten auf Seiten des FDGB-Zentralvorstandes.
Als Wolfgang Kienast 1981 den Roman "Das Ende einer Weihnachtsfeier" durchsetzen konnte, läutete die Generalstaatsanwaltschaft der DDR Sturm, weil der Autor Mißstände und Korruption im volkseigenen Bauwesen aufgegriffen hatte; und das zu einer Zeit, als die SED gerade das sozialistische Wohnungsbauprogramm forcierte.
Mit Beginn der achtziger Jahre begann die Krise, in der sich die DDR-Gesellschaft befand, auch im Krimi sichtbar zu werden. Die Autoren versuchten ästhetische Freiräume zu schaffen. Mit zunehmend kritischerem Blick beschrieben sie die Widersprüche im sozialistischen Staatssystem, die zu neuen Formen der Kriminalität führen mußten.
Als Nebenprodukte zu den eigentlichen Krimihandlungen wurden u.a. Mangelwirtschaft in den Industriebetrieben, Auswirkungen im Konsumtionsprozeß, die Vereinsamung des Individuums in den allzu grauen realsozialistischen Betonwohnstädten thematisiert.
Ich erinnere an Tom Wittgens "Herbstzeitlose", an Höpfners "Verhängnis vor Elysium", an Barbara Neuhaus' "Ich bitte nicht um Verzeihung", an Gabriele Gabriels "Schuldschein gegen Totenschein" oder Jan Eiks "Der siebente Winter".
Behauptet wird, daß diese Symptomkritik nur simuliert war und eben damit schon wieder systemstabilisierend wirken konnte. Dem ist nicht unbedingt zu widersprechen. Als Dissidentenliteratur hat sich der Krimi in der DDR nie verstanden, eher als eine Beschreibung realer Zustände.
In der Geschichte des DDR-Krimis lassen sich m. E. drei Phasen nachweisen:
- Die Phase der Etablierung des Genres in den vierziger und fünfziger Jahren unter den Bedingungen des Kalten Krieges;
- Die Phase der sechziger und siebziger Jahre, in denen die Unterhaltungsfunktion des Krimis aufgewogen, der DDR-Alltag aber noch immer linientreu dargestellt wurde;
- Die Phase der achtziger Jahre, in denen der Krimi kritische Sichten auf die DDR-Gesellschaft aufwarf und die Autoren nach Freiräumen suchten.
Pauschale Formulierungen, wie "der DDR-Krimi sei hausbacken gewesen", er "müffele nach Kohlsuppe und Zweitaktergemisch" zeugen von Pharisäertrum und bornierter Selbstgefälligkeit. Ich darf mit Richard Flesch, einem langjährigen Herausgeber der Thriller-Reihe im Rowohlt Verlag antworten: "Nachdem ich die ersten 25 oder 30 dieser Romane aufmerksam gelesen hatte, merkte ich wie falsch mein pauschales Vorurteil gewesen war. Das waren gleichsam Miniaturen, die den real existierenden Sozialismus in den Pannen seiner Bürger und deren Behebung schilderten - nüchtern, ungeschönt, manchmal -punktuell - dezent kritisch und für den westlichen Leser in einem Nebeneffekt 'Schulfunk' im besten Sinne ohne an Spannung oder an literarischem Niveau zu verlieren." (Loccumer Kolloqien, Band 5)
Wir sollten nicht vergessen:
Krmis wurden in der DDR für den DDR-Bürger sowohl zur Unterhaltung als auch zu seiner Läuterung geschrieben.
Sie erschienen in Erstauflagen von 50.000 bis 100.000. Manche erlebten Zweit- und Drittauflagen in ähnlichen Höhen.
Sie waren beim lesehungrigen Publikum begehrt und wurden nicht selten
als "Bückware" im Buch- oder Zeitschriftenhandel verkauft.
(Für Nicht-DDR-Bürger: unter dem Ladentisch gehandelt).
In einer marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaft, in der die Erfolge eines Autors an den Verkaufszahlen seiner Bücher auf Bestsellerlisten gemessen werden, mutet es schon merkwürdig an, wenn man den DDR-Krimi rückschauend als "Subliteratur, die lediglich einen blassen, diffusen und schalen Nostalgiewert habe" zu diffamieren versucht.
Die DDR-Krimis in der Retrospektive nur nach westlichen Maßstäben beurteilen zu wollen, ohne sie aus der Zeit ihres Entstehens zu begreifen, muß zu Mißverständnissen führen.
Den ersten Kriminalroman zwischen zwei Buchdeckel hat - wie eingangs erwähnt - Wolfgang Schreyer verfaßt. Er schrieb 1990/91 auch den letzten DDR-Krimi mit dem nahezu symbolischen Titel "Nebel".
In der DDR wurden gute und schlechte Krimis gedruckt, wie in jedem
Sprachraum dieser Welt. Wir sollten die Krimis als Zeitzeugen nehmen, sie mit einem weinenden und einem lachenden Auge lesen. Auf jeden Fall mit einer gehörigen Portion Nostalgie!
Nein, nicht mit OSTALGIE, sondern mit NOSTALGIE!
Wolfgang Mittmann
Ausgehend von seinen Erfahrungen als ehemaliger Kriminalhauptkommissar veröffentlichte Wolfgang Mittmann Krimis, in denen er die kriminalpolizeiliche Praxis in der ehemaligen DDR realitätsnah abzubilden versucht.
Nach oben