Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur"
und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:
Untaten & Orte
2/07
Die Krimikolumne
von Michael Schweizer
Verbrechen im Schweizer Wohlstand
Romane von Carl Albert Loosli und Ernst Solèr
So klingt Carl Albert Loosli: "Im ersten Augenblick dachte ich daran, Lärm zu schlagen und die Leiche zu untersuchen; da fiel mir aber glücklicherweise gleich ein, dass beides eine allfällige, wohl unausbleibliche gerichtliche Untersuchung nur beeinträchtigen könnte, und da weder im Wohnstock noch im Haus jemand etwas von dem Unglück bemerkt zu haben schien, rannte ich spornstreichs hierher." Das ist nicht der Bericht eines gewissenhaft umständlichen Schreibers, sondern die wörtliche Rede des Tierarzts Wegmüller, der gerade einen Mord entdeckt zu haben glaubt. Und es ist auch nicht verzerrend ausgewählt: Looslis einziger hochsprachlicher Roman
Die Schattmattbauern (1926 abgeschlossen, 1932 erstmals erschienen) besteht fast dreihundert Seiten lang überwiegend aus solchen glasklaren, rechtschaffenen Bandwurmsätzen: "Der Gemeindepräsident erklärte, nach seinem Dafürhalten werde es am besten sein" - danach lässt der Punkt noch 43 Wörter auf sich warten. Wieso ist man von so etwas nicht genervt, sondern gefesselt?

Die Handlung hätte sich, Satz für Satz wie auch insgesamt, viel kürzer erzählen lassen. Sie setzt 1893 im Emmental ein. Der Bauer Andreas Rösti wird erschossen aufgefunden. Verdächtigt wird sein Schwiegersohn Fritz Grädel, der, ebenfalls ein tüchtiger Bauer, unter dem Alten schwer zu leiden hatte. Grädels Anwalt, der Gemeindepräsident und spätere Nationalrat Hugo Brand, findet heraus, dass Rösti als junger Mann von Grädels späterer Mutter abgewiesen wurde. Um sich an der Frau zu rächen, hat er Jahrzehnte später ihren Sohn schikaniert. Grädel wird freigesprochen, hat aber in der Untersuchungshaft die Lebensfreude verloren und endet in einer psychiatrischen Klinik. 1920 gesteht Röstis Bruder Christian, dass der todkranke Andreas sich selbst erschossen, die Tat aber als Mord getarnt hat, um seinen Schwiegersohn in Verdacht zu bringen.
Loosli wünschte sich von seinem Kriminalroman einen schnellen finanziellen Erfolg. Von den damals verkaufsträchtigen Mustern etwa einer Agatha Christie oder eines Edgar Wallace war er aber weit entfernt.
Die Schattmattbauern enthalten kein starkes Täterrätsel: Niemand traut Fritz Grädel einen Mord zu, seine posthume Entlastung überrascht nicht. Dramatische Geschehnisse erlebt der Leser nicht unmittelbar mit, sondern sie werden ihm in den spannungslos ausführlichen Worten und Gedanken Hugo Brands oder eines anderen Honoratioren nachberichtet. Manches Wichtige kommt derart beiläufig, dass es fast untergeht. Die Sätze und das Buch sind so lang, weil Loosli nichts auslässt: Wenn Brand im Wirtshaus gefragt wird, was er von dem Fall hält, antwortet er zwei Seiten lang so ruhig und abgewogen, als lese er ein sorgsam ausgearbeitetes Gutachten vor. Kein Mensch redet im wirklichen Leben so, und in erfolgreicher Unterhaltungsliteratur schon gar nicht.

Die "Gesittungs-, Gesellschafts- und Rechtsgeschichte", die Loosli 1932 in dem Roman sah, ist ihm dagegen vortrefflich gelungen. Man würde sich, auch ohne Krimiplot, gerne noch länger von ihm über Pferdezucht, Viehhandel und die große Dürre von 1893 unterrichten lassen; ebenso über Mitgifts- und Austragsverhandlungen, die schöne Tradition des Fensterlns, Ehebräuche, Feste und die erst 1993 abgeschafften Geschworenengerichte des Kantons Bern. Das ist alles hochinteressant und so bewegend wie jedes gute Geschichtsbuch. In der Schweiz scheint es sich auch damals besser gelebt zu haben als in den meisten anderen Ländern. Niemand in dem Roman ist arm, der Strafvollzug relativ human. Das Verbrechen kommt aus einzelnen verqueren Seelen, nicht aus der sozialen Struktur.
Daher rührt Looslis Stil. Er schrieb gewissermaßen einfach mit, was die Amtsträger dachten. Wenn die ihre Pflichten erfüllten, würde der Fall sich klären. Looslis lange Sätze und sein Detaillismus sind weder Kunstgriff noch Missgeschick, sondern ergeben sich daraus, wie er die Schweiz sah und wie sie wohl auch war. In diesem Land vertraute er dem Recht.
Allerdings war dieses Vertrauen teilweise unbewusst. Loosli glaubte nämlich, fundamentale Kritik an der Schweizer Rechtspflege geübt zu haben, die der ausländische Leser ganz in Ordnung findet. Schweizerische Krimis wirken, mit anderen Augen gelesen, manchmal etwas harmlos: Was dort zentral als Böses präsentiert wird, wäre in einem amerikanischen Krimi nur ein Nebenübel. Natürlich spricht das für die Schweiz.
Loosli plädierte für eine Bildungsreform. In der Untersuchungshaft lernt Fritz Grädler, weil er nichts zu tun hat, theoretisch zu denken. Recht und Glaube, die er früher nie bezweifelt hat, erscheinen ihm jetzt als bloße Nützlichkeitskonstrukte, die irgendwann von interessierter Seite gegen andere ausgetauscht werden. Er wird transzendental obdachlos. Wäre er gebildet, könnte er nun produktiv weitergrübeln und sich Ersatz für das Verlorene schaffen. So aber bricht er zusammen.
Carl Albert Loosli (1877 - 1959) wuchs bei einer Pflegemutter, dann in einer Jugendstrafanstalt auf. Er war Redakteur, schrieb Erzählungen, berndeutsche Mundartdichtungen und viele politische Zeitungsartikel. Anscheinend war er ein Mann ohne geistige Fehltritte: kämpfte gegen das Elend der Verdingkinder, stritt zugunsten einer korrekten Gewaltenteilung gegen die Administrativjustiz und ihre Macht, Kranke und Missliebige ohne Urteil wegzusperren, focht gegen Nationalsozialismus und Antisemitismus und schlug sich im Kalten Krieg auf keine Seite. Im kleinen Zürcher Rotpunktverlag veranstalten Fredi Lerch und Erwin Marti eine Werkausgabe, die man subskribieren kann und von der bisher zwei wunderschöne, durch die Kunst des genauen Lesens geprägte Bände erschienen sind: "Anstaltsleben - Verdingkinder und Jugendrecht" und die Kriminalliteratur. Fünf weitere sollen bis 2009 folgen.

Auch Ernst Solèrs
Staub im Wasser handelt von Verbrechen im Wohlstand. In der Gegend von Zürich werden zwei enthauptete Finanzberater gefunden, später im Tessin noch ein dritter. Kantonspolizei-Hauptmann Fred Staub und seine Leute vermuten Racheakte eines betrogenen Kunden. Staub erzählt die Geschichte in Ich-Form; der Leser erfährt zusätzlich die Gedanken des Mörders, der in der Tat zum Schwert greift, weil "Geschwüre entfernt werden mussten". Es geht ihm um Gerechtigkeit, nicht ums Nicht-erwischt-werden. Amüsiert und fast ungeduldig beobachtet er, wie Staub und seine Kollegen langsam aus den Graffiti schlau werden, mit denen er seine Taten begründet. Am spannendsten ist die Phase, in der die Polizisten einen vierten Finanzberater bewachen, dessen Kopf dann trotzdem in einer Plastiktüte landet.
Wie Loosli zeigt der 1960 geborene Solèr die dunklen Seiten der Schweiz. Leute, die "arm sind und stören" und keine oder die falschen Papiere haben, werden abgeschoben; haben sie die richtigen, bekommen sie gratis Heroin. In Kantonen, wo die Steuern besonders niedrig sind, breitet sich das "Finanzgesindel" aus. Der Leser nimmt das alles ernst und denkt wieder, in anderen Ländern sei es schlimmer.
Eine Stärke Solèrs in diesem zweiten Staub-Roman sind knapp beschriebene Gefühle. Zum Beispiel die des Hauptmanns für seine Tochter, eine begeisterte Biologin, und seinen Sohn, der am Rande der schiefen Bahn herumstolpert. Ebenso interessant sind die Zu- und Abneigungen in Staubs Team. Da gibt es den komisch unfähigen Mario, den schwulen Michael, das reaktionäre, noch kinderlose Muttertier Bea und als deren Gegenfigur die moderne Singlefrau Gret, der Staub auch undienstliche Gedanken widmet. Am lustigsten ist der alte John Häberli. Er kommt nur sporadisch zum Dienst, schaltet nie sein Handy an und redet immer lange über Sonnenuntergänge und Angeltouren, bevor er sich dem polizeilichen Thema nähert. Als Ermittler ist er aber so genial, dass Staub ihn nicht in die Frühpension schicken kann. Diese Truppe ist auf Serie angelegt - gut so.
(erschienen in
Kommune 2/2007)
Carl Albert Loosli:
Die Schattmattbauern
Werke Band 3: Kriminalliteratur.
Herausgegeben von Fredi Lerch und Erwin Marti
Zürich, Rotpunktverlag 2006.
423 S., 31.00 Euro
Ernst Solèr:
Staub im Wasser.
Dortmund, Grafit Verlag 2007.
222 S., 8.50 Euro
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