ņoz wurde 1958 in Mexicali geboren. Er arbeitete zunächst als Chirurg und hat heute eine Professur für Kommunikationswissenschaften. Beides hinterlässt in Mezquite Road und den anderen drei Kurzromanen (original 2002), die in dem Band Tijuana Blues zusammengestellt sind, Spuren: Der Autor kennt sich mit Organhandel, Menschenversuchen und der nicht durchweg erheiternden Geschichte des mexikanischen Zeitungswesens aus. Er gilt als Stimme der "frontera", des Grenzgebiets, in dem die unerfreulichsten Seiten der Ersten und der Dritten Welt aufeinander prallen, was freilich nicht nur Scheußliches, sondern auch eine eigene, nicht zuletzt sexuelle Vitalität erzeugt. Man könnte Trujillo Muņoz' Buch mit Bildern von Frida Kahlo illustrieren, zum Beispiel mit Selbstbildnis auf der Grenze zwischen Mexiko und den USA (1932).
Trujillo Muņoz schreibt gut. Schnelle, witzige Dialoge wechseln mit beschreibenden Passagen, in denen der Leser auch Morgados stumme Gedanken und Erinnerungen erfährt. Die anderen Akteure zeigt der Autor überwiegend von außen. Manches dramatische Geschehnis wird nicht ausgewalzt, sondern nur beiläufig nacherwähnt, die Szenen wechseln abrupt. Dieser unterhaltsamen Knappheit kontrastieren ausführliche, vergnüglich kolportagehafte Ballerszenen. Morgados befreundeter Feind ist Harry Dávalos, ein schlimmer Finger vom FBI. Die mexikanischen und die amerikanischen Repressionsbehörden arbeiten aus gleich dreckigem Geist. Nur sind die Gringos besser organisiert.

Trujillo Muņoz' Kurzromane spielen überwiegend in Mexiko. Wer illegal in die USA will, hat die Grenze noch vor sich. Der 1962 geborene Kolumbianer Jorge Franco zeigt in Paraíso Travel (2001) dagegen den Alltag von Landsleuten, die den Grenzschützern entgangen sind franco-Paraiso-Travelund es nach New York geschafft haben. Ich-Erzähler des Romans ist der junge Marlon, der lieber in Medellín geblieben wäre, sich aber von Reina, die er verblendet liebt, in ihren amerikanischen Traum hat hineinziehen lassen. Kurz nach der Ankunft verläuft er sich, und da er kein Englisch kann, kein Geld hat und sich bei keiner Behörde sehen lassen darf, findet er Reina nicht wieder. Halb verhungert und fast verrückt irrt er durch die Straßen, bis Patricia und Don Pastor ihn aufnehmen und in ihrem kolumbianischen Restaurant die Klos putzen lassen. Etwas später kann er sich einen Platz in einem Dreibettzimmer leisten, und noch später eine Buskarte nach Miami, wo Reina jetzt wohnt. Sie hat ihn nicht gesucht.
Trujillo Muņoz' Kurzromane leben auch von der Spannung, wer's war.
In Paraíso Travel ist das immer sofort klar. Es gehört zu einer Immigrantenreise wie zu einer legalen die Passkontrolle, dass man auf Schritt und Tritt betrogen und ausgenommen wird; ebenso kennzeichnet es New York, dass die Elenden nicht nur in teuren Kleiderläden klauen, sondern sich auch gegenseitig ruinieren. Mancher, dem Kolumbien zu kolumbianisch war, tut "dasselbe wie drüben auch: Drogenhandel, Entführungen, Erpressung, Schikane". Für Illegale ist die legale Arbeit so schlecht bezahlt, dass sie nach krimineller Ergänzung ruft. Hin und wieder entlädt sich der Druck in sinnlosen Morden, deren Täter mit den Opfern nichts zu tun haben, sie nicht einmal ausrauben wollen. Neben alledem gibt es aber auch Hilfe, Solidarität und Liebe.
Jorge Franco erzählt langsamer, umständlicher, effektärmer und mit weniger Humor als Trujillo Muņoz. Dafür ist er näher an den Gedanken und Gefühlen der Menschen, an ihrer Wirklichkeit. Marlon und Reina werden zwischen Baumstämmen versteckt über die Grenze gefahren, Marlon putzt das Klo, er lernt nach seinem Zusammenbruch wieder, auf der Straße zu gehen: Für jede dieser Szenen hätte Trujillo Muņoz weniger Zeilen gebraucht und sich einen brillanten Spruch nicht entgehen lassen. Bei Trujillo Muņoz kommen alte Geschichten, die die neuen erklären, über Morgados Dialoge in den Text, so wurzeln sie in der spätesten Zeitebene und wirken gegenwärtig. Wenn sich dagegen Marlon stumm an Kolumbien erinnert, ist das eine echte Rückblende, die das Tempo herausnimmt. Das macht Jorge Franco, weil ihm die Einzelheiten wichtig sind. Man soll Zeit haben, sie ausführlich anzugucken.

In Antonio Dal Masettos Noch eine Nacht (2004) quartieren sich vier fremde Männer in einer Kleinstadt ein und überfallen am nächsten Tag die Bank. Obwohl sie das zum ersten Mal tun, machen sie alles richtig. Aber dann haben sie Pech, verlieren ihren Fluchtwagen und masetto-Noch-eine-Nachtkommen aus der Stadt nicht mehr heraus. Im Folgenden beschreibt der Roman eine Hetzjagd. Die Leute, die in der Stadt das Sagen haben, werden keine Gefangenen machen. Cucurucho, Ramiro, Dante und Jorge dagegen haben in der Bank darauf geachtet, niemanden zu verletzen. Der Leser hofft, dass sie davonkommen.
Trujillo Muņoz und Jorge Franco erkunden mit ihren Romanen einzelne Länder. Der Schauplatz von Noch eine Nacht ist hingegen allgemein lateinamerikanisch: die Topographie des Städtchens, die in der Mittagshitze ausgestorbenen Straßen, die skrupellosen Lokalpotentaten, die massive sexuelle Anmache, die Trägheit in allem anderen, der Bankräuber, der vor der Tat André Malraux liest: All das kennt man so ähnlich aus Büchern vom ganzen Halbkontinent.
Aber auch damit sind die Grenzen dessen, was dieser Roman beschreibt, nicht gezogen. Am Abend vor dem Überfall gehen die vier Räuber auf ein Stadtfest. Vom Wetter und der Foklore abgesehen, ist es dort wie in Niederbayern oder Ostfriesland. Es gibt schlechtes Essen, eine Amtsträgerin hält eine miserable Rede, zu scheußlicher Musik wird getanzt, einheimische Männer pöbeln aus sexueller Konkurrenz die auswärtigen an.
Im Kern bezieht sich Noch eine Nacht auf keinen bestimmten Ort oder auf alle. In dem Moment, in dem die Räuber in der Bank ihre Waffen ziehen, wird der Roman zum allgemein menschlichen Alptraum. Er handelt vom verfrühten Tod. Jeder, der den vieren von nun an begegnet, kann ihr Ende bringen. Sie werden nie mehr aufhören, Angst zu haben; die anderen hetzen sie voller "Euphorie". Die Stadt leistet sich eine gewisse Verworrenheit, weil sie ihr Vernichtungsziel trotzdem erreichen wird. Ungefähr wie Kafkas Prozess, also auch komisch. Nicht in den Details, aber im Ergebnis arbeitet sie so präzise wie das immer näher heranschwingende Mordgerät in Edgar Allan Poes Erzählung Die Grube und das Pendel. Antonio Dal Masetto wurde 1938 in Italien geboren und wanderte 1950 mit seinen Eltern nach Argentinien aus. Dort ist er berühmt. Schön, dass sein großartiges Buch in einen kleinen Qualitätsverlag geraten ist, der den Erfolg verdient hat.



(erschienen in Kommune 4/2006)

munoz-tijuana_blues Gabriel Trujillo Muņoz:
Tijuana Blues.
Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg


Zürich, Unionsverlag 2006.
265 S., 19.90 Euro

franco-Paraiso-Travel.jpg Jorge Franco:
Paraíso Travel.
Aus dem Spanischen von Susanna Mende


Zürich, Unionsverlag 2005.
280 S., 19.90 Euro

masetto-Noch-eine-Nacht.jpg Antonio Dal Masetto:
Noch eine Nacht.
Aus dem Spanischen von Susanna Mende


Zürich, Rotpunkt Verlag 2006.
267 S., 22.00 Euro

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Untaten & Orte
Eine Kolumne von Michael Schweizer

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Michael Schweizer, geboren 1960, Staatsexamen in Germanistik und Geschichte, Promotion über Wolf von Niebelschütz im Nationalsozialismus. Textchef bei einer Fachzeitung, literaturkritische und andere Beiträge unter anderem in der Berliner Zeitung, taz, Freitag und Kommune. Mitarbeiter des Internet-Feuilletons Perlentaucher,
Michael Schweizers Kolumne: Untaten & Orte