Die Alligatorpapiere


Ulrich Kroegers Krimitipp

Die Krimikolumne
4/2010


Bazell-schneller-als-der-tod.jpg Auf Platz 1 der KrimiWelt-Bestenliste steht im April ein Debütroman. "Schneller als der Tod" (S. Fischer, Frankfurt 2010, 304 Seiten, 18,95 Euro) heißt der erste Krimi ("Beat the Reaper", 2009) des US-Amerikaners Josh Bazell. Sein Ich-Erzähler heißt Pietro Brnwa, trug als Mafiakiller den Spitznamen "Bärentatze", ging ins Zeugenschutzprogramm des FBI und mutierte zum Arzt Dr. Peter Brown. Das Catholic Hospital von Manhattan, in dem er jetzt arbeitet, ist ein einziger Alptraum. Genüsslich breitet der studierte Mediziner Bazell die ekligen Details eines Klinikalltags aus, der nur noch dem Profitprinzip gehorcht. Auch mit Fußnoten zu medizinischen Fachtermini und statistischen Angaben zum amerikanischen Gesundheitswesen gibt er einen zynischen Ausblick auf das, was uns noch blüht. Als ein als Patient eingelieferter sterbenskranker Gangster in dem vor ihm stehenden Weißkittel "Bärentatze" erkennt, gerät Pietros bizarrer, von Aufputschmitteln getragener 16-Stunden-Arbeitstag komplett aus den Fugen. Entweder du rettest mein Leben, oder meine Leute erfahren, wo du steckst, so die Drohung von Lo Brutto ("Das Scheusal"). Das Geschäft geht schief: Ein wegen des bei ihm üblichen Blutzolls nur in Gummistiefeln operierender externer Kurpfuscher ("Dr. Friendly") versaut die OP. Egal, die Mobsterkanaille hat Pietros neue Identität sowieso längst verraten: Die Killer sind schon unterwegs. Parallel zur Haupthandlung enthüllt sich dem Leser in Rückblenden die kriminelle Vergangenheit des von polnischen Juden abstammenden, aber früh verwaisten und dann von Mafiosi unter die Fittiche genommenen Protagonisten. Pietros haarsträubende, teils sehr brutale Geschichte spielt sich auf Krankenstationen ab, in Kühlkammern für Leichen, und auch in riesigen Haifischaquarien fliegen die Fetzen. Das Ganze wirkt gelegentlich überdreht, Bazells Erzähltempo, sein Sinn für absurde Situationen und höllenscharfer Sarkasmus garantieren aber grandiosen Lesespaß. �Schneller als der Tod� zu sein, lohnt sich da immer.

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juretzka-rotzig-und-rotzig.jpg Was lässigen Wortwitz und abgedrehte Figuren angeht, kann Jörg Juretzka (Jahrgang 1955) mit dem amerikanischen Kollegen locker mithalten � mindestens. Seinen längst mit Kultstatus ausgestatteten Serienhelden, den Ruhrpott-Detektiv Kristof Kryszinski, erleben wir in "Rotzig & Rotzig" (Rotbuch, Berlin 2010, 256 Seiten, 16,95 Euro) in einem ungewohnten Job: Das Mitglied der "Stormfuckers"-Rockergang heuert in seinem zehnten Fall inkognito als Hausmeister in einem Mülheimer Sozialbau-Hochhaus an. Die Wohnungsbaugesellschaft will eine Einbruchsserie beendet sehen, die für Unruhe unter den Mietern sorgt. Ein Allerweltsproblem, das K. K. scheinbar schnell gelöst bekommt. Doch als die vermeintlichen Täter, zwei rotznäsige Zwillingsbrüder, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion des städtischen Jugendamts nach Luxemburg verfrachtet werden, hakt Juretzkas Ich-Erzähler in gewohnt sturer Weise nach. Und dann wird die Geschichte plötzlich verdammt ernst. So ernst, wie man das von diesem schon mit vielen Krimipreisen ausgezeichneten Autor bislang eher nicht gewohnt war: Es geht um pädophile Netzwerke und organisierten Kinderhandel � mehr soll hier nicht verraten werden. Nur so viel: Wie Juretzka dem sensiblen Thema auf scheinbar naive Weise gerecht wird, ohne seinen ganz eigenen Stil zu verraten, zeugt von der besonderen Klasse dieses Autors, der immer noch viel zu wenig Beachtung findet.


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harvey-der-kinderfaenger.jpg Nicht in puncto literarischer Qualität, aber thematisch liegt der Fall bei John Harveys (Jahrgang 1938) schon 1991 ("Off Minor") erschienenem dritten Charlie-Resnick-Roman etwas anders. Das jetzt bei dtv als "Der Kinderfänger" (München 2010, 352 Seiten, 8,95 Euro) vorliegende Buch stellt die Arbeit der Polizei von Nottingham in den Mittelpunkt, die nach dem Fund einer Mädchenleiche und dem Verschwinden eines zweiten Kindes nach einem Serientäter sucht. Zugleich beleuchtet der Roman feinfühlig das emotionale Desaster, das der Verlust eines Kindes für die Angehörigen � hier eine sich dem Fatalismus ergebende Großmutter, dort um Fassung kämpfende Eltern � bedeutet. Harvey verknüpft mehrere Geschichten � einerseits, um die Spannung zu steigern, andererseits, um den sozialen Kontext zu porträtieren, die triste Alltäglichkeit, die das Unfassliche hervorbringt. In seinem Realismus ist "Der Kinderfänger" ein typisches � und sehr gelungenes � Beispiel des zeitgenössischen britischen Kriminalromans. Außerdem sind wir Resnick-Fans: Der leicht übergewichtige Detective Inspector mit seiner Liebe zum Jazz und seiner Schwäche für Katzen ist uns einfach sympathisch �


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stark-der-gewinner-geht-leer-aus.jpg Was man von Parker nicht in gleichem Maße behaupten kann. Gar nicht mal wegen moralischer Skrupel, denn Richard Stark alias Donald E. Westlake (1933 � 2008) zwingt den Leser geradezu an die Seite seiner legendären Serienfigur. Doch die kalte Professionalität des vornamenlosen Berufsverbrechers, sein objektivierendes Kalkül halten ihn stets auf Distanz. Parker funktioniert einfach � als Ich-AG ohne gesetzliche Beschränkungen. Das gilt auch für Starks 2002 ("Firebreak") erschienenen Roman "Der Gewinner geht leer aus" (Zsolnay, Wien 2010, 288 Seiten, 16,90 Euro). Wieder einmal übersteigt die Größe des geplanten Coups die Qualifikation von Parkers Mitarbeitern. Und wenn in seinem Gewerbe etwas schief geht, kommt auch ein effizienzorientierter Mann wie Parker nicht ohne Gewalt aus. "Der Gewinner geht leer aus" ist eine routinierte Hard-boiled-Story, klar im Handlungsaufbau, lakonisch im Stil und nicht ohne dezenten Humor � ein Parker-Roman wie aus dem Lehrbuch. ulrichkroeger-krimi-tipp


Bazell-schneller-als-der-tod.jpg Josh Bazell:
Schneller als der Tod.

Frankfurt, S. Fischer Verlag, 2010,
304 Seiten, 18.95 Euro

juretzka-rotzig-und-rotzig Jörg Juretzka:
Rotzig & Rotzig.

Berlin, Rotbuch, 2010
256 Seiten, 16.95 Euro

harvey-der-kinderfaenger John Harvey:
Der Kinderfänger.

München, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, 2010,
352 Seiten, 8.95 Euro

stark-der-gewinner-geht-leer-aus.jpg Richard Stark
Der Gewinner geht leer aus

Wien, Zsolnay Verlag, 2010,
288 Seiten, 16.90 Euro

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Ulrich Kroegers Krimitipp
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im
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Tel.:0202/51 10 89

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Ulrich Kroegers erster Krimitipp erschien erschien Anfang 2001. Damals war in Bremerhaven Kriminalliteratur – zumindest in der Zeitung – kein Thema, und niemand dachte daran, eine auf Dauer angelegte Kolumne zu etablieren. Es kam zum Glück anders. Heute erscheint Ulrich Kroegers Krimitipp einmal im Monat im Sonntagsjournal der "Nordsee-Zeitung", dessen Redaktion wir für die Genehmigung zur Veröffentlichung und Archivierung bei den Alligatorpapieren danken. Zum Konzept der Kolumne gehört, dass auf Verrisse zugunsten von Leseempfehlungen verzichtet wird. Zudem beschränken sich die Besprechungen in der Regel auf Taschenbücher und Paperbacks, einer publizistischen Tradition des Kriminalromans folgend und eingedenk der begrenzten finanziellen Spielräume vieler Leser – nicht nur in einer von Arbeitslosigkeit gebeutelten Hafen- und Industriestadt.

Der Autor, Jahrgang 1956, Studium (Politologie, Sozialwissenschaften, Geschichte) in Braunschweig und Bremen, arbeitete als Produktionshelfer, Nachhilfelehrer, Sozialarbeiter und fristet seit Mitte der 90er Jahre als freier Journalist und Redakteur sein Dasein. Er liebt die Küste, hört "WBGO Jazz88.3 FM," trinkt Scotch, spielt Mah Jongg und fiebert für Werder. Doch die meiste Freizeit verbringt er mit – na, Sie wissen schon!
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