– hier findet er seine Infos. Keine Rezensionen, sondern thematische Zusammenfassungen, Überblicksartikel und Autorenporträts, die Umstände, Trends und Hintergründe aktueller Krimiproduktion ausleuchten. Alten Krimis, dem Verbrechen in Film, TV und Hörspiel sowie Theoriefragen sind eigene Kapitel gewidmet. Uneingeschränkt empfehlenswert ist der gnadenlos günstig eingepreiste Paperback auch deshalb, weil das Ganze nicht akademisch daherkommt, sondern größtenteils in einem flüssigen, gut lesbaren Stil geschrieben ist, der von jedermann verstanden werden kann. Schließlich schreibt hier die Creme de la Creme der deutschen Krimikritiker – Leute also, denen das Genre am Herzen liegt. Feine Sache, die das Herausgebertrio Christina Bacher, Ulrich Noller und Dieter Paul Rudolph da wieder realisiert hat.

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temple-shooting-star.jpg Peter Temple (Jahrgang 1946) war Journalist, bevor er 1996 seinen ersten Kriminalroman ("Bad Debts", dt. "Vergessene Schuld", Goldmann Taschenbuch, München 2007, 349 Seiten, 7,95 Euro) veröffentlichte. Vielleicht skizzierte dieser Roman deshalb ein so desillusioniertes Bild der australischen Gesellschaft. Profitgier, Korruption, Gewalt – das sind Temples Themen. Das gilt auch für sein 1999 erschienenes Buch "Shooting Star" (C. Bertelsmann, München 2008, 287 Seiten, 17,95 Euro). Der uns hier in die fiese Welt der Reichen und Mächtigen blicken lässt, ist selbst ein Gezeichneter: Frank Calder, Ex-Soldat, Ex-Cop, Ex-Ehemann, aber mit weichem Kern hinter rauer Schale. Engagiert als "privater Vermittler", um Kontakt zu den Entführern der 15-jährigen Anne aus dem Carson-Clan zu halten, dekuvriert er Zug um Zug die geheimen Sauereien einer milliardenschweren Unternehmerfamilie. "Nur die Fragen sind einfach", sagt Calder einmal. Die Antworten, lernen wir, sind es nicht. Nicht bei Temple. Das macht ihn zu einem der ganz Großen.

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dorn-maedchenmoerder.jpg Auch Thea Dorn offeriert in "Mädchenmörder – Ein Liebesroman" (Manhattan, München 2008, 333 Seiten, 19,95 Euro) keine Welt, die sich schematisch in Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Normal und Unnormal aufteilen ließe. Selbst dann nicht, wenn es um sexuelle Perversion und Mord geht. Dafür ist die "Literatur im Foyer"-Moderatorin zu klug, oder besser: zu diszipliniert. Auch wenn die Ausgangssituation – ein perverser Serienmörder verschont die 19-jährige Julia, weil sie im Gegensatz zu seinen anderen Opfern keine Angst zeigt, woraufhin sich die junge Frau in ihren Peiniger verliebt – konstruiert anmutet, die Dynamik der sich entwickelnden "Paar"-Beziehung führt den Leser in unerforschtes Terrain des eigenen Ichs. Ein Gedankenspiel, ein Experiment, eine Expedition – so verstanden funktioniert dieser Roman auf beeindruckende Weise. Wer das Buch dagegen als realistischen Thriller konsumiert, hat das Anliegen der 37-jährigen Ex-Philosophiedozentin nicht verstanden. Schade, die schöne Thea Dorn wird es verschmerzen.


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hellmann-vor-den-hymnen.jpgVon Alfred Hellmann (Jahrgang 1958) hatte man seit seinem Debüt ("Zeuss", 1998, nur noch antiquarisch) nichts mehr gelesen. Umso schöner, dass der Berliner jetzt mit "Vor den Hymnen" (Emons, Köln 2008, 240 Seiten, 9,90 Euro) wieder einen packenden, im Hier und Heute geerdeten und mit trockenem Witz gewürzten Krimi vorgelegt hat. Und wenn Einstiege etwas über ein Buch verraten, bitte sehr: "In der Buchsbaumhecke saß ein Mann. Ganz in Schwarz. Ein Sturmmaske verhüllte sein Gesicht, und eine Pistole schimmerte in seiner Hand. Der zweite Mann hockte im Kirschbaum – ebenfalls mit einer Balaklava über dem Kopf, ebenfalls bewaffnet. Und wahrscheinlich waren da noch mehr ..." Der diese Beobachtung macht, ist Leonard Gantas, der mit etwas Veronal in Johannisbeersaft ein Kaufhaus um mehr als zwei Millionen Euro erleichterte, aber nie strafrechtlich belangt werden konnte. Gantas bleiben nur noch wenige Minuten, dann ist er tot. Hingerichtet. Und es gibt weitere Firmenerpresser, deren Leben keinen Cent mehr wert ist ...


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fruttero-frauen-die-alles-wissen.jpg Kommen wir zu einem Mann, der schon zu Lebzeiten Klassikerstatus genießt. Denn Carlo Frutteros hintergründige, gemeinsam mit seinem 2002 aus dem Leben geschiedenen Kollegen Franco Lucentini geschriebene Romane ("Die Sonntagsfrau", "Wie weit ist die Nacht", "Der Palio der toten Reiter" etc.) gehören zum Besten, was die italienische Kriminalliteratur hervorgebracht hat. Als wollte er zeigen, dass er's auch alleine kann, hat der 81-jährige Turiner in "Donne informate sui fatti" (dt. "Frauen, die alles wissen", Piper, München 2008, 246 Seiten, 16,90 Euro) ein ungewöhnliches, ein gut durchdachtes Buch vorgelegt. "Ich hatte genug von all den Commissari und Carabinieri", zitiert der Klappentext den Autor: "Auf dem Krimigenre lasten so viele Klischees, dass man neue Wege gehen muss." Nun hat der literarische Altmeister das Rad nicht neu erfunden, aber wie er die eigentlich schon fast banale Geschichte der toten Ex-Prostituierten Milena aus dem Blickwinkel acht verschiedener Frauen erzählt, ist aufs Schönste gelungen. Natürlich ist am Ende nichts so, wie es zunächst den Anschein hat, aber lesen Sie doch selbst!

Krimijahrbuch_2008_klein.jpg Christina Bacher, Ulrich Noller und Dieter Paul Rudolph:
Krimijahrbuch 2008


Wuppertal, NordPark Verlag, 2008
299 Seiten, 12.00 Euro

temple-vergessene-schuld.jpg Peter Temple:
Vergessene Schuld


München, Goldmann Taschenbuch, 2008
349 Seiten, 7.95 Euro

temple-shooting-star.jpg Peter Temple:
Shooting Star


München, C. Bertelsmann Verlag 2008
287 Seiten, 17.95 Euro

dorn-maedchenmoerder.jpg Thea Dorn:
Mädchenmörder – Ein Liebesroman

München, Manhattan Verlag, 2008,
333 Seiten, 19.95 Euro

hellmann-vor-den-hymnen.jpg Alfred Hellmann:
Vor den Hymnen

Köln, Emons Verlag, 2008,
240 Seiten, 9.90 Euro

fruttero-frauen-die-alles-wissen.jpg Carlo Fruttero:
Frauen, die alles wissen

München, Piper Verlag, 2008,
246 Seiten , 16.90 Euro.


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Ulrich Kroegers Krimitipp
Eine Kolumne

Ein Service der Alligatorpapiere
im
NordPark Verlag
Alfred Miersch
Klingelholl 53
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Tel.:0202/51 10 89

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Ulrich Kroegers Krimitipps: Index
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Ulrich Kroegers erster Krimitipp erschien vor fünfeinhalb Jahren. Damals war in Bremerhaven Kriminalliteratur – zumindest in der Zeitung – kein Thema, und niemand dachte daran, eine auf Dauer angelegte Kolumne zu etablieren. Es kam zum Glück anders. Heute erscheint Ulrich Kroegers Krimitipp einmal im Monat im Sonntagsjournal der "Nordsee-Zeitung", dessen Redaktion wir für die Genehmigung zur Veröffentlichung und Archivierung bei den Alligatorpapieren danken. Zum Konzept der Kolumne gehört, dass auf Verrisse zugunsten von Leseempfehlungen verzichtet wird. Zudem beschränken sich die Besprechungen in der Regel auf Taschenbücher und Paperbacks, einer publizistischen Tradition des Kriminalromans folgend und eingedenk der begrenzten finanziellen Spielräume vieler Leser – nicht nur in einer von Arbeitslosigkeit gebeutelten Hafen- und Industriestadt.

Der Autor, Jahrgang 1956, Studium (Politologie, Sozialwissenschaften, Geschichte) in Braunschweig und Bremen, arbeitete als Produktionshelfer, Nachhilfelehrer, Sozialarbeiter und fristet seit zehn Jahren als freier Journalist und Redakteur sein Dasein. Er liebt die Küste, hört "WBGO Jazz88.3 FM," trinkt Scotch, spielt Mah Jongg und fiebert für Werder. Doch die meiste Freizeit verbringt er mit – na, Sie wissen schon!
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