Gianrico Carofiglio biete seinen Lesern "einen tiefen Einblick in die Tücken und Schlupflöcher der italienischen Justiz" und zeichne ein "Sittengemälde des zeitgenössischen Italiens". Außerdem liefere der 47-jährige Staatsanwalt aus Bari "starke Gegenbilder, die den Sinn für rechtsstaatliche Verantwortlichkeit stärken wollen", heißt es zur Begründung der Verleihung des Radio-Bremen-Krimipreises 2008 an den Autor der Avvocato-Guerrieri-Romane. Von Carofiglios Büchern, die in Italien schon mit zahlreichen literarischen Preisen ausgezeichnet wurden, liegen bislang drei auf Deutsch vor. Nach "Reise in die Nacht" und "In freiem Fall" (beide Goldmann Taschenbuch, 7,95 Euro) erschien zuletzt "Das Gesetz der Ehre" (Goldmann, München 2007, 271 Seiten, 19,95 Euro). Darin konfrontiert Carofiglio seinen Romanhelden mit einem persönlichen Intimfeind als Mandanten, der zudem alles Andere als unschuldig zu sein scheint. Allerdings hat der des Drogenschmuggels beschuldigte Neofaschist eine betörend schöne Frau, die Guerrieris Skrupel schwinden lässt …

Bleiben wir in Italien und wenden wir uns einer Autorin zu, derem letzten, auf der Krimiweltbestenliste (www.arte.tv/krimiwelt) zuletzt auf Platz drei rangierenden Roman "Vita Nuova" (Diogenes, Zürich 2008, 321 Seiten, 19,90 Euro) leider keine weiteren folgen werden: Die Britin Magdalen Nabb starb im August vergangenen Jahres in ihrer Wahlheimat Florenz im Alter von nur 60 Jahren an einem Hirnschlag. Was umso bedauerlicher ist, als auch der 14. Fall des Maresciallo Salvatore Guarnaccia noch keinerlei Abnutzungserscheinungen der ebenso bodenständigen wie unkonventionellen Serienfigur erkennen lässt. Die Tochter eines einflussreichen, aber in zwielichtige Geschäfte verwickelten Florentiners ist in dessen eigener Villa erschossen worden – ein Minenfeld für den unverbiegbaren Polizisten, dem ein schmieriger Staatsanwalt schon bald mit der Versetzung ins hinterste Provinznest droht, sollten Guarnaccias Ermittlungen gewisse Interessen gefährden …

"Der 13. Brief" (Grafit, Dortmund 2008, 345 Seiten, 9,95 Euro) lautet der Titel eines Krimierstlings, mit dem die 31-jährige Lucie Klassen aus Bad Pyrmont zu den schönsten Hoffnungen Anlass gibt. Schon das Setting hat es in sich: Eine gerade mal volljährig gewordene Aussteigerin hat keinen Bock auf das vom Papa verordnete Jurastudium in Münster und sucht stattdessen in Bochum Unterschlupf bei einem vierzigjährigen Macho, der seine Brötchen normalerweise als Schmuddelschnüffler mit der Bespitzelung untreuer Ehemänner verdient. Allerdings ist sein gegenwärtiger Fall von anderer Qualität: Ein Exkollege von der Kripo macht sich Sorgen, weil die beste Schulfreundin seiner Tochter sich mit einem Sprung aus dem Biologieraum umgebracht hat, ihre Klassenkameraden auf Fragen nach dem Wie und Warum aber mauern. Um herauszufinden, was an der Schule vorgeht, kommt die flippige Lila als "Undercoveragentin" gerade recht. Klassens Debüt hat Klasse: frech, flott und voller Tempo – so was bieten deutsche Krimis selten.

Relativ neu im Geschäft ist auch der Schotte Stuart MacBride, dessen dritter Roman um den Aberdeener Detective Sergeant Logan McRae ("Der erste Tropfen Blut", Goldmann Taschenbuch, München 2008, 507 Seiten, 8,95 Euro) jetzt auf Deutsch vorliegt. Dieser McRae ist kein strahlender Held, keiner, dem alles glatt und leicht von der Hand geht, eher ein Sisyphus im Kampf gegen den alltäglichen Irrsinn, ein Mann, der einem leid tun muss: zu viel Arbeit bei zu wenig Schlaf, dazu egomanische Vorgesetzte, maliziöse Anwälte und sensationsgeile Medien, eine nicht immer ganz unkomplizierte Freundin mit robusten Angewohnheiten und die stete Versuchung des Alkohols in einer abweisenden, von kalten Regenschauern gepeitschten Stadt. Ganz zu schweigen von dem, was die Menschen sich gegenseitig antun. Dem vor einem Klinikeingang verblutenden Pornodarsteller etwa, dem der Anus aufgerissen wurde. Oder den jungen Frauen, denen ein Serienvergewaltiger das Gesicht zerschneidet. Oder dem achtjährigen Sean, der plötzlich Amok läuft … 
Wie MacBride hat auch Iain McDowall keinen Ort anzubieten, wo's in irgendeiner Weise gemütlich zugehen könnte. Im Gegenteil: Das öde Crowby, in dessen Armenvierteln schon Grundschüler eher lernen, "sich einen Joint zu drehen oder einen Eckladen auszurauben, als sich die Schuhbänder richtig zuzubinden", ist zwar ein fiktives Städtchen der englischen Midlands, deshalb aber nicht minder realistisch in der Schilderung von Verwahrlosung, Dummheit und Gewalt. So gerne Chief Inspector Jacobson und sein Adlatus Kerr hier auch Ordnung schaffen würden, im Grunde wissen sie um die Vergeblichkeit ihres Tuns, denn die Verhältnisse, sie sind nun mal nicht so. "Der perfekte Tod" (dtv, München 2008, 380 Seiten, 8,95 Euro) beginnt mit dem eher zufälligen, aber dennoch höchst unappetitlichen Exitus eines Kleindealers in einer trostlosen Hochhaussiedlung, dessen Grauen bald durch ein Verbrechen in den besseren Wohnvierteln am anderen Ende der Stadt in den Schatten gestellt wird: Ein vor dem Bankrott stehender Kleinunternehmer hat offenbar seine eigene Ehefrau und seine drei Kinder umgebracht und sich anschließend selbst aufgeknüpft …
Gianrico Carofiglio:
Reise in die Nacht
München, Goldmann Verlag, 2007
288 Seiten, 7,95 Euro
Gianrico Carofiglio:
In freiem Fall
München, Goldmann Verlag, 2008
224 Seiten, 7,95 Euro
Gianrico Carofiglio:
Das Gesetz der Ehre
München, Goldmann Verlag, 2008
271 Seiten, 19,95 Euro
Magdalen Nabb:
Vita Nuova
Zürich, Diogenes, 2008
321 Seiten, 19,90 Euro
Lucie Klassen:
Der 13. Brief
Dortmund, Grafit 2008
345 Seiten, 9,95 Euro
Stuart MacBride:
Der erste Tropfen Blut
München, Goldmann Taschenbuch, 2008,
507 Seiten, 8,95 Euro
Iain McDowall:
Der perfekte Tod
München, dtv, 2008,
380 Seiten, 8,95 Euro
Ulrich Kroegers Krimitipp
Eine Kolumne
Ein Service der Alligatorpapiere
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