Wir wissen ja nicht, wie Sie Weihnachten am liebsten verbringen. Für uns aber gehört dolce far niente dazu, gutes Essen auch und – Krimis natürlich. Einer, der all dies geschickt zu verbinden versteht, ist der Münchner Michael Böckler. Er hat den Detektiv Hippolyt Hermanus erfunden, der sich lieber den kulinarischen Geheimnissen der italienischen Küche widmet, als delikate Ermittlungen durchzuführen. In seinem neuen Roman "Tödlicher Tartufo" (Droemer, München 2007, 430 Seiten, 19,90 Euro) schickt Böckler den liebenswerten Gourmet jedoch ins Piemont, wo er mit seinem Freund, dem Maresciallo Viberti, den Tod einiger Feinschmecker aufklären soll. Dass sich der "Hipp" genannte Ermittler wider Willen dort nicht nur mit bizarren Mordfällen beschäftigt, sondern ebenso sehr seine Kenntnis über Herkunft, Arten und Verwendung des weißen Trüffels erweitert, versteht sich von selbst. Ob der wertvolle Speisepilz nun über Tagliatelle gehobelt wird, Spiegeleiern die besondere Note verleiht oder ein Risotto verfeinert: Bei "Tödlicher Tartufo" handelt es sich wie schon beim ersten Hippolyt-Hermanus-Roman "Vino Criminale" mehr um ein Handbuch für exquisite Gaumenfreuden als um ernsthafte Kriminalliteratur. Dafür bietet das Buch aber ein umfangreiches Trüffellexikon im Anhang mit zahlreichen Rezepten und Weinempfehlungen sowie Restaurant- und Hoteltipps.

Kommen wir zu ernsteren Dingen. Etwa dem 20. Todestag Jörg Fausers, der jetzt 63 Jahre alt wäre. Die Stadt Frankfurt erinnerte nun mit einer Veranstaltungswoche an den "schnelllebigsten Autor der deutschen Literatur" ("Rheinischer Merkur"), der seine ersten Bücher als Aushilfsnachtwächter finanzierte, sich mit brillanten Essays zu Hammett, Chandler und Himes als Kenner der Kriminalliteratur erwies und nach einer exzessiven Drogen- und atemlosen Schriftstellervita unter nie ganz geklärten Umständen in der Nacht nach seinem 43. Geburtstag auf einer Autobahn bei München ums Leben kam. Fausers Leben glich einem Nachtexpress, hin und her jagend zwischen literarischen Höhepunkten und persönlichen Abstürzen. Im selben Tempo wirbelte seine Arbeit die Genres durcheinander: Kriminalromane ("Schneemann"), Gedichte, Dokumentarisches, Drehbücher, Songtexte, alles gespeist aus genauem Hinschauen und gnadenloser Analyse, verfasst von einem Fanatiker der Sprache. "Stil ist für Fauser nicht die Feder am Hut, sondern die am Pfeil, damit der besser trifft", brachte Dagobert Lindlau die Textproduktion jenes Mannes auf den Punkt, dessen rasantes Leben die Journalisten Matthias Penzel und Ambros Waibel in ihrer schon 2004 erschienenen Biografie "Rebell im Cola-Hinterland – Jörg Fauser" (Tiamat, Berlin 2004, 287 Seiten, 16 Euro) nacherzählen. Spannend wie ein Roman – und ein Must-Read für jeden, der sich dafür interessiert, wie Literatur entsteht.
Der 1948 in Stockholm geborene und heute in Paris lebende Patrick Boman sei mit seinen Josaphat-Peabody-Krimis in Deutschland noch ein Geheimtipp, schrieben wir im Krimitipp 11/2006: "Das könnte sich aber bald ändern: Wer sich einmal das Vergnügen gönnte, in die skurrile, lebensprall und mit ganz speziellem Humor geschilderte Welt des Inspektor Peabody einzutauchen, wird mit Ungeduld weitere Übersetzungen erwarten." Letztere können leider noch nicht annonciert werden, doch der damals empfohlene Roman liegt nun in einer um ein Autoreninterview erweiterten Neuausgabe beim Unionsverlag vor: "Peabody geht in die Knie" (Zürich 2007, 138 Seiten, 8,90 Euro). Wer das Büchlein noch nicht gelesen hat, dem sei der Abstecher in die schwüle Hitze des kolonialen Indiens nochmals empfohlen, wo der fette, lüsterne und misanthropische Polizist mit dem guten Herzen es mit diversen Leichen zu tun bekommt. Nicht immer ganz appetitlich,
das Ganze, doch die Bekanntschaft mit Josaphat Peabody sollten Sie nicht versäumen.
Kommen wir zu einem anderen Autor, dessen Können wir schon vor geraumer Zeit (KT 2/2003) gerühmt haben: Bill Pronzini, ein "völlig zu Unrecht unterschätzter US-amerikanischer Autor" habe mit "Blauer Skorpion" (Fischer Taschenbuch, Frankfurt 2003, 318 Seiten) ein "Juwel von einem Kriminalroman" geschrieben, so unser damaliges Urteil. Unterschätzt ist der Autor hierzulande mehr denn je. Das Buch – es handelt von einer "im Grunde uralten und doch in immer neuen Variationen sich ereignenden Geschichte von Schuld und Sühne" ebenso wie von der Selbstfindung seines sich von seiner bürgerlich-subalternen Existenz emanzipierenden Protagonisten – ist nämlich ebenso wie die anderen seinerzeit bei Fischer erschienenen Titel ("SchattenNächte", "Schlechte Karten", "Dunkler Morgen" und "Tödliche Fremde") nur noch antiquarisch zu bekommen. Schlimmer: Nicht ein einziger der mehr als 60 Romane des 1943 in Kalifornien geborenen Autors steht derzeit auf der Backlist eines deutschsprachigen Verlags. Ein Jammer, zumal Pronzini alles Andere als 08/15-Krimis geschrieben hat: Seine Helden sind ganz alltägliche Leute, die sich stets einer Bewährungsprobe stellen müssen und dabei an Tiefe und Format gewinnen. Übrigens: Die amerikanische Autorenvereinigung Mystery Writers of America (MWA) hat Pronzini für sein Gesamtwerk gerade mit dem renommierten Titel "Grandmaster" geehrt 
Unseren Noirtipp, Sie kennen das schon, haben wir uns wieder für den Schluss aufgehoben. "Driver" (Liebeskind, München 2007, 158 Seiten, 16,90 Euro) heißt James Sallis’ jüngster Roman, und Driver heißt auch dessen Hauptfigur. Ein Mann, der Auto fährt, nichts weiter. Zu dumm nur, dass der beste Stuntfahrer von Hollywood hin und wieder auch bei einem Raubüberfall am Steuer des Fluchtwagens sitzt. Doch dann geht so ein Ding schief, und Driver, der brutal übers Ohr gehauen werden sollte, nimmt Rache. Sallis erzählt in knapper, mit geschliffenen Dialogen gespickter Prosa eine harte, eine blutige Geschichte. Am Ende sitzt Driver wieder am Steuer: "Er fuhr. Das war es, was er tat. Was er immer tun würde."
Michael Böckler:
Tödlicher Tartufo
Krimikalender für 2008
München, Droemer, 2007
430 Seiten, 19.90 Euro
Matthias Penzel und Ambros Waibel:
Rebell im Cola-Hinterland – Jörg Fauser
Berlin , Edition Tiamat, 2007,
287 Seiten, 16.00 Euro
Patrick Boman:
Peabody geht in die Knie.
Zürich, Unionsverlag, 2007,
138 Seiten, 8.90 Euro
Bill Pronzini:
Blauer Skorpion
Frankfurt, Fischer Taschenbuch, 2003,
318 Seiten
Vergriffen.
Suchen bei eurobuch.com
James Sallis:
Driver
München, Liebeskind Verlag, 2007,
158 Seiten, 16.90 Euro
Ulrich Kroegers Krimitipp
Eine Kolumne
Ein Service der Alligatorpapiere
im
NordPark
Verlag
Alfred Miersch
Klingelholl 53
42281 Wuppertal
Tel.:0202/51 10 89
Kontakt