Kein schlechter Start, den die ARD ihrem neuen "Radio Tatort" (www.radiotatort.ard.de) mit Peter Meisenbergs WDR-Hörspiel "Der Emir" gegönnt hat. Kein Experimentieren an Form und Inhalt, aber auch keine Betulichkeit angestaubter Wer-hat's-getan-Geschichten zum Fünf-Uhr-Tee. Eher 50 Minuten Mainstream im guten Sinne: Der Stoff glaubwürdig verankert im Hier und Heute, die Geschichte nachvollziehbar geplottet, die Ausführung mit Liebe zum Genre geraten - so kann's weitergehen. Mit neun Polizeiteams von neun Sendern an neun Einsatzorten, und natürlich jeden Monat woanders. Der zweite Fall ("Schöne Aussicht") kam vom MDR. Der erste Radio-Bremen-"Radio Tatort" soll übrigens im Mai ausgestrahlt werden.

Ein Mann vergiftet seine tyrannische Ehefrau, zerstückelt ihre Leiche und verschenkt ihre Kleider. Im London von Jack the Ripper und Sherlock Holmes ein Mordfall wie andere auch, möchte man meinen, doch im "Fall Crippen" liegen die Dinge anders. Das Schicksal des Hawley Harvey Crippen ist nämlich untrennbar verknüpft mit einer zweiten Geschichte: der Erfindung des drahtlosen Funks durch den Italiener Guglielmo Marconi. Dem jungen Tüftler gelang zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen alle Widerstände aus den Reihen eifersüchtiger Wissenschaftler die erste Funkverbindung über den Atlantik hinweg. Dieser spektakuläre Erfolg kam für den unglücklichen Dr. Crippen zum falschen Zeitpunkt: Als sich der Mörder mit seiner als Junge verkleideten Geliebten auf einem Ozeanliner nach Kanada absetzen will, erkennt ihn der Kapitän auf dem Bild einer aus London mitgebrachten Zeitung und informiert mit der neuen Technik Scotland Yard: Crippen wird am 31. Juli 1910 noch an Bord der SS "Montrose" im Hafen von Québec festgenommen. Nachzulesen ist dies alles in Erik Larsons 2006 in New York unter dem Titel "Thunderstruck" erschienenen Buch "Marconis magische Maschine - Ein Genie, ein Mörder und die Erfindung der drahtlosen Kommunikation" (Scherz, Frankfurt am Main 2007, 447 Seiten, 19,90 Euro). Der ehemalige "Wall Street Journal"-Reporter erzählt darin die beiden Geschichten im Wechsel und erweckt längst vergangene Zeiten zu neuem Leben. Kein Krimi zugebenermaßen, aber ein sehr gekonnt und spannend geschriebenes Stück True Crime.
Eindeutig Fiktion, wenn auch hart an der Realität ist Martin Cruz Smiths 2007 in New York als "Stalin's Ghost" erschienener Roman "Stalins Geist" (C. Bertelsmann, München 2007, 368 Seiten, 19,95 Euro), der soeben mit dem Deutschen Krimipreis 2008 (2. Platz) ausgezeichnet wurde. Smith, der seit seinem Durchbruch mit "Gorki-Park" 1981 als Kenner der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnisse in der Sowjetunion galt, widmete sich danach mit derselben Akribie und Intensität den desolaten Verhältnissen im postkommunistischen Russland. In seinem jüngsten Buch lässt der 65-jährige US-Autor wie schon in dem 1983 von Michael Apted verfilmten Bestseller und den vier folgenden Arkadi-Renko-Romanen ("Polar Star", 1989, "Das Labyrinth", 1991, "Nacht in Havanna", 1999, "Treue Genossen", 2004) erneut jenen Moskauer Polizisten ermitteln, der sich nicht dünne macht, wenn's dicke kommt. Dieses Mal will Renko einem der Korruption verdächtigen Politiker auf die Schliche kommen, der als Offizier der berüchtigten Omon-Elitetruppen im Tschetschenienkrieg war. Da berichten Moskauer Metro-Passagiere, sie hätten nachts auf einem Bahnsteig den Geist Stalins gesehen. Und ehemalige Kriegskameraden Isakows liegen plötzlich im Leichenschauhaus … Smith ist mit "Stalins Geist" nicht nur ein trotz aller Komplexität des Handlungskonstrukts hochspannend geratener Thriller gelungen, er zeichnet auch ein ebenso glaubwürdiges wie bedrückendes Bild von Putins Reich.
Wie bei Smith spielt auch in Nick Stones "Voodoo" (Goldmann Taschenbuch, München 2007, 605 Seiten, 9,95 Euro) ein Land die Hauptrolle, nur dass die Verhältnisse hier noch schlimmer sind. Wir sprechen von Haiti, dem Armenhaus der Welt, das jahrzehntelang von Diktatoren der übelsten Sorte beherrscht und ausgeraubt wurde. Das grandiose Debüt des 41-jährigen Briten, 2006 als "Mr. Clarinet" in London erschienen, spielt Mitte der neunziger Jahre, als der Karibikstaat eine Hölle der Gewalt und der Korruption ist. Hierher verschlägt es einen amerikanischen Ex-Cop, der nach einer Knaststrafe wegen Totschlags in den Staaten nicht mehr als Privatdetektiv arbeiten darf. Max Mingus muss noch mal von vorn anfangen, und so willigt er ein, in Haiti nach dem entführten Spross einer reichen weißen Familie zu suchen. Immerhin winken zehn Millionen Dollar Prämie, und falls er den Täter präsentiert, gibt's noch mal fünf Millionen obendrauf. Allerdings ist der kleine Milliardärssohn kein Einzelfall: Schon viele Kinder sind in dem vom Voodookult beherrschten Land verschwunden, und man erzählt sich von einem "Mr. Clarinet", der die Kinder wegzaubern soll. Doch die Wahrheit ist viel schockierender … Ein Roman wie eine Adrenalinspritze und nichts für Zartbesaitete. Aber sehr, sehr gut.

Kommen wir zum Absacker - das ist nicht inhaltlich, sondern eher alkoholisch gemeint. In "Bis nichts mehr geht" (Conte, Saarbrücken 2007, 218 Seiten, 10 Euro) bringt uns Jean Amila (1910 - 1995), Autor der legendären "Série Noire", in ein kleines Dorf der Normandie, in dem selbst die Kinder schon nach Calvados stinken. Die neue Grundschullehrerin findet schnell heraus, dass der gesamte Ort von der Schwarzbrennerei lebt, und nimmt entschlossen den Kampf gegen den Alkohol auf … Amilas kleines Buch ("Jusqu'à plus soif", 1962) wirkt zunächst irgendwie aus der Zeit gefallen, entwickelt dann aber einen immer stärkeren Sog bis zu seinem explosiven Finale: Wo Hochprozentiges gekippt wird und sich Leute ins Abseits gestellt sehen, da liegt Gewalt in der Luft - damals wie heute.
Erik Larson:
Marconis magische Maschine
Frankfurt, Scherz Verlag, 2007
447 Seiten, 19.90 Euro
Martin Cruz Smith:
Stalins Geist
München, C. Bertelsmann Verlag 2007,
368 Seiten, 19.95 Euro
Nick Stone:
Voodoo.
München, Goldmann Verlag, 2007,
605 Seiten, 9.95 Euro
Jean Amila:
Bis nichts mehr geht
München, Conte Verlag, 2007,
218 Seiten , 10.00 Euro.
Ulrich Kroegers Krimitipp
Eine Kolumne
Ein Service der Alligatorpapiere
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