Die Alligatorpapiere


Ulrich Kroegers Krimitipp

Die Krimikolumne
1/2008



radio-tatortKein schlechter Start, den die ARD ihrem neuen "Radio Tatort" (www.radiotatort.ard.de) mit Peter Meisenbergs WDR-Hörspiel "Der Emir" gegönnt hat. Kein Experimentieren an Form und Inhalt, aber auch keine Betulichkeit angestaubter Wer-hat's-getan-Geschichten zum Fünf-Uhr-Tee. Eher 50 Minuten Mainstream im guten Sinne: Der Stoff glaubwürdig verankert im Hier und Heute, die Geschichte nachvollziehbar geplottet, die Ausführung mit Liebe zum Genre geraten - so kann's weitergehen. Mit neun Polizeiteams von neun Sendern an neun Einsatzorten, und natürlich jeden Monat woanders. Der zweite Fall ("Schöne Aussicht") kam vom MDR. Der erste Radio-Bremen-"Radio Tatort" soll übrigens im Mai ausgestrahlt werden.

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larson-Marconis-magische-Maschine.jpg Ein Mann vergiftet seine tyrannische Ehefrau, zerstückelt ihre Leiche und verschenkt ihre Kleider. Im London von Jack the Ripper und Sherlock Holmes ein Mordfall wie andere auch, möchte man meinen, doch im "Fall Crippen" liegen die Dinge anders. Das Schicksal des Hawley Harvey Crippen ist nämlich untrennbar verknüpft mit einer zweiten Geschichte: der Erfindung des drahtlosen Funks durch den Italiener Guglielmo Marconi. Dem jungen Tüftler gelang zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen alle Widerstände aus den Reihen eifersüchtiger Wissenschaftler die erste Funkverbindung über den Atlantik hinweg. Dieser spektakuläre Erfolg kam für den unglücklichen Dr. Crippen zum falschen Zeitpunkt: Als sich der Mörder mit seiner als Junge verkleideten Geliebten auf einem Ozeanliner nach Kanada absetzen will, erkennt ihn der Kapitän auf dem Bild einer aus London mitgebrachten Zeitung und informiert mit der neuen Technik Scotland Yard: Crippen wird am 31. Juli 1910 noch an Bord der SS "Montrose" im Hafen von Québec festgenommen. Nachzulesen ist dies alles in Erik Larsons 2006 in New York unter dem Titel "Thunderstruck" erschienenen Buch "Marconis magische Maschine - Ein Genie, ein Mörder und die Erfindung der drahtlosen Kommunikation" (Scherz, Frankfurt am Main 2007, 447 Seiten, 19,90 Euro). Der ehemalige "Wall Street Journal"-Reporter erzählt darin die beiden Geschichten im Wechsel und erweckt längst vergangene Zeiten zu neuem Leben. Kein Krimi zugebenermaßen, aber ein sehr gekonnt und spannend geschriebenes Stück True Crime.

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cruz-smith-stalins-geist.jpg Eindeutig Fiktion, wenn auch hart an der Realität ist Martin Cruz Smiths 2007 in New York als "Stalin's Ghost" erschienener Roman "Stalins Geist" (C. Bertelsmann, München 2007, 368 Seiten, 19,95 Euro), der soeben mit dem Deutschen Krimipreis 2008 (2. Platz) ausgezeichnet wurde. Smith, der seit seinem Durchbruch mit "Gorki-Park" 1981 als Kenner der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnisse in der Sowjetunion galt, widmete sich danach mit derselben Akribie und Intensität den desolaten Verhältnissen im postkommunistischen Russland. In seinem jüngsten Buch lässt der 65-jährige US-Autor wie schon in dem 1983 von Michael Apted verfilmten Bestseller und den vier folgenden Arkadi-Renko-Romanen ("Polar Star", 1989, "Das Labyrinth", 1991, "Nacht in Havanna", 1999, "Treue Genossen", 2004) erneut jenen Moskauer Polizisten ermitteln, der sich nicht dünne macht, wenn's dicke kommt. Dieses Mal will Renko einem der Korruption verdächtigen Politiker auf die Schliche kommen, der als Offizier der berüchtigten Omon-Elitetruppen im Tschetschenienkrieg war. Da berichten Moskauer Metro-Passagiere, sie hätten nachts auf einem Bahnsteig den Geist Stalins gesehen. Und ehemalige Kriegskameraden Isakows liegen plötzlich im Leichenschauhaus … Smith ist mit "Stalins Geist" nicht nur ein trotz aller Komplexität des Handlungskonstrukts hochspannend geratener Thriller gelungen, er zeichnet auch ein ebenso glaubwürdiges wie bedrückendes Bild von Putins Reich.


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stone-Voodoo.jpgWie bei Smith spielt auch in Nick Stones "Voodoo" (Goldmann Taschenbuch, München 2007, 605 Seiten, 9,95 Euro) ein Land die Hauptrolle, nur dass die Verhältnisse hier noch schlimmer sind. Wir sprechen von Haiti, dem Armenhaus der Welt, das jahrzehntelang von Diktatoren der übelsten Sorte beherrscht und ausgeraubt wurde. Das grandiose Debüt des 41-jährigen Briten, 2006 als "Mr. Clarinet" in London erschienen, spielt Mitte der neunziger Jahre, als der Karibikstaat eine Hölle der Gewalt und der Korruption ist. Hierher verschlägt es einen amerikanischen Ex-Cop, der nach einer Knaststrafe wegen Totschlags in den Staaten nicht mehr als Privatdetektiv arbeiten darf. Max Mingus muss noch mal von vorn anfangen, und so willigt er ein, in Haiti nach dem entführten Spross einer reichen weißen Familie zu suchen. Immerhin winken zehn Millionen Dollar Prämie, und falls er den Täter präsentiert, gibt's noch mal fünf Millionen obendrauf. Allerdings ist der kleine Milliardärssohn kein Einzelfall: Schon viele Kinder sind in dem vom Voodookult beherrschten Land verschwunden, und man erzählt sich von einem "Mr. Clarinet", der die Kinder wegzaubern soll. Doch die Wahrheit ist viel schockierender … Ein Roman wie eine Adrenalinspritze und nichts für Zartbesaitete. Aber sehr, sehr gut.


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Amila-Bis nichts-mehr-geht.jpgKommen wir zum Absacker - das ist nicht inhaltlich, sondern eher alkoholisch gemeint. In "Bis nichts mehr geht" (Conte, Saarbrücken 2007, 218 Seiten, 10 Euro) bringt uns Jean Amila (1910 - 1995), Autor der legendären "Série Noire", in ein kleines Dorf der Normandie, in dem selbst die Kinder schon nach Calvados stinken. Die neue Grundschullehrerin findet schnell heraus, dass der gesamte Ort von der Schwarzbrennerei lebt, und nimmt entschlossen den Kampf gegen den Alkohol auf … Amilas kleines Buch ("Jusqu'à plus soif", 1962) wirkt zunächst irgendwie aus der Zeit gefallen, entwickelt dann aber einen immer stärkeren Sog bis zu seinem explosiven Finale: Wo Hochprozentiges gekippt wird und sich Leute ins Abseits gestellt sehen, da liegt Gewalt in der Luft - damals wie heute.

larson-Marconis-magische-Maschine.jpg Erik Larson:
Marconis magische Maschine


Frankfurt, Scherz Verlag, 2007
447 Seiten, 19.90 Euro

cruz-smith-stalins-geist.jpg Martin Cruz Smith:
Stalins Geist

München, C. Bertelsmann Verlag 2007,
368 Seiten, 19.95 Euro

stone-Voodoo.jpg Nick Stone:
Voodoo.

München, Goldmann Verlag, 2007,
605 Seiten, 9.95 Euro

Amila-Bis nichts-mehr-geht.jpg Jean Amila:
Bis nichts mehr geht

München, Conte Verlag, 2007,
218 Seiten , 10.00 Euro.


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Ulrich Kroegers Krimitipp
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Ulrich Kroegers erster Krimitipp erschien vor fünfeinhalb Jahren. Damals war in Bremerhaven Kriminalliteratur – zumindest in der Zeitung – kein Thema, und niemand dachte daran, eine auf Dauer angelegte Kolumne zu etablieren. Es kam zum Glück anders. Heute erscheint Ulrich Kroegers Krimitipp einmal im Monat im Sonntagsjournal der "Nordsee-Zeitung", dessen Redaktion wir für die Genehmigung zur Veröffentlichung und Archivierung bei den Alligatorpapieren danken. Zum Konzept der Kolumne gehört, dass auf Verrisse zugunsten von Leseempfehlungen verzichtet wird. Zudem beschränken sich die Besprechungen in der Regel auf Taschenbücher und Paperbacks, einer publizistischen Tradition des Kriminalromans folgend und eingedenk der begrenzten finanziellen Spielräume vieler Leser – nicht nur in einer von Arbeitslosigkeit gebeutelten Hafen- und Industriestadt.

Der Autor, Jahrgang 1956, Studium (Politologie, Sozialwissenschaften, Geschichte) in Braunschweig und Bremen, arbeitete als Produktionshelfer, Nachhilfelehrer, Sozialarbeiter und fristet seit zehn Jahren als freier Journalist und Redakteur sein Dasein. Er liebt die Küste, hört "WBGO Jazz88.3 FM," trinkt Scotch, spielt Mah Jongg und fiebert für Werder. Doch die meiste Freizeit verbringt er mit – na, Sie wissen schon!
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