
Womit wir schon bei Andrea Maria Schenkels "Kalteis" (Nautilus, Hamburg 2007, 153 Seiten, 12,90 Euro) wären. Der zweite Roman der "Tannöd"-Autorin, der sofort auf Platz drei der KrimiWelt-Bestenliste (www.arte.tv) kletterte, beruht erneut auf einem historischen Kriminalfall. Der Figur des Josef Kalteis liegt nämlich die Geschichte des 90-fachen Vergewaltigers und fünffachen Frauenmörders Johann Eichhorn zugrunde, der 1939 in München verurteilt und durch das Fallschwert hingerichtet wurde. Wie schon in "Tannöd" greift Schenkel wieder zum Mittel der halbdokumentarischen Darstellung und lässt das Geschehen durch fragmentarische Vernehmungsprotokolle, Zeugenerinnerungen und im Präsens geschriebene Nahaufnahmen in einer Abfolge von Schlaglichtern ablaufen. Das Geschehen, das sind eigentlich zwei Geschichten, die aufeinander zulaufen. Eben die des Triebtäters ("Sie hörte nicht auf, sich zu wehren. Das war gut, es gefiel ihm. Erregte ihn, ihren Körper unter dem seinen zu spüren. Wie sie sich wand, versuchte, sich zu drehen, ihn abzuschütteln. All das war gut. So wollte er es.") und die der 20-jährigen Kathie, die in ihrer Naivität dem Elend der bayerischen Provinz in der Isarmetropole entkommen zu können glaubt, in ihrer Not aber bald in die Prostitution abrutscht. Dass das Zusammentreffen der beiden in einer Katastrophe endet, steht von vorneherein fest, tut der steigenden Spannung jedoch keinen Abbruch. Faszinierend, wie es der Autorin durch ständige Perspektiv- und Tempuswechsel erneut gelingt, einen unwiderstehlichen Sog zu entfalten und gleichzeitig durch eine schnörkellose, teils mundartliche Sprache den handelnden Personen ebenso wie dem geschilderten Milieu Authentizität verleiht. Ein beeindruckender Kriminalroman.
Tiefe Das ist das Mindeste, was man auch über Astrid Paprottas "Feuertod" (Piper, München 2007, 315 Seiten, 12 Euro) sagen kann. Zwar lässt die Autorin ihre ebenso spannungsgeladene wie psychologisch raffinierte Story wieder in Frankfurt spielen, weist ihrer bisherigen Hauptfigur Ina Henkel jedoch nur noch eine Nebenrolle in der Polizeiverwaltung zu. Stattdessen ermittelt ein neues Kriminalistenduo, dem jedoch weniger Bedeutung zukommt als der Ermittlerin der "Spiegelungen". Folgerichtig wird die leichtfüßiger als früher daherkommende Geschichte auch nicht aus ihrer Perspektive erzählt, sondern in der dritten Person, aber immer nah an den Protagonisten des schnell vorwärts treibenden Plots. Der ist, wie der Titel ankündigt, brandheiß: Erst verbrennen in ihrem schicken Appartement eine rechte Politikerin und ihr Lover, dann steht ein Mietshaus in Flammen, und wieder gibt es Tote, die erst betäubt und dann bei lebendigem Leib dem "Feuertod" ausgeliefert wurden. Paprottas neuer Roman hat es mehr denn je in sich und entfaltet im Spannungsfeld zwischen den Finanzmilieus und Subkulturen der Bankenmetropole eine ins Eingemachte gehende Geschichte, die sich aus den tiefsten und ältesten menschlichen Emotionen speist. Und dann diese präzise, stets auf den Punkt kommende Sprache, nicht ohne Witz, aber immer treffend – wunderbar. 2005 erhielt Astrid Paprotta den Deutschen Krimipreis, 2006 den "Glauser" – womit um Gottes Willen kann diese Frau noch ausgezeichnet werden?
Eine Auszeichnung hätte auch der in Deutschland sträflich vernachlässigte Finne Pennti Kirstilä für seine elf Bände um Lauri Hanhivaara verdient gehabt. Obwohl schon ein gutes Vierteljahrhundert alt, wirkt auch der vierte soeben bei Grafit erschienene Roman "Klirrender Frost" (Dortmund 2007, 252 Seiten, 17,90 Euro) kein bisschen angestaubt. Nicht nur, dass wir es mit einem intelligenten, also unangepassten Kriminalen zu tun haben, auch sein kriminelles Gegenüber versucht seine Probleme auf wohl überlegte Weise zu lösen. Und das, obwohl er zunächst seinen geistigen Verfall auf beeindruckend realistische Weise in Szene zu setzen weiß ... Ein wunderbares Verwirrspiel, das Kirstilä hier mit dem Leser treibt. Umso schöner, dass der Verlag diesen wunderbaren Autor vor dem Vergessen bewahrt.! ... 
Ebenso verdienstvoll ist das Bemühen des kleinen Shayol Verlags um das Werk des amerikanischen Autors Joe R. Lansdale. Gerade ist Lansdales viertes Buch ("Rumble Tumble", Berlin 2007, 224 Seiten, 12,90 Euro) um die beiden Texaner Hap Collins und Leonard Pine erschienen, jenes ungleiche Ermittlerpaar, der eine weiß, hetero und Kriegsdienstverweigerer, der andere schwarz, schwul und Vietnamkriegsveteran. Schon wieder stecken die beiden in einer richtig üblen Geschichte, nachdem sie Haps Freundin versprochen haben, ihre Tochter aus den Krallen einer Zuhälterbande in Oklahoma City zu befreien … Lansdale ist schmutzig, Lansdale ist brachial, Lansdale ist Kult.
Andrea Maria Schenkel:
Kalteis
Hamburg, Nautilus Verlag 2007,
153 Seiten, 12.90 Euro
Astrid Paprotta:
Feuertod
München, Piper Verlag 2007,
315 Seiten, 12.00 Euro
Pennti Kirstilä:
Klirrender Frost.
Dortmund, grafit, 2007,
252 Seiten, 17.90 Euro
Joe R. Lansdale:
Rumble Tumble
Berlin,Shayol Verlag, 2007,
224 Seiten, 12.90 Euro
Ulrich Kroegers Krimitipp
Eine Kolumne
Ein Service der Alligatorpapiere
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