Die Alligatorpapiere


Ulrich Kroegers Krimitipp

Die Krimikolumne
8/2007



Schreiben Lesben brutaler als Männer? Eine idiotische Frage, klar. Und doch beherrschte dieses Thema gerade eine öffentliche Debatte unter Schottlands Krimiautoren. Ausgelöst wurde die Kontroverse durch den Inspector-Rebus-Schöpfer Ian Rankin. In einem Interview hatte Rankin gesagt, dass die drastischsten Gewaltdarstellungen von Frauen geschrieben werden, und dann angefügt: "Und die meisten sind Lesben, was ich interessant finde." Denise Mina ("Der Hintermann") und Val McDermid ("Echo einer Winternacht") wiesen Rankins Äußerung beim Edinburgh International Book Festival als "offensichtlichen Quatsch" und "beleidigend" zurück. Tags darauf machte jedoch die angesehene "Times" ihre dritte Seite mit der Schlagzeile "Rache der blutdürstigen Lesben" auf. Was umso widerwärtiger ist, zielte die Headline doch eindeutig auf McDermids sexuelle Orientierung ab. Die Autorin beklagte daraufhin die offenbar "ganz tief sitzende Urangst vor homosexuellen Frauen". Irritierend sei aber noch etwas Anderes: "Es gibt immer noch diese alberne Auffassung, dass Frauen nicht über Gewalt schreiben sollen, obwohl doch die meisten von ihnen Opfer von sexueller Gewalt werden. Soll das also heißen, dass diejenigen, die höchstwahrscheinlich eine bestimmte Erfahrung machen, nicht darüber schreiben sollen?"

ulrichkroeger-krimi-tipp

schenkel-kalteis.jpg Womit wir schon bei Andrea Maria Schenkels "Kalteis" (Nautilus, Hamburg 2007, 153 Seiten, 12,90 Euro) wären. Der zweite Roman der "Tannöd"-Autorin, der sofort auf Platz drei der KrimiWelt-Bestenliste (www.arte.tv) kletterte, beruht erneut auf einem historischen Kriminalfall. Der Figur des Josef Kalteis liegt nämlich die Geschichte des 90-fachen Vergewaltigers und fünffachen Frauenmörders Johann Eichhorn zugrunde, der 1939 in München verurteilt und durch das Fallschwert hingerichtet wurde. Wie schon in "Tannöd" greift Schenkel wieder zum Mittel der halbdokumentarischen Darstellung und lässt das Geschehen durch fragmentarische Vernehmungsprotokolle, Zeugenerinnerungen und im Präsens geschriebene Nahaufnahmen in einer Abfolge von Schlaglichtern ablaufen. Das Geschehen, das sind eigentlich zwei Geschichten, die aufeinander zulaufen. Eben die des Triebtäters ("Sie hörte nicht auf, sich zu wehren. Das war gut, es gefiel ihm. Erregte ihn, ihren Körper unter dem seinen zu spüren. Wie sie sich wand, versuchte, sich zu drehen, ihn abzuschütteln. All das war gut. So wollte er es.") und die der 20-jährigen Kathie, die in ihrer Naivität dem Elend der bayerischen Provinz in der Isarmetropole entkommen zu können glaubt, in ihrer Not aber bald in die Prostitution abrutscht. Dass das Zusammentreffen der beiden in einer Katastrophe endet, steht von vorneherein fest, tut der steigenden Spannung jedoch keinen Abbruch. Faszinierend, wie es der Autorin durch ständige Perspektiv- und Tempuswechsel erneut gelingt, einen unwiderstehlichen Sog zu entfalten und gleichzeitig durch eine schnörkellose, teils mundartliche Sprache den handelnden Personen ebenso wie dem geschilderten Milieu Authentizität verleiht. Ein beeindruckender Kriminalroman.

ulrichkroeger-krimi-tipp

paprotta-Feuertod.jpg Tiefe Das ist das Mindeste, was man auch über Astrid Paprottas "Feuertod" (Piper, München 2007, 315 Seiten, 12 Euro) sagen kann. Zwar lässt die Autorin ihre ebenso spannungsgeladene wie psychologisch raffinierte Story wieder in Frankfurt spielen, weist ihrer bisherigen Hauptfigur Ina Henkel jedoch nur noch eine Nebenrolle in der Polizeiverwaltung zu. Stattdessen ermittelt ein neues Kriminalistenduo, dem jedoch weniger Bedeutung zukommt als der Ermittlerin der "Spiegelungen". Folgerichtig wird die leichtfüßiger als früher daherkommende Geschichte auch nicht aus ihrer Perspektive erzählt, sondern in der dritten Person, aber immer nah an den Protagonisten des schnell vorwärts treibenden Plots. Der ist, wie der Titel ankündigt, brandheiß: Erst verbrennen in ihrem schicken Appartement eine rechte Politikerin und ihr Lover, dann steht ein Mietshaus in Flammen, und wieder gibt es Tote, die erst betäubt und dann bei lebendigem Leib dem "Feuertod" ausgeliefert wurden. Paprottas neuer Roman hat es mehr denn je in sich und entfaltet im Spannungsfeld zwischen den Finanzmilieus und Subkulturen der Bankenmetropole eine ins Eingemachte gehende Geschichte, die sich aus den tiefsten und ältesten menschlichen Emotionen speist. Und dann diese präzise, stets auf den Punkt kommende Sprache, nicht ohne Witz, aber immer treffend – wunderbar. 2005 erhielt Astrid Paprotta den Deutschen Krimipreis, 2006 den "Glauser" – womit um Gottes Willen kann diese Frau noch ausgezeichnet werden?


ulrichkroeger-krimi-tipp


kirstilae-Klirrender-FrostEine Auszeichnung hätte auch der in Deutschland sträflich vernachlässigte Finne Pennti Kirstilä für seine elf Bände um Lauri Hanhivaara verdient gehabt. Obwohl schon ein gutes Vierteljahrhundert alt, wirkt auch der vierte soeben bei Grafit erschienene Roman "Klirrender Frost" (Dortmund 2007, 252 Seiten, 17,90 Euro) kein bisschen angestaubt. Nicht nur, dass wir es mit einem intelligenten, also unangepassten Kriminalen zu tun haben, auch sein kriminelles Gegenüber versucht seine Probleme auf wohl überlegte Weise zu lösen. Und das, obwohl er zunächst seinen geistigen Verfall auf beeindruckend realistische Weise in Szene zu setzen weiß ... Ein wunderbares Verwirrspiel, das Kirstilä hier mit dem Leser treibt. Umso schöner, dass der Verlag diesen wunderbaren Autor vor dem Vergessen bewahrt.! ...


ulrichkroeger-krimi-tipp


lansdale-rumble-tumble.jpgEbenso verdienstvoll ist das Bemühen des kleinen Shayol Verlags um das Werk des amerikanischen Autors Joe R. Lansdale. Gerade ist Lansdales viertes Buch ("Rumble Tumble", Berlin 2007, 224 Seiten, 12,90 Euro) um die beiden Texaner Hap Collins und Leonard Pine erschienen, jenes ungleiche Ermittlerpaar, der eine weiß, hetero und Kriegsdienstverweigerer, der andere schwarz, schwul und Vietnamkriegsveteran. Schon wieder stecken die beiden in einer richtig üblen Geschichte, nachdem sie Haps Freundin versprochen haben, ihre Tochter aus den Krallen einer Zuhälterbande in Oklahoma City zu befreien … Lansdale ist schmutzig, Lansdale ist brachial, Lansdale ist Kult.

schenkel-kalteis.jpg Andrea Maria Schenkel:
Kalteis

Hamburg, Nautilus Verlag 2007,
153 Seiten, 12.90 Euro

paprotta-Feuertod.jpg Astrid Paprotta:
Feuertod

München, Piper Verlag 2007,
315 Seiten, 12.00 Euro

kirstilae-Klirrender-Frost.jpg Pennti Kirstilä:
Klirrender Frost.

Dortmund, grafit, 2007,
252 Seiten, 17.90 Euro

markaris-der-grossaktionaer.jpg Joe R. Lansdale:
Rumble Tumble


Berlin,Shayol Verlag, 2007,
224 Seiten, 12.90 Euro

Nach oben

Ulrich Kroegers Krimitipp
Eine Kolumne

Ein Service der Alligatorpapiere
im
NordPark Verlag
Alfred Miersch
Klingelholl 53
42281 Wuppertal
Tel.:0202/51 10 89

Kontakt

Magazin & Community




Ulrich Kroegers Krimitipps: Index
News    |   Sitemap |   Aufsätze,Interviews & Kolumnen

Ulrich Kroegers erster Krimitipp erschien vor fünfeinhalb Jahren. Damals war in Bremerhaven Kriminalliteratur – zumindest in der Zeitung – kein Thema, und niemand dachte daran, eine auf Dauer angelegte Kolumne zu etablieren. Es kam zum Glück anders. Heute erscheint Ulrich Kroegers Krimitipp einmal im Monat im Sonntagsjournal der "Nordsee-Zeitung", dessen Redaktion wir für die Genehmigung zur Veröffentlichung und Archivierung bei den Alligatorpapieren danken. Zum Konzept der Kolumne gehört, dass auf Verrisse zugunsten von Leseempfehlungen verzichtet wird. Zudem beschränken sich die Besprechungen in der Regel auf Taschenbücher und Paperbacks, einer publizistischen Tradition des Kriminalromans folgend und eingedenk der begrenzten finanziellen Spielräume vieler Leser – nicht nur in einer von Arbeitslosigkeit gebeutelten Hafen- und Industriestadt.

Der Autor, Jahrgang 1956, Studium (Politologie, Sozialwissenschaften, Geschichte) in Braunschweig und Bremen, arbeitete als Produktionshelfer, Nachhilfelehrer, Sozialarbeiter und fristet seit zehn Jahren als freier Journalist und Redakteur sein Dasein. Er liebt die Küste, hört "WBGO Jazz88.3 FM," trinkt Scotch, spielt Mah Jongg und fiebert für Werder. Doch die meiste Freizeit verbringt er mit – na, Sie wissen schon!
kroeger-logo.gif