Die Alligatorpapiere



Was schlimm ist
Wenn man kein Englisch kann,
von einem guten englischen Kriminalroman zu hören,
der nicht ins Deutsche übersetzt ist.
Gottfried Benn


Translate This! (1)
Von Ekkehard Knörer


Wenngleich alle Genres und Subgenres (nicht nur) der Kriminalliteratur von Wiederholungen, vom Umgang mit Klischees und längst vertrauten Strukturen leben, haben im Private-Eye-Roman die Autoren mit ihrem oft einfallslosen Rückgriff auf diese Klischees und Wiederholungen das Subgenre inzwischen doch ziemlich zu Tode geritten. Der Gaul bewegt sich noch, aber ein aufregender Anblick ist er in der Regel nicht mehr.

Es mag an der langen Tradition liegen, den genialen Gründungsakten der Hardboiled-Heroen Chandler und Hammett, der Cozy-Heroinen Christie und Sayers, die die Möglichkeiten in die eine wie die andere Richtung schon weit ausgelotet haben. Es hat danach Grenzüberschreitungen in Richtung faschistoider Gewalt gegeben (Spillane), Erweiterungen um gewissenlose Nebenfiguren (Parker), dann auch weibliche Hardboiled-PIs (Paretsky & Co) und männliche Softies (Satterthwait) oder gar Anti-Helden der erbärmlicheren Art (Manchette). Aber seit den Achtzigern, spätestens, ist denn doch reichlich wenig Neues passiert, sieht man mal von genrekreuzenden und -überschreitenden Respektlosigkeiten wie Jonathan Lethems Gun with Occasional Music und Motherless Brooklyn ab.

Man kann sich freilich, als Fan, auch einfach bescheiden. Zufrieden sein, wenn einer dem halbtoten Gaul noch mal eine hübsche Schrittfolge abzwingt oder ihn wenigstens halbwegs elegant auf der Wiese rumtraben lässt, auf der er sein Gnadenbrot erhält. So wenig ist es ja auch wieder nicht, wenn ein Autor daherkommt, der Witz besitzt und etwas über Land und Leute mitzuteilen hat, der die Meister des Genres ehrt und tut, was er kann, um den Leser nicht mit bloßen Wiederholungsritualen zu langweilen.

Ein solcher Autor ist gewiss David Housewright, der für seinen Erstling Penance (1995) immerhin den Debüt-Edgar erhielt und mit Tin City (2005) housewright-tin-city.jpgden zweiten Band einer Serie vorlegt. Sein Held, der in St. Paul, Minnesota beheimatete Rushmore "Mac" McKenzie ist streng genommen kein Privatdetektiv, sondern ein Privatier als Detektiv ohne Lizenz. Er hat sich, um eine Belohnung in Höhe von 3 Millionen Dollar behalten zu dürfen, aus dem Polizeidienst zurückgezogen und ist nun bei Gelegenheit Freunden behilflich. In Tin City sterben, harmlos genug, die Bienen eines väterlichen Freunds von McKenzie, bei seiner Suche nach den Ursachen dieses Unglücks sticht Mac jedoch ahnungslos in ein Wespennest - und unversehens hat er die New Yorker Mafia auf dem Hals.

Houswright erfindet das Rad nicht neu, aber dem Fan des Genres dürfte bei der Lektüre doch recht warm ums Herz werden, souverän setzt die Serie die Tradition Raymond Chandlers oder, vielleicht eher noch, John D. MacDonalds fort. Die wisecracks des Helden sind meist nicht verkrampft, sondern wirklich witzig und wie alle besseren P.I.-Romane zeigt auch Tin City, was es heißt, in der Stadt zu leben, in der er spielt. In den Städten, muss man freilich sagen, denn die Twin Citys St. Paul und Minneapolis sind ein ineinander übergehendes Konglomerat, dessen Grenzen der Held denn auch immerzu quert. Sehr schön ist die Beschreibung eines - real existierenden - Trailer Parks, einer Stadt in der Stadt - und erfreulich die Art, in der Housewright dabei mit manchem White-Trash-Klischee aufräumt.

Weit unterschätzt und in Deutschland - nicht in Frankreich - unübersetzt ist der in Los Angeles lebende und schreibende John Shannon, der das P.I-Genre, fast könnte man sagen: gekidnapt und in eine unerwartete und eigenständige Richtung entführt hat. Shannon ist ein Veteran der amerikanischen Antikriegsbewegung mit recht weit links schlagendem Herzen. Er hat Film studiert, als Journalist gearbeitet und nach dem großen dreibändigen Epos The Taking of the Waters (1992), in dem er die Geschichte der amerikanischen Linken seit den 20er Jahren erzählt, hat er ein ziemlich einzigartiges Projekt begonnen. Seine Serie um den nicht mehr jungen Helden Jack Liffey, dessen Job es ist, verschwundene Kinder und Jugendliche wieder aufzutreiben, unternimmt nicht weniger als eine quasi-soziologische Narration der Stadt Los Angeles. Jeder der bisher acht Romane konzentriert sich auf ein anderes Viertel, geplant ist eine Art Gesamtporträt von Schichten, Rassen und Klassen, von Opfern und Tätern und vor allem der Grauzone zwischen beidem. Natürlich kann man sich an Leo Malets je auf ein Pariser Arrondissement konzentrierte Romane erinnert fühlen - Shannons Blick ist jedoch sehr viel realistischer und stadtsoziologischer. Es ist daher auch kein Zufall, dass als Nebenfigur der Serie immer wieder eine dem mit Shannon befreundeten berühmten LA-Stadthistoriker Mike Davis (City of Quartz) nachempfundene Gestalt auftaucht.

shannon-dangerous-games.jpgIn Dangerous Games (2005) sucht Liffey nach der Nichte seiner Lebensgefährtin, der Polizistin Gloria Ramirez, einer gebürtigen Paiute-Indianerin, die bei Hispano-Amerikanern aufgewachsen ist und nun in East L.A. Lebt, einer von Banden beherrschten Gegend. Der Roman ist ein Porträt des Viertels, aber auch des Porno-Milieus, in das die Nichte geraten ist. In einem weiteren wichtigen Strang des Romans, der im Grunde ohne mystery auskommt und trotzdem nie langweilig wird, freundet sich Liffey mit einem jungen Mann an, Mitglied einer Gang, obwohl dieser beinahe seine Tochter Maeve erschossen hätte. Die Freundschaft, die hier entsteht, ist umso anrührender, als sie ohne jede Sentimentalität, auch ohne Naivität gezeichnet wird - aber gerade weil Jack Liffey im großen und ganzen eher zu finsterem Pessimismus neigt, wird hier der entschiedene Einspruch gegen alle naheliegenden Zynismen markiert. John Shannons Stärke ist die Genauigkeit der Milieubeschreibung, die Komplexität der Figurenzeichnung, aber hinter seiner präzisen Kenntnis der Stadt und seinem keineswegs ideologisch verblendeten Glauben an die Erlösbarkeit des Menschen, spürt man eine Dringlichkeit und Ehrlichkeit des Anliegens, die man im Kriminalgenre nicht oft findet.

Eine der besten aktuellen P.I.-Serien schreibt die in den USA mit Preisen rozan-Absent-Friends.jpgüberschüttete, in Deutschland (mit der Ausnahme eines einzigen, in einem winzigen Verlag erschienenen, völlig ohne Resonanz gebliebenen Bandes) dennoch bisher nicht übersetzte S.J. Rozan. Erzählt werden die in New York spielenden Geschichten der befreundeten Private Eyes Lydia Chin und Bill Smith von Band zu Band abwechselnd einmal aus seiner, einmal aus ihrer Perspektive. Derzeit aber hat Rozan ihre Serie für zwei Standalone-Romane unterbrochen, deren erster im letzten Jahr erschien und den Titel Absent Friends trägt; der zweite, In This Rain, wird im Herbst nächsten Jahres folgen - danach wird die Serie mit einem Lydia-Chin-Roman-fortgesetzt. Leider ist Absent Friends jedoch eine Enttäuschung, aus einem einfachen Grund: Rozan will zuviel. Soll heißen: Mehr als sie kann. Zu sehr ist der Roman zerrissen durch seine Ambition, den Fall eines Feuerwehr-Helden von 9/11, der in seiner Vergangenheit ein dunkles Geheimnis hat, von möglichst vielen Seiten zu erzählen. Durch die Aufsplitterung in verschiedene Perspektiven entsteht nie ein Erzählfluss und auch sprachlich verfällt Rozan - deren sprachliche Sorgfalt sonst sehr für sie spricht - gerade da, wo sie metaphorisch hoch hinaus will, aufs Prätentiöse. Eigentlich kein Fall für "Translate This!", aber eben exemplarisch dafür, was schief gehen kann, wenn eine hervorragende Genre-Autorin sich einen falschen Begriff davon macht, was es heißt, literarisch zu schreiben. Und selbstverständlich bleibt die Serie höchst lesens- und übersetzenswert.

Ein ganz anderer Fall, pechschwarz und voller souverän aufgenommener Klischees aus dem Noir-Repertoire, ist Wiley's Shuffle (2004), der zweite Roman des recht spät zum Schreiben gelangten, wie sein Held Wiley aus Hawaii stammenden Autors Lono Waiwaiole. Im Brotberuf ist Waiwaiole Lehrer an einer Highschool und mit gutem Grund sieht er es nicht so gern, wenn seine Schüler seine Bücher lesen. Hier der Plot, der aber gewiss nicht das Wesentliche ist: Wiley ist ein Pokerspieler in Portland, waiwaiole-Wileys-shuffle.jpgOregon. Im Jahr vor der Handlung, im ersten Roman der Serie, Wiley's Lament (2003), hat er durch einen Mord seine Tochter verloren, Geld, an das er kam, hat er an Alix verschenkt, die Hure, die er liebt. Jetzt hat er eine Pechsträhne, zudem muss er die Prostituierte Miriam aus den Fängen des Zuhälters Dookie befreien, der sie vor allem als Köder einsetzt, um reiche Freier auszurauben. Wiley verfolgt Dookie und Miriam nach Las Vegas, er flieht, sie werden gefasst, es kommt zum Showdown.

Der ist so blutig, wie es sich der Aficionado nur wünschen kann und überhaupt lässt Waiwaiole wenig aus von dem, was dem Fan Freude bereitet. Wiley's Shuffle ist lakonisch, brutal, nicht ohne Sentimentalität und Pathos. Vor allem auch nicht ohne schwarzen Witz. Er balanciert immer - vielleicht nicht durchweg freiwillig - auf der Grenze zur Parodie, in den mit obszönen Ausdrücken durchsetzten Dialogen, in den finsteren Aphorismen zur Lebensweisheit, erst recht im Personal aus Psychopathen, Huren und dunkel verschatteten Helden mit zuletzt doch goldenen Herzen. Der Auftritt einer Figur, die den restringierten Code des Obergangsters Dookie mit gewählten Ausdrücken kontert, ist vielleicht der Höhepunkt des Romans. (Beispiel: "I don't really see how we make the transition from adversaries to accomplices", CC said finally. "I love the way you talk", Dookie said. "Where do you come up with these motherfuckin' words?") Gerade diese Mixtur aus virtuoser Sprachbeherrschung und zynischem Stumpfsinn macht die Qualität des Romans aus. Das ist nicht ohne Subtilität, auch in der Dosierung von black English (Dookie und die meisten anderen Hauptfiguren sind schwarz, Wiley ist Hawaiianer) und diversen Sprachmilieus. Eine Serie für diejenigen, die darüber trauern, dass der großartige Tom Kakonis verstummt ist.

Zuletzt nach Schottland. Für großes Hallo in einschlägigen Kreisen sorgt derzeit guthrie-two-way-split-USA.jpgAllan Guthrie, dessen Debüt-Roman Two-Way Split (2004) zwar zuerst in den USA veröffentlicht wurde, aber in Edinburgh spielt. Es geht darin um einen böse missglückten Banküberfall, um Gier nach Geld, die eine Reihe Toter nach sich zieht - und der Titel, so viel, aber nicht mehr, darf man verraten, ist durchaus doppelsinnig. Zwar gibt es einen Privatdetektiv, aber er selbst und seine Ermittlungen stehen nicht gerade im Zentrum des Ganzen. Dafür geht alles einfach zu schnell, die gesamte, wendungs- und windungsreiche und auch nicht gerade personalarme Handlung rollt in einem Zeitraum von gerade einmal zwei Tagen vor den Augen des Lesers ab, die minutengenaue Uhrzeit des Geschehens steht jedem Absatz voran. Guthrie, das merkt man schnell, kennt die Meister des Noir in- und auswendig, vor allem Jim Thompson ist ein nicht zu übersehender Einfluss. Das ist vielleicht nicht besonders originell (von der Wahl des Schauplatzes abgesehen), aber es ist, schon gar für ein Debüt, von beeindruckender Stilsicherheit. Guthrie weiß, was er tut, und setzt keinen falschen Schritt: Da ist, mitten in Schottland, eine ziemlich große Hoffnung für die Zukunft des Genres vom Himmel gefallen.

housewright-tin-city.jpg David Housewright:
Tin City.

St. Martin's Minotaur, 2005.

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shannon-dangerous-games.jpg John Shannon:
Dangerous Games.


Carroll & Graf, 2005.

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rozan-Absent-Friends.jpg S.J. Rozan:
Absent Friends.

Delacorte, 2004.

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waiwaiole-Wileys-shuffle.jpg Lono Waiwaiole:
Wiley's Shuffle.

St. Martin's Minotaur, 2005.

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guthrie-two-way-split-USA.jpg guthrie-two-way-split-GB.jpg
Allan Guthrie:
Two-Way Split.

USA (PointBlank), 2004
GB (Polygon) 2005.

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Eine Kolumne von Ekkehard Knörer

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Ekkehard Knörer, geboren 1971. Studium der Germanistik, Anglistik, Philosophie, Wechsel zu den Kulturwissenschaften nach Frankfurt (Oder). 2004 Promotion am dortigen Graduiertenkolleg, mit einer Arbeit zu 'Ingenium und Witz im 17. und 18. Jh'. Texte zu Jean Paul, Heinrich von Kleist, Literatur, Film, Comic, Kriminalliteratur . Herausgeber des Online-Filmmagazins Jump Cut. Mitarbeiter des Internet-Feuilletons Perlentaucher, Rezensionen für die taz. Arbeit als Übersetzer.
Herr Knörer bloggt seit Jahren unter Jump Cut. Akzeptanzstelle
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