Die Alligatorpapiere


Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:

Untaten & Orte
2/10


Die Krimikolumne
von Michael Schweizer


Berufsverbrecher

Zwei Krimis und die interessantere Wirklichkeit



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Patrick Pécherot hat Nebel am Montmartre (original 2001) als Hommage an Léo Malet (1909 - 1996) geschrieben. Das muss man nicht für eine glückliche Wahl halten. Malets Krimis sind parteiisch. Oft spielen darin Anarchisten eine Rolle, die das, was die herrschenden Klassen geraubt haben, gerechterweise zurückrauben. Andere Anarchisten lehnen diese Methode als "individuelle Wiederaneignung" ab, zum Beispiel in La vie est dégueulasse/Das Leben ist zum Kotzen (1948/1988). Aber der Gedanke, dass bestimmte Taten, die von rechts Verbrechen wären, von links keine sind, prägt, auch wenn einzelne Figuren ihn ablehnen, in Malets Romanen den Plot und bestimmt die Atmosphäre. Gewiss ist die Idee in manchen Situationen richtig, literarisch schafft sie aber ein zu bequemes Einverständnis, ein manchmal etwas korruptes Augenzwinkern zwischen Autor, Lesern und Figuren.
Gemessen an vielen anderen Krimis ist das allerdings eine Luxuskritik. Malet schreibt spannend und unterhaltsam. Er hat ein wichtiges Thema: Menschlichkeit und wie sie herzustellen wäre, und er zählt zu den wenigen, die dazu ungefähr 50 Bücher lang etwas Ernstzunehmendes sagen können. Um es unverschämt auszudrücken: Malet steht in der ersten Liga nicht oben, aber er spielt mit.
Patrick Pécherot, geboren 1953, ist ein kongenialer Laudator. Handlung, Personal, Schauplatz und Ton von Nebel am Montmartre könnten von dem Geehrten sein. 1926 in Paris hat der junge Pipette, der in vielem an Malet und an seinen Seriendetektiv Nestor Burma erinnert, mit drei Kumpanen einem Grafen einen Tresor gestohlen. Darin finden sie eine Leiche. Der Graf hat sich einen Erpresser vom Hals geschafft; er erpresst aber auch selbst, und zwar Leute aus einer Clique von Bergwerks- und Stahlunternehmern, Militärs und Politikern, die den Ersten Weltkrieg künstlich am Laufen gehalten haben, weil er ihnen viel Geld gebracht hat. Pécherot kann, anders als es Zeitgenossen gekonnt hätten, die unerfreuliche Rolle schildern, die Präsident Raymond Poincaré (1860 - 1934) dabei gespielt hat.
Solche dokumentarischen Elemente erlaubt dem Autor sein Nachgeborensein: Unverschlüsselt lässt er André Breton, Antonin Artaud und andere wichtige Weggefährten Malets auftreten, die in dessen Büchern nur zwischen den Zeilen sitzen. Nebel am Montmartre eröffnet eine Trilogie über Paris zwischen den Weltkriegen. Wer über diese Zeit etwas lernen will, kann es nicht bei einem Kriminalroman belassen. Aber einen guten Einstieg gibt Pécherot schon.


Helgason_10Tipps.jpgPipette und seine Freunde sind kriminell aus Not und aus politischer Renitenz. Für Tomislav Boksic, genannt Toxic, den Icherzähler von Hallgrímur Helgasons Roman Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen (original 2008), ist Töten dagegen ein Geschäft. Als Auftragskiller hat er für die kroatische Mafia in New York 65 Morde begangen. Dann erwischt er einen FBI-Mann (Mord 66) und flieht mit den Papieren des Fernsehpredigers David Friendly, der das Pech hat, ihm ähnlich zu sehen (67), nach Reykjavik. Am Flugplatz holen ihn "Gutmunduhr" und seine Frau "Zickrita" ab, weil Friendly in Gutmunduhrs religiöser Fernsehsendung auftreten soll. Toxic schlüpft in die Rolle seines Opfers. Nicht ohne Rückschläge eignet er sich einen Predigerton an ("Das war übel, Mann, eine scheiß..., ich meine, schweißtreibende, harte Arbeit"). Der Bock als Gärtner, witzig und spannend: Wann wird man ihm draufkommen?
Einen ganzen Roman hätte der komische Zusammenstoß zweier Milieus aber nicht getragen. Helgason hat mehr zu sagen. Toxic verliebt sich in Gunnhildur, die munter aus der Art geschlagene Tochter seiner frommen Gastgeber. Sein Mörderleben kommt ihm verpfuscht vor, er will Christ oder zumindest normal werden. Auch das klingt sehr komisch: "Du bist also ... eher so der softe Killer?" "Sehr witzig. Keine Ahnung. Ich kann es nur nicht leiden, wenn die Leute mich diskriminieren, nur weil ich ... Leute umbringe." Im Kern kommentieren solche Stellen aber ernsthaft das Problem der fließenden Identität: In einem Menschen finden die schrillsten Kontraste Platz, zum Beispiel zwischen Massenmord und fürsorglicher Normalität. Da geschieht dann weder das eine widerwillig noch ist das andere geheuchelt, sondern beides ist da und nimmt sich nichts. Helgason spielt das am Jugoslawienkrieg durch, in dem Toxic auf kroatischer Seite verdorben worden ist. An etwas älteren deutschen Beispielen herrscht bekanntlich auch kein Mangel.
Hallgrímur Helgason, geboren 1959, hat ein Jahr lang in München die Kunstakademie besucht. Sein Roman ist auch eine leichthändige Länderstudie. In Island haben die Menschen drei Jobs, es gibt keine Bordelle, Frauen sind gleichberechtigt und haben eigene Autos, nirgends kann man Handfeuerwaffen kaufen, und Krimischreiber brauchen viel Phantasie, da kaum jemand ermordet wird. Aber manchmal erleiden deutsche Touristen Herzanfälle beim Anblick ihrer Getränkerechnung. Nichts ist vollkommen.

camilleri-m-wie-mafia.jpgAls Bernardo Provenzano, seit 1995 oberster Boss der sizilianischen Mafia, am 11. April 2006 in der Nähe von Corleone festgenommen wurde, war er 73 Jahre alt und hatte 43 Jahre im Untergrund gelebt. Dass er so lange abtauchen konnte, lag - außer vielleicht am Schutz durch Unterstützer im Staatsapparat - an den pizzini, mit Schreibmaschine beschriebenen und dann möglichst klein gefalteten und mit Tesafilm zugeklebten Zetteln, die er durch Boten bekam und verschickte. Mit ihnen leitete er die Mafia. Hätte er telefoniert, Briefe oder Mails versendet, wäre er Jahre oder Jahrzehnte früher geortet worden.
Andrea Camilleri, geboren 1925, durfte etwa 200 pizzini, die im letzten Versteck Provenzanos gefunden wurden, auswerten. In M wie Mafia (original 2007) wirkt Provenzano ungefähr so widersprüchlich wie Helgasons Kunstfigur Toxic, aber, weil es ihn wirklich gibt, überzeugender. Er diente der Mafia zunächst als Geldeintreiber und Killer und verübte dabei etwa 40 Morde. Als er aber seit 1995 selbst über die Strategie der Organisation bestimmen konnte, führte er sie ins Verborgene zurück. Sie sollte wieder kassieren, ohne aufzufallen, und das hieß: keine Massaker mehr.
Gegenüber den Empfängern seiner pizzini tritt Provenzano auf wie ein verantwortungsbewusster mittelständischer Unternehmer: Er kümmert sich um alles, nimmt jedes Anliegen ernst, wägt ausführlich ab und ist immer auf Ausgleich bedacht: Jeder, der richtig arbeitet, soll zufrieden sein können. Wahrscheinlich sah er sich in einem durchaus spirituellen Sinn als guten Hirten. "Der Herr segne euch und behüte euch", grüßt er in jedem pizzino. Zu den Polizisten, die ihn verhafteten, sagte er ähnlich wie Jesus im Lukasevangelium: "Sie wissen nicht, was Sie tun." Seine Bibel war abgenutzt und voller Unterstreichungen. Frömmigkeit ist in camilleri-Was-ist-ein-Italiener.jpgseinen Kreisen nicht selten. Momo Grasso, grausamer Mafiaboss von Misilmeri, gab dort im Passionsspiel jedes Jahr den Jesus. Es hätte tödlich sein können, ihn daran hindern zu wollen.
Nicht nur über Provenzano kann man aus M wie Mafia - wie auch aus Camilleris Bändchen Was ist ein Italiener? - viel lernen. Zum Beispiel so etwas: Es war leider Mussolini, der die Mafia als Erster hart bekämpfte und in einen langjährigen "Winterschlaf" zwang. Und es waren die Amerikaner, die 1943 in Sizilien viele Mafiosi als Bürgermeister an die Stelle ihrer faschistischen Vorgänger setzten, als Dank für Hilfe bei der Landung und beim Schutz amerikanischer Häfen. Ein guter Krimi ist eine feine Sache. Aber die Wirklichkeit ist interessanter.


(erschienen in Kommune 1/2010)

pecherot-Nebel-am-Montmatre.jpg Patrick Pécherot:
Nebel am Montmartre.
Kriminalroman.
Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Katja Meintel

Hamburg, Edition Nautilus 2010.
190 S., 14.90 Euro

Helgason_10Tipps.jpg Hallgrímur Helgason:
Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen.
Roman
Aus dem Isländischen von Kristof Magnusson
Stuttgart, Tropen/Klett-Cotta Verlag 2010.
271 S., 19.90 Euro

camilleri-m-wie-mafia.jpg Andrea Camilleri:
M wie Mafia.
Deutsch von Moshe Kahn

Reinbek bei Hamburg, Kindler/Rowohlt Verlag 2009.
223 S., 16.90 Euro

camilleri-Was-ist-ein-Italiener.jpg Andrea Camilleri:
Was ist ein Italiener?
Aus dem Italienischen und mit Anmerkungen von Peter Kammerer

Berlin, Verlag Klaus Wagenbach 2010.
75 S., 9.90 Euro

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Seit Jahren veröffentlicht Michael Schweizer in der Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" seine Krimikolumne "Untaten & Orte". Es gibt nicht viele Kolumnen zur Kriminalliteratur, die so fundiert sind wie diese und wir danken Michael Schweizer und der Zeitschrift "Kommune" für die Genehmigung, diese wichtigen Beiträge bei den Alligatorpapieren veröffentlichen und archivieren zu dürfen. Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur


Michael Schweizer, geboren 1960, Staatsexamen in Germanistik und Geschichte, Promotion über Wolf von Niebelschütz im Nationalsozialismus. Textchef bei einer Fachzeitung, literaturkritische und andere Beiträge unter anderem in der Berliner Zeitung, taz, Freitag und Kommune. Mitarbeiter des Internet-Feuilletons Perlentaucher,
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