Die Alligatorpapiere


Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:

Untaten & Orte

Die Krimikolumne
von Michael Schweizer



Bayern: Einmal lustig, zweimal nicht

Ricardo Bauer, Sonderermittler in einem Münchner Kommissariat, wird vom Dienst suspendiert. Er gilt als der Verräter, der den russischen Zuhältern die Razzien ankündigt. Mit Hilfe eines Anwalts und eines Privatdetektivs versucht Bauer herauszufinden, welcher Kollege die Beweise gefälscht hat, mit denen der Rausschmiss begründet wird. Seiner Frau verheimlicht er das Ganze, um das ungeborene Kind nicht zu gefährden. Bald steht aber alles in der Zeitung. Marion zieht aus.
Martin W. Brock hat Freitagsflug angeblich deshalb unter Pseudonym veröffentlicht, weil er selbst lange als verdeckter Ermittler gearbeitet hat.
brock-freitagsflug.jpgZweierlei spricht dafür, dass das stimmt. Erstens das Insiderwissen. Dass es bei der Polizei ungefähr gleich viel Schlamperei, Desinteresse und Unfähigkeit gibt wie in anderen Behörden und in Unternehmen, ist nicht weiter überraschend. Die Details aber wirken dokumentarisch. Zum Beispiel, schreibt Brock, kann ein Privatdetektiv binnen eine Woche eine Kontoauskunft von den Virgin Islands bekommen. Die Polizei braucht Monate, und zwar nicht wegen der Souveränität eines fremden Staates oder des dortigen Bankgeheimnisses, sondern wegen ihrer eigenen Bürokratie.
Der zweite Grund, der für einen beamteten Verfasser spricht, ist der Stil. Freitagsflug ist gewissenhaft, aber ungeübt geschrieben. Der Autor will alles, was man braucht, um die Geschichte zu verstehen, wohlgeordnet hineinschreiben. Das schafft er auch, aber auf eine Art, die dem Selbstverständlichen, Unnötigen und Überflüssigen großen Raum gibt. Manches wäre besser zwischen den Zeilen gestanden oder selbst dort nicht. Dialogschlüsse wie "Geben Sie mir Bescheid, wenn Sie wieder zurück sind " oder "schob er mit einem spöttischen Unterton nach und verließ mit schnellen Schritten das Richterzimmer" sind nur überflüssig und zäh. Einige Gefühlsprotokolle erzeugen dagegen unfreiwillige Komik: "Wenn er auch sonst zumindest mehr oder weniger an Gerechtigkeit glaubte, so kamen ihm jetzt erhebliche Zweifel", heißt es über Bauer, nachdem man ihn hinausgeworfen hat.
Ein einziges Mal in dem Buch macht jemand einen Witz, zerredet ihn aber gleich selber. Ein Vorwurf an den Lektor, falls es einen gegeben hat, ist das nicht. Wer schon einmal etwas lektoriert hat, das von vorne bis hinten so geschrieben ist, weiß, wie viel Mühe es kostete, daraus eine um Klassen bessere Fassung zu machen, die immer noch grottenschlecht ist. "Münchner Leben für Krimifans", behauptet auf dem Umschlag Heiner Lauterbach - wie kommt der in die Eigenwerbung eines Oldenburger Kleinverlags? Jedenfalls könnten nur die ersten zwei Worte stimmen. Wenn in dem Buch eine Reportage versteckt ist, hätte man sie als solche drucken sollen. Nicht als Roman.

Zur düsteren bayerischen Folklore gehören die Morde von Hinterkaifeck. In der Nacht zum 1. April schenkel-tannoed1922 wurden auf einem Aussiedlerhof im Schrobenhausener Spargelgebiet eine Mutter, ihre zwei Kinder, ihre Eltern und die erst am Vortag angekommene neue Magd mit einer Spitzhacke erschlagen. Zum Mythos, der bis heute in Form von Theaterabenden, Vorträgen und Gruselführungen an den Ort des Geschehens bearbeitet wird, wurden die Morde auch deshalb, weil es nie gelang, sie aufzuklären – die letzte Vernehmung war 1986! Raubmorde waren es keine, denn das Geld, das die reichen Bauern im Hof gehortet hatten, war noch da. Verdächtige gab es viele. Vielleicht hatten Rechtsradikale auf dem weitläufigen Anwesen Waffen versteckt und sich verraten geglaubt. Stattdessen oder außerdem kann es sich aber auch um eine Beziehungstat gehandelt haben. Das zweite Kind der 35-jährigen Mutter stammte wahrscheinlich von ihrem Vater. Die Polizei verhörte einen ihrer Liebhaber, mit dem sie, um den Skandal zu vertuschen, eine demonstrative Affäre hatte. In Abwesenheit verdächtigt wurde ihr im Ersten Weltkrieg verschollener Ehemann – war er zurückgekommen und hatte sich für den Inzest gerächt? Die Akten gibt es noch, aber die Aussage des Pfarrers, der den Täter vielleicht aus der Beichte kannte, fehlt.
Andrea Maria Schenkel hat über all das keine Dokumentation geschrieben, sondern ihren ersten Roman. Sie nennt das Dorf Tannöd, verlegt das Geschehen in die Fünfzigerjahre, erfindet Figuren, lässt reale Verdächtige weg. Das Buch wäre auch dann stark und glaubwürdig, wenn es die wirklichen Morde nie gegeben hätte. Fasziniert von Hinterkaifeck ist Schenkel trotzdem. Sie kennt die einschlägige Literatur, übernimmt viele wichtige Details und spielt mit erfundenen auf echte Namen an.
Nur auf der ersten Seite tritt eine fiktive Icherzählerin auf. Sie fährt nach den Morden wieder in das Dorf, in dem sie als Kind Ferien verbracht hat. Aus dem, was die Leute ihr sagen, besteht das Buch, das also aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählt ist. Von drei Mordopfern – der kleinen Marianne, der Magd Marie und dem alten Bauern Danner – sowie vom Mörder erfährt man auch die stummen Gedanken. Dieser komplizierten Konstruktion ist Andrea Maria Schenkel gewachsen. Keine zwei Leute klingen gleich. Jeder hat eine eigene Sprache, die ihn charakterisiert. Zum Beispiel die aggressiven Verwaltungsphrasen des rassistischen Bürgermeisters, der "nicht viel über die Vorgänge, die zm Tod der Fremdarbeiterin geführt haben" sagen kann; gemeint ist eine zwangsverpflichtete Polin, die sich erhängt hat, nachdem der alte Bauer sie misshandelt hat. Ganz anders klingt Traudl Krieger, die ihre Schwester Marie zm Danner-Hof begleitet hat: "Das Herz hat es mir fast zerrissen" beim Abschied. "Auch vor meinem schlechten Gewissen wollte ich weg." In Tannöd gibt es nichts zu lachen. Das würde nicht passen.

Tannöd überzeugt durch einen spannungstechnisch wie psychologisch ausgefeilten bronski-sister-soxPolyperspektivismus, der ein obektives Geschehen einkreist und zergliedert. Max Bronski braucht das für Sister Sox nicht. Er kann sich ganz auf die Suada seines Icherzählers, des Trödlers und Haushaltsauflösers Wilhelm Gossec, verlassen. Dem Leser genügt es, nur immer genauso viel zu wissen wie Gossec. Dessen Polemik, allgemeiner: seine Subjektivität, ist so erfrischend, dass man sie gar nicht relativiert haben will.
Auch in diesem Buch geht es um sexuellen Mißbrauch, diesmal in Form der Zwangsprostitution. Per Anrufbeantworter bittet Pia um Hilfe. Gossec war mit ihrer Mutter Iris zusammen, bis die nach drei Jahren glaubte, "dass sie etwas Besseres verdient hatte als einen Trödelhändler. Das erwies sich als Irrtum." Jetzt haust sie im so genannten Problemstadtteil Hasenbergl, und überraschend daran ist nur, dass sie überhaupt noch eine Wohnung hat. Gossec sucht Pia und findet in einer Grünwalder Zuhältervilla ihre tote Freundin; er sucht weiter und löst einen Krieg zwischen der italienischen und der russischen Mafia aus. Die Italiener haben etwas Gewinnendes, weil sie schon lange zu München gehören und dort Lebensart verbreiten, nicht zuletzt im Schlachthofviertel. Die Russen dagegen kennzeichnet die schiere Brutalität der Emporkömmlinge. Nachdem die Stadt an mehreren Ecken gebrannt hat, merkt Gossec, dass seine Bemühungen mitsamt diesen Kollateralschäden im Sinne der Absicht unnötig waren, da Pia sich schon selbst geholfen hat. Aber nebenbei hat er die Russin Olga aus einem Bordell befreit, und um den toten Zuhälter, über den die Italiener selbstverständlich nicht das Geringste wissen, ist es nicht schade.
Gossec hat alle Eigenschaften eines amerikanischen Schwarze-Serie-Detektivs. Er denkt ständig an Frauen, ist aber meistens alleine. Sein mäßig ehrbarer Beruf bringt ihm Schulden. In einem fort verstößt er gegen Gesetze. Vor allem aber ist er nicht korrumpierbar: nicht durch Geld und nicht durch Sex. Manchmal verhält er sich wie ein Krimineller, aber das täuscht. Auch wenn er das Recht bricht, steht er als "hirnverbrannter Moralist" immer da, wo der Anstand ist.
Die Komik seiner Redeweise ist eine materialistische; er spricht die Dinge so direkt aus, wie es die besseren Kreise nie tun würden, und die schlechteren, weil sie auch genug zu verbergen haben, gleichfalls nicht.
Manchmal kommt es pur ("Ein Sonderangebot, für den nicht mehr neuwertigen Herrn in der zweiten Lebenshälfte)", manchmal kulturell unterfüttert ("Kricket ist, bei allem Respekt, so etwas wie Baseball, während Krocket gern im Garten gespielt wird.")
Max Bronski ist ein Pseudonym. Wenn diese Kommune erscheint, wird er schon auf dem Münchner Krimifestival gelesen haben, sodass sich Spekulationen über seine Person erübrigt haben dürften. Jedenfalls verhält sich Tannöd zu Sister Sox wie Hinterkaifeck zu München, wie altes Landleben zur Moderne, wie Sippe zum Einzelnen, wie gelungene Bearbeitung der Wirklichkeit zu befreitem Genuss eines Genres. Max Bronski ist Stadtmensch.

( erschienen in Kommune 2/2006)

brock-freitagsflug.jpg Martin W. Brock:
Freitagsflug. München-Krimi


Oldenburg, Schardt Verlag 2005.
207 S., 12,80 Euro

Homepage von Martin W. Brock:
www.krimi-passion.de/

bronski-sister-sox Max Bronski:
Sister Sox.


München, Verlag Antje Kunstmann 2006.
191 S., 16,90 Euro


schenkel-tannoed Andrea Maria Schenkel:
Tannöd.

Hamburg, Edition Nautilus 2006.

125 S., 12,90 Euro

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Untaten & Orte
Eine Kolumne von Michael Schweizer

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im
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Seit Jahren veröffentlicht Michael Schweizer in der Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" seine Krimikolumne "Untaten & Orte". Es gibt nicht viele Kolumnen zur Kriminalliteratur, die so fundiert sind wie diese und wir danken Michael Schweizer und der Zeitschrift "Kommune" für die Genehmigung, diese wichtigen Beiträge bei den Alligatorpapieren veröffentlichen und archivieren zu dürfen. Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur


Michael Schweizer, geboren 1960, Staatsexamen in Germanistik und Geschichte, Promotion über Wolf von Niebelschütz im Nationalsozialismus. Textchef bei einer Fachzeitung, literaturkritische und andere Beiträge unter anderem in der Berliner Zeitung, taz, Freitag und Kommune. Mitarbeiter des Internet-Feuilletons Perlentaucher,
Michael Schweizers Kolumne: Untaten & Orte