Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur"
und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:
Untaten & Orte
2/09
Die Krimikolumne
von Michael Schweizer
Bunker, Meeting-Raum, Mondstation
Drei Krimis spielen in der Enge

Als in der Kommune 2/2006 Andrea Maria Schenkels
Tannöd empfohlen wurde, war der feuilletonistische Veitstanz noch nicht ausgebrochen. Leser konnten dieser kleinen Zeitung früher entnehmen als dem Spiegel oder Stern, dass der Erstling der 1962 geborenen Debütantin geglückt war. Den ganz besonderen, innovativen Krimi, den ihr illustrierte Leitmedien andichteten, kann es allerdings kaum geben. Deshalb hatte Schenkel ihn auch nicht geschrieben, sondern einfach einen guten normalen: fehlerfrei multiperspektivisch konstruiert, klar und füllwortfrei formuliert, umfassend recherchiert, spannend. Damit kann man in einer Szene, in der überwiegend Mist gedruckt wird, auffallen. Neun von zehn Krimis stammen eben von Leuten, bei denen es für einen richtigen Roman nicht reicht.
So bewusstlos, unanalytisch und herdenhaft wie der Jubel über Tannöd und Kalteis (2007) ist nun der vielstimmige Verriss von
Bunker. Denn was Schenkel bisher konnte, kann sie immer noch. Zwar hat sie erstmals eine Handlung frei erfunden (
Tannöd bezog sich auf die sechs Morde von Hinterkaifeck 1922,
Kalteis auf Johann Eichhorn, einen Münchner Serienmörder und -vergewaltiger, der 1939 hingerichtet wurde); die - teilweise medizinische - Recherche, der es trotzdem bedurfte, wirkt aber wieder verlässlich. Die Sprache überzeugt, von ein paar Schnitzern abgesehen, auch dieses Mal durch unspektakuläre Präzision. Die Handlung ist erneut aus mehreren, diesmal: drei, Perspektiven erzählt, deren Mit- und Gegeneinander stimmig austariert ist. Wenn dem Leser mehrere Deutungen nahegelegt werden, die sich aber ausschließen, dann hält Schenkel durch Auslassungen - zum Beispiel von Namen - und durch Mehrdeutigkeiten - zum Beispiel die Geschlechtsneutralität des Begriffs "Person" - die Frage offen, was nun stimmt. Solche Tricks muss man nicht mögen. Auf ihnen beruhen aber erzähltechnisch so viele Krimis, dass es Unfug ist, sie, wie es ein sonst nicht dummer Kritiker getan hat, einer Autorin exklusiv vorzuwerfen.
Wie jeder gute Krimi handelt
Bunker davon, dass Menschen sich zu nahe kommen. Ein Mann hat, um an Geld zu gelangen, einen Autoverleih überfallen und, aus Motiven, die er nicht alle selbst versteht, eine Angestellte mitgenommen und in eine alte Mühle verschleppt, zu der auch ein Bunker gehört. Er schlägt die Gefangene, zieht sie aus und fesselt sie, hat dafür aber zumindest keine sexuellen Gründe, von denen er selbst weiß. Schnell wird er fürsorglich. Die Frau, Monika, fragt sich, wem sie da in die Hände gefallen ist. Ist es Hans, den sie sehr lange nicht mehr gesehen hat, der aber allen Grund hätte, sich an ihr rächen zu wollen?
Monika flieht nicht, obwohl sie es könnte, und kämpft mit fraulichen Waffen einen schmutzigen Kampf. Ähnlich wie in
Tannöd: Dort war Barbara Danner Opfer geblieben, aber auch zur Täterin geworden, indem sie ihren missbrauchenden Vater von sich abhängig machte: "Sie liebt es, wenn er um eine Nacht bettelt, ja vor ihr auf den Knien liegt."

Nicht nur Monika bleibt freiwillig in ihrem Gefängnis. Auch der Meeting-Raum in Laurent Quintreaus ersten Roman
Und morgen bin ich dran (original 2006) ist nicht abgeschlossen. Die höheren Angestellten der großen Werbeagentur könnten alle einfach gehen. Arbeitslos werden einige sowieso bald.
Quintreau, im Brotberuf Artdirector und Texter beim Werbeunternehmen Publicis, hat seinen ersten Roman mit Anspielungen auf die
Göttliche Komödie gespickt. Zunächst bilden neun Kapitel die "Hölle". Jeder, wie bei Dante, "Kreis" besteht aus einem einzigen langen Satz, dem inneren Monolog eines Meeting-Teilnehmers. Alle haben Angst. Dann kommt das "Fegefeuer", die Gedanken des Praktikanten Roussel, der noch versuchen kann, einen weniger dreckigen Beruf zu finden, falls er sich nicht von Trägheit und bescheidenem Wohlstand korrumpieren lässt. Im dritten Teil, dem "Paradies", träumt der Angestellte Alighieri. Er wäre in der Nacht beinahe umgebracht worden und weiß jetzt, dass die Firma nicht wichtig ist. "Das Wunder, am Leben zu sein", wird ihm kein Rausschmiss nehmen.
Quintreau zeigt die Wirtschaft als Dauerverbechen. Auch wo sie die Gesetze einhält, lebt sie davon, dass Menschen andere Menschen für ihre Zwecke verbrauchen. Die Bezeichnung "Marktwirtschaft" trifft das Geschehen nicht, denn auf einem richtigen Markt gibt es etwas, das die Käufer brauchen. Firmen wie die im Roman betreiben aber nur "Werbung, Marketing und Bauernfängerei". Die Herren taugen nichts, die Diener passen dazu. Wenn Quintreaus Buch sich hält, wird man später daraus erfahren können, wie es heute in Unternehmen bestimmten Typs zugegangen ist.
Außer an ihren flüchtigen Arbeitsplatz denken die meetenden Frauen an Liebe, die Männer an Sex. Die Angestellte Brémont sehnt sich kindisch nach einem "Mann, der im Berufsleben unerbittlich, privat aber zärtlich und aufmerksam ist, groß und schlank sollte er sein". Über die Wünsche der Männer reden wir lieber erst gar nicht.

Eine Forschungsstation auf dem Mond scheint ein Gefängnis zu sein, in das man nur freiwillig einziehen kann. Man bewirbt sich, trainiert, wird immer wieder getestet. Lisa Nerz dagegen wird auf den Mond entführt und muss sich daraufhin in der Forschungsstation Artemis mit 24 Offizieren, Wissenschaftlern und Weltraumtouristen beiderlei Geschlechts aus aller Herren Länder herumschlagen. Indem sie aufklären will, woran der deutsche Astronaut Torsten Veith vor ein paar Wochen gestorben ist, reizt sie seinen Mörder.
Seit Christine Lehmanns
Der Masochist (1997, überarbeitete Fassung
Vergeltung am Degerloch 2006) hat der Verfasser dieser Zeilen alle weiteren Lisa-Nerz-Krimis gleich nach Erscheinen gelesen. Nur
Nachtkrater hat er ein paar Monate vor sich hergeschoben. Er hatte keine Lust auf eine Geschichte, von der nur etwa jedes zweite Kapitel wie gewohnt in Stuttgart, auf der Schwäbischen Alb oder Richtung Bodensee spielt, der Rest aber auf dem Mond. Science-Fiction und Verwandtes hatte ihn immer gelangweilt. Zu männerlastig, zu pseudophilosophisch, zu unbedarft in den Zukunftswissenschaften.
Nachtkrater ist aber ganz anders. Die Menschen sind ja im Weltall wie auf der Erde. Auch lunar geht es um "Eifersucht, Futterneid und Fremdenhass", um Liebe und Untreue, Macht und Geld. Also kann die 1958 geborene Autorin, die auch als Nachrichtenredakteurin beim SWR arbeitet, ihre vertrauten Stärken entfalten.
Zum Beispiel das Recherchieren. Der Leser lernt, wie man einen Raumanzug anzieht, wie viel man auf dem Mond wiegt und wie dort eine Forschungsstation eingerichtet sein müsste, wenn es eine gäbe. Lehmann weiß, wie sich Mondstaub anfühlt und ob er sich für Kernfusionen nutzen ließe. Ihre Kennerschaft löst manchen Mythos auf: Auf den Mond zu fliegen ist ungesund und sinnlos, sogar wenn man es aus wirtschaftlichen und militärischen Gründen tut.
Wie seine Vorgänger entzückt
Nachtkrater durch die Sprache der Ich-Erzählerin. Die Journalistin Lisa Nerz, jetzt bald vierzig Jahre alt, ist schwertmäulig aus Empfindsamkeit und Renitenz. Wegen Gesicht und Kleidung wird sie öfter für einen Mann gehalten. "Gegen die Erwartung der Welt, dass man sich für ein Geschlecht entschied", hat sie Affären mit Frauen, aber auch eine anhaltende Liebeskomplikation mit Oberstaatsanwalt Richard Weber, der seinerseits früher eine Frau war. In Training mit dem Tod (1998, 2006 überarbeitet als Gaisburger Schlachthof) begann das Verhältnis mit "Kotz, spei" und schritt über "Blöder Affe" und "Die grünen Punkte in seinen Augen" folgerichtig fort zu "Wir krachten in die Federn." Christine Lehmann kann besser und witziger Hochdeutsch als fast alle anderen deutschen Krimischreiber. Lisas lesenden Landsleuten schenkt sie hin und wieder auch ein, zwei schwäbische Worte. Und zwar "bockelhart".
(erschienen in
Kommune 2/2009)
Andrea Maria Schenkel:
Bunker.
Roman.
Hamburg, Edition Nautilus 2009.
125 S., 12.90 Euro
Laurent Quintreau:
Und morgen bin ich dran. Das Meeting.
Aus dem Französischen von Oliver Ilan Schulz
Zürich, Unionsverlag 2009.
189 S., 16.90 Euro
Christine Lehmann:
Nachtkrater.
Hamburg, Argument Verlag 2009.
472 S., 12.90 Euro
Nach oben