Die Alligatorpapiere


Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:

Untaten & Orte
2/08


Die Krimikolumne
von Michael Schweizer


Morde an Frauen

Zwei isländische Krimis und ein ganz anderer englischer



bertelsson-walkueren.jpg
Weihnachten In Island geht es den Frauen gut. Das gilt zumindest dann, wenn man Gleichberechtigung und institutionalisierten Respekt als Maßstäbe setzt und dann Thrainn Bertelssons Walküren (original 2005) als Quelle heranzieht. In diesem Roman können Frauen Kinder und Beruf vereinbaren. Ihre Arbeit wird geschätzt. Sie können, wie Elin Oskarsdottir, Landespolizeichefin werden. Wenn ihr Mann fremdgeht, wie es der Kriminaltechnikerin Gudrun Hallsdottir geschieht, dann haben sie gute Chancen, dass ihr Vorgesetzter so verständnisvoll ist wie Hauptkommissar Vikingur Gunnarsson. Der kocht lecker für seine Frau und löst seine Probleme durch Antidepressiva und, um die zu kompensieren, ein Viagra-artiges Mittel. "Lösen" ist hier nicht ironisch gemeint, sondern als verantwortlicher Umgang mit nützlichen Medikamenten. Alles in allem vertragen sich die Geschlechter recht ordentlich.
Trotzdem wird die feministische Schriftstellerin Freyja Hilmarsdottir ermordet. Sie wollte ein Buch mit zwei langen Interviews herausbringen. Die verlassenen Frauen eines Supermarktketten-Besitzers und eines Diplomaten erzählen darin, wie sie zugunsten Jüngerer abgelegt wurden. Der Mörder mordet, um an den Text zu kommen und die zwei reichen Männer damit zu erpressen. Es geht ihm nur ums Geld, er würde dafür auch einen Mann töten - einerseits. Andererseits ist sein Opfer eine Frau, die sehr gerne mit ihm geschlafen hat. Menschenverachtung konkretisiert sich hier als Frauenverachtung. Wenn Freyja - die Isländer nennen sich alle mit Vornamen - keine Feministin gewesen wäre, hätte sie das Buch nicht geschrieben, und ihr wäre nichts passiert.
Glaubt man isländischen Krimis, dann breiten sich seit dem Fall des eisernen Vorhangs auf der Insel organisierte Kriminalität, Drogen- und Menschenhandel aus. Autoren, die wie der 1944 geborene Bertelsson das Land schon lange kennen, sind sich sicher, dass das vorher anders war. Ihre Figuren reden darüber. Atmosphärisch sind manche dieser Romane stärker vom alten Guten geprägt und wirken gemütlicher, als ihren Autoren wohl bewusst ist. Wenn Bertelssons Mittelschichtlerinnen leiden, denkt der Leser manchmal: Was habt ihr eigentlich?
Auch wenn Bertelsson über die isländische Sicherheitspolitik schreibt, klingt der Ton schlimmer als die Fakten. Gewiss, seit dem 11. September 2001 sollen auch in Island die Bürger stärker überwacht werden. Die treibende Kraft, Landespolizeichefin Elin, glaubt, mit einer Geheimpolizei sei den Bürgern gedient. Aber Elin geht es tatsächlich um Recht und Freiheit. Dazu passt der polizeiliche Umgangston, der an schwedische oder norwegische Krimis erinnert: Verdächtige werden höflich und korrekt behandelt, Übergriffe gibt es nicht.
Walküren liest sich spannend, obwohl es etwas umständlich erzählt wird. Wenn der Mörder als Mörder auftritt, lässt Bertelsson, anders als sonst, seinen Namen weg und nennt ihn nur "er". Aber das kann man nicht ihm speziell vorwerfen, da auch viele andere Krimiautoren, zum Beispiel Yrsa Sigurdardottir und Peter James, vor diesem plumpen Trick des allwissenden Erzählers nicht zurückschrecken. Zwei Polizistenpaare - Gudrun und Terje, Karl und Helgi - sorgen für die Komik. Aber immer politisch korrekt.

Sigurdardottir-Das-gefrorene-Licht.jpg Wie für Walküren lässt sich auch für Yrsa Sigurdardottirs Das gefrorene Licht (original 2006) nicht leicht sagen, ob das Opfer getötet wurde, weil es eine Frau war. Ja und nein. Ja: Birnas rücksichtslos ehebrecherische, dann wieder geschäftliche Sexualität war stimmiger Teil einer Persönlichkeit, die sich Feinde gemacht hat. Nein: Der Mensch, der die Architektin umbringt, verteidigt damit die Heimat seines Liebsten. Dieses Motiv hätte er auch gehabt, wenn Birna ein Mann gewesen wäre.
Unter Verdacht gerät der Hotelier Jonas, denn auch mit ihm hat Birna an ihrem letzten Tag geschlafen. Jonas' Anwältin Dora Gudmundsdottir überlegt, ob Birna Opfer eines Auftragsmords geworden sein könnte. Das wäre, wie Dora sagt, für Island völlig neu. Wie in Walküren geht es darum, wie sich das Land in den letzten paar Jahren verändert hat. In beiden Romanen hört die Polizei viele Telefone ab. Die Überwachungskameras in Das gefrorene Licht funktionieren lückenlos: Welches Auto wann im Tunnel nach Reykjavik war, lässt sich beweisen.
Sigurdardottir greift weiter ins 20. Jahrhundert zurück als Bertelsson. Die Unglücksgeschichte, die auf Birnas Tod zuläuft, begann schon zwischen den Kriegen. 1945 dann ließ ein Bauern-Nazi die kleine Kristin, Tochter seiner Nichte, verhungern. Auf dem Grundstück, wo das geschah, steht später Jonas' esoterisch angehauchtes Wellness-Hotel. Nicht nur die geistergläubigen Mitarbeiter sind sich sicher, nachts ein Kind weinen zu hören.
Der alten Bauernwelt kontrastieren die modernen Scheidungen. Dora hat einen deutschen Freund, Matthias, von dem sie, vielleicht zu Unrecht, nicht glaubt, dass er nach Island ziehen will. Die 16-jährige Freundin ihres gleichaltrigen Sohnes bekommt ein Kind; die 1963 geborene Autorin widmet Das gefrorene Licht ihrem neugeborenen Enkel. Running Gags ergeben sich aus Jonas' striktem Glauben an die Macht der Sterne und Matthias' ebenso kategorischer Abneigung gegen Bio-Essen. Rührend ist der Schluss. Kristins Knochen sind gefunden worden, sie wird endlich richtig beerdigt. Kurz zuvor ist Dora Großmutter geworden.

james-peter-nicht-tot-genug.jpgPeter James' Nicht tot genug (original 2007) läuft als "Thriller". Für diese Gattung ist eine literarische Anstandsregel des "Kriminalromans" oder "Krimis" offenbar außer Kraft: Du sollst nie als mörderischen Doppelgänger einen eineiigen Zwilling aus dem Hut zaubern. Schon gar nicht sollst du damit auf Seite 375 den Leser überraschen wollen, der ungefähr 250 Seiten vorher gemerkt hat, dass es gar nicht anders sein kann. Kurz vor Schluss führt James sogar noch einen Drilling ein, aber der ist l'art pour l'art. Für die Handlung wird er nicht gebraucht.
Norman Jecks ist ein misshandeltes Adoptivkind. Sein Zwilling Brian Bishop, der gar nicht weiß, dass es Norman gibt, wird dagegen auf die sonnige Seite des Lebens adoptiert. Deshalb will Norman ihn vernichten. Er tötet Brians Frau Katie und die junge Sophie Harrington, mit der Brian ein bisschen geflirtet hat - mehr nicht, denn er wollte Katie treu sein. Der Mörder vergewaltigt beide Opfer, damit seine DNA dazu führt, dass Brian verurteilt wird. Die Morde haben also etwas Sexuelles, aber nur instrumentell. Es geht nicht um die Frauen, sondern gegen Brian. Wäre Brian schwul, würde Norman seinen Geliebten töten.
Das Faszinosum nun: Wie kann ein Buch, das auf einer Schnapsidee beruht, den Leser so fesseln? Einmal mit Spannung. Kaum ist Sophie Harrington tot, fängt der Leser an, um Cleo Morey zu fürchten, die Geliebte von Superintendent Roy Grace. Der Mörder will sein Prinzip: den Menschen zu töten, den der Feind am meisten liebt, nun auf Grace anwenden, weil der ihn in einem Interview beschimpft hat, um ihn aus der Deckung zu locken.
Gelungen ist auch die Verbindung des durchgeknallten Plots mit akribischer Detailkenntnis. Selten erfährt man in einem Buch so viel über Polizeiarbeit, das man nicht schon anderswo gelesen hat. Eine Art höherer Realismus liegt darin, dass die scheinbar allzu phantasievolle Mordgeschichte nach England, wie es James beschreibt, sehr gut passt. Das Land am Ende der Blair-Zeit ist kein schöner Anblick, aber ein ergiebiger. Es zwingt den Schreiber, krass zu sein.
Letzteres tut den Geschichten gut, die der Viel-Figuren-Roman über Frauen und Männer erzählt. Die treffen sich nicht so leicht in der Mitte wie in isländischen Krimis, sondern stehen sich immer wieder fassungslos gegenüber. Da fliegen Fetzen und sprühen Funken.

(erschienen in Kommune 2/2008)

bertelsson-walkueren Thrainn Bertelsson:
Walküren.
Ein Island-Krimi.

Aus dem Isländischen von Tina Flecken
München, dtv Verlag 2008.
367 S., 9.95 Euro

Sigurdardottir-Das-gefrorene-Licht Yrsa Sigurdardottir:
Das gefrorene Licht.
Island-Krimi


Deutsch von Tina Flecken
Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag 2007.
397 S., 7.95 Euro

james-peter-nicht-tot-genug Peter James:
Nicht tot genug.
Thriller


Aus dem Englischen von Susanne Goga-Klinkenberg
Frankfurt am Main, Scherz 2008.
442 S., 17,90 Euro

Nach oben

Untaten & Orte
Eine Kolumne von Michael Schweizer

Ein Service der Alligatorpapiere
im
NordPark Verlag
Alfred Miersch
Klingelholl 53
42281 Wuppertal
Tel.:0202/51 10 89

Kontakt


Gästebücher kostenlos




Untaten & Orte: Index
News    |   Sitemap |   Aufsätze,Interviews & Kolumnen

Seit Jahren veröffentlicht Michael Schweizer in der Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" seine Krimikolumne "Untaten & Orte". Es gibt nicht viele Kolumnen zur Kriminalliteratur, die so fundiert sind wie diese und wir danken Michael Schweizer und der Zeitschrift "Kommune" für die Genehmigung, diese wichtigen Beiträge bei den Alligatorpapieren veröffentlichen und archivieren zu dürfen. Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur


Michael Schweizer, geboren 1960, Staatsexamen in Germanistik und Geschichte, Promotion über Wolf von Niebelschütz im Nationalsozialismus. Textchef bei einer Fachzeitung, literaturkritische und andere Beiträge unter anderem in der Berliner Zeitung, taz, Freitag und Kommune. Mitarbeiter des Internet-Feuilletons Perlentaucher,
Michael Schweizers Kolumne: Untaten & Orte