Die Alligatorpapiere


Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:

Untaten & Orte
4/07


Die Krimikolumne
von Michael Schweizer


Die Hauptstadt der Psychoanalyse

Wiener Morde wurzeln in der Kindheit


Wien 1902. Im Zoo hat jemand die neun Meter lange Anakonda Hildegard in drei Teile zerschnitten. Wenig später werden eine Bordellbetreiberin und drei Prostituierte mit einem Säbel ermordet. Danach trifft es einen tschechischen Geflügelhändler und den schwarzen Diener und Geliebten eines Archäologen. Der Täter erzählt offenbar eine Geschichte, aber was für eine? Kriminalinspektor Oskar Rheinhardt bittet einen Freund, den jungen jüdischen Klinikarzt und Psychoanalytiker Max Liebermann, um Hilfe.
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Ihn hat sich der Autor Frank Tallis, klinischer Psychologe in London, ausgedacht, weil man sich kaum mehr vorstellen kann, wie die Polizei 1902 und vorher ohne solche Leute zurechtgekommen ist. Es gab nämlich keine ernst zu nehmende Spurenauswertung. Wenn ein Serienmörder sich nicht erwischen ließ und keine großen Fehler machte, hatte er gute Chancen, nie entdeckt zu werden. Hätte die Polizei heute Speichelproben von allen Einwohnern, bräuchte sie keine Profiler mehr. Als Edgar Allan Poe den Dupin und Arthur Conan Doyle den Holmes erfand, brauchte sie welche. Sie hießen nur anders.
Max Liebermann ist in Wiener Blut ein sehr guter Profiler. Lange, bevor er den Mörder zum ersten Mal bewusst sieht, weiß er schon, was der als Kind erlebt haben muss. Das Unglück des Mörders, und nicht nur seines, hat mit Sexualität zu tun. Die Psychoanalyse ist in dem Roman ein Mittel der Aufklärung und, wo noch möglich, der Heilung.
Frank Tallis will ein Gesamtbild von dem geben, was damals in Wien für Europa schlecht oder gut war: der Antisemitismus, die Germanentümelei, die illegale Einwanderung aus Osteuropa, assimilierte und andere Juden, das Militär als Staat im Staat, studierende Frauen und frauenfeindliche Professoren, Wagner, Nietzsche, die Sezessionisten, der Streit um den "oberflächlichen" Mozart und den "tiefen", angeblich deutscheren Beethoven. Vieles ist mit Blick darauf beschrieben, wie es später zum Nationalsozialismus beigetragen hat, leider aber zu simpel. Das Interessante an üblen Ideologien ist ja, warum sie, und zwar nicht nur bei Dummköpfen und miesen Charakteren, Erfolg haben. Dieser Frage stellt sich Tallis nicht. Er teilt seine Figuren ohne Grauzonen auf in Nazis vor der Zeit einerseits und kluge, sympathische Demokratiefähige andererseits. So einfach ist es nur im Krimi.

raab-Der-Metzger-muss-nachsitzen nicht. In Thomas Raabs erstem Roman Der Metzger muss nachsitzen kommt kein Psychoanalytiker vor. Eine mühsame Aufklärung und Aufarbeitung aber schon. Willibald Adrian Metzgers Vater hat ihm nicht viel mehr hinterlassen als eine verlassene Mutter und gemeine Sprüche. Im Gymnasium war Metzger der Prügelknabe seiner Knabenklasse. 25 Jahre nach dem Abitur sind seine Erfahrungen mit Frauen sehr überschaubar geblieben. Er ist Restaurator geworden, um alleine arbeiten zu können und weil er in diesem Beruf für seine Genauigkeit und Geduld nicht verhöhnt wird. Mit viel Rotwein hält er die Einsamkeit aus.
In dieser Nische schreckt ihn jemand auf. Er legt ihm den toten Felix Dobermann vor die Füße, der ihn in der Schule besonders oft verprügelt hat. Als Metzger mit einem Polizisten, ebenfalls einem Mitschüler, zurückkommt, ist die Leiche verschwunden. Metzger fängt an, Dobermanns verpfuschtes Leben zu recherchieren. Dazu muss er in seine eigene Jugend eintauchen, die er nur noch vergessen wollte.
Die Vornamen des Detektivs fallen selten. Meistens nennt ihn der Erzähler nur "der Metzger". Da fällt einem "der Brenner" aus den sechs Krimis von Wolf Haas ein. Sei es Bewunderung oder Konkurrenz oder beides: Der 1970 geborene Musiker Raab hat seinen Roman in vielem nach dem Brenner-Muster komponiert. Sein Plot ist so unrealistisch wie einer von Haas. Auch Raabs Spezialkönnen liegt nicht in der spannend abwegigen Geschichte, sondern in dem Ton, in dem er sie vorträgt. Zu Haas' Qualitäten zählt ein psychologischer Materialismus: Er spricht komisch aus, was seine Figuren, jenseits ihrer Lügen und Selbsttäuschungen, wirklich antreibt. Das gelingt Raab manchmal auch; manchmal ist sein Witz aber zu geschraubt, er erklärt seine Wortspiele dann umständlich, statt sie wirken zu lassen.
Als Haas ist Raab Epigone; dafür hat er Stärken, derer der Meister entbehrt. Wenn er nicht komisch sein will, gelingt ihm ein rührendes Pathos: "Mehr braucht man nicht von einem Freund als ein Wohlgefühl im Schweigen." Brenner ist unheilbar Brenner; Metzger wird überraschend zum Subjekt und Objekt einer Heilung. Ich sage nur: Danjela.

faschinger-stadt-der-verlierer.jpg Die Betreiber des Wiener Detektivbüros Dr. Novak und Hammerl zählen nicht zu den Branchengrößen. Emma Novak war als Lehrbeauftragte arbeitslos geworden, nachdem sie jahrelang unermüdlich die Vorlesung "Alexander der Große: ein typischer Vertreter des Machismo?" gehalten hatte. Der Friseur Mike Hammerl hatte nur zwei Schnitte gekonnt, die aber eigentlich auch nicht. In die Klitsche, die die beiden gegründet haben, um nicht offensichtlich arbeitslos zu sein, verirrt sich die Geschäftsfrau Greta Mautner. Novak und Hammerl sollen ihren Sohn suchen, den sie als 16-Jährige auf Druck ihrer Eltern zur Adoption freigeben musste. Er ist jetzt 29.
Ihn, Matthias Karner, kennt der Leser bereits. Seine Adoptiveltern waren gutbürgerliche Sadisten. Geliebt, sehr früh auch sexuell, hat er nur deren leibliche Tochter Silvia. Seit sie ihn nicht mehr sehen will, lebt er vom Geld alternder Frauen. Liebe spielt für ihn keine Rolle. Das ändert sich, als er die gleichaltrige Vera Suttner von einem Selbstmordversuch rettet. Karner verliebt sich, Vera ist für ihn auch Silvia und seine verlorene Mutter. Der Zyniker taut auf und wird zur Zeitbombe. Nicht alle werden ihn überleben.
Spannung erzeugt Lilian Faschinger in ihrem Roman Stadt der Verlierer viel wirksamer als die meisten Krimischreiber. Sehr geschickt wechselt sie Tempo und Atmosphäre. Wenn Karner, die Selbstkontrolle verlierend, wieder etwas näher an die Bluttat hingestolpert ist, die er begehen wird, wechselt Faschinger in eine lustige oder jedenfalls weniger beängstigende Szene ohne ihn. So hofft der Leser, alles werde gut enden. Am Ende weiß er, wie elegant der Roman konstruiert ist, wie unauffällig Faschinger von Anfang an die Handlungsfäden aufeinander zugeführt hat - oder wie effektvoll beiläufig sie an anderen Stellen eine entscheidende Information nachreicht. Sie verwendet nur nötige Worte, das aber opulent. Jede Streichung wäre ein Verlust.
Mit dem Titel - einem Bruce-Springsteen-Zitat: "a town full of losers" - verspricht die 1950 geborene Autorin nicht zu viel. Das Buch ist so bunt und düster wie Wien. Es gibt viel zu lachen, zum Beispiel über die alte Passantin, die unbedingt den Exhibitionisten sehen will, den Emma gerade erfunden hat, um das Telefonat mit ihrer abscheulichen Mutter beenden zu können. Die überkandidelten italienischen Essen der Gerichtsmedizinerin Dr. Sissi Fux sind ein Running Gag, ebenso Mike Hammerls Atemtherapien und beschriftete T-Shirts ("Ein Schiff wird kommen") - dass man sich über solche Macken immer wieder freut, zeigt, wie gut sie beschrieben sind.
Eine Stärke sind die Ambivalenzen. Was Karners Verflossene über ihn sagen, schließt sich aus, und doch hat jede auch Recht. Und was soll man von Emma Novaks Vater halten, einem liebenswerten alten Mann, der seine kunstvollen U-Boot-Modelle originalgetreu mit Hakenkreuzen verziert? Hier, wo Bewertungen versagen oder furchtbar langweilig wären, ist ein Platz für die Literatur. Am Schluss hat jeder verloren und mancher gewonnen: Sissi Fux die bisher an Männern orientierte Emma und Mike Hammerl die Türkin Asli plus Sippe. Das letzte Bild, ein Hochzeitstanz, wird irgendwann ein Todestanz gewesen sein. Aber noch nicht. Stadt der Verlierer lesend, liebt man das fehlerhafte Leben.



(erschienen in Kommune 4/2007)

tallis-Wiener-Blut.jpg Frank Tallis:
Wiener Blut. Max Liebermanns zweiter Fall


Aus dem Englischen von Lotta Rüegger und Holger Wolandt
München, btb 2007.
541 S., 12.00 Euro

raab-Der-Metzger-muss-nachsitzen.jpg Thomas Raab:
Der Metzger muss nachsitzen.
Kriminalroman


Graz, Leykam Buchverlag 2007.
288 S., 19,40 Euro

faschinger-stadt-der-verlierer.jpg Lilian Faschinger:
Stadt der Verlierer,
Roman.


München, Carl Hanser Verlag 2007.
316 S., 17,90 Euro

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Untaten & Orte
Eine Kolumne von Michael Schweizer

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Seit Jahren veröffentlicht Michael Schweizer in der Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" seine Krimikolumne "Untaten & Orte". Es gibt nicht viele Kolumnen zur Kriminalliteratur, die so fundiert sind wie diese und wir danken Michael Schweizer und der Zeitschrift "Kommune" für die Genehmigung, diese wichtigen Beiträge bei den Alligatorpapieren veröffentlichen und archivieren zu dürfen. Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur


Michael Schweizer, geboren 1960, Staatsexamen in Germanistik und Geschichte, Promotion über Wolf von Niebelschütz im Nationalsozialismus. Textchef bei einer Fachzeitung, literaturkritische und andere Beiträge unter anderem in der Berliner Zeitung, taz, Freitag und Kommune. Mitarbeiter des Internet-Feuilletons Perlentaucher,
Michael Schweizers Kolumne: Untaten & Orte