Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur"
und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:
Untaten & Orte
4/09
Die Krimikolumne
von Michael Schweizer
Minderheiten
Mordgeschichten über Einwanderer, Transvestiten und Schwule

Als Lorenzo Manfredini, genannt Il Gladiatore, erstochen in einem römischen Lift aufgefunden wird, könnte die Menschheit eigentlich froh sein, dass sie den rassistischen Vergewaltiger los ist. Trotzdem stellt sich natürlich die Frage: Wer war's? Kommissar Bettarini, ein integrer Mann, verdächtigt den algerischen Einwanderer Amedeo, eigentlich Ahmed, weil der seit dem Mordtag spurlos verschwunden ist. Falls Bettarini Recht hat, ist das besonders traurig, denn Amedeo hat jeden verstanden, vielen geholfen und alles verkörpert, auf das Italien stolz sein kann.
Amara Lakhous lässt in seinem zweiten Roman
Krach der Kulturen um einen Fahrstuhl an der Piazza Vittorio (original 2003) zehn Mitbewohner Amedeos und Manfredinis und dann noch Kommissar Bettarini sagen, wie sie den Fall sehen. Nach jedem dieser elf Kapitel kommt kommentierend der abwesende Amedeo zu Wort. So entsteht ein Panoptikum von Zuwanderern und teils schwer versponnenen Italienern: der iranische ehemalige Restaurantbetreiber, der sich vor Heimweh den Mund zunäht, die ausgebeutete peruanische Altenpflegerin, der junge holländische Filmemacher mit Faible für den italienischen Neorealismus, der Lega-Nord-Knallkopf aus Mailand, die drachenhafte faule Hausmeisterin aus Neapel und so weiter. Höchstens vier von den zwölf Hauptfiguren sind in Rom aufgewachsen.
Lakhous wurde 1970 in Algier geboren und lebt seit 1995 in Rom. Sein Amedeo ist nach Italien gekommen, weil ihm in Algerien etwas Furchtbares zugestoßen ist. Für ihn ist die Auswanderung ein überlebensnotwendiges Mittel, sich neu zu machen: "Es ist einfach wunderbar, sich aus allen Fesseln der Identität, die einen ins Verderben führen, lösen zu können. Wer bin ich? Wer bist du? Wer sind sie? Nutzlose und dumme Fragen."
Amedeos Mitbewohner sehen das großteils weniger positiv. Sie glauben, genau zu wissen, wer sie schon immer und mit Recht sind. Die anderen sollen sich danach richten. Am stolzesten auf ihre überflüssige Nation sind dabei wie gewohnt die, die persönlich am wenigsten zu bieten haben. Doch ein Mietshaus mit verrottetem Fahrstuhl kann heilsam dämpfend wirken. Wenn es gut geht, dann schleicht sich hinter dem Rücken und gegen den Willen der Identitätstrottel ein halbwegs friedliches Neben- oder gar Miteinander in ihr Leben. Könnten sie, wie sie wollten, wären sie unerträglich. Weil jeder aber meistens in der Minderheit ist, muss er sich mit seinem nationalen und regionalen Unfug zurückhalten. Das Messer im Aufzug hat, wie Kommissar Bettarini herausfindet, mit einem Kampf der Kulturen nichts zu tun.

"Ich gefalle mir nicht nur als Frau, sondern auch als Mann", sagt die Icherzählerin/der Icherzähler von Mehmet Murat Somers Roman
Die Propheten-Morde (original 2003). Nennen wir sie/ihn der Einfachheit halber trotz ihres/seines Männerkörpers "sie", da sie sich geschlechtlich nur für Männer interessiert, und zwar als Frau. Manchmal trägt sie Männerhosen, manchmal Minirock und Riemensandaletten. In ihrem Istanbuler Nachtklub finden andere Transvestiten Freier. Im Zweitberuf arbeitet sie für eine kleine, einträgliche Computerfirma.
Zur Detektivin wird sie, weil die Transvestiten Ceren und Gül ermordet werden. Als Männer hießen sie Ibrahim und Yusuf. Der Täter wollte sie dafür bestrafen, dass sie die Namen von Propheten beschmutzt haben.
Der erste Verdächtige, dem die Detektivin nachspürt, ist unschuldig, der zweite ist schon der richtige. Von da an geht es nur noch ums Beweisen.
Die Propheten-Morde sind kein ambitionierter Rätselkrimi, ihre Stärken liegen woanders, nämlich in der teils realistischen, teils utopistisch-vergnügten Schilderung einer sexuellen Minderheit.
Die Transvestiten in Somers Roman leben als mit sich zufriedene Subkultur. Angst haben sie vor gewalttätigen Freiern, Kriminellen und Verrückten, nicht aber vor den türkischen Normalbürgern und vor der Polizei. Der Rechtsstaat verdient Vertrauen. Kein einziger Transvestit im ganzen Roman leidet unter seiner Neigung. "Unsere Mädchen" fühlen sich auch nicht als Rebellen, sondern wünschen sich zum Beispiel eine Operation und dann einen wohlhabenden, gutaussehenden Ehemann.
Somer schreibt gute Dialoge. Komisch geraten sie, weil manche Transvestiten so von Einkleidung, Mani- und Pediküre in Anspruch genommen werden, dass sie nicht auch noch auf irgendeinem anderen Gebiet zu den Hellsten zählen können: "Mir kommt's nur, wenn ich's zum Spaß mache, sagte sie immer. Sie war eben sehr vornehm." Am Schluss hat die Detektivin einen Mann gefunden, der sie seinen Kindern vorstellen will. Da fragt sie sich, im letzten Satz des Romans: "Was soll ich nur anziehen?"
Ob "die Freuden eines Lebens als Transe" tatsächlich so ausgeprägt sind, sollen Kenner der Szene beurteilen. Wahrscheinlich könnte man Istanbuler Rotlichtviertel auch anders beschreiben. Doch wenn der 1959 in Ankara geborene Somer etwas erfunden hat, dann einen schönen Traum, und zwar einen, der in der Türkei erlaubt ist. Von einem Land, in dem man so ein Buch als Mann einem Mann widmen, veröffentlichen, damit Erfolg haben und fünf weitere Bände folgen lassen kann, sollte das eine oder andere EU-Mitglied noch viel lernen.
Krach der Kulturen handelt von nationalen und regionalen Minderheiten,
Die Propheten-Morde von einer sexuellen. Domingo Villars erster Roman
Wasserblaue Augen (original 2006) verbindet beides. In Vigo, der Hauptstadt von Galicien, wird der junge Jazz-Saxofonist Luis Reigosa ermordet. Er hatte einen reichen, mächtigen Liebhaber, dessen Ehefrau von seinem Doppelleben nichts erfahren sollte. Harmloser und für die Komik zuständig ist dagegen eine regionale Unverträglichkeit. Der Polizist Rafael Estévez ist nach Vigo strafversetzt worden. Weil er aus Aragon kommt, braucht er Entscheidungen und klare Antworten, sonst explodiert er. Wenn er aber die galicische Putzfrau des toten Jazz-Musikers vernimmt, peinigt sie ihn mit "Kommt drauf an", "manchmal", "meistens", "ungefähr", "schon gut", "ich glaube, eigentlich nicht" sowie mit seltsamen Kopfbewegungen, Achselzucken und stummen Blicken. Einen sanften Schüler, der ein bisschen dealen wollte, hat Estévez auf ähnliche Antworten hin mit der Waffe bedroht. Damit er nicht noch mehr Schaden anrichtet, wird er dem besonnenen Inspektor Leo Caldas zugeteilt. Der ist jedoch so galicisch, dass weitere lustige Zusammenstöße nicht ausbleiben.
Im letzten Drittel lässt der Roman vorübergehend etwas nach. Da muss Villar sich auf die Lösung des Krimirätsels konzentrieren, die wesentlich komplizierter ausfällt als bei Lakhous und Somer. Komponiert ist es perfekt, die rätselhaften Details, die vorher aufgefallen waren, erklären sich nun, auch die falschen Fährten erweisen sich als geschickt gelegt. Immanent stimmt also alles; gemessen an der Menschenkenntnis, mit der Villar sonst entzückt, wirkt der Mord-Plot aber unrealistisch. Dieses Problem bekommen die wenigen Krimiautoren, die auch einen schönen anderen Roman zustande brächten, fast automatisch. Raffinierte Morde sind nun mal wirklichkeitsfremd.
Domingo Villar, 1971 in Vigo geboren, schreibt auch Drehbücher. Davon kommen die kraftvollen, witzigen Dialoge und die knappe Behandlung des Innenlebens: Der Erzähler weiß auch, was seine Akteure denken, konzentriert sich aber darauf, was sie sagen und tun. Villar ist außerdem als Journalist daran gewöhnt, für Themen, mit denen er sich auskennt, zu wenig Platz zu haben. Deshalb lässt er geschickt weg: Er verzichtet auf Erklärungen für unaufmerksame Leser, vermeidet Redundanzen und Wiederholungen, bricht Szenen ab, wenn der Leser das Nötige erfahren hat. Ein guter Text ist schon fertig gekürzt. Diesen Test besteht Villar glänzend.
(erschienen in
Kommune 4/2009)
Amara Lakhous:
Krach der Kulturen um einen Fahrstuhl an der Piazza Vittorio.
Roman.
Aus dem Italienischen von Michaela Mersetzky
Berlin, Verlag Klaus Wagenbach 2009.
155 S., 10.90 Euro
Mehmet Murat Somer:
Die Propheten-Morde
Ein Hop-Çiki-Yaya-Thriller.
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier
Stuttgart, Verlag Klett-Cotta/Tropen 2008.
240 S., 16.90 Euro
Domingo Villar:
Wasserblaue Augen.
Roman
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Zürich, Unionsverlag 2009.
221 S., 16.90 Euro
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