Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur"
und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:
Untaten & Orte
4/08
Die Krimikolumne
von Michael Schweizer
Die Britin war die beste
Geheimbünde in drei Italien-Krimis

In Bruno Morchios
Wölfe in Genua (original 2004) macht die Polizei einen guten Eindruck. Sie hat zwar etwas Geheimbündlerisches: Kommissar Pertusiello, der Leiter der Mordkommission, kungelt mit dem Privatdetektiv Giovanni Battista Pagano, genannt Bacci, der wieder mit dem Journalisten Giuliano Rivoli. Das klassische Krimi-Thema der Rivalitäten zwischen Staatsanwalt, Richter und Polizei, zwischen Polizei und freien Ermittlern, spielt keine Rolle. Alle ziehen an einem Strang, das Verbrechen wird aufgeklärt, der Mörder korrekt behandelt. Man könnte großflächig untersuchen, ob das ein Trend ist: Seit die Wirtschaft sich entfesselt hat, hoffen Krimiautoren wieder auf den Staat.
Baccis Auftraggeber ist die Versicherung CarPol. Mino Terenzi wurde in einem Genueser Park von einem Wolf die Kehle durchgebissen. Der Rentner hatte eine hohe Lebensversicherung abgeschlossen. Wenn seine Frau den Wolf bestellt hätte, müsste die CarPol ihr die Prämie nicht ausbezahlen, und Bacci bekäme eine hohe Provision. Die Gattin, Julia Rodriguez Amanzar, war illegal aus Panama eingewandert, dreißig Jahre jünger als Terenzi und hatte einen Liebhaber. Bacci findet aber heraus, dass die Eheleute sich geliebt haben. Terenzi war Wucherer und Kinderschänder, doch mit seiner Frau ist ihm eine späte Lebenswende zu Verantwortung und Glück gelungen. Die beiden sind die einzig schillernden Figuren, Gut und Böse sind in dem Roman sonst ziemlich eindeutig verteilt.
Um der Spannung willen versucht Bruno Morchio, auch Unschuldige verdächtig zu machen. Das klappt aber nicht recht. Bacci ermittelt schnell in die richtige Richtung, wichtige Informationen fallen ihm einfach zu. Stärken hat der Roman im Mittelmeerischen: Morchio schildert Genua alles andere als idyllisch, aber so liebevoll, dass man gleich hinfahren möchte.
Als Vorbilder nennt der 1954 geborene Autor Manuel Vázquez Montalbán, Jean-Claude Izzo und Raymond Chandler. Deren Detektive haben ihn zu Baccis Privatleben inspiriert: Der ist Single, aber attraktiv und daher nicht zu viel alleine. Vor zehn Jahren wurde er geschieden, seither will seine Tochter Aglaja ihn nicht mehr sehen. Das ist sein großes Unglück. Ein Gespräch mit seiner früheren Frau Clara artet in schweres Daiquiri-Saufen aus. All das ist traurig, aber nicht hoffnungslos, ungefähr wie bei Izzo und Montalban. So hart wie bei Chandler ist es nicht.
Der Hafenstadt Genua angemessen, hat Bruno Morchio einen Migrations- und Globalisierungsroman geschrieben. Bacci kennt die Maccaia, den Stadtteil der illegalen afrikanischen Einwanderer, sehr gut. Den jungen Nubier Essam, Sohn seiner Putzfrau Zainab, behandelt er zunehmend wie einen eigenen Sohn. Am Schluss tut er sich wieder mit der Psychologin Mara Sabelli zusammen, die ihm bescheinigt hat: "Was Gefühle angeht, bist du ein Anaplphabet, Bacci." Zu Unrecht.

Irene Bettini lässt sich vom Archiv des Geheimdiensts in eine seiner operativen Abteilungen versetzen. Ihr neuer Chef Mario Gancia gibt ihr eine Aufgabe, an der sie scheitern soll, damit er sie nach der Probezeit hinauswerfen kann: Sie soll binnen zwei Monaten alle Dossiers, die in Gancias Büros in den letzten drei Jahren verfasst wurden, katalogisieren und bewerten. Bettini schafft es doch und findet heraus, dass Geheimdienstler für hohe Beiträge wertlose Auskünfte kaufen und sich das Geld mit den scheinbaren Informanten teilen. Auch Carabinieri (Militärpolizisten) sind darin verstrickt. Nun hat die junge Römerin mächtige Feinde.
Sprung ins Dunkel (original 2003), der zweite Irene-Bettini-Roman der 1965 geborenen Palermitaner Staatsanwältin Christine Calissano, kennt drei Arten von Geheimbünden. Der erste ist der Geheimdienst selbst, den zweiten bilden, teilweise im ersten, die Informationshandels-Betrüger. Den dritten soll man sich ungefähr wie die Loge Propaganda Due (P2) vorstellen. Er will den Staat in seine Gewalt bringen und wird daran durch einige gesetzestreue Geheimdienstler gehindert, die sich auf Bettinis Ermittlungen stürzen.
Bettini ist naiv. Sie kann an die Machenschaften, die sie aufdeckt, kaum glauben, weil sie annimmt, der Geheimdienst beschäftige sich in erster Linie mit dem Schutz von Demokratie und Recht, und wenn einzelne Spitzel etwas anderes täten, seien das Auswüchse, die man abstellen könne. Der Ahnungslosigkeit der Hauptfigur entspricht an manchen Stellen eine unfreiwillige Komik der Autorin: "Irene bezweifelte, dass man sie freilassen würde" - "man" sind zwei Drahtzieher des Honorarbetrugs, die, wie sie weiß, schon am Tod zweier anderer Ermittler schuld sind, die ihnen auf der Spur waren. Es ist schwer fassbar, dass Christine Calissano das Thema der umsturzbereiten Geheimbünde auf solchem Niveau behandeln zu können glaubt.
Ein paar Stärken hat das Buch aber doch. Weil Irene Bettini ebenso tüchtig und mutig ist wie naiv, stürzt sie sich dort auf den Feind, wo er am gefährlichsten ist. So wird der Roman spannend. Interessant sind auch Details zum Behördencharakter des Geheimdienstes: Wie dieses Amt funktioniert beziehungsweise mit welcher komischen Ineffizienz es sich selbst am Funktionieren hindert, weiß Staatsanwältin Calissano wohl von Berufs wegen.

Magdalen Nabb ist auch literarisch da, wo Bruno Morchio und Christine Calissano allenfalls außerhalb ihrer Bücher sind: auf der Höhe von Berlusconis Italien. Salvatore Guarnaccia, vor langen Jahren von Sizilien nach Florenz versetzt, glaubt nicht mehr, dass er dem Gesetz zur Geltung verhelfen kann, wenn ein Mächtiger es übertritt. Er ist Maresciallo, das ist kein Marschall, sondern ein Unteroffizier der Carabinieri, und als solcher kann er außerhalb seines Stadtviertels nicht viel ausrichten, auch nicht mit Hilfe seines väterlichen Vorgesetzten, des Capitano Maestrangelo.
In
Vita Nuova wird Guarnaccia in eine alte, neureich verschandelte Villa gerufen. Die junge Daniela Paoletti wurde dort erschossen. Guarnaccia findet schnell heraus, dass sich ein Familiendrama, zugleich aber auch ein Akt des internationalen Verbrechens abgespielt haben muss. Beider Schlüsselfigur ist Danielas Vater, der Chef einer Geheimgesellschaft, die Zwangsprostituierte, auch im Kindesalter, ausbeutet und die Freier erpresst. Eine Liste dieser Kunden fällt Guarnaccia in die Hand, und sofort weiß er, dass er, wenn er weiterermittelt, seine Familie nicht mehr lange als Carabiniere ernähren können wird. Er liest Stellenanzeigen, aber der Arbeitsmarkt ist so, wie er für jemanden in seinem Alter eben ist. Mit seiner Frau darüber zu reden schafft er nicht. Zum ersten Mal seit seinem ersten Auftritt (
Tod in Florenz, original 1981) sieht er keinen Ausweg mehr und kündigt. Hier beginnt das Wunder: Capitano Maestrangelo gibt ihm die Kündigung zurück, der Freier- und Kinderschänderring fliegt in die Luft, Paoletti stirbt.
Zwischendurch begegnet der Leser Guarnaccia in seiner Kleine-Leute-Welt, in seiner Familie und in seinem Viertel, wo er den Alten, Schwachen und Wirren bei überschaubaren Problemen hilft. Das schildert Nabb mit Wärme und Witz, mit lebendigen Dialogen und unter Verzicht auf jedes überflüssige Wort wie eh und je. Wenn Guarnaccia nach
Vita Nuova noch das Zentrum eines fünfzehnten Romans gebildet hätte, wie wäre das gegangen? Hätte seine Erfinderin ihm gegen Italien, wie es heute ist, noch ein zweites Wunder geschenkt, hätte das künstlerisch noch einmal getragen? Oder hätte sie ihm einen Fall gegeben, für den er nicht über sein Viertel hinausschauen hätte müssen, und wäre dabei trotzdem in keine Beschaulichkeitsfalle getappt? Wir werden es nicht erfahren, denn Magdalen Nabb, die 1947 in einem Dorf in Lancashire geboren wurde und seit 1975 in Florenz lebte, ist letztes Jahr einem Gehirnschlag erlegen. Von ihr kann man lernen, wie gut Krimis sein können.
(erschienen in
Kommune 4/2008)
Bruno Morchio:
Wölfe in Genua.
Roman.
Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler
Zürich, Unionsverlag 2008.
283 S., 16.90 Euro
Christine Calissano:
Sprung ins Dunkel.
Roman
Aus dem Italienischen von Katharina Schmidt
Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag 2008.
232 S., 9.95 Euro
Magdalen Nabb:
Vita Nuova.
Guarnaccias vierzehnter Fall
Roman.
Aus dem Englischen von Ulla Kösters
Zürich, Diogenes Verlag 2008.
322 S., 19.90 Euro
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