Die Alligatorpapiere


Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:

Untaten & Orte
6/07


Die Krimikolumne
von Michael Schweizer


Geschichte in Krimis

Vier Arten, mit Vergangenem umzugehen



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1527 verlangt Herzog Heinrich der Jüngere von Braunschweig-Wolfenbüttel die Bergwerke zurück, die er Goslar verpfändet hat. Die freie Reichsstadt will die wertvoll gewordenen Blei- und Silbererzgruben, von denen einige Ratsleute direkt profitierten, aber behalten. Beide Seiten arbeiten mit gefälschten Dokumenten und mit Gewalt. Vor diesem geschichtlichen Hintergrund entfaltet Tom Wolf, Jahrgang 1964, mit einigen verbürgten und vielen erfundenen Figuren seinen Roman Die Bestie im Turm. Es geht darin um eine Mordserie, deren Urheber vielleicht verrückt, aber alles andere als beliebig agiert.
Gegen den historischen Roman lässt sich, wenn er nicht gerade von Thomas Mann stammt, dreierlei vorbringen. Erstens ist seine Geschichtsschilderung in der Regel nicht seriös. Dagegen arbeitet Tom Wolf mit einer Fülle von aus Quellen belegbaren Details an, von denen er viele nicht bloß abschreiben konnte, sondern verstehen und deuten musste. Zweitens drängt der historische Roman einer anderen Zeit unsere Sorgen auf, seine Figuren sind viel zu heutig. Wolf dagegen zeigt bei jeder Gelegenheit, worin uns die Leute aus dem 16. Jahrhundert fremd sind. Drittens werden historische Romane meist bieder heruntererzählt. Nun ja, Wolf beschäftigt einen konventionellen allwissenden Erzähler, mehr nicht, das aber ohne Fehler. Wer sich auf die Gattung einlassen will, findet hier ein überdurchschnittliches Exemplar. Erstaunlicherweise hat der Verlag eine ganze Reihe von Hansekrimis in die Welt gesetzt, die in Einbeck, Hildesheim, Osnabrück und so weiter spielen. Wenn das gut geht, dann liegen zwischen dem, was wirklich gelesen wird, und dem, worüber sich die Feuilletons blähen, Welten. Prinzipiell wäre das eine erfreuliche Nachricht.

stalmann-Viktors-Liebe.jpg In einem historischen Roman müssen per definitionem keine Menschen vorkommen, die wirklich gelebt haben. Schwer zu sagen, worin er sich dann von einem nicht historischen Roman, dessen Autor aber die Zeit, von der er erzählt, auch gut kennt, überhaupt unterscheidet. Nehmen wir mal an, Viktors Liebe von Franziska Stalmann sei deshalb kein historischer Roman, weil uns die DDR, anders als das 16. Jahrhundert, nicht grundsätzlich erklärt werden muss, sondern nur im Detail. Wir wissen über sie vieles nicht, aber wenn wir es gesagt bekommen, verstehen wir es sofort.
Viktors Liebe beginnt in einer süddeutschen Stadt. Ins Detektivbüro von Anna Wolf, der Ich-Erzählerin des Romans, kommt der alte Svoboda, dessen Frau verschwunden ist. Wolf lehnt den Suchauftrag ab und nimmt ihn doch an, nachdem der Mann einen Selbstmordversuch begangen hat. Sie fährt in das Ostseestädtchen Gradow, wo die Verstorbene zu DDR-Zeiten gelebt hat. Die meisten Einheimischen schweigen und mobben, trotzdem findet Wolf schnell heraus, dass Svobodas Frau, auch sie heißt Anna, mit der Stasi zu tun hatte.
Die 1951 geborene Franziska Stalmann erzählt ihren Roman als Seelengeschichte. Viktor Svoboda ist so monogam wie nur möglich, seine Anna hat dagegen drei Männer im Vollsinn des Wortes geliebt, und zwar gleichzeitig. In Gradow verliebt sich auch Anna Wolf, obwohl sie zu Hause schon glücklich ist. Das Motiv der Vaterlosigkeit verteilt sich ebenfalls auf mehrere Personen: Insgesamt vier Kinder sind ohne Vater oder mit einem falschen aufgewachsen oder hätten ihn beinahe durch Trennung der Eltern verloren. Franziska Stalmann beherrscht die Kunst des Weglassens, der abrupten Übergänge und des beiläufigen Nachtrags von Entscheidendem, so dass die äußere Handlung, das Wer-war-es? und das Schlägt-er-nochmals-zu?, durchaus spannend gerät. Aber am wichtigsten ist der Autorin, was in den Herzen geschieht.

clark-Versteck-dich-wenn-du-kannst.jpgEiner der Geschichtsorte in Mary Jane Clarks Versteck dich, wenn du kannst ist ein Tunnel, durch den Sklaven in die Freiheit entkommen sind. Von dieser und ein paar anderen Kulissen abgesehen, spielt das Buch in der Zeit seines Erscheinens (Original 2004), und zwar in Newport, einem Ferien- und Badeort im amerikanischen Bundesstaat Rhode Island. Die Sklaverei ist noch zu sehr im allgemeinen Bewusstsein, als dass der Tunnel etwas Geheimnisvolles wäre. Weniger aus historischen als aus praktisch-materiellen Gründen eignet er sich für einen Gegenwartskrimi: In ihm werden die Überreste einer Frau gefunden, die vor 14 Jahren verschwunden ist.
Ein Großteil des Romans wird aus der Sicht der Fernsehpraktikantin Grace Callahan erzählt. Sie ist geschieden, hat eine Tochter und fühlt sich unsicher, weil die anderen Praktikanten, mit denen sie um eine einzige feste Stelle konkurriert, wesentlich jünger sind. Eigentlich möchte sie nur zeigen, dass sie eine gute Repoterin werden kann. Dabei klärt sie den alten Mord auf und zwei neue.
Vieles an diesem Thriller wirkt oberflächlich. In Franziska Stalmanns Buch geht es um Seelengründe; Mary Jane Clark dagegen erlaubt sich den simpelsten aller Krimitricks: Sie lässt den Mörder immer wieder auftreten, nennt aber, wenn er mordet, seinen Namen nicht. Beflissen systematisch macht sie vor der Auflösung sechs andere Leute mordverdächtig. Die einzelnen Akteure sind nicht, sagen wir: abendländisch tief in Schein und Sein gespalten, sondern sie sind, wie sie auftreten, konkurrieren unverhüllt und daten nach festen Regeln.
Aber diese, sagen wir: amerikanische Oberflächlichkeit hat auch ihr Gutes. Zum Beispiel gibt es, anders als an der Ostsee, kein kollektives Schweigen gegen Ortsfremde, weil es eigentlich keine Einheimischen gibt: Jeder zieht dorthin, wo er seine Ziele erreichen zu können glaubt, und bei Bedarf leicht wieder weg. Man weiß, was man will, rechnet nicht mit Hilfe und kann alles schaffen. Gerade in dem, was Mary Jane Clark nicht erklärt, weil es ihr selbstverständlich ist, ist ihr Buch ein interesssantes Dokument.

camilleri-Der-Maertyrer-im-schwarzen-Hemd.jpgWenn "historischer Roman" kein präziser Begriff ist, sondern eine ungenau abwertende Qualitätsangabe, dann hat Andrea Camilleri noch nie einen veröffentlicht. Dafür schreibt er viel zu gut. Dennoch befasst sich Der Märtyrer im schwarzen Hemd (2005) mit vergangener Wirklichkeit. So teilt sich der 1925 geborene Altmeister ja sein Material ein: Commissario Salvo Montalbano ermittelt in der Gegenwart, die Romane ohne ihn spielen früher.
Historische Bezugsperson des 2005 erschienenen Romans ist Gigino Gattuso, der so genannte einzige sizilianische faschistische Märtyrer. Er wurde 1921, also im Jahr, bevor Mussolini Regierungschef wurde, angeblich von einem Kommunisten erschossen; in Wahrheit traf ihn ein anderer Faschist, der den Kommunisten treffen wollte.
Um diesen Fall herum lässt Camilleri sein sizilianisches Panorama erblühen, das man immer wieder sehen möchte. Es erwächst aus Geilheit, Komik, Drastik und Phantasie. Zum Beispiel ist Präfekt Aurelio Caccamo, dessen Tatkraft in den Ermittlungen dringend gebraucht würde, indisponiert, weil er einen anonymen Brief bekommen hat: »Deine Frau treibt es mit dem Polizeipräsidenten.« Die Verteidiger des Kommunisten setzen auf das fast unnatürlich gute Gehör einer achtzigjährigen Blinden. Kollektiv geschwiegen wird gegen die Obrigkeit: »Ich, ich weiß gar nichts.«
Camilleri verwendet keine plumpen Tricks. Er erzählt auch keinen Roman von vorne nach hinten in einem Ton durch. Vielmehr montiert er Behördentelegramme mit Zeitungsartikeln, ciceronianische Richterrhetorik mit Männerworten (»Wieso lässt du nicht gleich auch noch die Pflaume deiner Schwester bewachen?, dachte der Präfekt«), Sizilianisch mit Italienisch und Dialoge mit »Fokussieren«, wobei er eine Schläger- und Schießerei detailliert als Standbild der entscheidenden Sekunde eines Films beschreibt. Man hat viel Freude mit ihm. (erschienen in Kommune 6/2007)

wolf-Die-Bestie-im-Turm.jpg Tom Wolf:
Die Bestie im Turm.
Ein Hansekrimi

Hamburg, Die Hanse/Europäische Verlagsanstalt 2007.
247 S., 9.90 Euro

stalmann-Viktors-Liebe.jpg Franziska Stalmann:
Viktors Liebe.
Kriminalroman

München , Piper Verlag 2007.
239 S., 7.95 Euro

Versteck-dich-wenn-du-kannst.jpg Mary Jane Clark:
Versteck dich, wenn du kannst.
Thriller

Aus dem Amerikanischen von Christine Strüh
Frankfurt am Main , Fischer Taschenbuch Verlag 2006.
313 S., 8.95 Euro

camilleri-Der-Maertyrer-im-schwarzen-Hemd.jpg Andrea Camilleri:
Der Märtyrer im schwarzen Hemd.
Roman

Aus dem Sizilianischen und Italienischen von Moshe Kahn
München, Piper Verlag 2007.
260 S., 18.00 Euro

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Untaten & Orte
Eine Kolumne von Michael Schweizer

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Seit Jahren veröffentlicht Michael Schweizer in der Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" seine Krimikolumne "Untaten & Orte". Es gibt nicht viele Kolumnen zur Kriminalliteratur, die so fundiert sind wie diese und wir danken Michael Schweizer und der Zeitschrift "Kommune" für die Genehmigung, diese wichtigen Beiträge bei den Alligatorpapieren veröffentlichen und archivieren zu dürfen. Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur


Michael Schweizer, geboren 1960, Staatsexamen in Germanistik und Geschichte, Promotion über Wolf von Niebelschütz im Nationalsozialismus. Textchef bei einer Fachzeitung, literaturkritische und andere Beiträge unter anderem in der Berliner Zeitung, taz, Freitag und Kommune. Mitarbeiter des Internet-Feuilletons Perlentaucher,
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