Die Alligatorpapiere


Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:

Untaten & Orte

Die Krimikolumne
von Michael Schweizer


Carabinieri und ein Anwalt

Italien: Ein Land wird modern


Der Industrielle Carlo, glücklicher Familienvater, aber auch sonst den Frauen zugetan, verunglückt bei Glatteis mit dem Auto. Warum ist er nicht an der Straße geblieben, sondern hat sich über ein verschneites Feld geschleppt, so dass er erst gefunden worden ist, als er schon tot war? Gigi Arnaudi, Maresciallo der Carabinieri, denkt sich in den Verletzten hinein, bis er weiß, wo er suchen muss. Auf einem zugeforenen Abflusskanal findet er eine Brieftasche, darin das Bild einer G. mit Liebeswidmung. Carlo glaubte, sterben zu müssen, und wollte nicht, dass seine Frau und seine Kinder erfahren würden, dass er noch eine andere Frau geliebt hat. Das Eis hat ihn daran gehindert, das Bild zu versenken. Aber der Maresciallo hat ihn verstanden. Er steckt Das Andenken ein und schweigt.

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Mario Soldati (1906 - 1999) hat auch die anderen sieben Fälle des Maresciallo, die Wagenbachs gewohnt hübsches Salto-Bändchen versammelt, so konstruiert: Der Maresciallo erinnert sich an Berufliches, der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller namens Mario, hört zu und fragt selten dazwischen. In der Regel sitzen die Freunde bei schwerem, köstlichem Essen ("in Öl eingelegte Leber im Schweinenetz mit Pfefferkörnern und Lorbeerbättern"). Der Maresciallo trägt keine Rätselkrimis vor: Meistens überführt er den einzigen Verdächtigen leicht. Er versteht die Seelen derer, denen er nachspüren muss, und oft verhaftet er sie ungern, weil er weiß, dass ihn nur ein paar Zufälle von ihrem Schicksal trennen.
Die Sprache des Maresciallo ist vom Landleben in der Po-Ebene geprägt ("schlief ich noch immer wie ein Dachs") und von seinen Protokollen ("Ich habe ihren Verlauf noch nicht in Augenschein genommen"). Soldati ließ ihn altmodisch dienstlich reden, um ein Pflichtbewusstsein wiederzugeben, das ihm 1963, als er mit den Maresciallo-Geschichten begann, schon ungewöhnlich schien. Danach sind die Texte selbst gealtert: Die für Soldati neue Zeit ab ungefähr 1945, von der die Erzählungen handeln, wirkt auf den heutigen Leser versunken und dadurch historisch interessant. Zu vielen Dörfern führen nur Feldwege. Die meisten Menschen arbeiten viel und verdienen wenig. Was heute eine läppische Affäre wäre, bedeutet damals, "dass ein gutes Mädchen notgedrungen schlecht enden muss". Aber diese ländliche Welt hat auch Eigenschaften, um deren Verlust es schade ist. Die Menschen brauchten keine Selbstverwirklichung. Die Gefühle waren meist praktisch und manchmal naiv heftig. Die Wurst kam aus der Nähe und schmeckte unglaublich gut.


falco-lama-Tod-im-GlaushausAuf andere Art nimmt auch Tod im Glashaus (original 1999), der zweite Maresciallo-Bagnasco-Krimi der Herzchirurgin Diana Lama und des Anwalts Vincenzo de Falco, den Leser mit auf eine Zeitreise. Der merkt das allerdings nicht gleich, zumindest nicht, wenn er, weil nirgendwo etwas Gegenteiliges steht, glaubt, der Roman befasse sich mit der Zeit, in der er erschienen ist. Materiell könnte das ohne weiteres sein, nur die Atmosphäre zwischen Frauen und Männern, Eltern und Kindern wirkt seltsam: Sie ist unfreier, weniger intim, aber auch weniger hysterisch als heute. Die Geschlechter wissen wenig übereinander, die Generationen auch. Junge Frauen verlieben sich in ältere Männer, die sie versorgen könnten; erleichternd wirkt hier, dass man mit Mitte 30 schon ziemlich alt ist. Jungfräulichkeit ist noch ein Thema. Man glaubt, das Autorenpaar habe kurios an seiner Gegenwart vorbeigeschrieben, bis man auf Seite 216 erfährt, dass die Geschichte 1967 spielt.
Das wirft allerdings neue Fragen auf. Ein Jahr vor 1968 gab es in Unternehmen wie Fiat, Pirelli und Olivetti harte Arbeitskämpfe, teilweise an den Gewerkschaften vorbei. Studenten besetzten Universitäten. Nichts davon wird in Tod im Glashaus auch nur angedeutet. Das Leben in der venetischen Kleinstadt Carpinate ähnelt viel mehr der Nachkriegszeit, wie sie Mario Soldati beschreibt, als dem, was man mit 1968 verbindet. Sind Lama und de Falco geschichtsvergessen? Oder gehen sie mit Recht davon aus, dass die Unruhen für die meisten Italiener keine Rolle spielten und der Alltag noch weitgehend so war wie zwanzig Jahre zuvor? Immerhin gab es 1971 in ganz Italien erst 800 Industriebetriebe mit mehr als 500 Beschäftigten.
Die Machart von Tod im Glashaus ist jedenfalls noch älter. Das Buch ist ein Rätselkrimi der Agatha-Christie-Art. Anna, die 25-jährige Tochter des reichen Schrifstellers Vittorio Dell' Orto aus erster Ehe, wird ermordet, wenig später auch seine Haushälterin und eine Freundin Annas. Dell'Ortos zweite Frau Marcella begeht einen Selbstmordversuch. Der Leser weiß mehr als Maresciallo Bagnasco, weil er von einigen Akteuren auch die stummen Gedanken kennt. Die entscheidenden Hintergründe werden ihm aber mit schlichten Tricks vorenthalten. In sich ist die Konstruktion stimmig. Gemessen an der Welt außerhalb des Buchs strotzt sie vor Unwahrscheinlichkeit und die Sprache vor Redundanz. Das ist in diesem Genre eben so. Man muss es genießen können oder darf es nicht lesen.
Anna hatte Carpinate verlassen und war in Padua, "der Stadt", mit der Verkäuferin Flavia Trevisan zusammengezogen. Das war ein noch nicht zeittypischer Bruch mit der Familie und mit den Lebensformen, die de Falco und Lama wie auch Mario Soldati dokumentieren.

Carofiglio-Reise-in-die-nachtGianrico Carofiglios Reise in die Nacht ist im Original 2002 erschienen und spielt nicht oder nur wenig früher. Italien ist modern geworden. Unter anderem zeigt sich das in den Geschlechterverhältnissen. Auch die Süditaliener aus Bari sind jetzt ganz normale westeuropäische Großstädter. Wenn zwei miteinander eine Krise haben, spaziert jeder für sich, nie ohne Handy, am Meer entlang. Bald findet er jemand Neues, mit dem er ausgehen kann. Viele ertragen diese Freiheit nur mit Alkohol oder anderen Muntermachern. Manchen gelingt aber ein selbstbestimmtes Glück, das es fünfzig Jahre vorher, auf dem ständisch vorsortierten Heiratsmarkt, kaum gegeben hat.
Neue Probleme schafft die Globalisierung. Der Senegalese Abdou Thiam verkauft am Strand Imitationen von Markenartikeln, aber auch legale Ware. Eines Tages wird er verhaftet, weil er einen Neunjährigen, mit dem er sich angefreundet hatte, umgebracht haben soll. Carabinieri, Staatsanwalt und ein ausländerfeindlicher Zeuge haben ein Netz aus vorgeblichen Indizien gegen ihn geknüpft. Sein Anwalt Guido Guerrieri, frisch geschieden und auch beruflich frustriert, will ihm zunächst zu einem Schnellverfahren raten, nach dem er so gut wie sicher ins Gefängnis müsste, aber nicht lebenslänglich. Dann entdeckt Guerrieri den Anstand wieder. Fast ohne Aussicht auf Honorar geht er mit Thiam in das viel arbeitsaufwändigere Schwurgerichtsverfahren. Dort droht lebenslänglich, doch es gibt eine kleine Chance auf Freispruch. Guerrieri weiß nun, dass er für eine gerechte Sache kämpft.
Verschiedenes lässt sich gegen Carofiglios Roman einwenden. Das Buch des Richters aus Bari ist genau die Art Konfektionsprodukt, die eine Maschine wie Random House zum Bestseller machen kann: die Hauptfigur so schlecht, dass sie glaubwürdig, und so gut, dass sie liebenswert ist bei wachsender Tendenz zu Letzterem; die These - verurteilt werden darf nur, wer zweifelsfrei schuldig ist - so schlicht und politisch so korrekt, dass jeder Simpel stolz darauf ist, wenn er sie teilt; dem Durchbruch des Rechts gleichgeschaltet der Durchbruch der Liebe.
Aber überraschend viel spricht doch dafür, dieses Buch zu lesen. Es ist informativ und für Stapelware erstaunlich schlank geschrieben: keine überflüssigen Erklärungen, keine Redundanzen, der Leser muss mitdenken. Kurz vor Schluss plädiert Guerrieri 19 Seiten lang über das, was im Rechtsstaat selbstverständlich sein sollte. Man hätte ihm noch länger zuhören können.


(erschienen in Kommune 6/2006)

soldati-Die-Faelle-des-Maresciallo.jpg Mario Soldati:
Die Fälle des Maresciallo.
Aus dem Italienischen von Catherine Rückert.


Berlin, Verlag Klaus Wagenbach 2006.
115 S., 13.90 Euro

falco-lama-Tod-im-Glaushaus.jpg Vincenzo de Falco / Diana Lama:
Tod im Glashaus.
Aus dem Italienischen von Gabriela Schönberger


Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag 2006.
253S., 8.95 Euro

Carofiglio-Reise-in-die-nacht Gianrico Carofiglio:
Reise in die Nacht.
Deutsch von Claudia Schmitt


München, Goldmann Verlag 2006.
286 S., 19.95 Euro

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Untaten & Orte
Eine Kolumne von Michael Schweizer

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Seit Jahren veröffentlicht Michael Schweizer in der Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" seine Krimikolumne "Untaten & Orte". Es gibt nicht viele Kolumnen zur Kriminalliteratur, die so fundiert sind wie diese und wir danken Michael Schweizer und der Zeitschrift "Kommune" für die Genehmigung, diese wichtigen Beiträge bei den Alligatorpapieren veröffentlichen und archivieren zu dürfen. Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur


Michael Schweizer, geboren 1960, Staatsexamen in Germanistik und Geschichte, Promotion über Wolf von Niebelschütz im Nationalsozialismus. Textchef bei einer Fachzeitung, literaturkritische und andere Beiträge unter anderem in der Berliner Zeitung, taz, Freitag und Kommune. Mitarbeiter des Internet-Feuilletons Perlentaucher,
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