Die Alligatorpapiere


Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:

Untaten & Orte
6/09


Die Krimikolumne
von Michael Schweizer


Unausweichliche Themen

Wie anders man über das Gleiche schreiben kann



Wolf Haas würde sagen: Heuhaufen Hilfsausdruck. So viele Krimis, so viel Mist. Doch manchmal ist es anders. Dann springen einem die neuen Bücher von Haas, Dieter Paul Rudolph und Christine Lehmann entgegen, beglücken wie erwartet - und überraschen. Einige Fragen, Verhältnisse, Probleme sind nämlich in allen drei Romanen zentral, so unterschiedlich sie auch gedacht und geschrieben sind. Offenbar kommt man auf einem gewissen literarischen Niveau an bestimmten Themen nicht vorbei. Sie stellen sich von selbst ein.

haas-Der-Brenner-und-der-liebe-Gott.jpg
Eines davon sind Kinder. In Wolf Haas' Der Brenner und der liebe Gott wird Simon Brenner, mittlerweile nicht mehr Detektiv, sondern Chauffeur in Wien, aus dem Auto heraus die kleine Helena entführt. Ihre Mutter betreibt eine Abtreibungsklinik, ihr vermeintlicher Vater ist Baulöwe. Die schöne Südtirolerin Monika, die Brenner auf der Suche nach Helena kennen lernt, glaubt, mit den Männern abgeschlossen zu haben. Dem Abtreibungsgegner Knoll mit seinen "Rosenkranzrowdys" ist im Kampf gegen die Klinik fast jedes Mittel recht. Für all diese Menschen ist das Kinderthema explosiv, so sehr, dass wenige Tage nach Helenas Verschwinden sieben Beerdigungen angesetzt werden müssen.
Das liegt aber auch an der "Wirtschaftsuniversität des Lebens". Ins Allgemeine gebracht, könnte die Kapitalismus- und Herrschaftskritik der Brenner-Romane so lauten: Die Reichen tun alles, um reicher zu werden, die Armen auch. Als die Baumafia Brenner beinahe in einer Sickergrube ertränkt, begegnet er dem lieben Gott. Wieder allgemein gesagt: Unter ihresgleichen finden die Leute nicht genug Trost.
Dieses Menschenbild ist nicht lustig, liest sich aber so, weil Wolf Haas, Jahrgang 1960, in seinem siebten Brenner-Roman sprachlich auf der Höhe der ersten sechs ist. Der Erzähler, der den Schluss von Das ewige Leben (2003) nun doch überlebt hat, weiß wieder alles über Brenner, während er über die Gedanken und Gefühle der anderen Akteure nur spekuliert, das aber ausführlich. Manchmal bringt er die Dinge entheuchelnd auf den Punkt ("Viele Kinder machen jeden Menschen nervös, sogar ohne Entführung"), manchmal konterkariert er solche Wahrheiten mit Zeitgeistmüll ("Jetzt musst du wissen, Krise immer Chance!"). Was scheinbar nicht zusammengehört, tut es zur Schadenfreude des Lesers eben doch: "Genauso, wie man oft im Alter die Dinge verklärt, und war gar nicht alles so schlecht, im Krieg hab ich Skandinavien gesehen, in der großen Liebe mehrmals den Ikea besucht".

Rudolph_Arme-Leute.jpgDieter Paul Rudolph, geboren 1955, hat sich für Arme Leute ebenfalls eine ungewöhnliche Erzählkonstruktion einfallen lassen. Hintereinander kommen drei Icherzähler zu Wort: Klaus Pirrmayer, seine Geliebte Gelika und Edgar, den alle für debil halten. Die Krimikonvention, dass der Icherzähler überlebt, falls sich nicht auf den letzten Seiten ein Epilog oder etwas Ähnliches findet, ist durchbrochen, als Gelika das Wort ergreift. Der Leser muss auch um sie Angst haben, weil sie wie Pirrmayer in dieser Konstruktion nicht gebraucht wird, um den Roman zu Ende zu bringen. Das steigert die Spannung und ermöglicht überraschende Wenden: Jeder Erzähler weiß mehr als sein/e Vorgänger.
Pirrmayer war drei Jahre im Gefängnis. Nicht weil seine Frau Cordula erschlagen wurde, er hatte ein Alibi. Aber ein paar Wochen später hat er einem Maler ein Ohr abgeschnitten. Außer ihm selbst weiß keiner, warum. Irgendwie hat es mit der Honoratiorenbande zu tun, die aus touristischen Gründen eine Reichsgräfin in das saarländische Städtchen umgebettet hat (Vorbild ist Marianne von der Leyen, 1804 in Heusenstamm bestattet und seit 1981 wieder in Blieskastel), außerdem mit dem Tod der Schülerin Leslie Hofer durch Autounfall oder Mord.
Cordula und Pirrmayer haben sich geliebt. Wirtschaftlich war er eine Mesalliance, das hat ihnen nichts gemacht, den Geldsäcken aus Cordulas Milieu aber schon. Als er sich als zeugungsunfähig herausgestellt hat, hat sie gelitten. Ihre Freundschaft mit Gelika, die wie Klaus von unten kommt, dort aber geblieben ist und drei Kinder von drei Versagern hat, ist zerbrochen. Wenn sie je eine war.
In der Substanz fällt die Wirtschafts- und Herrschaftskritik, die Analyse der undemokratischen Geldmacht, in Arme Leute ähnlich aus wie im neuen Brenner-Roman. Atmosphärisch ist sie düsterer. Der Abschweifungshumor von Wolf Haas' Erzähler, sein gekonntes Changieren zwischen Scharfsinn und Geschwätz, hat etwas Versöhnliches. Dafür fehlt Rudolphs drei Ich-Erzählern der schützende Abstand, aus dem der nur als Zuschauer beteiligte Brenner-Erzähler spricht. Man spielt ihnen zu übel mit, als dass sie Humor entfalten könnten; ihre Komik speist sich aus eloqentem Sarkasmus. Da sie fast immer recht haben, entsteht ein Trommelfeuer aus bezwingend harten Sätzen. In der Schule war er "das Ding in der letzten Reihe neben den weiteren Dingen in der letzten Reihe", sagt Edgar; die Oberschichtjungs hätten sie "weitergereicht (...) wie einen Wanderpokal", sagt Gelika.


lehmann-Mit-Teufelsgwalt.jpg "Doch was in drei Gottes Namen trieb die Frauen auch, sieben-, acht- oder neunmal zu werfen?", fragt sich Lisa Nerz. Die Stuttgarter Journalistin und Gelegenheitsdetektivin wollte niemals Kinder. In Mit Teufelsg'walt, Christine Lehmanns achtem Lisa-Nerz-Roman, holt das Thema sie aber ein. Zunächst einmal beruflich: In der Wohnung über ihr versuchen drei Damen vom Jugendamt morgens um sechs, den kleinen Tobias mitzunehmen. Die zuständige Richterin Sonja Depper stirbt wenig später eines unklaren Todes.
Lisa Nerz ermittelt und bringt sich in Gefahr. Bald bedrängt sie das Kinderthema auch privat. Oberstaatsanwalt Richard Weber, Lisas Lebensgefährte, nimmt ein Säuglingsmädchen zu sich, das bei der toten Richterin gefunden wurde. Gerade hat der brillant rationale Rechtsstaatler noch über das "Gebär-Ranking der Weiber" gewettert, nun scheint sich ihm ein Mutterschaftstraum zu erfüllen - "so vergnügt und entspannt", so "einig mit sich und der Welt" hat Lisa ihn noch selten gesehen. Das mag damit zusammenhängen, dass er früher eine Frau war, wie Christine-Lehmann-Leser seit Training mit dem Tod (1998, überarbeitet 2006 als Gaisburger Schlachthof) wissen. Jedenfalls fragt sich Lisa nun, ob die nicht recht haben, die ihre Unabhängigkeit als Egoismus deuten. Am Ende wissen Lisa und Richard besser als vorher, was sie aneinander haben. Und auch Lisas Freundin Sally ist "wieder gut" mit ihr: "Mir schwindelte vor Glück."
Die Südtirolerin (Wolf Haas), Klaus Pirrmayer (Dieter Paul Rudolph) und Lisa haben so viel geerbt, dass sie nicht mehr arbeiten müss(t)en. Ihre Herrschaftskritik ist nicht vom Erwerbsopportunismus korrumpiert. Icherzählerin Lisa hat einen scharfen Blick für männliches Dominanzgetue buettner-lehmann-von-arsen-bis-zielfahndung ("Die beiden leitenden Beamten drückten sich rüde die Hände") wie auch für den Terror, den Frauen mit ihrem "Gefühlsscheiß" ausüben. Auch das ist nicht lustig, aber so, wie es Lisa sagt, oft sehr komisch.
Christine Lehmann, Jahrgang 1958, hat wie immer ausgezeichnet recherchiert, zum Beispiel dass Jugendämter auch bei vorsätzlich verantwortungslosem Verhalten nicht haftbar gemacht werden können und es gegen ihre Maßnahmen keine Rechtsmittel gibt. Im Zusammenhang einschlägiger Skandale hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Bundesrepublik schon mehrmals verurteilt. Aber nicht alles ist so finster. Das Wissen des Lesers erweitert sich auch um verbreitete Statistikfehler und um Worte wie "Rundumkennleuchten"- das sind die Blaulichter auf den Wannen. Lehmanns und Manfred Büttners Handbuch Von Arsen bis Zielfahndung könnte die Resttoleranz zerstören, die geplagte Leser gegen die Faktenschlamperei vieler Krimis noch aufbringen.


(erschienen in Kommune 6/2009)

haas-Der-Brenner-und-der-liebe-Gott.jpg Wolf Haas:
Der Brenner und der liebe Gott.
Roman.

Hamburg, Hoffmann und Campe Verlag 2009.
224 S., 18.99 Euro

Rudolph_Arme-Leute.jpg Dieter Paul Rudolph:
Arme Leute.

Saarbrücken, Conte Verlag 2009.
205 S., 12.90 Euro

lehmann-Mit-Teufelsgwalt.jpg Christine Lehmann:
Mit Teufelsg'walt.

Hamburg, Ariadne Krimi, Argument Verlag 2009.
285 S., 11.00 Euro

buettner-lehmann-von-arsen-bis-zielfahndung Manfred Büttner, Christine Lehmann:
Von Arsen bis Zielfahndung.
Das aktuelle Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige.

Hamburg, Ariadne Krimi, Argument Verlag 2009.
240 S., 16.90 Euro

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Eine Kolumne von Michael Schweizer

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Seit Jahren veröffentlicht Michael Schweizer in der Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" seine Krimikolumne "Untaten & Orte". Es gibt nicht viele Kolumnen zur Kriminalliteratur, die so fundiert sind wie diese und wir danken Michael Schweizer und der Zeitschrift "Kommune" für die Genehmigung, diese wichtigen Beiträge bei den Alligatorpapieren veröffentlichen und archivieren zu dürfen. Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur


Michael Schweizer, geboren 1960, Staatsexamen in Germanistik und Geschichte, Promotion über Wolf von Niebelschütz im Nationalsozialismus. Textchef bei einer Fachzeitung, literaturkritische und andere Beiträge unter anderem in der Berliner Zeitung, taz, Freitag und Kommune. Mitarbeiter des Internet-Feuilletons Perlentaucher,
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