Die Alligatorpapiere


Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:

Untaten & Orte
6/08


Die Krimikolumne
von Michael Schweizer


Vermurkste Kinder und ihre Familien

Krimis aus Frankreich, Deutschland und Norwegen



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In ihrer Ferienvilla auf einer kleinen, sonnigen Insel wartet die Familie auf Philip, den missratenen Sohn, Bruder, Schwager und Onkel, der in den USA angeblich endlich sein Examen gemacht hat. Da taucht Boris auf, den niemand kennt, behauptet, mit Philip auf dem Internat gewesen zu sein, und nistet sich ein, indem er fast alle um den Finger wickelt: Philips Schwester Julie, weil sie glaubt, mit ihm spielen zu können; ihre Schwester Vanessa, weil sie geil wird; Vanessas Kinder; Philips Mutter, weil sie in allem, was ihren Sohn betrifft, leicht zu täuschen ist; seinen Vater, weil der vor Selbstbesoffenheit immer gleich weiterredet, statt die Lücken in Boris' Geschichten zu bemerken. Nur André-Pierre schöpft Verdacht, und zwar weil er mürrisch und einzelgängerisch ist und Beruhigungsmittel braucht. Er ist zu grundsätzlich einsam, als dass Philip ihm erfolgreich schmeicheln könnte. Dass er mit Vanessa verheiratet ist, merkt man den beiden nicht an, André-Pierre interessiert sich aber auch nicht für andere Frauen oder Männer. An seine zwei "Kinder" denkt er nur im Plural, der Leser erfährt nicht, ob es Jungen oder Mädchen sind.
Boris steigert systematisch seine infamen Übergriffe. Er weiß die Reichen zu nehmen. Sein Spiel muss aber auffliegen, wenn Philip, falls er noch lebt, zurückkommt. Dann kann Blut fließen, denn ein starkes Gewissen hat in dieser Geschichte niemand. Am Ende fällt ein Schuss.
Einen französischen Kritiker hat Ultraviolett (original 2003), einer von sechs Romanen des 1961 geborenen Serge Joncour, an Romane von Patricia Highsmith erinnert. In der Tat fällt es schwer, beim Lesen nicht an Tom Ripley zu denken. Nähme sich Claude Chabrol des Plots und Milieus an, drehte sich der Film von selbst. Auch Anthony Minghella, Matt Damon, Gwyneth Paltrow und Jude Law waren nicht schlecht (Der talentierte Mr. Ripley, USA 2000). Highsmith müsste allerdings außer Form gewesen sein, um den Roman so geschrieben zu haben. Das Problem sind nicht die Klischees ("unausweichlich gefangen in den Netzen der Verführung"). Joncours entscheidende Schwäche ist vielmehr die Geschwätzigkeit des allwissenden Erzählers. Wenn Boris lügt, erfährt der Leser überflüssigerweise, was er sich dazu denkt; ebenso von den anderen, wenn die auf Boris' Lügen hereinfallen. In einem Roman, der von Doppelbödigkeit, Täuschung und Selbsttäuschung, von der Unverlässlichkeit des Gesprochenen leben könnte, ist das tödlich. Zwischen den Zeilen müsste es vibrieren. Dort herrscht aber bleierne Ruhe, weil schon alles in den Zeilen steht.

moog-lebenslaenglich.jpgLiest man gleich danach Philipp Moogs ersten Roman Lebenslänglich, wirkt der Icherzähler wie eine Erholung: wenigstens nur ein Akteur, dessen Innenleben man sich nicht selbst einfallen lassen kann. Die Perspektive ist gut gewählt für eine Hauptfigur, die sich in ihren Überzeugungen heillos verstrickt. Der junge Münchner Bankangestellte, dessen Name uns verborgen bleibt, weil niemand ihn damit anspricht, glaubt, es sei seine angeborene Fettleibigkeit, die ihn einsam mache. Natürlich stimmt das nicht, Kollegin Marlene zum Beispiel nähme ihn mit Haut und Haaren fürs Leben. Der Mann versteift sich aber auf Daphne und Yvonne, bei denen er tatsächlich keine Chance hat, und bringt deren Liebhaber um, damit er die Witwen trösten kann. Sein Wahnsystem hängt damit zusammen, dass ihn seine Eltern zu selten aus dem Internat geholt haben. Er will zurück zu seinem toten Vater. Das ist traurig: Einer, für den das Glück bereitsteht, schafft sich sein Unglück, bis nichts mehr zu reparieren ist. Und es ist spannend: Ist die Polizei so trottelig, wie sie wirkt? Wird der Mörder eingreifen, falls Marlene verdächtigt wird? Immerhin hat er es zugelassen, dass sie eine Tatwaffe mit in ihre Wohnung nimmt. Oder wird sie, die ihn decken will, den Polizisten irgendwann doch sagen, was sie weiß?
Vielleicht hatte der Schauspieler und Drehbuchautor Philipp Moog, Jahrgang 1961, für Lebenslänglich noch nicht gedrehte Filmbilder vor Augen. Er beherrscht jedenfalls den wirkungsvollen Wechsel zwischen Drastik und Abbruch. Den Anfang eines Mords schildert er zum Beispiel in vielen bedrückenden Details. Dann zeigt er aber von dem Isarstein, der abschließend zur Waffe wird, nur noch "ein halbrundes Loch im Kiesbett, das langsam voll Wasser lief". Der Roman hat zwei Schlüsse, von denen der Bankangestellte mindestens einen phantasiert haben muss. Ist er vom Kirchturm gesprungen ("Ich habe es geschafft, Vati"), oder flieht er mit einem Zug? Und wenn Letzteres, sitzt dann Marlene bei ihm, oder glaubt oder träumt er das nur? Die starken Bilder brauchen keine Eindeutigkeit.
Philipp Moog erreicht den Leser besser als Serge Joncour. Seine Menschen rühren. Ihm gelingen Sätze wie "Heute gehe ich in den Zoo, um mir unsere Gefangenen anzusehen." Leider hält er dieses Niveau nicht durch. Wenn sein Bankangestellter witzig oder sarkastisch sein soll, wirkt der Autor geschraubt - der "gefiederte Wassergenosse (...) auf der Suche nach essbarem Touristenausstoß" ist ein Schwan. Moog verwechselt gleichzeitig und "zeitgleich", neigt zu überflüssigen Adjektiven und zu Unwörtern ("an sich eigentlich", "Palette an Definitionen"). Kann denn niemand mehr Deutsch?

Lindell-Was-als-Spiel-begann.jpgAn dieser Stelle seiner Bemühungen kam dem Rezensenten Unni Lindells Roman Was als Spiel begann (original 2005) schon deshalb recht, weil er von Gabriele Haefs übersetzt worden ist. Was sie aus dem Norwegischen holt, liest man so gerne, als hätte sie es geschrieben. Immer traut man ihr zu, besser zu sein als das Original.
Offenbar ist das aber auch gut. Obwohl Lindell einsteigt wie Henning Mankell: Man sieht den Mörder nach und bei der Tat, weiß aber nicht, wer er ist, weil er, anders als später, immer nur "er" genannt wird. Nachts an einer Osloer U-Bahn-Station ersticht er die 41-jährige Geigerin und Postangestellte Siv Ellen Blad. In Verdacht kommen Siv Ellens Exmann Axel, ferner Miro, der seltsame Sohn von Axels neuer Lebensgefährtin Beth Hvinden, und Remy Steen, ein ebenfalls merkwürdiger junger Mann, der oft bei Siv Ellens Mieterin herumsitzt. Auffällig verhalten sich auch Pavel Pletanek, ein Kollege aus Siv Ellens Orchester, und der ordnungswütige Rentner Otto Wilhelm Hagefeldt. Der Leser weiß lange nur, dass für den Täter eine alte Frau sehr wichtig ist und dass er in seiner Kindheitsfamilie unglücklich war. Hauptkommissar Cato Isaksen weiß noch weniger. Momentweise verdächtigt der Leser sogar ihn, denn auch er ist ein schwieriger Mann, den es hilflos wütend macht, wenn jemand ihm nahekommt.
In Was als Spiel begann ist das Böse eine Krankheit, für die es eine soziale und psychologische Erklärung gibt und die sich hätte vermeiden lassen. Die Hauptfigur unter den Polizisten ist überlastet, hat aber Kollegen, von denen zumindest eine Ermittlerin sich auch gut ums Private kümmert. Viele Menschen sind schlecht gelaunt. Andererseits gibt es wenig Armut. Der Sozialstaat funktioniert, die Polizei behandelt Verdächtige korrekt. Frauen machen in der Polizei und in anderen ehemaligen Männerbünden Karriere.
So ähnlich ist das in vielen skandinavischen Krimis. Die 1957 geborene Unni Lindell gehört vielleicht deshalb zu den besten Vertretern dieses Genres, weil sie sich nicht darauf beschränkt, sondern auch schon Kinder- und Jugendbücher und Gedichte veröffentlicht hat. Sie hat Sinn für Ambivalenzen. Zum Beispiel würde Cato Isaksen ohne seine Frau und seine drei Söhne, deren jüngster von seiner zwischenzeitlichen Geliebten stammt, möglicherweise vor die Hunde gehen; trotzdem ist der älteste Sohn ein Aas, der mittlere schwer zugänglich und der kleine wohl verrückt. Jeder Mensch, von dem Unni Lindell auch die Gedanken erzählt, hat eine andere Welt im Kopf, und die Brücken zwischen diesen Welten wackeln.


(erschienen in Kommune 6/2008)

joncour-Ultraviolett Serge Joncour:
Ultraviolett.
Roman.

Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer-Semlinger
Stuttgart, Klett-Cotta Verlag 2008.
173 S., 17.90 Euro

moog-lebenslaenglich Philipp Moog:
Lebenslänglich.
Roman
Köln, Dumont Buchverlag 2008.
191 S., 17.90 Euro

Lindell-Was-als-Spiel-begann Unni Lindell:
Was als Spiel begann.
Krimi.

Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag 2008.
352 S., 8.95 Euro

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Untaten & Orte
Eine Kolumne von Michael Schweizer

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Seit Jahren veröffentlicht Michael Schweizer in der Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" seine Krimikolumne "Untaten & Orte". Es gibt nicht viele Kolumnen zur Kriminalliteratur, die so fundiert sind wie diese und wir danken Michael Schweizer und der Zeitschrift "Kommune" für die Genehmigung, diese wichtigen Beiträge bei den Alligatorpapieren veröffentlichen und archivieren zu dürfen. Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur


Michael Schweizer, geboren 1960, Staatsexamen in Germanistik und Geschichte, Promotion über Wolf von Niebelschütz im Nationalsozialismus. Textchef bei einer Fachzeitung, literaturkritische und andere Beiträge unter anderem in der Berliner Zeitung, taz, Freitag und Kommune. Mitarbeiter des Internet-Feuilletons Perlentaucher,
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