Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur"
und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:
Untaten & Orte
5/07
Die Krimikolumne
von Michael Schweizer
Zu nahe an Russland und Amerika
Drei finnische Krimis verhandeln die Gewaltfrage

Ulrike Berger aus Österreich, Jorge Oliveira (Portugal) und Lasse Nordman (Finnland) wollen den Zentralserver der Dutch Oil lahmlegen. Die Ölgesellschaft soll auf Wochen hinaus geschäftsunfähig werden und sich unter diesem Druck zu einer menschen- und umweltfreundlicheren Politik entschließen. Zufällig erfahren die drei Aktivisten von einem Verbrechen: Fünf Ölkonzerne lassen Kernfusions-Spezialisten ermorden, damit dem Ölgeschäft keine saubere Konkurrenz erwächst. Als Killer dient ihnen ein verrückter Ire, Sohn eines Monsters von der Wahren IRA, der sich als "Engel des Zorns" für beauftragt hält, Sünder zu bestrafen. Wer die sind, sagt ihm seine Schwester. Das Ölkomplott ist Teil eines größeren Plans, der den USA einen Vorwand verschaffen soll, den Iran anzugreifen. Arto Ratamo von der finnischen Sicherheitspolizei ist angesichts dieser Dimensionen nur eine sympathische Randfigur. Privat hat er es nicht leicht, aber auch nicht so schwer wie viele seiner schwedischen Kollegen.
Nordman, Oliveira und Berger nennt der Roman "Ökoterroristen". Gewalt gegen Menschen lehnen sie aber ab. Davon ausgehend, lädt
Taavi Soininvaaras Finnisches Quartett (original 2004) zu interessanten Fragen ein: Was tun, wenn die Mächtigen Gewalt durchaus nicht ablehnen? Wie soll jemand leben, dem es nicht egal ist, dass die Welt schlecht ist? Ist religiöser Fundamentalismus eine seelische Krankheit? Soininvaara, Jahrgang 1966, bleibt aber unter den Möglichkeiten, die ihm seine Themen bieten.
Zum einen tut er das stilistisch: Die Globalisierungsgegner klingen wie Newsletters ("Wenn die Entwicklungsländer auf dem Gebiet der Energie zu Selbstversorgern würden, könnten die USA sie nicht mehr mit Krediten und ihrer Handelspolitik versklaven" - schon recht, aber ein Roman?). Immerhin kontrastiert der Autor diesen Sound, wenn es nicht direkt um Politik geht, mit Vergleichen im Ton Raymond Chandlers: Ein Physiker war "betrunken wie ein arbeitsloser Bassist".
Zum anderen löst Soininvaara zentrale Konflikte einfacher auf, als es in einem politisch-realistisch gemeinten Roman gut gehen kann. Wie wäre es im wirklichen Leben, wenn der mächtige Hauptschurke sich nicht erschösse? Wenn das FBI nicht gegen kriegstreibende Verschwörer vorginge, die seiner Regierung angehören? Wenn finnische und niederländische Polizisten nicht die Hauptsorge hätten, nur ja niemanden zu töten? Wenn der irische Gottesrächer nicht durch eine Ulrike Berger geheilt würde, sondern irgendwie unschädlich gemacht werden müsste? Man wäre gegen Gewalt, aber fände man sich ehrlich?

Der ehemalige Polizeireporter
Harri Nykänen (Jahrgang 1953) beantwortet in seiner Raid-Serie, zum Beispiel in
Raid und der dicke Mann (1997), die Gewaltfrage spielerisch. Binnen ungefähr zwei Wochen erschießt der finnische Berufsverbrecher Raid neun Menschen. Wieso mag der Leser den Killer und freut sich über seine Erfolge?
Zunächst einmal, weil er sich dem unschönen Gefühl hingibt, dass es nicht die Falschen trifft. Raid tötet drei St. Petersburger Mafiosi im Auftrag anderer St. Petersburger Mafiosi, dann in Notwehr vier Helfer seines Auftraggebers und dann zwei Rechtsextreme. Auf inakzeptable Art hilft er den Schwachen. Einem Starken, der dem Leser nicht leidtut, schießt er die Ohren ab und ist auch sonst so unwirklich geschickt wie James Bond. Gewalt und Tod werden dadurch lustig.
Raid ist, auch das nimmt für ihn ein, ein unbürgerlicher, unrechenhafter Mensch, der seine eigenen Motive oft nicht durchschaut. So akzeptiert er Jobs, von denen er sich besser fernhielte. Er lässt sich als Leibwächter eines Rechtsradikalen engagieren, weil dessen Schwester Helena seine Jugendliebe war. Als der Faschist trotzdem umgebracht worden ist, riskiert Raid aus Auftragstreue sein Leben, indem er nach dem Mörder sucht.
Harri Nykänen erzählt drei Geschichten, die im Lauf des Romans miteinander verwachsen. Gegen die Rechtsradikalen ermittelt Kommissar Rantala von der Sicherheitspolizei. Mit den russischen Banden, die ihre Kriege in Finnland austragen, hat Kommissar Jansson zu tun. Dazu kommt ein Angriff auf das Haus des Außenministers, eine Aktion, die auch in Polizeikreisen Beifall findet: "Als Privatperson bin ich der Meinung, dass Pekkala ein Arschloch ist." Zu Nykänens Stärken gehören Gefühlsgeschichten, zum Beispiel die von Janssons Spitzel Suvela, der ihm nach Jahrzehnten einen Abschiedsbrief schreibt - seine kränkelnde Frau und er wollten nach dem Tod ihres Sohnes auch selbst nicht mehr leben. Um seinem Helfer nicht die Kleinkriminellen-Ehre zu rauben, darf sich Jansson auf der Beerdigung nicht blicken lassen. In diesem Moment hasst er seinen Beruf.
Kommissar Rantala sieht in Finnland "immer noch eine ungewöhnlich stabile Gesellschaft". Die Rechtsextremen sind zu unansehnlich und zu psychopathisch, um größeren Zulauf zu finden, und die Mafiakriege sind russisch. Aber alle Morde im Roman werden von Finnen begangen.
Die Raid-Romane hatten im finnischen Fernsehen großen Erfolg und wurden auch für das Kino verfilmt. Entsprechend das Schlussbild: Raid springt über einen niedrigen Friedhofszaun, steigt in sein Auto, an dem gelbe Blätter kleben, und fährt davon. Helena ist nämlich doch bei ihrem reichen Mann geblieben.

In den dreißiger Jahren wanderten finnische Kommunisten in die Sowjetunion aus, vor allem in den russischen Teil von Karelien, in dem vor den stalinistischen Umsiedlungen viele finnischsprachige Russen lebten. Nicht wenige Nachkommen dieser Emigranten zogen später wieder nach Finnland zurück. Einer von ihnen ist Viktor Kärppä, der Ich-Erzähler von
Matti Rönkäs Roman
Der Grenzgänger (2002). (Wer sich nicht nur für Finnlands Geschichte, sondern auch für die

seines Kriminalromans interessiert, findet dazu drei informative Beiträge in dem Aufsatzband
Fjorde, Elche, Mörder, den
Jost Hindersmann herausgegeben hat).
Kärppä ist Privatdetektiv. Er hat finnische Auftraggeber wie den ältlichen Antiquar Aarne Larsson, dessen Frau, die junge Estin Sirje, verschwunden ist, aber auch russische, die sich mit ihren Anliegen nicht an die Polizei wenden könnten. Auch die estnische Kriminalität hat in Helsinki ihre Netze. Auf der Fähre von Tallinn nach Helsinki werden Autos, Drogen, Waffen, Kunstwerke und Menschen transportiert, die dort nicht sein dürften.
Der Studentin Marja Takala erklärt Kärppä, ohne das Wort zu verwenden, seinen Ehrbegriff: "Ich töte nicht, schlage nicht, und raube nicht, aber wenn ich bei Dingen helfen soll, durch die ein Staat oder ein reicher Mensch ein bisschen weniger einsackt, und wenn ich dadurch meinen Lebensunterhalt verdiene, dann bin ich dabei." Lieber würde er als Ingenieur oder, wie es seiner Ausbildung entspricht, als Trainer oder Sportmediziner arbeiten. Aber in Finnland hat er legal nur eine Chance als Abflussreiniger, und von Russland braucht er nicht zu reden. Seine Treue zum Auftraggeber erinnert an Harri Nykänens Raid: Kärppä sucht noch nach Sirje Larsson, als deren Mann schon nichts mehr davon hätte, wenn er sie finden würde. Als Kärppä merkt, dass er für viel Schlimmeres eingespannt wird, als er gegenüber Marja eingeräumt hat, kommt er mit seiner Privatmoral nicht mehr weiter.
Die finnische Polizei, am prägnantesten vertreten durch die Beamten Korhonen und Parjanne, lässt aus strategischen Gründen Gewalttäter gewähren, gegen die sie einschreiten müsste. Aber alles in allem verteidigt sie die Menschenrechte. Mit wem man dazu wie paktieren darf, wird noch lange eine schwierige Frage sein. Matti Rönkä diskutiert sie auf eindrucksvollem Niveau.
(erschienen in
Kommune 4/2007)
Taavi Soininvaara:
Finnisches Quartett.
Kriminalroman
Aus dem Finnischen von Peter Uhlmann
Berlin, Gustav Kiepenheuer Verlag 2006.
379 S., 19,90 Euro
Harri Nykänen:
Raid und der dicke Mann.
Aus dem Finnischen von Regine Pirschel
Kriminalroman
Aus dem Finnischen von Regine Pirschel
Dortmund, Grafit Verlag 2006.
221 S., 8.50 Euro
Matti Rönkä:
Der Grenzgänger.
Kriminalroman
Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara
Dortmund, Grafit Verlag 2007.
222 S., 17.90 Euro
Jost Hindersmann (Hrsg.):
Fjorde, Elche, Möder.
Der skandinavische Kriminalroman
Wuppertal, Nordpark Verlag 2006.
316 S., 22,00 Euro
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