Die Alligatorpapiere


Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:

Untaten & Orte

Die Krimikolumne
von Michael Schweizer


Psychopathen und eine Frau


Björn Hellbergs Quotenmord präsentiert zwei Psychopathen. Der eine, Sven-Erik Olsson, bringt gleich zu Beginn des Romans die achtzehnjährige Lisette um. Viel später, kurz vor seiner Haftenlassung, interviewt ihn Fanny Cordell in ihrer Talkshow. Er gibt sich geläutert, aber am hellberg-quotenmordEnde der Sendung hält er das Mikrofon zu und flüstert der Moderatorin eine Drohung ins Ohr, die sie sofort ernst nimmt. Thomas Hansson, der andere Verrückte, hat sich am Bildschirm in Fanny verliebt und drängt sich ihr massiv auf. Als sie ihn wegschickt, schlägt seine Werbung in Hass um.
Quotenmord ist kein Meisterwerk. Der Roman enthält nicht wenige Sätze wie diesen: "Der Fall Fanny Cordell würde vermutlich zu einer seit den verhängnisvollen Schüssen auf den Ministerpräsidenten Olof Palme und dem Mord an Außenministerin Anna Lindh nicht mehr dagewesenen Aufbietung aller Kräfte in den schwedischen Medien führen." Auch immanent ist das vorherrschende Stilmittel die Redundanz. Die meisten Hauptfiguren sind seitenlang alleine. In diesen Passagen denken sie Dinge vor sich hin, die der Leser längst kapiert hat. Das geht bis zur unfreiwilligen Komik.
Unter Umständen lässt sich diese Schwäche genießen. Man bleibt bei der Stange, weil man wissen will, wie schlimm es Fanny erwischen wird und wer's war. Da Letzeres aber eigentlich im Voraus klar ist – die Versuche des Autors, reihum noch ein paar andere Akteure verdächtig zu machen, sind unergiebig –, braucht man den Roman nicht ernst zu nehmen. Er lädt zur wohligen Regression ein.
Dazu trägt auch Serienkommissar Sten Wall bei. Erstens durch seine im skandinavischen Krimi unübliche Intaktheit – der Provinzpolizist ist Junggeselle und Gelegenheitszecher, aber es geht ihm gut. Zweitens dadurch, dass er als Kommissar erst auf Seite 198 aktiv wird. Vorher sah man ihn nur bei einem Musikabend in seiner Stammkneipe. Der Roman plätscherte ohne ihn voran. Vier Seiten nach dem zweiten Mord beginnt Wall dann zu amtieren. Er löst den Fall, fast ohne etwas dafür tun zu müssen.
Überraschend gut sind Hellberg die beiden Psychopathen gelungen. Nur sie stören die unterhaltsame Harmlosigkeit. Man traut ihnen alles zu. Nichts kann sie stoppen außer dem Tod oder einer zuverlässig verschlossenen Tür.

Nemirovsky-Jesabel.jpgGladys Eysenach ist keine Psychopathin, aber auch nicht seelisch gesund.
1935 steht die Sechzigjährige vor einem Pariser Gericht, weil sie einen jungen Mann erschossen hat, von dem fast alle glauben, er sei ihr Liebhaber gewesen. Würde sie den Irrtum aufklären, wüsste die Welt, dass sie alt genug ist, um einen Enkel zu haben, und das wäre für sie das Schlimmste.
Ihr Leben hat auf der Macht beruht, Männer anzuziehen und zurückzustoßen. Obwohl es ihr zweimal passiert ist, wollte sie nicht lieben, sondern nur geliebt werden. Das Mittel dazu war ihre glatte Schönheit, deshalb macht das Altern sie panisch. Vor zwanzig Jahren hat sie ihre Tochter zur Abtreibung gedrängt, um nicht als Großmutter dazustehen. Marie-Thérèse hat das Kind ohne Arzt zur Welt gebracht und ist daran gestorben.
Irène Némirovsky, die Verfasserin von Jesabel (1936), wurde 1903 als Tochter eines reichen russischen Bankiers in Kiew geboren und kam während der Oktoberrevolution nach Paris. In den dreißiger Jahren avancierte sie in der Pariser Literaturszene zum Star. 1942 wurde sie als Jüdin verhaftet und starb wenige Wochen später in Auschwitz.
Gladys Eysenachs Drama wirkt zunächst wie ein Nachlass aus der großbürgerlichen Welt, in die die Autorin hineingeboren wurde und in der Frauen nichts Richtiges zu tun hatten. Altmodisch wird der Niedergang der Hauptfigur als ein sittlicher dargestellt – ihr Anwalt spricht vom "furchtbaren Dämon der Sinnlichkeit, der alternden Frauen auflauere und sie in Schuld und Schande treibe". Nein, denkt der Leser, Frauen wie Gladys gibt es nicht mehr, weil es diese Moral nicht mehr gibt.
Im Roman hindert allerdings kein Unterschied des Standes, Alters oder der Nation die anderen Frauen daran, Gladys zu verstehen. Auf ihre Art ähneln ihr alle. Und Irène Némirovsky scheint es nicht für vorübergehend und milieuspezifisch, sondern für eine Konstante gehalten zu haben, dass Frauen geliebt werden wollen, während Männer zu "Macht oder Gold" drängen.
Wenn man Gladys' Lebensweise in heutiger Sprache kommentiert, dann hat man plötzlich doch das Gefühl, dass sie noch unter uns weilt. Vielleicht wäre sie jetzt eine Schickeriaschlampe, die irgendwann anfängt, gegen ihre Falten anzusaufen, bis sie sich umbringt. Der Jugendwahn blüht. Und nach wie vor verhalten viele Frauen und Männer sich marktgemäß, wo der Markt nichts verloren hat.
Aber auch das könnte nur eine Zeiterscheinung sein. Jesabel ist grundsätzlicher. Gladys kommt aus dem 19. Jahrhundert, das auch die Teile der Psychoanalyse hervorgebracht hat, die noch wahr sein werden, wenn sich vieles geändert hat. Die Mutter sieht im Erblühen der Tochter ihren eigenen Verfall. Ihre Rachsucht projiziert sie auf die Nachgeborene: "Wenn ich einen Sohn hätte, hätte er mich mehr geliebt", klagt Gladys. Natürlich, würde Freud sagen.

hochgatterer-die-suesse-des-lebens.jpgDie siebenjährige Katharina spielt mit ihrem Großvater Mensch ärgere dich nicht. Es klingelt, der Großvater geht in die Nacht hinaus und kommt nicht mehr zurück. Katharina findet ihn mit zerstörtem Gesicht im Schnee. Sie spricht kein Wort mehr und behält tagelang eine gelbe und eine blaue Spielfigur in der Hand. Es dauert Wochen, bis sie dem Psychiater Raffael Horn zwei Worte sagt. Sie nennt den Mörder. Kriminalkommissar Ludwig Kovacs und seine tüchtige Truppe hatten ihn noch nicht gefunden.
In Paulus Hochgatterers Roman Die Süße des Lebens treten zwei Psychopathen auf. Der eine lässt sich von Horn Behandlungsbereitschaft und damit Unzurechnungsfähigkeit bescheinigen, bevor er seiner fünfjährigen Tochter die Beine bricht. Die Kleine und seine Frau decken ihn. Den anderen hat sein Vater, ein Gebrauchtwagenhändler, zum Bösen geprügelt. Mit sechzehn kommt er zum ersten Mal ins Gefängnis, nachdem er einem Türken systematisch den Arm gebrochen hat. Polizisten und Wärter sind sich sicher, dass das nur ein kleiner Anfang ist. Die beiden Gestörten werden so weitermachen, bis sie tot sind. Der Mörder des Großvaters dagegen ist kein Psychopath. Er ist traurig, aber gesund.
Hochgatterer, Jahrgang 1961, arbeitet in Wien auch als Kinderpsychiater. Gegen seinen neuen Roman könnte man einwenden, dass ein psychiatrisches und psychoanalytisches Menschenbild auch die Teile prägt, die nicht aus Sicht von Raffael Horn erzählt sind. Zum Beispiel unterscheidet sich die Menschenkenntnis des Psychiaters von der des Kommissars Kovacs nur im Vokabular. So wirkt der Perspektivenwechsel wie vorgetäuscht.
Allerdings findet der Kritiker diese Kritik nicht so wichtig. Die Art, wie der studierte Seelenkundler Hochgatterer die Menschen sieht, bringt dem Buch so viele Vorteile, dass ihr genannter Nachteil nur leicht ins Gewicht fällt. Sehr gut beschreibt der Autor, wie Kovacs und Horn mit ihren Kollegen zusammenwirken. Es sind so viele, dass pro gemeinsame Spurensicherung oder pro Konferenz auf jeden nur wenige Sätze entfallen, und das nicht einmal jedes Mal. Für einprägsame Porträts genügt das aber schon.
Die Süße des Lebens ist ein beglückendes und beunruhigendes Buch. Ersteres, weil es von dem handelt, was sein Titel verspricht: etwa vom Glück, mit der eigenen Frau zu schlafen, von den Freuden der Musik und sogar der Erfüllung in der Arbeit, trotz der üblichen Scherereien, die so lange komisch sind, wie man von ihnen nur lesen muss. Letzteres, weil der Leser erfährt, wie sehr er hassen kann. Er wünscht sich, dass der Beinebrecher und das Gebrauchtwagenhändlersgesindel qualvoll verrecken. In diesem Moment ist er wie sie.



(erschienen in Kommune 5/2006)

munoz-tijuana_blues Björn Hellberg:
Quotenmord.
Aus dem Schwedischen von Astrid Arz


Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag 2006.
269 S., 7,95 Euro

Nemirovsky-Jesabel.jpg Irène Némirovsky:
Jesabel.
Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer


München, Albrecht Knaus Verlag 2006.
221 S., 18.00 Euro

hochgatterer-die-suesse-des-lebens Paulus Hochgatterer:
Die Süße des Lebens.


Wien, Deuticke Verlag 2006.
294 S., 19.90 Euro

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Untaten & Orte
Eine Kolumne von Michael Schweizer

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Seit Jahren veröffentlicht Michael Schweizer in der Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" seine Krimikolumne "Untaten & Orte". Es gibt nicht viele Kolumnen zur Kriminalliteratur, die so fundiert sind wie diese und wir danken Michael Schweizer und der Zeitschrift "Kommune" für die Genehmigung, diese wichtigen Beiträge bei den Alligatorpapieren veröffentlichen und archivieren zu dürfen. Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur


Michael Schweizer, geboren 1960, Staatsexamen in Germanistik und Geschichte, Promotion über Wolf von Niebelschütz im Nationalsozialismus. Textchef bei einer Fachzeitung, literaturkritische und andere Beiträge unter anderem in der Berliner Zeitung, taz, Freitag und Kommune. Mitarbeiter des Internet-Feuilletons Perlentaucher,
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