Die Alligatorpapiere


Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:

Untaten & Orte
5/09


Die Krimikolumne
von Michael Schweizer


Drei gute Bücher - zwei davon schlecht?

Verbrechensromane aus Frankreich



Rein schlechte Romane erkennt man leicht. Rätselhafter sind langweilige gute. Man will sie nicht unerwähnt lassen, weil sie viel besser formuliert und konstruiert sind und ein wichtigeres Thema haben als der Großteil der zeitgenössischen Produktion. Trotzdem muss man sich zwingen, sie zu Ende zu lesen. Hat man herausgefunden, woran das liegt, dann weiß man genauer, was man sich von Literatur wünscht.

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Viele Leser suchen vor allem nach Auskünften über das Leben von heute. Die gibt Paule Constants Das Brautkleid (original 2007). Nicht nur Catherine Sorbier (Cathy), sondern auch ihre Freundin Malou bekommt ein Kind von Cathys Mann Antoine (Tony). Cathy betreibt die Scheidung, kommt dann aber nicht zurecht. Sie lässt zu, dass sich der als Kindesmisshandler vorbestrafte Jeff in ihrem Haus einnistet. Ob sie ihn beauftragt hat, Tony zu töten, oder ob Jeff sie missverstanden hat, ob sie ferner den kleinen Camille-Angelo ertränkt hat, um sich an seinem untreuen Vater zu rächen, oder ob dieser Tod ein Unfall war, bleibt offen.
Erzählt wird das Ganze rückblickend von der Gerichtsverhandlung aus, überwiegend aus der Sicht Cathys, aber oft genug aus anderen Perspektiven, um zu zeigen, wie jedermanns Verständnis der anderen von seinen eigenen Defekten verzerrt ist. Jeder bedient sich der Gedankentrümmer, die ihm der Zeitgeist bereitlegt. Tony sieht sich als erfolgreichen und sportlichen Mann, der gut mit zwei Frauen leben kann. Der Lumpenproletarier Jeff klagt darüber, dass Leute gar nichts haben, "und denen nimmt man auch noch alles fort". Cathy sagt, was Scheidungsfrauen eben sagen, die alle Kinder und das ganze Geld wollen. Nur Lili, die mit einem fürchterlichen Schrotthändler-Vater aufgewachsen ist und jetzt mit Jeff wieder auf einem Schrottplatz lebt, kann andere Menschen treffend einschätzen. Das ist eine schöne Pointe.
All das hat Paule Constant, geboren 1944, gekonnt verdrahtet. Durchaus nachvollziehbar, dass sie den Prix Goncourt gewonnen hat. Warum ermüdet das Buch den Leser trotzdem? Vermutlich, weil ihm die Autorin nichts zu denken übrig lässt. Sie entlarvt zu lückenlos. "Es gab nicht einen Unschuldigen und einen Schuldigen, sondern Unschuld und Schuld verschoben sich je nach Blickwinkel" - das ist ein Thema des Romans und der inhaltliche Grund für seine Konstruktion. Aber warum jemand welchen Blickwinkel einnimmt und was er von dort aus dann sieht, das behandelt Constant als determiniert. Es geht in Das Brautkleid zwingend daraus hervor, was jemand früher, vor allem als Kind, erlebt hat. Indem die Autorin dieses Wissen um einen festen Identitätskern jeder ihrer Figuren für sich in Anspruch nimmt, weicht sie dem Unerklärlichen aus.

claudel-Brodecks-Bericht.jpgAuch in Philippe Claudels Roman Brodecks Bericht (orginal 2007) passt alles so gut zusammen, dass der Leser sich eine eigene Meinung nur gegen den Autor erarbeiten kann. Dörfler haben den "Anderen" erstochen und drängen nun Brodeck, weil der eine Schreibmaschine hat und auch sonst nicht recht dazugehört, eine entlastende Chronik der Bluttat zu schreiben. Der Andere war aus dem Nachbarland geflohen, weil sein Leben auch dort bedroht war.
Das Dorf könnte in Frankreich liegen und der Andere aus Deutschland kommen, wo Menschen wie der Student Moshe Kelmar mit "Waggons" in "Lager" gefahren und umgebracht werden. Andererseits verlegt Claudel, geboren 1962, die Handlung in eine Zeit nach 1967, nennt ein Vernichtungslager "Kazerskwir", die scheinbar deutschen Killertruppen "Fratergekeime" und verfremdet auch mit unfranzösischen Namen. Auf dieser Ebene behandelt er den Terror der Mehrheit als gesamteuropäischen Skandal.
Zum Widerstand gegen diese Gewalt gelingen Claudel viele rührende Sätze ("der Alte wusch mich zärtlich wie ein Vater sein Kind"). Leider beschränkt er deren Wirkung darum herum durch eine erdrückende Überdeutlichkeit. Zum Beispiel lässt er keine Personalstile zu, sondern auch alle anderen Akteure klingen wie Brodeck. Alle wiederholen sich ("Und dann wirst du die Geschichte erzählen, du wirst alles erzählen. Was im Waggon und was an diesem Morgen geschehen ist. Für mich wirst du es erzählen"), als wäre Eindringlichkeit eine Folge von Massierung und nicht ihr Opfer. Die Bösen sind hässlich und haben grobe Berufe. Der Andere dagegen ist Maler mit einem "guten, runden Kindergesicht", ein weiterer Guter hat einen runden Tannenholztisch mit einem Strauß "reizender Wiesenblumen" darauf. Es ist, als solle man den Autor für eine Moral bewundern, die er noch am letzten Möbel beweist.
Als geschulter Leser müsste man korrupt sein, um Brodecks Bericht zu loben. Man müsste aber auch verroht sein, um sich seine gütige Trivialität aus der Welt zu wünschen. Wahrscheinlich kommt man an einer politisch unkorrekten Unterscheidung nicht vorbei. Junge und andere unerfahrene Leser, die das 20. Jahrhundert nicht kennen und über die Grundlagen erträglichen Zusammenlebens noch wenig nachgedacht haben, können anhand solcher Bücher auf ermutigend bescheidenem Niveau in Themen einsteigen, von denen sie sonst unberührt blieben. Wenn das klappt, hat die Arbeit von Schriftstellern wie Philippe Claudel einen wichtigen Sinn. Wer aber schon Freude an dem entwickelt hat, was an Literatur Literatur ist, nämlich sicher nicht Information und Mahnung, der sollte keine Zeit mit solchen fiktionalisierten Leitartikeln verschwenden.


pernath-Ein-Morgen-wie-jeder-andere.jpg Christian Pernaths Kriminalroman Ein Morgen wie jeder andere (original 2006) ließe sich nicht durch einen appellativen Aufsatz ersetzen. Sein Roman ist kein uneigentliches Transportmittel für das eigentlich Gemeinte. Der Leser will die Geschichte nicht anders erzählt bekommen und ist auch nicht versucht, sie abstrahierend auf den Punkt zu bringen.
In einer Kleinstadt nahe bei Nantes lebt der 54-jährige dicke Tierarzt Bélouard. Frau und Kind haben ihn verlassen, viele Patienten auch, weil er, solange er Alkoholiker war, ein paarmal gepfuscht hat. Er müsste etwas ändern, hat aber infolge seiner Belesenheit brillant formulierte Argumente, warum Aufbrüche lächerlich sind. Am Straßenrand findet er eine Frau mit blutverschmiertem Gesicht. Sie, Claire Brunel, quartiert sich bei ihm ein. Die beiden wagen einen "Flirt mit dem Glück", mit dem sie nicht mehr gerechnet hätten. Gleichzeitig ist die Gegend voller Polizisten, weil eine Bauersfrau, ihre Kinder und ihr Geliebter ermordet worden sind.
Pernath, geboren 1959, hat viele Stärken. Eine typische, weil haltungsbedingte sind seine langen Dialoge. Sie bestehen fast nur aus dem, was gesagt wird, und fesseln den Leser über Seiten. Constant und Claudel fallen ihren Figuren viel schneller ins Wort, indem sie gleich wieder enthüllen beziehungsweise moralisieren.
Nachdem Bélouards neues Leben mit Claire zu Ende gegangen ist, bevor es richtig angefangen hat, versucht er es anders. Er geht mit einer Frau, die Geld braucht, in ein Hotel. Bei ihr kann er weinen. Und nun, genau im richtigen Moment, wechselt die Perspektive: Bisher war fast alles aus Bélouards Sicht erzählt worden, jetzt erfährt der Leser von den Gefühlen und Gedanken der Frau. Sie ekelt sich vor Bélouards Tränen, aber dann verspürt sie eine "solche Friedlichkeit, dass sie einschlief". Die große Liebe hat in die Katastrophe geführt, die kleine Korruption entfaltet eine vielleicht anhaltende humane Kraft. Paule Constant würde so etwas besserwisserisch als Verrat und Selbstverrat analysieren, Philippe Claudel würde es gar nicht erst schreiben. Christian Pernath nimmt zur Kenntnis, dass es vorkommt. Diese Unvoreingenommenheit allein macht noch keine Literatur. Aber sie ist eine ihrer Voraussetzungen, ihrer notwendigen Sekundärtugenden: die Freiheit von Ideologie.


(erschienen in Kommune 5/2009)

constant-das-brautkleid.jpg Paule Constant:
Das Brautkleid
Roman.

Aus dem Französischen von Michael Kleeberg
München, Deutsche Verlags-Anstalt 2008.
272 S., 19.95 Euro

claudel-Brodecks-Bericht.jpg Philippe Claudel:
Brodecks Bericht.
Roman
Aus dem Französischen von Christiane Seiler

Hamburg, Kindler/Rowohlt Verlag 2009.
335 S., 19.90 Euro

pernath-Ein-Morgen-wie-jeder-andere.jpg Christian Pernath:
Ein Morgen wie jeder andere.
Kriminalroman.
Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer-Semlinger

München , dtv 2009.
219 S., 14.90 Euro

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Untaten & Orte
Eine Kolumne von Michael Schweizer

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Seit Jahren veröffentlicht Michael Schweizer in der Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" seine Krimikolumne "Untaten & Orte". Es gibt nicht viele Kolumnen zur Kriminalliteratur, die so fundiert sind wie diese und wir danken Michael Schweizer und der Zeitschrift "Kommune" für die Genehmigung, diese wichtigen Beiträge bei den Alligatorpapieren veröffentlichen und archivieren zu dürfen. Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur


Michael Schweizer, geboren 1960, Staatsexamen in Germanistik und Geschichte, Promotion über Wolf von Niebelschütz im Nationalsozialismus. Textchef bei einer Fachzeitung, literaturkritische und andere Beiträge unter anderem in der Berliner Zeitung, taz, Freitag und Kommune. Mitarbeiter des Internet-Feuilletons Perlentaucher,
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